Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 483 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Wiener Morgenzeltung 28. Mai 1920 Rr. 483 Londoner Stimmmungen: London, 20. Mai. Der Ruhm der französischen und deutschen Imperialisten jat ihre Berufs und GesiuinrngSaenosseu in England offenbar nicht schlafen lassen. So fühlte sich Sir Henry Wilson, »ec britische Genecalstaüschef und Houpiberater der eikglichcn Negierung in militärischen Angelegenheiten, bewogen, m Union-Jack-Club eine Rede zu halten, in der er unter rüderem sagte: »Man hat uns gesagt, daß wir nach denn jetzigen Kriege Frieden haben werden, 'aber wir haben ihn richt bekommen. Im gegenwärtigen - Momente' beginnen -0 bis 30 neue Kriege. Ich weiß, was ich sage — ich hasse, >aß jeder Mann, gleichgültig in welchem BerufSzwcig er ivdeitet alles tun wird, urn sich tauglich zu halten und bereit irr touuneudc kritische und gefahrvolle Zeiten." Tiefe Aeußcrnngen Sic WilsouS werden voir der großen Mehrheit der englischen Zeitungen scharf und abfällig eiiisierr. Am bcstrn schreibt „Wcstminsier Gazette? vom y. Mai darüber: „DaS ist nicht der Ansbruch irgendeines ntverauiwortlichen Scharfmachers, sondern die wohlüberlegte lleußerung eines MaurreS, der mehr als jeder andere für .ie militärischen Ratschläge verantwortlich ist, die dem Kriegs- -aoinert Lloyd Georges gegeben wurden. Solange er und' bineSgleichon die führenden Geister der europäischen Neuerungen sind, muß inan seine Warnungen auch ernst lehrnen. Tenn solange diese Leute Einfluß haben, kann es einen Frieden geben, wird eS keinen geben, da sie nuuer geneigt sind, ihre Politik auf die Spitze zu treiben urd ihre Tbeorcn praktisch gu erproben. Glaubt man wirkid). dag Männer wie Sir Henry Wilson, welche impanie inb, nach den Erfahrungen von vier Kriegsjahren die Anirengunqen der Welt, sich vor einer Erneuerung der fchreckrchen Schlächterei zu sichern, als verächtlichen Unsinn lächerich zu machen, daß diese für die Liga der Nationen arbeiten »erden? Daß sie irgendwelche Vereinbarungen zur Beseitigung von Feindsaften und Leidenschaften unterstützen werden? Laß sie zögern werden, jemanden! Munition zu liefern, wenn :c es fftt vorteilhafr halten? Ihre Idee, wie man Streiiigesien der Völker schlichten konnte, ist eine rein strategische, rusgebaut aus der sicheren.Grundlage von Angriff und Verteidigung im nächsten Kriege. Sie halten natürlch den neuen arieg für eine offenbar gute und MLrmünftige Sache. Die Feststellungen Dir. Aöquiths, daß Mlen ein sehr armes.?and sei, das mit Hunger und Not kämpfe, das nicht fähig fei, eine Armee von 300.000 Munn^u unterhalten und, sich nt howsliegende Abenteuer stürzenUMeine Fronten weit in :aS russische Gebiet vorzuschieben —^was ist das alles gegenüber den Tatsachen aus der Welt Sir Henry Wilsons, die rus einer Anzahl kämpfender Tiere besteht und deren Hauptrusgaoe es ist, sich tauglich und zum nächsten Kriege beceit-;uhalten? Der Friede mit seinen 20 Kriegen ist der Triumph der Lehren Sir Henry WilsouS und die Niederlage der Lehren >eS Präsidenten Wilson. Nur aus dem Grunde, weil der -ine Wilson gesiegt hat und der andere geschlagen wurde, waten wir rn einem Morast von Elend, Uneinigkeit, and Bankrott, der sich heute über den größten Teil Europas rnsbrcitct. Ans demselben Grunde geht der Völkerbund antrr und der £ ix nie Rat tändelt plump mit Kräften, die er r.ct'n überwachen kann, die stärker sind als er. Europa steht nviu unter der Herrschaft des Obersten Rates, sondern seiner Äeueralsläoe, und diese glauben, daß Kriege zur natürlichen Ordnung der Tinge gehören und daß die Zeit nicht mehr ferne sei, wo sie der Welt wieder eine Dosis ihrer schrecklichen Medistn eingeben könnten. Wenn das Volk allgemein und ernstsich bedenkt, was '.hm ini Falle des Versagens des Völkerbundes bevorsteht bann würden wohl alle an der Liga der Nationen etwas mehr Interesse nehmen. E-5 kann mit Befriedigung fcstgestellt werden, daß trotz oder biefteid.it gerade infolge solcher Auslassungen wie die obenzinerten Henry Wilsons die Weltfriedens- und Völker- >und:d?e und der Gedanke einer Revision der Jriedensoerträge in England unzweifelhaft immin: mehr Boden gewinnen. Der Haupttämpfer für die Nemsion der Friedens- Erträge ist Asguith, der unter stürmischem Beifall jüngst n einer Versammlung in der Central Hall erklärte: Zwei Grundsätze oättcn nach meiner Abstimmung bei Friedensschluß vor allem beachtet werden sollen: Vor allem an den Wirtschaftseinheiten der Vorkriegszeit sestzuhalten und ne ur entwickeln, andererseits vor allem Sicherungen zu schassen nir die Abrüstung und gegen militärische Abentenec jeder ln. Beide Grundsätze wurden unglücklicherweise vollkommen ignoriert — unter allerlei fragwürdigen Entschuldigungen. Alle neuen Staaten in Zcntraleuropa sind ins wirtschaftilck'c Leben crnge'.rcton mit einer' vollständigen Absperrung gegenüber ihren Nachbar,!, mit einem System von Eit,- und AiiZilchrbewilligiinaen iüc jeden einzelnen Artikel, das in Wirklichkeit sedcn Handelsverkehr lahmlegt. Die Lsterreichisch- -uigarische. tNoiiarchie hatte ihre ganze Produktion ans den re-cn Vertehr voi>. »ckiohmaterial und Kohlen ausgebaut. Und ,etzt stirbt Lestereeich buchstäblich daran, daß es von den Nachbarstaaten leine Kohle und keine Transportnüttel erhalten kann. Wir müssen vollständigen Freihandel halben — vcu' hätte schon in Paris ducchgcfnhxt werden sollen, ^rber -s kann noch durch den Völkerbund geschehen, wenn ihm geu'igcnde Rüicht gegeben tvird. Alle Handelsbarrieren, alle mnstlichen Verkehrseinschrcinkuugen müssen fallen, der Stand wc Diils-e, wie ec vor', dem Kriege war, muß wieder hergestellt werden. Waö jetzt in Polen und Sowjetrntzland vorgeht, rst ein Skandal und eine Schande für alle Staatsmänner Europas. Was hat das wiederhergestellte Polen so weit anßechalv seiner Grenzen in Gebieten zu suchen, vre nur von 5 Prozent Polen and au 05 Prozent von Eine ZutervmrLion bei der englischen Rsgierung.! London, 23. Mai. (Jüd: Korr.-Bnr.) Jir der gestern siattgefrmdenen Sitzung des Joint Foreign Cominiitee wurde ein Bericht über die zugunsten der in Ungarn verfolgten Juden unternommenen Schritte erstattet. Diesem Bericht -zufolge wurde an das. Auswärtige Amt ein Brief gerichtet, der Informationen über die ungarischen Judenmassakers sowie einett. Bericht über die in diesem Lande organisierten Pogrome enthielt. Ferner enthielt der Brief Einzelheiten über die in einem Komitat stattgefundenen Gewalttätigkeiten, bereu Resultat die Ermordung von 120 Juden war. Das Foreign Office wurde dringend ersucht, zugunsten der . von weiteren Massakers Bedrohten zu intervenieren und den britischen Kommissär aufzufordern, daß er eine Untersuchung über die erwähnten Massakers einleite, , um die verantwortlichen Personen der Bestrafung zuführen zu können. Die darauf erhaltene Antwort teilt mit, daß eine Kopie des Briefes des Joint Foreign Comnlittees dein britischen High- Gonunissioner in B u d a p e st übersendet worden ist. In derselben Sitzung berichtete Dr. Darches über die ernste Lage der 1 mgarischen Inden wie auch über die Ansschließnng der jüdischen Hörer von der Budapester Universität. Friedrich hofft auf eilten Bund der unterdrückten Nationen. Budapest, 27. Mai. (Nationalversammlung. Ung. Tel.-Korv.-Bnr.) Vor der Tagesordnung ergreift Abgeordneter Friedrich das Wort, um zur Frage der Unterzeichnung des Friedcnsvertrages zu sprechen. Dieses Instrument, meint Redner, wolle die Niederwerfung Ungarns vertragsmäßig festsetzen. Das Vertrauen, das man der Entente entgegenzubringen gedenke, sei nicht gerechtfertigt. In einigen Monaten werde die Entente zerfallen-und an ihrer Stelle werde der Bund der nieder-- getretenen Völker entstehen, der von den Deutschen bis zu den Arabern 150 bis 200 Millionen Menschen umfassen wird. Es sei Karolyis irrige Politik gewesen, sich dep Entente zuznwenden. Abgeordneter Ruppert sPartei der kleinen Land- Harte): Sie waren Karolyis Staatssekretär! Abgeordneter Friedrich: Ich war Karolyis Staatssekretär, als dieser vom König zmn Ministerpräsidenten ernannt worden ist. Während der Revolution habe ich Offizierskompagnien organisiert und habe eine Bewegung gegen Kürolyi nmchen wollen, doch habe ich keine Unterstützung gefunden. unter der Herrschaft Bbla Kuns ist die-angestrebte nationale Organisierung von der Entente, die übrigens Bela Kttn zu Friedensver- Handlungen aufgefordert hat, verhindert worden. Daß die Rumänen Uegarn überfluten und ausrauben durften, ist ebenfalls der Entente zrrzusprechen. Es ist ein Irrtum, daß man die Verhandlungen nichtweiter^hingezogen hat und sich nun zur Unterzeichnung des FrredensvectrageS bereit erklärt. Die ungarische Nation hat viele Fehler begangen: Den ersten, als sie die, Zustimmung zum Kriege gab, den zweiten, als sie den Krieg nicht rechtzeitig beendete, der dritte Fehler war das Zerschlagen des Bündnisses und der innere Zusammenbruch. . Abgeordneter Hnszar: Alle Defaitisten.müßten gehenkt werden. Abgeordneter Friedrich: Der Herr Abgeordnete Hnszar möge beruhigt sein. Auch bin der Ansicht, daß. die Defaitisten gehenkt werden' müßten. Abgeordneter Hnszar: Ich werde erst berriHigi fgn, wenn alle Defaitisten hängen werden, aber alle! Abgeordneter Friedri.ch: Der vierte Fehler'ist daß nlan nun den Fneöensvertrag unterzeichnen will, obwohl man iverß, daß er nicht eingehalten werden kann. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es wäre verhängnisvoll cnrf den Völkerbund 31t vertrauen. § Redner gibt schließlich der Hoffnung' Ausdruck, das; die Nationalversammlung den Fri,edensvertrag nicht ratifizieren werde. Die Negierung habe kein Recht, beu Friedensvertrag zu unterzeichnen. Sie vertrete nicht einmal Numpfungarn, geschweige denn das alte Ungarn. Tie öffentliche Meinung des Landes sei gegen di^ Unter* zcichrirmg des Friedensvertrages. Redner lege gegen die Unterzeichnung schärfste Verwahrung ein. Russen und anderen Nationalitäten bewohnt werden? Wie hat dieses verarmte Land mit den: entwerteten Golde sich die Munition und die sonstige Ausrüstung für seine Armee verschaffen können? Die englische Negierung hat den Polen eben allerlei Geschenke gemacht. DaS schlimmste an der Sache ist, daß auf dein Völker« bundvertrag die Tinte noch kaurn trocken ist, und schon wird er gebrochen. Der Oberste Rat kann sich nicht schärfer diskreditieren ulld die Geltung des Völkerbundes nicht ärger untergraben werden. DaS größte Bedürfnis der Welt ist jetzt die Wiederherstellung und Entwieflung der ProduktionösähigkeN Europas, die dringendste Notwendigkeit aber, den Obersten Rat durch den Völkerbundrat zu. ersetzen. Wenn, was nicht wahrscheinlich ist, diese Kampagne ASquiths Erfolg hat und die Aölkerbundidee durchdriug! dann wird vielleicht auch Oesterreich wieder in wirtschaftlich und politisch bessere Verhältnisse kommen — vorausgesetzt, daß auch in Oesterreich das geschieht, was Vernunft uad Geineinslnn voi^ jedem einzelnen verlangen.! Naul» von Akten über den weißen Terror. Aus . der gestern hier eingetroffenen Nummer her soziäldenwkratischen „N-epszcva" geht hervor, daß eine Hausdurchsuchung im Hanse dieses Blattes, die Samstag nachts stattfand, so gründlich durchgeführt wurdet daß die Schriftleitung und die BerwaltunL vollständigzerstört sind. D'.e berüchtigte Osztenburg-Abteftung entsandte, lvie her „Abend" meldet, etwa 900 Mann zur „Nepszava" in der Cqntigafse, wo die Horthy-Bu.bsn in geschlossenem Zuge aufmarschierten. Ein Teil dieser Bande drang in das Haus ein und erklärte, es Müßte eine HanZdurchsuchnng vorgenüWnettUverhen. Als Mßwand für die/Hausdurchsuchung gaben bie Leute an, die feister zeit au? Wien nach Budapest gekommenen Bvlschewiken.Ktern, Oiakosi und. ..Genossen, die im März verhaftet wurden, hätten vor ihrer Verhaftung in den Räumen der ,MestsMass^BefMchungen - ab gehalten. Der, Verlauf der Hausdurchsuchung war der in Ungarn jetzt übliche. Nachdem man dem, Führer der Bande die Schlüssel ausgefolgt hatte, stürzten die aus der Straße wartenden« bewaffneten Mitglieder des Osztenbnrg-Detachements in das Haus, schlugen in den Räumung der Schristleitung und Verwaltung alles kurz und klein und schleppten zahlreiche Gegenstände und Papiere weg. Nach dem Geschwinden der Banditen 'tauchte die Polizei auf. Sie betrachtete es als ihre Aufgabe, die Hausdurchsuchung fortzusetzen- und erstreckte hiebei ihre „Amtshandlung" auch'auf das Rech tss ch n tz b ur e a u, das der Pölizeirat " Dr. Kolöman Andreka öffuen ließ. Horthy/ließ nun bas Rechm^ schutzbureau der „Nepszava" erbrechen und von dort ungefähr 5000 Protokolle entfernen, in denen zahllose Opfer des Weißen Terrors und andere Personen die Greueltaten der Grachialtrnppen und der übrigen Anhänger der Horthh-Kultuv bezeugen. Durch die Aneignung der Protokolle ist die rmgarische -Regierung überdies in der Lage, alle Leute, die dem Rechtsschutz? burean Mitteilungen machten, jene, die dem Urteil der englischen Arbeiter Unterlagen verschaffen könnten, zu verhaften und so aus dem Gesichtskreis der Gäste zu beseitigen. Der Anfang ist bereits gemacht: Der Leiter des Rechtsschutzbnreäus Dr. Akos G y ö r i ist im Laufe des gestrigen Tages verhaftet worden. Gegen den ungarischen Terror. Prag, 27. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenztg.".). Der patlarueniarische Klub der tschechischer: Sozialdemokraten hat sich mit der. ung arischen Frage befaßt und beschlossen, dem Parlament folgende Entschließung vorzulegen, die vom Führer der Kafchaus« ungarischen Sozialdemokraten Josef 'Suranyi verfaßt wurde: „Die tschechische Nationalversammlung stellt fest, daß es im dringendsten Interesse des arbeitenden Kolkes der tschecho-slowakischen Republik liege, daß ein friedlicher Zustand mit Ungarn sobald als möglich wieder hergestellt ist, da beide Länder wirtschaftlich aufeinander angewiesen sind und der Friedenszustand von Millionen leidender'Menschen gewünscht wird. Mit der gegenwärtigen ungarischen Regierung, die ihre Macht nur durch des Terror behaupte» kann, ist es allevB di ngs unmöglich, Frieden zu schließen. Wir fordern daher die Nationalversammlung Md das ungst- Lische Volk auf, daß es seine gegenwärtige giernng stürze und cine Regierung einsetze, die fähig ist, die brüderliche Eintracht zwischen den beidev Nachbarländern herzustellen." - Neue Vnda^efter Märchen. Nihilisten gegen Offiziere. Nubapest, 27. Mai. (U. T- K- B.) In beit lchM Taceu sind,wie fcstgestellt worden ist,aus Debreeziy 15 Personen, angeblichMihilisteu, in Budapest echt« getroffen mit der Absicht, gegen Offiziere der Nationalarmce Attentate zu begehen. Bisher wurden fünf Vieser Personen verhaftet, die mit Messer und Dolchen latsächlicl' Offiziere verwundet hatten. MÜ Rücksicht .darauf wurden sämtliche Offiziere und Dffiziersaspi-' 'ranten stets Sciwngcwchre ünd Oievolver bei sich tragen. Pottlifche^Rwndschaü. Dls fozkclistifche Presse des Auslandes über die Beschlüsse von San Nemo. : Im Gegensatz zur sozialistischen Presse in-Oesterreich widmet die sozialistische Presse des Auslandes der Bedeutung der Beschlüsse von San Remo bezüglich Palästinas eingehende Erörterungen. So schreibt zum Beispiel „Lanferue" zur Palästina-Frage unter anderem: „Es ist unzweifelhaft, daß der Beschluß von San Nemo einen historischen Akt von hoher Bedeutung darstellt. Er bedeutet vor allem Gutmachung einer großen Ungerechtigkeit, des größten Unrechts, das die Geschichte kennt. Wieviel Unglück, wieviele beiden grausamster Art hat dieses jüdische Volk still ertwgen! Wie viele Jahrhunderte der Erniedrigung, der infamen, verwerflichen Gesetze und Nersündiaunoen aeaen Taniendt'. und Aber-