Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 501 (15.6.1920)
- Date
- 1920-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 501 /Wien, Dienstag Wiener Morgsnzertnrrg 15. Juni 1920 'Seiten Me französische Presse Über die Krise. Paris, 13. JUnÜ Der „Dsmps" uiü> das „Journal ^es Debets^ halten in Besprechungen der österreichischen Krise eine Kandidatur Otto Bauers für möglich. Beide Blätter sind der Ansicht, daß die Koalition aufrechtjerhalten bleiben werde. „Journal des DeLais" empfiehlt den alliierten Regierungen, auf der Hut zu sein. Man müsse Oesterreich gegenüber eine kluge und überlegte Politik verfolgen. Der Wiener. Korrespondent ' der s,Times" habe gestern eine neue Änschlußbewegung vvrausgesagt. Es bestehe die Absicht, an den Völkerbund heranzutreten. Dids sei ein Augenblick, wo höchste Wachsamkeit not tu:. Es sei notwendig, der Bewegung irechtAritig z'n begegnen; man müsse die Zukunst Oesterreichs sichern, damit es feine Blicke nicht nach' Norden Ein Diner zu Ehren der italienischen Gesandtschaft beim Staatskanzler. Gtaatskanzler Dr. Renner gab ein Diner, zu svelchsm der italienische Gesandte Marchese della Tv rfattta mit ben Herren der Gesandtschaft geladen war. i; Un einer Tischrede dankte Staatskanzler Dr. Renner hem Gesandten für die freundliche Aufnahme, die er Und die österreichischen Staatsfunktionäre bei dem Aufenthalt in Rom gefunden hätten, und erinnerte daran, daß Italien und Oesterreich gegenwärtig das gleiche Schicksal teilen, nämlich daß beide Staaten momentan -hne.Regierung wären. Der italienische Gesandte Marchese de/la Torretta erwiderte, indem er sein Glas auf die herzlichen Beziehungen zwischen Italien und Oesterreich leerte. Marchese della Torretta versicherte, daß die Politik Italiens gegenüber Oesterreich nicht von dem Willen einer Negierung, sorÄern nur von dem Willem des'Volkes gbhänge Und daß jede Regierung die bisherige Politik Freundschaft zu Oesterreich weiterverfolgen werde. > Telegramme. Kiew von den Polen geräumt. Rückzug auf eine neue Verteidigungslinie.! , Warschau, 24. Juni. Nach dem polnischen Heeresbericht pom 12. d. M. haben die Polen in der Ukrainerin Znsammcnhavge mit dem befohlenen Rückzug ihrer Truppen auf eine piite Berteidlgungslinie nach vorheriger Vernichtung der Brücken über den Dnjepr Kiew geräumt. Der Feind griff die polnische Nachhut an, wurde jedoch abgewiesen. j ■ Nach dem polnischen Heeresbericht vom 13. d. M. dauert vn der Nordfrvnt die lebhafte Kampstatigkeil an. Die polnischen Abteilungen, dir an verschiedenen Punkten verginge«, um günstigere Derteidrgungslinien zu erreichen, harten überall ungewöhnlich heftigen Widerstand des Feindes zu brechen. In der P o l e s i e erlitt der Feind bei dem Versuch, die polnische Front bei Glibow zu durchbrechen, eine empfindliche Schlappe. Einer feindlichen Abteilung von etwa 1000 Mann, der es gelungen war, auf die rechte Uferseite deö Dniepr zu gelangen, wurde durch einen Gegenangriff der polnischen Truppen der Rüchug abgeschnitten. Sie wurde vollständig vernichtet. ■ In derUkraine zieht' sich die Armee des Generals Rhde-Smigly in voller Ordnung zurück. Warschau» 14. Juni. (Funkipruch.) Polnischer GeneralskaUbericht: Dm grgebmen Instruktionen entsprechend, wurden die B r ü ck e n über den Dnjepr int AbfchnittKiew zerstört. Die Umgruppierung geht in vollster Ordnung vor sich. Der Feind, der unsere Nachhuten angriff, wurde mit blutigen Verlusten zurückgeschlagm.; ^, Wvrschmt, 14. Juni. (Funkspruch.) Heeresbericht des polnischen Generalstabes vom 11. d. M.: An der Beresina ist die allgemeine Lage unverändert. In der Aolesie haben die Trupperl des Generals Sikorski die Gegenoffensive begonnen. An der ukrainischen Front sind unsere Streitkrä/te in einer Umgruppierung begriffen. , ' s Moskau, 14. Juni. (Funkspruch.) Fröntbericht. Wie Stadt Kiew würde von unseren Truppen genommen. Der znrückgehende .Feind erlitt tzroße Verluste. Vor der Räumung der Stadt zerstörte er die Wasserleitung/ das ' Elektrizitätswerk Atnb die Eisenbahnstation. Einige feindliche Regimenter hatten in den Kämpfen um Kiew starke Verluste. Wir eroberten 6 Geschütze und Maschinengewehre. Der bolschewikische Vorstotz in Persien. . ' Paris, 14. Juni. (Havas.) Der hier weilende Persische M i n i st e r des Aeußern erklärte, nach vorliegenden Nachrichten aus Persien habe sich die dortige Lage verschlechtert. Die Sowjetstreitkräfte setzen ihren Vormarsch in der Umgebung von Rescht fort. Die bolschewikischen Küstenstreitkräfte sind im Begriffe, Turkestan anzugreifen, um von dort aus auch Teheran und Afghanistan zu unterwerfen. Die polnische Kabinettskrise. ,, fttttfott, 1.4. Juni. Der Warschauer Korrespondent des „Czas" b>rrichtet, daß vorläufig Kandidaten auf die einzelnen Ministerportefeuilles noch nicht genannt werden. Man glaubt, daß der bisherige Ministerpräsident Skulski mit'der Bildung des neuen Kabinetts betraut werden dürfte. Sollte die Krise längere Zeit dauern, so ist: es nicht ausgeschlossen, baß es zur Bildung eines, Beamtenbabimtts mit MMMMM aR.hsr, Spitze S02ialdcmokrali$cbe paneiMtt über die $taat$kri$e. Staatskanzler Dr. Renner gegen die Christlichfozialen. In Mariahilf sprach gestern abends vor einer mafsenhaft besuchten sozialistischen Versammlung Staätskänzler Dr. Renner über die Krise, wobei er die Haltung der Sozialdemokraten darlegte und den Vorwurf, als ob die Sozialdemokraten schuld an der Krise seien, ablehnte. Er anerkannte die Tätigkeit der Koalitiondie Ersprießliches geleistet habe', die jedoch infolge der heimlichen Opposition der Christlichsozialen auseinandergehen mußte. -Im letzter Zeit haben sich die Christlichsozialen,auf die Mittels des Jerzabek, auf die Mittel der Schwarzen- Hundert, der Horthh-Negierung'und einer Judenh-etze verlegt. Die sozialdemokratischen KäbinettSmitgliederseien auf jede Weise verleumdet worden. In Wirklichkeit gehen sie so arm aus der Regierung wie sie hineingekommen seien. Die hinterlistige Methode der Christlichsozialen habe zum Bruche geführt. (Lebhafter Beifall.)' Die Schieberkunst bei Christlichsozialen mußte ein Ende finden. (Beifall.) Die Soldätenräte muffen bleiben, die Vermögensabgabe muß gemacht werden vor den Wahlen, die Verfassung kann leicht vor den Wahlen gemacht werden, da der Entwurf fertig ist. Die Koalition sei erledigt, doch wolle er den Verhandlungen nicht dorgreifen, vielleicht geschehen Wunder. Der Staatskanzler verweist auf die Notwendigkeit der Einheitsfront der Partei und erklärt, die ArbeitersHaft werde auf ihren Anteil an der Macht nicht verzichten. Ditz Diktatur des Proletariats habe sie abgelehnt, aber eine Diktatur der Bourgeoisie werde sie auch nicht dulden. (Stürmischer Beifall.)' Sie wird, wenn die Stunde rüft, hinausgehen und der Arbeiterschaft die Macht, die ihr gebührt, sichern. (Stürmischer Beifall.) Landtagsabgeordneter Sailer erklärte, daß jetzt der Wahlkampf gegen Kunschak beginne, der ausgezeichnete Beziehungen zur Firma Horthy u. Co. und zur Firma Karl in Prangins habe. Vielleicht werde der Moment kommen, wo die Sozialisten allein die Macht' ergreifen. Zum Schluffe sprach Kommunist Steinhardt, der darauf verwies, daß die Vertreter der Sozialisten nicht immer so über die Koalition gesprochen haben wie heute. Redner erklärt schließlich: Wir haben nur eine parlamentarische Tribüne, und zwar den Arbeiterrat. Für diese bürgerliche Demokratie haben wir bei den Wahlen keine Stimme. (Stürmischer Widerspruch, großer Lärm.) Hierauf wurde die Versammlung geschloffen. Dem Bis zur Ernennung des neuen Kabinetts wurden die Beratungen im Plenum und in, Ken Kommissionen des Landtages unterbrochen, bloß in den Subkomitees und in der Verfassungskommission wird weiterberaten. Aeutzevrmgen Pateks. Paris, 14. Juni (Funkspruch/ In einem Interview im „Journal des Debats" erkläre der polnische Minister des Aeußern P a t e k, daß. die polnische Ministerkrise ausschließlich innerpolitischen Ursachen zuzuschreiben sei; wer immer im neuen Kabinet das Auswärtige Amt übernehmen würde, die auswärtige Politik Polens würde sich nicht ändern. Ein tschechischer Protest an die Reparations- Kommission. Die Begleichung der Schulden an die tschechischen Gläubiger. Prag, 14. Juni. (Tel.-Komp.) Amtlich wird gemeldet: Oesterreichische Schuldner nötigen tschechischen Gläubigern die Bezahlung Ihrer Schulden in österreichischen Kronen auf und die österreichischen Gerichte unterstützen sie darin durch ihre Judikatur mit allen Kräften. Die amtliche Verlautbarung zählt eine ganze Reihe solcher Fälle auf und sagt dazu: Bei dieser Praxis würden also die österreichischen Schuldner ihre Schulden in österreichischer Währung zahlen, die österreichischen Gläubiger aber die Bezahlung ihrer Forderung in tschechischen Kronen fordern und tun dies auch« Dies wäre allerdings nicht schlecht für die Oesterreicher, ist aber ein schwerer Nachteil für die Tschrcho-Slowakeu. Es ist klar, daß dieses Vorgehen den Bestimmungen des Friedensvertragcs widerspricht, beziehungsweise dessen heimtückische Umgehung bedeutet. Das österreichische Gericht kann sich nicht auf die im März erlassene Gerichtsverordnung berufen, da inzwischen der Friedens- Vertrag von Samt-Germam abgeschlossen wurde, den die österreichische Republik unter fertigt und ratifiziert hat. Die österreichische Regierung ist also durch den Vertrag von Saint-Gcrmoin gebunden und kann sich nicht auf den Umstand berufen, daß der Vertrag bisher noch nicht von den Machten ratifiziert worden ist. -Sie haben auch in manch anderer Beziehung die Bestimmungen des Vertrages dort angewendet, wo es iil ihrem Interesse war. Der tschccho-flowakische Neparationskommiffär und bevollmächtigte Minister Dr. Zahradnik ^at gegen diese Umgehungdes Vertrages und der Revarationskommiffion bei der österreichischtu Regierung Protest eingelegt und wird auch direkt bei der Reparationskommisfion in Paris Protest erheben. Präsident Masaryk über die Lage. - Prag, 14. Juni. (Tschecho-slvtv. Kreßbureau.) Der ,/Eas" veröffeufticht anläßlich seines Wiedererscheinens izach der Einstellung während tsts-Krieges ein Interview mit-dem Präsidenten der Republik Masaryk. Auf die Frage, ob der Präsident noch auf dein Vox einigen Monaten gegenüber einem Vertreter dev „Frankfurter Standpunkt LMt daß^ wenn Staatskanzler wurden nach seiner Rede auf der Straße jtüt«’ mische Ovationen von der zahlreich angesammelten Menge b 1 reitet. Abgeordneter Dr. Bauer. In Flemmichs Saale am Neuvaugürtel sprach ALgeord»! neter Dr. Otto Bauer. Nach einer Darstellung der Ursachen/ die zur Koalitionskrise geführt haben, sagte er: Verhandlung gen haben unsererseits mit den Christlichsozialen und Groß*- deutschen nicht stattgefunden. Seitz hat mit ihnen nur in! seiner Eigenschaft als Präsident der Nationalversammlung, verhandelt. In der heutigen Sitzung des HauptaüsschusseNhaben wir erklärt, wir sind der Ansicht, daß die beiden bürger-, lichen Parteien zusammen die Regierung bilden sollen/ Ost sie einen Beamten hiezu bestellen oder ob Kunschak oder! Dr. Mataja. Staatskanzler wird, , wir werden ihnen mit Ver-j gnügen zuschauen, wie sie es machen. Wir haben verlangt.! daß ein Gesetz beeschloffen wird über die Auslosung dev Ratio»! nalversammlung. Ein solches Gesetz kann in zehn Tagen er«! ledigt sein, die Wahlvorbereitungen bauern etwa zehn Wochen! und dann kann gewählt werden: Diese Wahlen sind not-s wendig, sie wären auch notwendig gewesen, wenn Kunschakchiei Krise nicht provoziert hätte, denn so geht es nicht weiters Während des Wahlkampfes kann die Nationalversamm*. lung weitertagen und noch' immer ändere dringende Vorlagen erledigen. Für diese Zeit, kann ein Arbeitsprogramm fertiggestellt werden, aber über die künftige Politik sollen die Wähler entscheiden. Fünf Mandate mehr oder weniges ist für uns nicht das wichtige, wichtig ist für uns, .daß wir Gelegenheit haben zur Aufklärung der Massen. Wir , habennur die Kräfte auf den Wahlkampf, zu konzentrierend (Stürmischer Beifall.) Staatssekretär Eldersch. -1 In Kadrmanns Saal' im Prater sprach Staatssekretarj. Eldersch in einer Massenversammlung. Er führte aus.! die Koalition habe der sozialdemokratischen Partei sehr schwere! Lasten aufgebürdet, die schon lange unerträglich waren. Wir! haben gegen Neuwahlen, betonte Redner, nichts einzuwenden.! je eher sie kommen, desto lieber, ist es uns. Redner beschaff tigte sich auch mit den eventuellen Neuwahlen, die, wie er! meinte, keine wesentliche Veränderung bringen dürften. Die- Sozialdemokraten werden noch immer so stark sein, daß! gegen die Arbeiterklasse nicht regiert werden könne. die Deutschen sich mit dem Gedenken befreunden, daß' der Krieg ihrer Oberherrschaft ein Ende bereitet habe,! wenn sie im Rahmen der parlamentarischen Ordnung! an der Verwaltung des Landes Mitarbeiten werden,! die Sprachenfrage usw: keine Schwierigkeiten bereitest werde, erwiderte der Präsident: Ja', auch heute nvchst Fm weiteren Verlaufe der Unterredung erklärte der! Präsident, jede Diktatur, auch' die des Proletariats,! führe ohne administrative Sachkenntnisse und ohne einest großer: politischen Plan zu politischem und Wirtschaft-! lichem Untergang. Bezüglich der aus w ä 111 g c atj Lage sagte Masaryk: Wir müssen den Frieden „wachs allen Seiten bewahren. Dies gilt gegenüber den Holest und den Magyaren. Wir werden auf der Hut sein undlassen uns nicht provozieren. Unser Verhältnis zsti Rußland war während des Krieges gerecht und wird! auch jetzt gerecht sein. Ueber die Regelung, der wirb-! schaftlichen Beziehungen werden wir verhandeln. Der! Versuch eines Völkerbundes, beziehungsweise Staaten^ bundes verdient alle Aufmerksamkeit. Europa würde! gerade nach dem Kriege eine leitende Autorität brauchen^ diese könnte und sollte dev Völkerbund sein. Im Grunde! genommen geht es hier um eine Ausdehnung foct( kulturellen JnternationaliLät. Das ist mich die For-! derung unseres tschechisch-humanistischen PrygramM.! Die jüdische Vertretung in der SLadtreprasentanz von Bratislava. London, 13. Jirni. (Jüd. Korr.-Bur.) Die gegentvärtige Repräsentanz (Stadtverordnetenversammlung)! der Stad t B r a t i s l a v a wird beka nntlich, schon t» den nächsten Tagen aufgelöst und durch' eine Vertretung! ersetzt werden, deren 48 Mitglieder von den politischen Parteien nach, dem Verhältnis der bei den jüngsten! Parlamentswahlen abgegebenen Stimmen ernannt Werden. Den -vereinigter, jüdischen Parteien sind m inder, neuen Stadtrepräsentanz drei Vertreter und eiw Ersatzmann zuerkannt, worden. - \- . In der am '6. d. M. abgehaltenen Sitzung des. Bratislaver Lokalwahlwmitees der vereinigten jüdischest Parteien wurden nun die Herren Dr. Leo Sipos',? Bernhard Weiß und Josef Griinberg zu ordentlichen Mitgliedern und Herr Soma Koml-osi zum' Ersatzmann für die städtische Repräsentanz nominiert, Schavenersatz der griechischen Regierung für das abgebrannte jüdische Viertel in Saloniki. London, 13. Juni. (Jüd. Korr.-Bur.) Die griechische Regierung hat für den Wiederaufbau, des im Jahre 1917 eingeäschectcn jüdischeu' Viertels in S a l o.n i.tv.2Q Drachmen bckiriM..'