Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 501 (15.6.1920)
- Date
- 1920-06-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-sette ü ^-mlsrag p.'-—-r-“Ä“~ wicht restlos nach dem marxistischer: Schema erklärt '!werden. Lenin selbst hat einmal gesagt, daß das -Proletariat eine viel ärgere Verelendung als unter der kapitalistischen Epoche auf sich nehmen müsse, uin zur. Freiheit zu gelangen. Der Bolschewismus ist vielmehr lein» psychologische Massenerscheinung und ist viel besser 'als von dem Marxisten Bauer von den modernen Psychoanalytikern, zum Beispiel Dr. Paul Federn, -erklärt worben: Der Zusammenbruch der Autoritäten -hat nach ihnen den „Baterkomplex", der in jeder Seele jiief verwurzelt ist, aus den: Gleichgewicht gebracht und .;ba der rüder komplex" — der psychologische Antrieb sLum Sozialismus — noch nicht so stark entwickelt ist, ium an die Stelle jenes viel stärkeren Vaterkomplexes \m treten, so sind in den Massen die heftigsten psychischen ^Störungen ausgetreten, die sich in einer furchtbaren -sozialen Unruhe äußern. ■ s Wenn Bauer bei Besprechung des englischen Gilden- -sozialismns sagt, daß es diesem gar nicht so sehr darum -geht, di» „Mehrwertaneignung" durch private Kapistalksten zu bekämpfen ah die Willkür des Privatunternehmers auszuschalten, so zeigt sich daraus, daß er sehr gut erkennt, daß es nicht eine ökonomische Theorie, sondern ein psychologisches Bedürfnis ist, , das den Arbeiter von heute so leidenschaftlich die sozialistische -Produktionsweise erstreben läßt, er beachtet aber trotzdem den psychologischen Antrieb zum Bolschewismus r:öt. Deshalb wird auch sein nach der marxistischen Lehre einwandfreier Beweis, daß die Methode des Bolschewismus für West- und Mitteleuropa unmöglich M. nicht das geringste an den kommunistischen Bestrebungen in diesen Ländern und ihrer Zugkraft üuf die Arbeiter und so viele Intellektuelle ändern. Will die von Bauer geführte Sozialdemokratie die ihm gefährlich erscheinende Richtung wirklich bekämpfen, dann darf sie nicht in Halbheiten stecken bleiben, wie Bauer, der trotz seiner aus dem Buche nur zu klar hervorgehen!. h'cn Beurteilung der russischen Proletarierdespotie djeW als „notwendig" erklärt, um nicht anzustoßen. Sie müßte sich im Positiven rückhaltlos zu einem bestimm :cn sozialistischen Programm bekennen und dieses mit allen Mitteln zu verwirklichen suchen, »anstatt in ewigem Schwanken eine Koyrpwmißtaktik knach allen Seiten hin zu befolgen. Niemand mehr ist Im Zweifel darüber, daß die heutige Partei daran Zugrunde gehen und daß in der Bevölkerung eine Marse Scheidung zwischen Ultrnlinks und Ultrarechts Eintreten wird. Das wird — durch die Schuld der Dozialdemokratie von heute — zu erneuten blutigen Bürgerkriegen führen. Die sozialdemokratischen Führer, die jahrzehntelang den Marxismus gepredigt, hüben rund die heute, wie Bauer, aus. dem Marxismus nach-.- Tveisrn tvollen, daß die Herbeiführung des Sozialismus Noch eine jahrzehntelange Arbeit erheischt, während jEngels schon (im „Anti-Dühring", 3. Auflage. 1885) die Zeit als reif dafür erklärt hat, könnte nur durch ein -klares, wenn auch noch so bescheidenes, aber mit Zielbewußtheit durchgeführtes praktisches Programm die Massen festhalten, die sie selbst seit mehr als einem Menschenalter aus hie soziale Revolution vertröstet haben» und die jetzt nicht länger mehr warten wollen, Nachdem diese Revolution Tatsache geworden ist. ad. bm. Potttische^rmdschau. Die ungarische Krise. Große Erregung ans dem flachen Lande. Der ungarische Kultusminister, Stephan Haller, -der bekanntlich Präsident der christlichnationalen Vereinigung ist, äußerte sich gegenüber einem Journalisten -über die gegenwärtige innerpolitische Lage u. a. in folgender Weise: Politiker, welche gegenwärtig die Provinz bereisen, melden eine große Erregung unter der Bevölkerung, die sich naturgemäß auch in jenen Parteien Zeigt, die mit dem Volke einen engen Kontakt aufrecht-!erhalten. Diese große Erregung erhält ihre Nahrung aus zwei Quellen. Vor allem aus jenen immer mehr ium sich greifenden Quälereien, Verfolgungen, Brutalitäten, welche von unverantwortlichen Individuen. Zumeist in Offiziersuniform, unter Verufuna auf. Weisungen höherer Kommanden oder auf die wohlwollende Rachsicht derselben begangen wurden. Demzufolge wende, isich die Stimmung der Massen — in ganz mächtiger "Weise — gegen die Armee, was von den Kommunisten für ihre Zwecke ausgebeutet werde. Die zweite Quelle der Erregung sowohl in den Massen als auch In den Parteien war jenes in die Augen springende Manövrieren gewisser Leute gegen die beiden eine!Bolkspolitit betreffenden Karteien, ein Regierungs-!system von stark aristokratischer Und feudaler Färbung zu inaugurieren. Auch das wird 'dou den Kommunisten entsprechend ausgenützt, indem Per Bevölkerung der Ä^ufel einer rückständig konservativen Klassenherrschaft, gestützt auf eine den Schutz Per bürgerlichen Rechte nicht genügend gewährleistende Militärische Organisation, an die Wand gemalt wird. An Erkenntnis all dessen haben sich die beiden Regie- Pungsparteien zu einer engen Waffenbrüderschaft zu- 'Hammengeschlossen. Wir wollen Ordnung machen — 'schloß Haller seine Ausführungen — und sollte die auf lhie zwei Bolksparteien sich stützende Regierung nicht iimstande sein, Ordnung im Lande zu schaffen, so wird -es auch keine andere zu tun imstande sein. Mit dem Msichsverweser herrschte hinsichtlich der anzustrebenden A^rgenzerrnng /io.;>um &Qf^ Das jüdische Palästina. Dis ernste Lage in Palästina. Jaffa, 12. Juni. (Jüd. Korr.-Bnr.) Am 9. d. M. fand hier eine große jüdische Demonstration statt, in der viele Redner die "gegenwäiiitze Läge »»Palästina uMMMsta Lh« - sprachen. Es wurde darauf hingewiesen. daß die Äraber die Forderung ausstellen, die Inden mögen sofort das Land verlassen, wenn sie Massakers entgehen wollen. Es wurde besMoffeu, 1000 Mann „Grenzer* zwecks Unterstützung 8 er bedrohten Kolonien zu entsenden. Bau einer Straße KLnereth-^Liberias. Jerusalem, 13. Juni. (Jüd. Korr.-Bnr? Die Militärverwalt»-g Palästinas läßt cijK öj vjtJt.D o it Ri n e r eth nachTiberia § bauen, Dir Durchführung des Baues wurde dein Arbeitsamt der »Achduth haawodah* von der Regierung' übertragen. 400 bis 500 Arbeiter werden bei diesen Baue Beschäftigung finden. Aehernabm« dvr Isrnsalsmer Musikschule durch den Wagd hachinuch. - Jerusalem, 12. Juni. (JÜd. Kdrr.-Bur.) Die von'Colonel Stores begründete M u s i k s ch n l e in Jerusalem, die bisher offiziell n ich t j ü.b t f ch war, ist nunmehr am Grund von Verhandlungen mit Colonel Stores in die Verwaltung der „Zionist Com m i f f t o n* übernommen worbe« untersteht, wie alle,ande:en hebräischen Schulen, der Leitung biß Waadharhinu ch. Le^rervovarf ist PalLftina. Jerusalem. 13. Juni. lJüd. Korr.-Bur? Bei »nt setzt«, Sitzung des Waad hackinnch teilte der UnlerrirhlSrefermt Dostm L » r i e wrt, daß für da? nächste Schnljahr 60 neue Lehret für Palästina notwendig fein werden, hievon 15 zum Ersatz von Lehrern, die verrciken, 45 zur Erweiterung der brstrhende« Schulen. Ein Teil der Lehrer wird aus dem Auslande herangezogen werden müssen. Der Bedarf wird natürlich viel höh» sein, falls die Einwanderung in erhöhtem Maße beginnen sollte^ Eirt« agrikülturelle Ausstellung in Palästina. London, 12. Juni. (Jüd. Korr.-Bur.) AuS H aifa wird berichtet: Auf Initiative des Militärgouvrrnrnrwurde hier eine Ausstellung agriknltureller Produkte arrangiert. Die A r a b e r lehnten zunächst ihre Anteilnahme ab, um auf Wer Weise gegen die Beschlüsse von San Rrmo zu demonstrieren, unterdessen haben sie jedoch ihren Entschluß geändert und die Ausstellung mit ihren Erzeugnissen beschickt. 80*/, der gewonnenen Prämien fielen auf die jüdischen Erzeuger. Auch im Pferderennen zwischen Mischen Mb arabischen Pferden haben die I u d e n den Sieg dadovgetragen. mmensmam aus Ziele. VoUe Einmütigkeit, die Differenzen, die hinsichtlich der gnzuwendenden Mittel noch bestehen, würden nicht schwer auszugleichen sein. Die Horthh-Raubritter. Budapest, 14. Juni. (Privat.) Abgeordneter Viktor D'r o z d y hat tu der Nationalversammlung folgende Jmnlunitätsverletzung angsmeldet: Ich erblicke eine Verletzung meines Rechtes als Abgeordneter der Nationalversammlung in folgendem Vorfall: Bor ungefähr 1% Mönäien habe ich bei Kiskörös in der Ge-, meinde P a h y^iuen Grundbesitz gekauft. Diese Woche reifte ich in Wirtschaftsangelegenheiten hin und als ich gerade im Gemeindehaus^ weilte, erschien bei mir der Gemeindelehrer Zoltan Zahar, Präsident des dortigen „Vereines der erwachenden Ungarn" und machte mich auf-folgendes aufmerksam: „Ich glaube," sagte er, „die Dinge sind dir bekannt, welche das in Keeskemet' stehende Hejjas-Detachement begangen hat. Es sind dir die zahllosen Äorbe bekannt, deren Opfer man jetzt im,28a tb e vo n Bu g a eausgr ä b l : :5i it affet Fteundschaft aufmexkfam, wenn Du nicht von einem ähnlichen Schicksal ereilt werden willst und wenn du dir die noch übrigen Tage deines Lebens, nicht durch allerlei Versolguygen verbittern willst, so stopfe de» hier befindlichen Spitzeln mit einer gewissen Summe den Mund und gib eine gewisse Summe her, womit du einzelne Offiziere des Hejjas-Detachemen ts, welche hieher kamen, sowie den Spitzel, welchen dieses Detachement vom dieser Gemeinde hält, bezahlst." Daß ist, sagte er, hier Usus. Denn auch die übrigen Grundbesitzer der Gegend geben diesem Individuum ständig Geld Und sie geben vielleicht auch für andere Zwecke Geld her. (Lärm und Rufe: Unerh ör t!) Er verlangte von mir 10.000 Kronen, damit er mir von einem Stabsfeldwebel des Hejjas-Detachements für dieses Geld einen Salvus eondurtus beschaffe, eine Schrift damit, wenn ich sie verweise, niemand das Recht habe, Mich dort zu verfolgen. Wenn ich ihm aber das dKeld nicht geben kann, mache er mich aufmerksam, daß dann mein Leben nicht sicher ist, daß ich sehr leicht verschwinden kann. Ich Zlaube, die ^hohe Nationalversammlung wird dafür (sorgsn, daß dieser Fall nicht eintrete. Da mir momentan nur 4000 Kronen zut Verfügung standen, konnte ich ihm nur so viel geben,, um meine Haut zu rStten und von dort wegkommen zu könüen. Wenn ich aber wieder auf meinen Besitz rÄsen müßte, und mir die entsprechenden Kapitalien nicht zur Verfügung stünden und wenn ich dann verschwinde, Möge man nach mir im Walde von Orgovany suchen, wo man wahrscheinlich meine Leiche finden wird. (Lärm.)' — Diese Anmeldung wurde dem Jmmunitätsausschusse zugewiesen. Vertrrschnngsmaßnahmen in Angarn. Budapest, 14. Jaul. (Nationalversammlung.) Zu Beginn der Sitzung erstreist Honvedminister S o » S das Wart und hU* mit, daß alle VyDgWgrn getrosten worden ünd. damit die milijarstchen Uebtsyrrffe einfür allemal abgestellt werde», linier Führung des Obersten Hör v'<t h sei in das Gebiet zwischen Donau »yd Theiß ein Detachement von acht Eskadronen Husaren und zwei Bataillonen Infanterie entsendet worden, welches dieunigrn Linie festnehme, bei denen tatsächlich festgestellt werde« kann, daß sie dir Unstorm der Mtionalen Armee «ißbch'achlich getragen und Verbrechen begangen haben. DerMinister verliest sodann einenBericht des Obersten Horpath ßber besten bisherig« Tätigkeit, woraus hcrvorgeht. daß durch das Detachement eine Reihe von Leuten .festgenommen und den zuständigen Behörden zur Abstrafung übergeben worden sei, welche Raubansälle ufw. begangen haben. Weiters geht auS dem Bericht hervor^ daß einzelne Leute t a t3 sächlich An g eh 8 r i g e d er «ationalenArmee sindnndsolcheTatenbegange »haben. . Der Mmister erllärte schließlich, daß die Aktion zur Unterdrückung der räsberischen Untaten mit all« Energie fort* aeieiu werde. Inland. . Die LSsung der Kablnettskelse. Von unserem Parlamentsberichterstatler. Die Kabinettskrise dürfte schon im Lauste dieser Woche ihre Lösung in der Form finden, daß die Negierung Nenner als GeschäftsmlnisteriuM, dem die parlamentarische Erledigung eines von den Parteien in den nächsten Dagen zu vereinbarenden ArbeiiSprogramms borgezeichnet wird, weiter im Am bleibt. ' . , - Der Hauptausschuß hat 'sich gestern dahin ausgesprochen, daß für die nunmehr kürz bemessene Lebens», dauer der Nationalversammlung ein Arbeitspensum, zunächst von den einzelnen Parteiklubs festzustellen istp ob dieses. auch, die Vermögensabgabe und die Ver- ''assungsreform enthalten wird, steht noch nicht fest. Auch darüber werden die Fraktionen zu entscheiden^ haben. Vis die endgültigen Klubbeschlüsse vorliegend wird der Hauptausschuß abermals zusammentreten, umdas Ar.beiLsprogrgnytt Md die Art s-iner Abwfcklvnst zu vereinbaren. Die Parteien sind jedoch einhellig der Anschauung, daß es eine Frage zweiter Ordnung sei. welches Kabinett die Geschäfte 'bis zur Auflösung der Nationale-sammlunL und bis zum Zusammentritt des neuen Hauses zu führen hätte. Da eine christlichsözial-grvßdeutsche Regierung infolge der Ablehnung eines solchen Ansinnens durch beide Parteien nicht irr Frage kommt, ein Beamtenkabinett von keiner der ParlamentsPaLteien ernstlich gewünscht^ wird, wird die Nationalversammlung wieder daS 5kabirrett Renner mit der Führung der RegierungSgefchäfte betrauen. Ha»pt«»»fch«b. Der Hauptausschuß trat gestern um V Uhr nach-j mittags unter dem BorM des Präsidenten Seitzj zu einer Beratung züsammen.Der Präsident leitete die« Diskussion mit einer Darstellung der politischen Lag«, ein. Ec berichtete zugleich über feine Besprechungen! mit den^ Obmännern der einzelnen Parteien. Die Beratung dauerte ungefähr zwei Stunden. Aus den Erklärungen aller Redner ergab fick) übereinstimmend Meinung, daß unter den obwaltenden Verhältnissen eine Fortdauer der gegenwärtigen Nationalversammlunfl, nicht mehr möglich sei und baß daher Neuwahlen auSzuschreiben sind. Mit Rücksicht darauf, baß die Verfassung keine Bestimmungen für den Fall der Austlösung der konstituierenden Nationalversammlung ettü* hält und die Wahlgesetze nur für die konstituierende. Nationalversammlung gelten, wurde einstimmig der st»lgende Antrag des Abg. Dr. Bauer angenommentj „Der' Präsident wird beauftragt, den mit der vorläufigen Fortführung der Gefchäfte betrauten, Staatskanzler zu ersuchen, die notwendige« Gesetzentwürfe,! betreffend die Auflösung der konstituierenden National-! Versammlung und di« Durchführung von Neuwahlen^ (Wahlordnung üsw.), unverzüglich' ausarbeiten zu lassen."! Der Präsident konstatierte in seinem Resümee vnch die Uobereinstittlmung aller Parteien darüber, daß noch vor Abschluß der Tagung des Parlaments jene Gesetzt die für den Staat unbedingt notwendig sind (BudKiprovisorium usw ). fertigzustrllen wären. Ebenso syWr »och die Gesetze, betreffend die Vermögensabgabe, «nh die damit direkt in Zusammenhang stehenden Finan-- fragen erledigt werden, Desgleichen soll hie Vorlage, betreffend die Verfassung, im Hause ein gebracht und verhandelt werden. Die Beratungen über die Bildung der Regierung werden in der nächsten Sitzung des Hauptausschusseg fortgesetzt werden. Die für heute anberaumte Sitzung der Nationalbersämmlung wirb abgehalten und oic auf der DageKordnung stehenden Gesetze werden erledigt werden.