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Wiener Morgenzeitung · 1920-06-13 · Heft 499 (13.6.1920) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 499 (13.6.1920)
Date
1920-06-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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PolitischeRrmdschait. Die polnische Regierungskrise. > Die seit Wochen latente Krise im polnischen Kabinett ist nunmehr zum offenen Ausbruch gelangt; bas ftabinett SkulsL'L hat demissioniert. Skulski hatte gc^ bofft, mit Hilfe der Leiden großen Parteien, die ihm Gefolgschaft leisteten, eine Rekonstruktion des Kabinetts jeltzst durchführen zu können. Dies tvar jedoch rrnmögsich, da innerhalb der beiden Parteien (der unter der Führung des bekannten Bauernabgeordneten Wrtos irchenden Volkspartei und der, „Natiottälen Bereinigung", der Skulski selbst angehört) eine scharfe Krise ausgebrochen ist. Die Krise in der „Mtiönalen Vereinigung^ zeigte ilch deutlich in der Sitzung der Appwviftomerungs- Immission des Landtages, in welchem der Vorschlag der Regierung auf Beschlagnahme der Booenprodukte geruhe surch die Stimmen der der „Nationalen Bereinigung" üngehörenden Kommissionsmitgliederder Parteigenossen des Regierungschefs, abgelehnt wurde. Wenn auch — nach einer stürmischen Fraktionssitzung innerhalb der .Nationalen Vereinigung" — der Beschluß der Kommission reassumiert wurde, der Riß in der Partei bleibt bestehen. In der Volkspartei haben wieder die Bemühungen lhres Chefs Witos, welcher eine feste linksdemokratische Jandtagsmajorität und dementsprechend eine auf sie gestützte linksdemokratische Regierung (mit Einschluß Mr Sozialdemokraten) bilden will, starke Gegnerschaft bei den eigenen Parteigenossen; so haben von den drei Mitgliedern der Volkspartei, welche bis jetzt im polnischen Kabinett saßen, zwei es abgelehnt, sich dem jßlane Witos' anzuschließen. Die Sozialdemokratie ist übrigens in der Frage der Beteiligung an einer linksdemokratisck'?n Koalition durchaus nicht einheitlich orientert. Ursprünglich hatte her vor kurzem stattgsfundene Parteitag mit knapper Majorität den Antrag auf Beteiligung an einer Koaki-, lionSregienmg gänzlich abgelehnt, dann die Entscheidung darüber dem Zentralkomitee, beziehungsweise der Landtagsfraktion überlassen. Eines ist klar: Die Formaldemokratre, welche bis» her in Polen regierte, ist in sich selbst zusammengebrochen» wie überall. Die extremen Richtungen von rechts und links erhalten Oberwasser. Wenn es, wie es die Sozialdemokratie und die Volkspartei (letztere erst vor kurzem m einem Vanernmassenmeettng in Warschau) verlangen, hu Neuwahlen kommen sollte, wird der Zusammenbruch der gemäßigten Parteien auch in den Wahlziffern deutlich werden. Allerdings scheint man jetzt in Polen, angesichts der ungeklärten Kriegslage und her Schwierigkeiten, die der dem Lande so notwendige Friede mit -Rußland bereitet, nicht geneigt zu sein, das Land noch der Erschütterung durch Wahlen auszusehen.! Dies wollen sich nun die rechtsstehenden Nationalisten zunutze machen, um angesichts der Schwierigkeiten, welche der Schaffung einer linksdemokratischen Koalition entgegenstehen, wieder das Heft in die Hand ßu bekommen und die Leitung der Staatsgeschäfte, aus der sie wegen offenkundiger Ünfähigkeit allmählich von Len Gemäßigten verdrängt worden waren, an sich zu Meißen. Ihr Oberhaupt, der reakttonäre Antisemit Dmowski, welcher erst vor kurzem aus Paris nach Warschau zurückgekehrt ist, entwickelt eine fieberhafte Tätigkeit, um als Kandidat für die Neubildung des Kabinetts möglich zu werden.; Dmowskr stützt sich dabei auf die im Lände zur Gewohnheit gewordene Liebe zur Entente, auf den iDeutschenhatz und den Antibolschewismus, natürlich auch?öuf die antisemitischen Instinkte. Dabei liebäugelt er .insgeheim mit der russischen Reaktion und will so dem Lande den F r i e d e n mit Rußland, nach dem er sich jsehnt. vorgaukeln. Da in Polen derjenige, welcher gegen Deutsche. Russen und Juden Front machen will, sein Mück machen kann und Dmowskr die politisch gänzlich ^morientterten Massen noch immer mit der legendären finanziellen Hilfe der Entente zu fangen weiß, so ist!es nicht unmöglich, daß er sich tatsächlich zum Reiyierungschef aufschwingt. t Wie Dmowskr und seine Helfershelfer arbeiten, da- '>on gibt eine bezeichnende Episode Kenntnis: Seit! Dienstag früh herrscht in Warschau ein Streik aller jstädtischen Arbeiter, der ausschließlich wirtschaftliche Ursachen hat (Lohnforderungen der Arbeiter im (Zusammenhang mit der Erhöhung des Vrotpreises). Nun wird von der Reaktion versucht, daraus politisches Kapital zu schlagen. Vor einigen Tagen war auf Mauer» Anschlägen zu lesen: „Helfershelfer Berlins und Moskaus ersuchen in Warschau einen Streik zu inszenieren, um unserer tapferen Armee in den Rücken zu füllen. Warschau muß Selbstschutz gegen die Erzfeinde Polens, (die Preußen und die bolschewikischen Juden, üben." '<So wird in die durch Teuerung. Krieg und politische Misen aller Art (die alle durch die Dmowski-Reaktionäre -verschuldet sind) erregte Bevölkerung noch mehr Cr> hegung gepumpt, um einen Ableiter für die Erbitterung he» Volkes zu haben und im Trüben zu fischen, r Wessen sich Polen von einem Dmowski-Regime zu versehen hat. das müßte es erkennen, wenn es die Bla- > wagen und Krisen der DmowSkischen Außenpolitik, welche schließlich zum russischen Krieg geführt haben, beurteilen -konnte. Westen sich die Juden zu versehen haben, das lagt ihnen und aller Welt deutlich der Pogromaufruf. .^olM hat sein Geschick selbst in der Hand^. SOEBEN erschienen Nr. IO der *• AUS DEM INHALT. Anonyme Kampfmethodej!, Uaseve Führer. Einfälle. Zion, jagend. Uebef Juden and Judenfragen. Der zweite Kongress der tschecho-slowakischcn jaden. Df. Straucher gewählt Aus Griechenland. „Der Jahrestag.“ ' Kundgebung der Wiener PogförnJaten. Galiläa. Die Monistische Jahreskonferenz in London. Hapoel Hazalr. Aus den Vereinen. Preis der Nummer K2.—. In allen Trafiken, Buchhandlung R. Löwit, I., Rotenturtnstrasse 2t, und in der Administration der „Jüdischen Zeitung“, IL, Taborstrasse 1—8. ist Die Abstinenz der Siebsnbürger Jude» von den rumänische» Wahlen. Der Siebenbürger Jüdische Nationalverband hatte, wie wir seinerzeit berichteten, bi« Teilnahme an den Wahlen in biß rumänischen gesetzgebenden Körperschaften unter genau umschriebenen KMngungen und Voraussetzungen beschlossen. Diese Bedingungen waren, wie mit Recht betont, recht bescheidene. Die Jüdischnationalen forderten nicht etwa sichere Mandate, sondern einfach wirkliche Dahlen, wie sie in jedem demokratischen Staate Üblich sind, durch welche jeder Parteigruppe die Möglichkeit geboten wirb, im Forum der Volksvertretung ihre Stimme zu erheben und ihre Wünsche zur Geltung zu bringen. Sie, wollten, baß hie Minorität nicht von der Mehrheit erdrückt werde. Die rumänische Regierung zeigte sich aber nicht geneigt, selbst bescheidene Wünsche zu erfüllen. Die elementarste, unerläßlichste Grundbedingung für eine gerechte Wahl, der Proporz', wurde nahezu überall im Laude, nur nicht in Siebenbürgen, wo er am ehesten gerechtfertigt gewesen wäre, in Anwendung gebracht. Eine weitere, gleichfalls natürliche Forderung.der Zübischyationalen betraf eine gerechte, bis wahren Zustände wiberspiegelnbe Zusammenstellung der Wählerlisten. Auch diesem Wunsche wurde Nicht entsprochen. Es wurde erwiesen, daß mehr als die Hälfte der Mischen Wähler in der Wählerliste fehlte. Auch die uneingeschränkte, vor j<Lem Terror geschützte Preß- und Versammlungsfreiheit, ohne welche eins neue, unverfälschte Wühl undenkbar ist, ist nicht zugebilligt worden. Aus allen diesen Gründen hatte der Jüdische Rationalverbaüd beschlossen, den Juden Siebenbürgens Abstinenz von der Wahl anzuraten. Trotz des Verhaltes der Regierung gegenüber den gerechten Forderungen der Juden haben sowohl die alte als auch die neue'Regierungspartei — allerdings nach alten Methoden.— um die Stimmen der Juden geworben, beziehungsweise diese Stimmen einfach abgefordert. Besonders in den Provinzen wurden die kleinen Mischen Kaufleute in ihrer.Existenz bedroht, wenn sie nicht.willig ihre Stimmen der gerade zurzeit herrschenden Partei geben wollten. Diese Androhung der Existenzvernichtung war noch die mildere Form des Wahlterrors gegen die Juden. In manchen Teilen des Landes wurde mit drastischen Mitteln gearbeitet. Es wurde die rücksichtsloseste Pogromagitation betrieben und die Parteien waren geradezu bemüht, einander im Antisemitismus zN üb-rrbieten. So sahen die reinen, demokraiischrn Wahlen aus, welche teil' Minoritäten vyn den rumänischen Führern zugesichert wurden. Böser aber noch als der stach solcher Wahlagitation nur allzu natürliche. Wahlaüsfall ist die berechtigte Besorgnis, daß in diesen Wahlen eine antisemitische Saat ausgestreut wurde, deren Früchte für die Juden von Utmbisehbatsr Wirkung sein könnten. Bon de» Reparationskommiy:tost. Wie wir aus Entesttekceisen erfahren, dirul-: inline lu; Vorgänge in der französischen Kammer und im franMchrtt Senate tue Ratifizierung des FnedtrrsvcrtragkSvsn Saint-Gelmain erst gegen Ende d. M. erfolge«. Dadurch verschndt sich auch die Abreise der leitenden Mitglieder der österreichrschen Sektion der R? p a ra ti o » S k o m m is s r o u von Paris dürfte der ftanzSsische Deltgirrte C h l o b a.k o w S k i erst und anfangs Juli in Wien «»kaNnnen. Sturmbereite Galeriebesuchrr. Galzbnrg» 12. Juni. tTel.-Komp.) Gestern fand die letzte LarrbraMtznng statt, für welche die Sozialdemokraten ünschtiued größere Zusammenstöße erwarteten, da sich ihre ganzen mobilen Funktionäre ans der Galerie cingefundrn hatten und bis znm Schluffe der erst um S Uhr früh beendigten Dauersitzung dort auZharrten. Während einer scharfen Kontroverse zwischen einem soiiaidemokrallschen und einem dmtschnationalen Abgeordneten wollten die Galerrebelucher de» Saal stürmen» Nur .mit schwerer Mühe gelang dte Wredrrherstrllnns der > Orduung. Mlegmmme. Her Bericht der enoNsche« VLtfnUttpatiei über Rntzland. rontzsn, 11. Juni. (Reuter.) Die «ns Rußland zurück^ gekehrte AbürdNNNg der englischen Arßeittrpattei erklärt m ihrem Bericht, büß die Politik Her Einmengung «ud die Blockade die Urkachr der schlimmsten Leiden (eien, von denen Rußland heim« - gesucht «erde. Der Bericht rühmt die erfolgreichen Bemühungen - der Sowjets zur Dekäckpftmg der Epidemien. Erfordert die vollständige Äv'hebung der Mockade, den Verzicht ans jede Viftmerm, gnng Und dir Anerkennung der Sowjetrcgierung. ' Von der Bvtschafterstonferenz. y Paris, 12. Juni. (Havas.) Die Botschafterkonferorz. hot,! den Bericht über den Stand der Pariser Verhandlungen -wische«! Polen «nd Deutschland in betreff der Durchführung des Friedens-.\ Vertrages entgegengenommen, den Entwurf des Obersten Ratesbetreffend die Zählung des rollenden Materials in Europa, billigt und sich mit dem Ansuchen Griechenlands auf Zulassung zu de« Donankormulssionen besaßt. Giolitti für die MttelmSchte. Rom. 12. Juni. (Tel-Komp.) Die »Stamva* meldet, daß G i o l i t t i in seine« Derhrndkungen mit den Parteim sich auf de» Standpunkt stellt, daß dieMittelm 8 chte t» di« Völkerbund einbewgrn werden müssen. Auch von den von! chm in Aussicht genommenen Kabinetismitglledrm fordert kr eine diesbezügliche progravmiatische Erklärung. Die deutsche Kabinettsbildung. Verlin, 12. Jnni. (Wolff.) Rnchskanzler Müll e r Hatz de» Auftrag zur Kabinettsbildung heute dem Reichspräsident« zurfickgegeben. Dieser hat nunmehr den Vorsitzenden dev Deutschen Bolksvartei Abgeordneien Dr. Heinze -nrivn: baldinen Unterredung z« sich gebet« Dr. Heinze werft zurzeit in Dresden. 1 Die Streitfragen zwischen Pole« und Litauen.' Aoprnhage«, 9. Juni. »B e r l i« g s 11 % i b c»|> en lnekdrt, daß in Kowno der Führer der nationale» BolkOartel Und der sozialdemokratische» Volkspartei, die im p o ln r sch Parlament di« Mehrheit besitzen, eingetroffen sind. Bei ihr« Verhandlungen mit der lüanischen RegientNtz und der National« Versammlung h'eltrn sie an der Forderung fest, daß, hie Sireidfrage» über Wilna durch eine allgemeine Volksabstimmung ent*-. lchiebe« werden sollen. Bo» litanischer Seite wurde mit den unbedingten Forderung geantwortet, daß die Anerkmnung Wilnas als Hauplstadt Litauens unerläßlich sei. Auch der polnische Bovq ) chlag ans Errichtung eines föderativen Bundezwischen . L»tg.ne« und Polen» dem Wilna. Kowno »nd Grodno als felbständiM Kantone angehvren sollten, wurde abgelehnr. Dir BerhaüdluNtzeu sind somit ergebnislos geblieben. Der britische Kommistär M drs! baltischen Angelegenheit:» traf aus Rraa in Kowno rin, m» min der litauischen Regirrung über die polnisch-litauischen Streits ] ftagen zu verhandeln. 4 Der republikanische Rationalkorwent. Das erste Sftvutinium. Ehieago, 11. Juni. (Reuter.) Beim ersten Skrutinium d'^. republikanischen Nationalkonvents habe» General Wood L37^ L o w d t n 211 und H o o v e r «nr s Stimmen erhalte». s Chicag», 11. Juni. tNeuier.) Im rrpMkanisch«! Rationalkonveat erhielt General Wood beim zweiten Sktutrni»« 28). beim dritten Svs und beim vierten Sit Stimmen, L s wdest vemnigte Krim vierten SkrtztiNium 28S Summe» auf sich. . 4 Bedrohte jüdische Kolonien. : : Ierusale«, 10. Juni. (Iüd. Korr.-Bur.) Außer den vier Kolonien im o b e r e n G a l i l 8 a haben auch noch folgende Kolonien in ritttergaliläa und in Schomrom von den arabischen Uebersällen gelitten: Jessud Hamaalah, Mischmar Hajarden. Ajeleth Ha* schachar, Kwuzoth Kenaan, Mizpah. Bnei Jehudah, Degania, Milchemiah, Kfar Tabor, Teil Eres, Baih Schlomoh, March» Kirkur und Gan Schmuel. 1 Diese Kolonien stehen unter englischer Okkupation.' Es unterliegt keinem Zweifel» daß das Wüffenverbvt den gefahrvollen Zustand erhöht. Die gut ausaerüfteten arabischen Banden wissen, daß die jlidifchen Kolonisten keine Waffen besitzen und daher ausgeplündert werden können. Dev MitttLegonverueur von Haifa zurü«^ getreten. , Haifa, 1v. Juni. (Jüd. Korr.-Bur.) Der Militär gouvrrneur von Haifa hat sich rntschloffen, von feinem Posten zvrückzntttlrn, angeblich, weil er die Dcrantwortung silr die im Lande «tu grschaffene Lage nicht Übernehmen wolle. 1 Die Franzvseit verbieten nntrzivnistische Demonstrationen. Beient, Ist. Juni. (JVd. Korr -Bur.) Die ftanzbstfchd« Behörden haben dir von den Arabern g e v l a «t e n D dnronstrationen gegen de» Beschluß von Sa» Rem o verboten. -- Bevorstehende Freilaffnng Zabotinskys? Warschau, lÜ.Jnnl. (Privat.) DaS Warschauer zionistisch! Tagblalk »NajeS fun Hajnt* will aus sicherer Londoner Quellt ersahtm Haben, baß die Unterhanblungkn wegen der F r t K l a s s« n g JübolinSkyS und feiner Genoffen, welche mit der englischen Regierung geführt werden, in Kürzt g« günstigen Ergebnis sichren dürften. JaboünSktz und seine Genvffeu sollw vorlänsig arge» Ehremvvtt auS der Haft rnllaffen «erden. Datw wird ei» besonderer Gerichtshof dn,Retzisio»„des PrvteßversahceM , bacdÄ*<!2. u ga&ieit, Sonntag Wiener Msrs«»zOitrr*s 13. Juni rW- /Rr. 4M ' —.--rVT-i-ni■ .it%irvarTiT.i- »- . > .... ■ — --- —— —«rr— •’—n-ir:-J'‘-ii-rTnif,Tir>»T'r,im‘,,:y

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