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Wiener Morgenzeitung · 1920-07-03 · Heft 519 (3.7.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 519 (3.7.1920)
Date
1920-07-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Samstag -- .. Si.TT,riMgm«gwr<arT.irg----■ --- Politische Rundschau. Herbert Samuel beim König von Italien. D'aS Jüdische Korrespondenz-Bureau meldet aus Rom: Sir Herbert Samuel, der High Commis;ioner für Palästina, wurde vor dem Empfange durch den .Papst vom italienischen König in Audienz empfangen. Das Ergebnis der von Sir Samuel gepflogenen Verhandlungen entsprach den an diese Audienzen geknüpften Erwartungen. Sir Samuel hat am 27. v.. Di. Rom ' oerlassen und seine Mise nach Palästina fortgesetzt. Die Indenexzesse in Lettland. Das Jüdische Korrespondenzbureau berichtet aus Riga: Im lettischen Parlament hielt der Sozialist H. Berz eine scharfe Rede gegen die Pogrome, die im Lande auSgebrochen find, und sagte über die Exzesse in Res z y ca, daß sie einen regelrechten Pogrom darstellen, bei dem geraubt, und was nicht geraubt werden konnte, vernichtet wurde. 92 Juden haben dabei ihr Leben eingebüßt. _ Diktatur ttt Polen. Das kriegerische Abenteuer, in das der polnische Staat gestürzt worden ist, bedroht seine Existenz. Die polnischen Armeen sehen sich überall einem gut geführten und gut ausgerüsteten Feind gegenüber und die Bolschewiken nähern sich bereits Ostgalizien, was bei der Stimmung der Ukrainer nicht ohne Gefahr für Polens dortigen Besitzstand ist. Alle ukrainischen Parteien haben das zwischen Polen und Petljura geschlossene Abkommen verworfen und der Einmarsch der Bolschewiken über die alte österreichische Grenze würde eine vollkommen neue Situation schassen. In dieser Lage hat sich die polnische Regierung dazu entschlossen, der Frage der Einsetzung eines Verteidigungsrates näher zu treten, der mit diktatorischer Gewalt die Landesverteidigung sichern soll. Der Plan geht von den Parteien der Rechten aus und wurde vom Ministerpräsidenten G r a b s k i dem Reichstag mitgeteilt. Diesem Rate, dem der Staatschef, der Ministerpräsident, der Landtagsmarschall, die Minister für Inneres, Aeußeres, Krieg, Finanzen, Eisenbahnen und Ernährung sowie fünf Vertreter des Heeres und zehn Landtagsabgeordnete angehören sollen, würde die Entscheidung in allen mit der Führung und Beendigung des Krieges zusammenhängenden Fragen zustehen. Der Antrag des Ministerpräsidenten fand, wie der Deutsch-polnische Pressedienst zu melden weiß, die Unterstützung aller Parteien. Die Sozialisten gegen Helfferich. Berlin, 2. Juli. (Reichstag.) In der heutigen Sitzung ergriff auch Abgeordneter Helfferich (deutschnational) düs Wort. Er wird von den Unabhängigen mit lärmenden und höhnischen Zurufen empfangen und kann sich zunächst kaum verständlich machen. Die Kraft des Deutschums ist, führt er aus, durch den Krieg und die Revolution geschwunden. Jetzt ist dieses geschwächte Volk unter einem fürchterlichen' Druck gehalten. (Zurufe der Unabhängigen: Durch Siel Großer Lärm.) Wenn wir in der inneren Zerfahrenheit sortschreiten, fortfahren in der Selbstzerstorung (stürmische Zwischenrufe) ... Ich weiß, daß Sie mir die Schuld vorwerfen — das ist mir gleichgültig — (Zuruf: Sie Rhinozeros h aut!), dann können Sie es erleben, daß wir auf die HAste unseres Bestandes, auf 30 Millionen, zusammenschrumpfen. Die ganze Trostlosigkeit des Ausblickes in der Rede des Reichsfinanzministers ist, sagt Redner, entsetzenerregend. Wer als Minister keinen Ausblick sieht, mutz die Konsequenzen ziehen. Die Notenpresse kann dann eben nicht stillstehen und wir kommen dann noch tiefer in den Sumpf und die arbeitende Bevölkerung muß für den Schaden aufkommen. Wie kommen wir aus den Schwierigkeiten heraus? (Stürmischer Lärm und Rufe auf der Linken: In die Sie irnd Ludendorff uns gebracht haben.) Der Präsident schwingt'die Glocke. Es herrscht minutenlanger Lärm. Ledebour schreit auf Helfferich ein, der ihm lächelnd ins Gesicht sieht. Helfferich (zur Linken gewendet): Sie haben den Arbeitern erzählt, wenn Sie ans Ruder kommen, brauchen sie nicht mehr zu arbeiten. (Erneuter ohrenbetäubender Lärm, der sich auch gegen den Vizepräsidenten richtet» welcher vergebens Ruhe zu stiften sucht.) Der Vizepräsident bittet, im Interesse der Würde de-''. Hauses das Niveau der Verhandlungen nicht durch wüstes Schreien herabzusetzen. Neichfinanzminlster Dr. Wirth erklärt: Der Abgeordnete Helfferich habe einen historischen Beweis dafür Uefern wollen, daß wir einen anderen Frieden hatten hoben können. Die rechte Seite habe ja in Weimar Gelegenheit gehabt, den schweren Gang mrtzumachen. Aber 'o wenig wie jetzt sei damals der Mut auf Seite der Rechten gewesen. Wir alle wollen dem Vaterland dienen, ober derart, vierundzwanzig Stunden vor Spa, die Brandfackel in das Haus zu schleudern, ist unerhört. Wir wollen aufrecht und nüchtern nach Spa gehen und wenn wir nach unserer Rückkehr an unsere großen Aufgaben herantreten, werden wir unsere Finanzen prüfen. Jetzt, vor der Konferenz von Spa, ist das einfach nicht möglich, das deutsche Volk aber möge das Vertrauen haben, daß die Negierung es würdig vertreten wird. _ Wiener Morgenzeitung Pessimistische französische Berichte über die Konferenz von Spa. Daris, 2. Juli. Der Sonderberichterstatter der Agenee Havas meldet ans Brüssel: Aeber die deutschen Denkschriften Hütte» sich die Chefs der «Merten Delegationen geäußert, es handle sich um Fühler. Wen» die deutschen Vertreter sehen würden, daß diese Art von Begründungen von den Alliierten offen mißbilligt werde, so würden sie ihre Taktik in Spa ändern. Nichtsdestoweniger zeigten die deutschen Denkschriften einen Oppositionsgeist hinsichtlich der Ausführung des Vertrages. Wenn sie wirklich aufrecht erhalten würden» dann würde die Begegnung von Spa zweifellos durch die Unmöglichkeit abgekürzt werden, in der sich die Alliierten befanden, einen Boden der Verständigung mit den Deutschen z» finden. Inland. Die erste Sitzung der Reparationskommission. Die österreichische Sektion der Reparatiouslommisfion hat Donnerstag um Y*4 Uhr nachmittags die erste Sitzung in ihren im Staatsamte für Heerwesen befindlichen Räumen abgehalten. Die Pläne für die Arbeiten der Sektion in Oesterreich wurden diskutiert und Vereinbarungen darüber getroffen. Verzögerung des Anstansches der Ratifikation der Friedensvertrüge. Paris, 2. Juli. (HavaS.) Die Genatskommiffion für auswärtige Angelegenheiten hat beschlossen, dem Ministerpräsidenten den Wunsch der französischen Gläubiger Oesterreichs zu unterbreiten, daß der Austausch der Ratifikationen des Vertrages von Saint-Germain erst nach dem Abschluß der endgültigen Uebereinkommen betreffend die Vorgangsweise beiRegelungderSchulden erfolgen soll. Abbruch der österreichisch-jugollawischen Verhandlungen? Laibach, 2. Juli. (Tel.-Komp.) Die Belgrader „Politika" schreibt: Die Besprechungen, die in Belgrad mit den Abgesandten aus Oesterreich geführt werden^ sind Itm Höhepunkt angelangt. Die österreichischen Delegierten haben unsere Forderung nach Aufhebung der Sequestrierung des Vermögens und Freigabe der beschlagnahmten Güter unserer Staatsangehörigen in Oesterreich abgel6hnt. Der Wert des betroffenen Gutes beträgt 1200 Millionen. Es ist selbstverständlich, daß unsere Delegierten eine solche Regelung der Angelegenheit nicht annehmen können und ein Abbruch der Verhandlungen zu befürchten ist. . Ein Protest des Innsbrucker Gemeinderates gegey die Reparationskommisfion. Innsbruck, 2. Juli. Der Gemeinderat beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit der vor einiger Zeit seitens des Vorbereitenden Komitees der österreichischen Sektion der ReparchionSkommission ergangenen Note, die nicht nur den Verkehr mit Staatsgut, sondern auch den mit Landes, und Gemeindegut beschränkt. Der Ge« meinderat nahm einstimmig einen Antrag der Rechtssektion an, durch den der Bürgermeister beauftragt wird, gegen den beabsichtigten Eingriff in die Freiheit der Gemeinde Protest zu erheben und die Regierung auf. zusordern, die Kommission auf die rechtliche Unmöglichkeit und die Zweckwidrigkeit solcher Verpflichtungen der freien Gemeinden hinzuweisen. Telegramme. Der russisch-polnische Krieg. Die Frontberichte. WaPfchM, 2. Juli. (Funkspruch.) Heeresbericht vom 1. d. M.: Zwischen der Dwina und der Berejina sowie entlang dieses Flusses lebhafte Arlilleriekämpse. In der nördlichen Alesie verhält sich der Gegner, nachdem er während der polnischen Angriffe in der 'Gegend von Mosyr große Verluste erlitten hat, ruhig. In der nördlichen Polesie brachte eine Abteilung d-s Generals Balakowitsch' nach' kurzem Kampfe eine größere «Anzahl Gefangener ein. Bei Korosty wurde eine feindliche Abteilung' geschlagen. Hiebei wurden zwei Geschütze erbeutet. Moskau, 2. Juli. (Funkspruch.) Heeresbericht': Im Raume von Mosyr wird die Verfolgung des -Feindes fortgesetzt. Gefangene und Kriegsmaterial werden eingebracht. Im Raume vpn Saslawel haben die Roten Truppen die Eisenbahnstation Schepetotvka genommen. Kein Durchbruch an der polnische» Front. Haag, % Juli. (Tel.-Komp.) Bott polnischer amtlicher Seite wird mitgeteilt, daß die Nachrichten über einen Durchbruch der polnischen Front keineswegs zutreffen. Es handelt sich lediglich um einen Kavallerieangriff der-Roten Truppen unter General Ruhienny, der zwischendemlO. und 20. Juni stattfand, wobei es 3. Juli 1920 Nr. 519 —.... . . . » . ..in... Rudienny tatsächlich gelang, mit seiner Kavallerie in den Rücken der polnischen Armee zu kommen, und dort die Angriffe fortzusehen. Diese seien aber gescheitert, nachdem die polnische Kavallerie einen Gegenangriff unternommen hatte, wobei ein großer Teil von Rudiennys Heeresmacht außer Gefecht gesetzt wurde. War die Nachrichten über einen Rückzug der Polen ietrifft, so steht fest, daß die Frontlinie noch immer 2(tö bis 250 Kilometer weiter östlich als die am weitesten östlich gelegenen Punkte Ostgaliziens ist." Daher sind die kindlichen NaWichten über die Räumung Ostgaliziens unzutreffend. „Am das Sei« des polnischen Staates." Berlin, 2. Juli. (Korr.-Bur.) Der Deutsch-polnische Pressedienst meldet aus Warschau: In seinem im Sjem (Landtag) gehaltenen Exposee erklärte Ministerpräsident Grabski, daß jetzt keine Zeit sei für lange Programmreden, denn es handle sich um Wichtigeres, es handle sich um das Sein des Staates selb ft. Namens des Staatsoberhauptes und des Ministerkollegiums beantrage er die Schaffung eines Rates zur Verteidigung des Staates (Rada Obrony Panstwy). Diesem Rate, dem der Staatschef, der Ministerpräsident, der LandtagSmarschall, die Minister für Inneres, Aeußeres, Krieg, Finanzen, Eisenbahnen und Ernährung sowie fünf Vertreter des HeereS und zehn Landtagsabgeordnete angehören sollen, würde die Entscheidung in allen mit der Führung und Beendigung des Krieges zusammenhängenden Fragen zustehen. Der Antrag des Ministerpräsidenten fand die Unterstützung aller Parteien. Bolschewistische Angriffe gegen Rumänien. Rom, 2. Juli. (Funkspruch.) Einer Meldung aus Bukarest zufolge machte eine Abteilung von bvlschewikisch?« Freischärlern einen Angriff auf einen von Rumänen besetzten Ort südlich des D'njestr; der -Angriff wurde abgeschlagen. , : Ein« große Niederlage der Griechen? London, 2. Juli. „Daily Expreß" meldet auS 'Konstantinopel, daß der Sultan am vergangenen Freitag aus Vrusia die Nachricht von einem großen Sieg der Nationalisten bei Berghams erhalten habe. Die Griechen sollen mehrere tausend Mann verloren haben. Eine Bestätigung der Nachricht ist bisher nicht eingetroffen. i Die Rückkehr Krasfins «ach Rußland. Paris, 2. Juli. „Matin" meldet aus Land' o Nt Krassin ist heute früh von London abgereist..Klitschko teilte dem Vertreter des „Matin" mit, daß di« englische .Admiralität einen Torpedobootzerstörer für di« Seereise zur Verfügung gestellt hat. Me , verlautet,' Mrd ^ich - Krassin über Dover und Kopenhagen Nach Rußland begeben. Die Abreise Krassins erfolgt Über Wünsch TschitscherinS, der von Krassin persönlich Über bi« Lage/ in London informiert sein will. AuS der Abreise Kvassins., darf nicht geschlossen werden, daß die Verhandlungen' abgebrochen seien; denn die übrigen Mitglieder betf russischen Delegation würden in London verbleiben. Die britische« Bedingungen für Rußland. London, S. Juli. (Funkspruch.) Im UrMrhanS teilte Bonar Law mit, daß Krassin sich nach Moskau begeben werde, um der Svwjetregievung bi« britischen Bedingungen vorzulegen, von denen bi« Ausnahme der wirtschaftlichen Beziehungen mit Rußland abhänge, und deren Antwort zu Äberbrmgen. Die Bevölkerung der Stepublik Oesterreich. Dem soeben im Verlage der österreichischen Staatsdruckerei erschienenen 6. Hefte der Beiträge zur Statistik der Republik Oesterreich (Verlag: Oesterreichische Staatsdruckerei, Ladenpreis 20 Kronen) entnehmen wir folgende Daten: Die Gesamtbevölkerung im Bereiche der Zählung beträgt 6,067.430, hat sich somit seit der letzten ordentlichen Volkszählung vom 81. Dezember 1910 uw 227.209 vermindert, das ist um 8,61 Prozent. Am erheblichsten ist die Abnahme der anwesenden Bevölkerung in Klagenfurt, Wien und Vorarlberg. Mehr als die Hälfte der anwesenden Bevölkerung ' entfällt auf Niederösterreich, das 8,313.165 Bewohner zählt, darunter Wien mit 1,842.005 Bewohnern. Von Steiermark ist nur ein 946.721 Bewohner umfassender Teil bei Oesterreich verblieben. Steiermark ist aber noch immer das zweitgrößte Land, trotz Abtrennung des südlichen Teiles; dann reihen sich an Ober'österreich mit' 857.234, Tirol mit 306.158, Kärnten samt dem nörd-; lichen Abstimmungsgebiete mit 297.257, Salzburg mit 218.877 und endlich Vorarlberg mit 183.033 Bewohnern. Bon den Städten über 20.000 Einwohnern zählte Wien 1,842.005 (gegenüber dem Stande vom Jahre 1910 minus 189.493), Graz 167.632 (plus 5251), Linz 93.473'' (plus 8704), Innsbruck 55.659 (plus 2465), Salzburgs 36.450 (plus 262), Wiener-Neustadt 86.023 (plus 2149). Klagenfurt 26.111 (minus 2800), St. Pölten 23.061) (plus 1256), Villach 21.896 (plus 2598), Baden 21.09.1 (plus 463]) und Steyr 20.234 (plus 2792) Einwohner«; Die Einwohnerzahl dieser Städte umfaßt 38,44 Prozent' der Gesamtemwohnerzahl des Staatsgebietes. ij Die früher immer aufsteigende Entwicklung ist ab'- I geschnitten.; nur in den drei Ländern OLerökterreicÄ

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