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Wiener Morgenzeitung · 1920-07-04 · Heft 520 (4.7.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 520 (4.7.1920)
Date
1920-07-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 620 Wien, Sonntag Wiener MorßenzeitunA Vas Wische Palästina. Debatte im englischen Oberhaus . p BoWm, 'l'.Juli. '(Jüdisches Korrespoudenz-Büreau.) ßttt englischen Oberhaus wurde gestern eine große mro Überaus lebhafte Debatte über die auf ein'.jüdisches ' Palästina bezughabenden 'Fragen abgeführt. Loro Shdenham eröffnete die Debatte durch eine Anfrage, st elch» die ziomstenfreundliche Politik Eng ands einer scharfen Kritik unterzog. Der Redner stützte sich in feinen Ausführungen auf die bekannten yH,MdensL.^blicher'..SßiM verbreiteten Gerüchte, daß, die Zionisten die Absicht, hätten, ein Müwritätsregime einzutichien,, um die. jricht- Wische Bevölkerung in .Palästina unter'.zionistischen Druck zu setzen. In die Debatte griffen auch die Lords Hamington, Newton und Jsliggwn ein, " ,1 Nun ergriff . Lord ^urzon . Wort zu einer ausführlichen Mbeüber-' die- Politik der englischen Regierung-in. Palästina, in^befon-' bere betreffs der Errichtung jüdisch'v Heimstätten. Er wandte sich zunächst gegen diese der NMerlie'erung des Hauses widerstreitende. Form der Diskussion und Mhrteaus: ' „Die feinerzeitige Ausweisung von Deutschen-und Destexreichern aW'.Palästina sei lediglich aus Kriegsgründen erfolgt, keineswegs aber *it dem Zweck, daß deren Eigentum, den Juden oder den ^'änderen Einwohnern zufalle. Ihre Repatriierung wird übrigens in Kürze von Sir H e rbert S a m u c t in die' Wege jgeleitet werten, da mit seinem Amtsantritt bi" Zivil- Verwaltung beginnt. Was den E in i r Fr i.s n l begrifft, so sei er mehrmals noch Europa eingeladen worden, man stehe'mit ihm dauernd in'Fühlung und es 'besteht.die Hoffnung, ihn in Bälde in. Europa zu sehen, um sowohl in unserem als anch im J".t'e.es'echer Alliserten seine Stellung klar',ulegen. Wi'' haben zweifellos eigene Interessen in Palästina, aber nicht, solche,, dfe in Pfunds, Schillings und Francs xem-essen werden, liniere Jnlerdsten entspringen historischen, religiösen.. und, im, gewissen Sinne auch gefühlsmäßigen Momenten/ * „Nun da wir das. Mandat übernommen haben, Können wir uns nicht von antijüdischen oder antizioniiMschen Empfindungen leiten lassen. Wir müssen.- viel-, jmehr versuchen, die ' ganze Sache von ein.'r. höheren Perspektive zu betrachten und. eine Idee raufzunehmen welche die Interessen aller Beteiligten befriedigt werden können. Es'.' ist / buekanüt/'chatz. Mlästina eine ijgrüßev» Bevölkerung, eine höhere Kstltirr/ ein dichteres Mseybahnnetz und ein besseres Sanitatchvesry bryncht .sowie daß Ls. eiE Äufforstüng nach tlitffettf/df;<*1 ffItd>eit Urirnhsätzen bedürfe und nach Entwicklung aller Hrlfs-. lquellen des Landes verlange. Woher soll nun-diese Entwicklung kommen? Die Türken waren außerstande,-dies' '!zü besorgen und die Araber sind ebenso unfähig dazu. Dein Freund der Araber wird diese Tatsache bestreiten wollen. Nnt-r diesen Umständen war es nun opportun.'' den Inden diese Aufgabe in ihrer alten Heimat anzn-- vertranLn. Sollte diese Beurteilung der jüdischen oder btzje zionistischen Fähigkeiten der Grnnd sein, -für den Unjagonismus zwischen den Juden und Nvchtjuden jiü Palästina? Es würde hier der jüdischen Kolonien Erwähnnng getan. Nun sind viele von ihnen blühende Dem^inwesen und ich' glaube, daß diese mit"ihren Nachbarn in voller Freundschaft gelebt haben. 'Jrr>ber Tat lsind sie durch' den in das Land gebrachten Reichtunr sowie durch ihre moderne Entwicklung außerordentlich populär geworden. Mir sind Fälle bekannt, wo arabische Scheichs (und zwar hervorragende) mit den Häuptern der jüdischen Kolonien in tiefster Frssiunbschjäft Verkehren. Es kann' nur von einer NebeneiuanderfMung Le« beiden Rassen gesprochen werden: Einerseits her Patriotismus der Arabor, ihren lokalen Interessen und hie Bescheidenheit ihres Charakters, andererseits den Unternehmungsgeist der Juden,, ihr Reichtum an Hilfsquellen und der fieberhaft arbeitend!: Geist der Juden dder Zionisten, um dem Lande zu dienen. Was die Bülfvnr-Deklaration s 7 vom November 1917 betrifft, so wurde sie auch von' allen Großmächten gutgeheißen und sodann in' San Rems gerade durch Belgien in den türkischen Vertrag , einverleibt" - ' >' 1 „Nun gehe ich daran, die einzelnen Anfragen zu. . beantworten, wie. wir die Rechte der Uichtjüdischest! Maiorität des Landes schützen ivoElen. tv'enn wir-gleicht zeitig dort eine jüdische Heimstätte begründen? Meine : einfachste' Antwort darauf ist: Durch Einsetzung eiuer-. ’ Zivilregi-rrung. und durch die Maßnahmen, welche diese isür. die innere Sicherheit und für die Entwicklung des Landes treffen wird. .Auf die zweite Anfrage, ob mit dem Ausdrucke Jewis'h National Home die Ausübung der Regierungsrechte über die gesamte palästinensische : Bevölkerung oder bloß über einen Teil.derselben verbunden >ei, würde ich ja sägen, sofern^ die Ausübung der Regierungsrechte durch die Mandatar macht,'das ist England, verstanden wird. Betreffs der Einwanderung von Juden nach Palästina meint: Lord Curzon, er wolle sich nicht mit spekulativen - Betrachtungen über die Zahl der Einwanderer ab- . geben. Die allgemeinen Grundsätze unserer Einwanöe-i rungspolitik sind die, daß niemand in das. Land. ge- - ': lassen werde, der ihm nicht von Nutzen ist. Eine die > Interessen des Landes nicht wahrnehrnende Einwanderung, einerlei, ob von Jirden oder Nichtiuden und ans s welchem.Lande immer,'wird sicherlich Nicht erlaubt wer-: den können. Der Ankauf von. Boden, steht .Juden und Nichtjuden gleich frei, von Enteignungen nichtjüdischer Eigentümer kann keine Rehe.sein.,-.Für den Fall jedoch, als S:. Majestät Regierung irgendwelche Gründe haben müßte, daß etwaige arganiiierte Anstrengungen gemacht werden, um die Errichtung der jüdischen Heimstätte zu verhindern, so könnte sie sich veranlaßt sehen, besondere Schritte für die Sicherung dieses Zieles zu unternehmen. Nun hat England an die Spitze der Verwaltung . Palästinas einen rechtlich denkenden und fühlenden sowie cr'ahrenen Mann gestellt. Die Regierung, tonnte für die Durchführung der Balfourschen Politik, die im '-Einklang mit der uttserer Alliierten ist, keine geeignetere .Persönlichkeit., findenals. Sir Herbert Samuel. " Für Palästina gilt wie für den ganzen Orient die gleiche Politik langsamen Vorgehens. Was sofort notwendig sei. ist ein Veruialtungsapparat, die Einführung von Katastern, der allgemeine, stetige Aufbau, die Bewässerungsarbeiten, die wissenschaftliche Pekäinvfung der Malaria sowie die Schaffung von Möglich-- leiten für Kreditoperationen. Lord Curzon wies auf die großen Verwaltungsfähigleiten, auf den Gerechtigkeitssinn und die absolute Unparteilichkeit Samuels hin, die ihm vielleicht nach 6 Monaten auch seitens der Juden Vorwürfe einbringrn werde und schloß: „Ich glaube nun, daß wir Sir Herbert Samuel die Ausführung dieser Hauptpunkte unserer Politik zubilligen dürfen, einer Politik, deren Grundsatz das Jewish National Home ist, und die, wie ich glaube, von beiden Seiten des Hohen Hauses voll und ganz gebilligt werden wird." Nachdem noch der Erzbischof von Canterbnry erklärt hat, auf die Botschaft Samuels in vollem Vertrauen warten zu wollen, sprach Lord Shbenham seine Zufriedenheit 'mit der Antwort des Ministers aus und bat, seinen Antrag zurückziehen zu dürfen, was auch geschah. Der Boykott gegen Ungarn. Por einer Verschärfung des Boykotts. Amsterdam, 3. Juni. (Korr.-Bur.) Wie das Sekretariat de- Internationalen Gewerkfchast-bunde» «itteilt, wird die Sitzung des Internationalen Bureaus, das anläßlich des Stapgteffe* des belgische» Gewerkschaftsbundes atzr 3. und 4. d. M. in Brüssel zusammentritt, dir «eitere Haltung des Jnternatiof ten Gewertschaftsbundes in der Frage des oylotts gegenUngarn naher fester len. Inzwischen wird der Boykott n»geschwächt fortgesetzt und die VeteMgte» Organisationen w e rde n chufgesordert, Maßnahmen für chßne eventuelle Verschärfung des Boykotts zu treffen. . ' * ' ' . Der Gesandte Vr. Gr atz ist nach Budapest,Mj eist, seiner Regierung die Ergebnisse dcr mit' HiWn<:n' geführten Verhandlungen mitzuteilen. Der Bericht, den Fimmen heute in Brüssel dem Vollzugsausschuß des Gewerkschaftsbundes erstatten wird, lautet durchaus negativ. In keinem Punkte konnte Gratz befriedigende Aufklärungen geben, er Sonnte nur V e r s p r e ch u n g e n machen, die niemand glaubt.. Jnfolgedesseu dürfte es zu keiner Aufhebung des Boykotts kommen. Auch die Suspendierung der Maßregel, von der vorgestern ge-, sprachen wurde, ist fraglich geworden. Inzwischen wird wieder «ine Scheußlichkeit der. Arachialtruppen bekannt. Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus liegt gegenwärtig der Budapester Gerbermeister Armin De u t s ch mit schweren Wunden darnieder. Sie sind ihm in Budapest von den Horthy- Banditen zu gefügt worden. Am 22. Mini vielt ein« Offiziersabteilung den Armin Deutsch und dessen Bruder Arpad, den Vater der beiden namens Emil Deutsch' sowie deren Schwester Viktoria um 7 Uhu abeirds, also noch bei vollem Tageslichtauf .derStraße zur Aus-, weisl'Listung an. Obzwar die Gesellschaft sich ordnungsmäßig auszuwei-sen vermochte, -brachte man Tic auf die 4. Juli 1920 .tzeitz S "—— -.- - ■. ’ -7——— ' - Polizeiwachstube, wo man Viktöria Dsutschssnackt' auK - zog und blutig schlug. Dann versuchte man, ihren Bruder Arpad durch' Bajonettstiche zu zwingen, seine Schwester zu sch änden. Da er sich' weigerte, spränge« die Horthy-Banditen minutenlang auf seinem Bauch herum, ihn ununterbrochen dabei prügelnd, wobei der Unglückliche die Hiebe selbst zählen mußte.; Was hernach mit feinen Angehörigen geschehe« ijt, iweiß Armin Deutsch nicht, da man ihn tn . das 'iSannnelgefängnis führte. Von byrt gelang es ihnr zu j entfliehen und erst von seiner Mutter erfuhr er, daß- 'Arpad und Viktoria ermordet worden seien; dies teilte «in Detektiv mit, der beauftragt worden war. i das . Schicksal der beiden auszNf>örschen. Das'/ärztliche -Zeugnis über die Verletzungen des Armin Deutsch ist /einer Wiener Ententevertretung übergeben worden. Verschärfung der Brenzsperre. / „Vilag" meldet, daß den Montag abends zu Schiff ihier eingetroffenen Oefterreichern, trotzdem sie mit regelrechten Visen ansgestattete Pässe besäßen, nicht' /gcstattet w.'r.r,ie. ans Land zu gehen. Sie mußten sofort die Rückreise nach Wien antreten. Weilers meloet die Korrespondenz Herzog - ans B u d ap est: Ueber den tschechischen Boykott herrscht bezüglich der Grenzen seiner Durchführung an amtlichen Stellen keine Klarheit. Die tschechische Regierung , hat keinerlei amtliche Weisungen erlassen. Privatmeldungen zufolge sei das persönliche Ueberschreiten der Grenz« igesichert. Wenn auch die tschechische Regierung die Grenz- .sperre nicht angeorönet hat, so duldet sie doch, daß die Eisenbahner und SÄisfsleute den Personenverkehr /sperren. Erst heute wird gemeldet, daß'die Tschechen 'bei . S z o b und Kasch ä u die Mrenzspie-rre effeAv' Machten. Die ungarische Regierung hat sofort dieselbe» ' Gegenmaßnahmen wie gegen Oesterreich verfügt,. Fimmen in Brüffel. Rotterdäm, 3. Juli. (Wolfs.) Der Sekretär d«K Internationalen Gewerkschaftsbundes Fimmen reist heute von Amsterdam nach Brüssel, um einer Unterredung Des Bollzugsausschusses des InternationalenDewerkschaftsbundes beizuwohnen, wo er über bi« in der Frage des Boykotts gegen Ungar n geführten Verhandlungen Bericht erstatten wird. <»• . Die ungarische Iudengesetzgebung. Seitdem die Anwesenheit der englischen Ar beiterde leg aticn in Ungarn die Aufmerksamkeit der gesamten Welt auf den Weitzen Terror gelenkt hat, nach der Ermordung des jüdischen Kaufmannes Kanttz am 6. Juni kein Vertuschen mehr möglich war und bald auch das Land von den Anklagen Kenntnis erhalten hatte, welche in der geheimen Sitzung der Nationalversammlung A p p o n y i und H US za r gegen die uniformierten Mörderbanden schleuderten, hat in Ungarn die. Pogromark-eit eine gewisse Einschränkung erfahren. Dafür sind die gegenwärtig leitenden Kräfte bestrebt, ihr einziges Ziel, die Vernichtung der Juden, auf anderem Wege zu erreichen, und zwar durch das Mittel der Gesetzgebung. Auch in die Regierungskrise spielt die Judenfrage hinein. Horthy will nur eine Regiermrg von streng christlichem Kurs bestätigen. Die Seiden herrschenden Parteien, welche einander in puncto Antisemitismus würdig sind, werden sich wahrscheinlich in nicht zu ferner Zeit auf Kosten der Juden einigen, vorläufig geht der Kampf ÜM dar Minifterpräsidium, welches die kleinen Landwirte für sich verlangen, und es heißt, daß Rubrnek die meisten AuSsichten hat, Premier zu werden. Dieser chrisüiche KurS bedeutet natürlich nichts anderes, als die Juden auf gesetzlichem Wege zu entrechten. Schon das jüngst beschlossene Gesetz über Preiswucher ist für diese Tendenz charakteristisch, indem nämlich von diesem die Produzenten augenommen sind und nur der Zwischenhandel getroffen wird, 'der großenteils in jüdische« Händen liegt. Mit anderen Worten: Der Bauer und der Landwirt kann die höchsten Preise straflos fordern, dem teuer berkcurfenden Juden droht die Prügelstrafe. Diese Gesetzgebung wird eS natürlich vermeiden, von Jude« zu) sprechen, aber sie soll so gehalten fein, daß in der Praxis der Jude ihr Opfer wird. Auch die Vorschrift über die Aufnahme an den Universitäten erwähnt nichts Mir Juden. In der Praxis. wird, wie bekannt, kein Jude ausgenommen,, da das Kriegssemester nur für jene gilt, welche durch den Krieg mindestens drei Semester verloren halben oder der Brachialformation der Nationalarme« angehören, in welche natürlich Juden grundsätzlich nicht ausgenommen werden, wogegen jeder christliche Unibersitätshörer und sogar die Hörerinnen, um ihre Studien fortsetze» zu tonnen, Mitglieder der Brachialformationen sind. Für die übrigen, das heißt für die Juden ist bekanntlich erst ein demütigendes Verifikationsverfähren notig und da vier Unterschriften von Mitgliedern der Brachialformgtionen zu. erbringen sind, so heißt dies mit änderen Worten, daß kein jüdischer Student an di e Hochschule zügelassen wird. Für das neue Studienjahr, welches im September beginnt, soll der Numerus clausus für Juden gefordert, auf jeden Fall aber die bisherige Praxis weiterbehalten werden. Bezeichnend ist, daß vor einige« Wochen der Kultusminister Haller auf eine Interpellation i« Parlament auf die Statistik der jüdischen Hörer vor und noch dem Kriege hmwies. In Ungarn hat eS bisher keine isusnahmSpxüfungen für Mittelschulen gegeben, jetzt sollen sie eingefiihrt werden, damit die Aufnahme von Juden hi nt ertri eben werde. Auch die «6«« abge, haltenen Maturitätsprüfungen standen deutsich, offenbar. in».

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