Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 477 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979555--04210-2989927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AK. 477 Wien, Freitas he§ Clemenceauschen MchMleZ anzunehmen. Der. Friedensvertrag ist nicht nur vom Gewissen der Welt vertzHrfest, ,ei ist durch harte Tatsachen umgesWHen worden. Er ist ein Flickwerk, bas jetzt fehlgeschlagen ist, und kein Mittel, nicht einmal das Ueberschwemmen deutscher Städte mit' Armeen halbwilder schwarzer Truppen wird ihn wieder aüfrichten. Wir müssen & ch lu ß wa che n mit Dieser Tragödie und von neuem anftrngen. Wir müssen 'tzurückkehren zu dem Ideal vor \ achtzehn DKrrawn,. dem Ideal eiueZ^ versöhnten und tmederausrrHtenden Europa, das nicht zur Rache und Ausbeutung, sondern zu gemeinsamer Rettung Zusammentritt. Emaneue Friedenskonferenz wust tommen. Tele^amM. Eine stürmische Szene iw -er französischen Kammer. Die Sozialisten gezen den Ehauvimsten Daudet. Paris, 19. Mai. Als L6on D a u d e t m der heutigen Kammersitzung seine Streistinterpellation begründete, wurde er fortgesetzt von den Sozialisten und einem Teil der Sozialistisch-Radikalen stürmisch unterbrochen. Die «Sozialisten riefen: M ö r d e r! Mörder! Cs , müsste Me Sitzung unterbrochen werden. Erst nach IV2 Stunden wurde, die Ätzung wieder eröffnet. \v' Pari», 20. Mal. (HavaZ.) Die Tumultstenkn in der xestrigrn Sitzung der Kammer während der Rede DaudclS kamen u« Ausbruch, als dieser die E. G. T. und-die Sozialisten .der zäußerstcu Linken beschuldigte, mit den Deutschen und den Bolsche-- wikenem.ständiges Komplott organisiert zu haben. - - Nach Wiederaufnahme der. Sitzung setzte-Daudet die Beßtfiiibuttfl seiner Znierpellation fort.- Er forderte die Regierung auf,: chre Strenge gegm die Agitatoren zu verdoppeln, wobei sie das, ganze -Land hinter-sich habe, -das.. in. Friede» leben wolle. Daudet bezog sich auf frühere Reden Driands, worin b efer erklärt hatte, der allgemeine Streik fei für das Volk ein Mittel zur legalen . Hefreiuyg.- , Brrand entgegnen und erklärte unter Anspielung auf den deutschen Staatsstreich, ss genüge, wenn die Arbeiterorganisationen-dem Nnle der Regierung Folge leisten, damit die Putschisten genötigt seien, ans ihren Plan-zu verzichten. B a u d r y d'A s s 0 n entwickelte daZ wahre soziale Programm und bezeichnete eS, als verbrecherische Demagogie, die Leitung der Unternehmungen immer wieder dem Arbeiterpersonal übertragen zu wollen. Redner trat schließlich für eine Verbrüderuug der Gesellschaftsnasse» ein. Millerand über die Verhandlungen in Hythe. Pttris, 89. Mai. sHavas.) Dem ^Oeuvre" zufolge erklärte Millerand gestern Prestrvertreterü ^gcnüber, tt werde vielleicht nar datin Erklärungen Über die Verhändlungeu von Hythe in der Kammer vbgeben, wenn Donar Law im Unterhaus darüber spreche. Die Verhandlungen wären zu verwickelt, als daß es klug fetz von ihnen öffentlich zu reden. / Statt der Finanzkonferenz in Trüffel erwartet Millerand emd internationale Uebereinkunst. Paris, 20.' Mai. „Petit Journal" meldet aus London! Nach der. Konferenz, von Hythe arbeiten die Finanzsachverständigen 91t dem' Entwurf eines praktischen Planes zur Durchführung der in Hythe aufgestellten Grundsätze. Es ist unrichtig, daß die Zahl Werfels „Troerinnen des Euripides". (Ztmr ersten Male aufgeiührt im Burgtheater am 29. Mai.) . ,-Den Tragischsten unter den Tragikern" nennt Aristoteles den Euripides und Lessing bestätigt das Urteil des antiken Philosophen. Eine Tragödie von großen Maßen, eine seelenvolle Elegie vom Schicksal der Unterlegenen,' ein Klagelied von grandioser Steigerung ist sein dramatisches Gedicht „Die Troerinnen". / Hekubabes .PriamuZ unselige Witwe, muß den Becher der Leiden bis zur Neige leeren. Der Bode der Sieger kündet ihr, daß sie zur Magd des verhaßten Odysseus bestimmt ist. Härtere Prüfung: Ihre geheiligte Töchter Kassandra, die unberührte Prresterin, wird Agamemnon als Freudenmädchen geschenkt. In ekstatischer Verzückung, Fackeln schwingend, tanzt sie einher, den Griechen Unheil kündend, und die Mutter muß sie in ihre Schande taumeln sehen. Gesteigerte Qual: Andrpmäche, ihres Heldensohnes Hekivr Gattin, wird an Hekuba vorübergeführt, dem Sohne Achills als WettgeNossin zugespvochen. Aus ihrem Munde erfährt die Greisin, daß ihre jüngste Tochter, Polyxene, am Grabs des Peliden als Tobenopfer geschlachtet ward. Der nächste Foltcrgrad: Anbvomaches'Kindlein, des großen Kektor Spwß, wird der Muttör genommen, Mn von Trojas Zinnen hinabgeschseudert zu werden. Mutter und Großmutter müssen das Teuerste dem Henker übergeben. Dann rasende Pein: . Helena, die verfluchte Bringerin aller Erniedrigung und Qual, triumphiert übtzv Hekuba und die Troerinnen. Sie betört Menetaus, de« betrogenen Gatten, der kam, um die Ungetreue zu strafen, höhnt mit gleißender 9-cde die Königinder sie 'fünfzig Söhne tötete, und führt schäkernd und trällernd den bezwungenen Manü in ihr Liebesjoch. ,rr. Eine Strecke lang linderes -Leiden: Hekuba darf das zerschmetterte Knäblein Im Schild« Hektars bergen, in Purpur kleiden und in Ehren bestatten, Dann aber der. Gipfel des tzammerb: Die Griechen schlendern Fackelbrände in die Stadt und die Königin sieht ihr Troja, sieht Prirms Knrg in Flammen vergehen. Sieht hört die. jubelnden. Mttst aus den Wiener MorgenZeitunA Der „Kluge Kaufmann“ inseriert mit Erfolg in unserer vom Sonntag den 23. d. M. mit der vom Sonntag den 23. d. M. mit der Spezialrubrik: Export-Import welche in bedeutemd verstärkter Auflage als Propaganda-Nummer erscheint . und in grosser Auflage nach Pol e n, Tschecho-Siowakei) Jugoslawien, Buikowina etc* etc« versendet wird. Normaler Tarif Inserate werden entgegengenoöimen: In unserer Administration,. II., Taborstrasse 1, sowie von allen Annoncenexpeditionen, ferner bei der zionisf. ESezirkssekfiört A8d@i*gründ, [X. Bez., Liechtensteinstrasse 11/13, täglich vor 3 bis 6 Uhr nachmittags. Auf Wunsch Details durch unsere Vertreter oder telephonisch (Nr. 44-0-38). «t von 120 Milliarden Goldmark, von der immer gesprochen wird, schon feststehe. Diese Zähl würde ein Kompromiß zwischen den englischen und französischen Vorschlägen bedeuten, und es sei wahrscheinlich, daß sie das Ergebnis der noch schwebenden Beratungen sein werde, aber als endgültig entschieden dürfe man 'sie derzeit noch nicht.betrachten. Die Festsetzung der Globalsumme bilde den ersten Beratungspunkt der Sachverständigen, und davon hänge ihr zweiter Beratungs- Punkt ab, nämlich die Ausgabe einer internationalen Anleihe, die sofortige Kapitalisierung der deutschen Entschädigung und die Zuweisung eines ansehnlichen Betrages der Anleihe an Deutschland zum wirtschaftlichen Wiederaufbau. Die Sachverständigen werden also nach Festsetzung der von Deutschland zu bezahlenden Globalsumme die Höhe der internationalen Anleihe und die Höhe des auf die Alliierten entfallenden Teiles fixieren,, aber all. jtur dfe,.. PossiMg Hür. die rtachsülgenhen Konferenzen der Alliierten. Man nehme -an, daß die internationale Anleihe die. wirtschaftlichen und finanziellen Interessen Europas einander näher bringen werde. Man glaubt, daß die betreffenden Vorschläge den Alliierten in Ostende schon vorliegen, daß aber die internatiowale Finanzkonferenz in Brüssel das letzte Wort haben werde. Die Vorgänge in Irland. Dublin» 30. Mai. (Reutrr.) Infolge des neuen Militärregimes, dem Irland unterstellt wurde, durchziehen zahlreiche Streilkorvs das Ber-land. ' ■ 1WWB—m: «I Rj » - »'"■ I tm Griechenschiffen, tvill' sich in die Flammen stürzen, reckt sich aber plötzlich auf, wirft das Haupt in den Nacken, schreitet an der Spitze der Frauen in die Sklaverei der Griechen und spricht (in Werfels. Nachdichtung): ' VuLi' Ihr alten zitternden Füße gehtden Weg, i ''! Wie er vor euch liegt,' denn hier ist nicht" mehr Ein Recht zum Tod. Seht her, so nehme ich Mein Leben an die Brust und trag'Z zu Ende! „ » 9hut zu den Schiffen! ' Dieser Ausgang vor allem regte Werfel — wie er in seinem Geleitwort mitteilt — zur Nachdichtung an, Er schreibt: „Der Dichter gibt dem Menschen nicht düs Recht zum Tod! Die Pflicht des Menschen ist, zu.leben! Und das Leben des Menschen ist die Pflicht. Pflicht aber ist der Trotz gegen die unmenschliche Schöpfung, Widerstand gegen die Natur, Glaube an das Mittlertum der Menschheit, die da ist, ihren Sinn der Welt zu leihen." Diese Tragödie und die unselige Hekuba mögen Iviederkehren, weil ihre Zeit gekommen ist. Aus dem Sturm und Drang des Jünglings schrieb Werfel die Einbegleitung im März '1914, also noch vor den: Kriege, ohne jene verdächtige Anzüglichkeit anderer dichtender Umstürzler. Und das von ihm neugeschaffene Gedicht istvor seinem umfangreichen Gedichtbuch „Der Gerichtstag" entstanden, die Verse sind noch;itm größten Teil verständlich, noch nicht von jener dithyrambischen Besessenheit und effektvoll aufgemachten Ueberspitztheit des Ausdrucks, die inzwischen Schule.'gemacht hat. Noch übertvlegt da§ schönheitstrunkene Spiel mit Rhythmen und Reinreu von erlesener Sprachkunst nach dem Muster etwa seiner Gedichte „Lächeln, Atmen, Schreiten" und „Fluch des Werkes" (der Wau der Kassandra-Rede insbesondere erinnert an diese beiden Gedichte), schon aber prerkt man's an m anchen Stellen, wie sehr dieser Hochsbegabte unter seiner Klugheit leidet . . . Für einzelne herrliche Stücke, so das unvergleichliche Ehorlud im vierten Auftritt, sei er besonders bedankt. Mancher Vers hingegen stürzt uns aus allen Himmeln. (So wenn Hekuba in ihrer auf höchstem Kothurn scheitendes Klage L.1l. KM hak: „U bin hin * . /teette r»; Einstellung der Operationen gegen die, z türkischen Rationalisten. , Parks» 20. Mai. (Fnnffprnch.) »Matin^ meldet aus Konstantinspcl, daß die türkische Regierung alle Operation« gegen die Nationalen an der Jsmid-Front wegen des Frieden-* Vertrages eingestellt habt. Nach Meldungen aus London, sind die dortigen politischen Kreise der Ansicht, daß in Syrien,^ Mesopotamien und Situiert keine Unruhen zn befürchte» seien,, wohl aber in den den Griechen zugesprochrnrn Gebieten, so daß England und Frankreich dir Griechen werden unterstützen «Spl Die BesatzungStrnppen bet Alliierten würden jedoch nicht abgezogen und der FriedenZvertraß um jeden Preis durchgefiihri werden. > H Die Verhandlungen der Solvjetdelegiekten in London. Schwierigkeiten bei den Handelsberatungen. Paris, 20. Mai. „Petit Journal" meldet aus Loildun: Die Verhandlungen der Delegierte» SowjettUßlünds mit deu^ Vertretern des englischen Handels beginnen Schwierigkerten zir zeigen. In offiziellen eugUschüt Kreisen äußer« man sich skeptisch über die Ergebnisse der Begegnung. Die russischen Vertreter erklärten, derzeit keinerlei Vorräte zur.AnSftchr verfügbar zu haben. Es .bleibe nur die Alternative^ anzunehmen, baß dies der Wahrheit entspreche oder daß' Nuhland seine Vorräte, zu behalten wünsche, Andererseits seien die Delegierten außerstande,. freu Industriellen,, mit Herren siein Hündclsverbiudnng zu , treten; wünschen, rrrrftliche Garantiert - zu bieten, Sie erklärten , zwar» im tÄpld zahlen zw'wollenaber bi» englischen Industriellen. bezweifeln, daß Sowjetrußland noch in Betracht koarmende 'Goldvorräte besitzt, und verlangen Austausch der Waren gegen Bezahlung in London, Zug um Zug ober Deponiernng des Geldbetrages iw einem .neutralen Lande oder Uebergabe auf einem englischen Kriegsschiff. Die Vertreter, Vochjetrußlands hätten alle diese Bottchläge als. beleidigend, zuruckgewiesen. - .;■ :: Die italienischen Streiks. ' Mailand, 20. Mai. (Korr.-Bur.) Der „Avanti" kündigt einen Generalstreik der Elektrizitätsarbritrr an, der wittschüftliche Ziele verfolge. In Pavona weigerten sich die Hafeüürbriter, ritten Dampfer mlt -Explosivstoffen zu beladen, da sie vermüMtt, däß diese für den Osten zum Kampfe gegen die Bolschewifett bestimmt seien. Nücktritt des LgyMschen Kabinetts. Amsterdam, 20. Mai. (Korr.-Bur.) Wie der Kotrespon« deut des „Temvs" aus Kairo meldet, ist der ägyptische Mittister-» Präsident aus Gesundheitsrücksichten zurückgetrcten. Es wird ein neues Kabinett gebildet werden. Der bolschetvrkische Einfall in Perfien. Teheran, 19. Mai. (Reuter.) Starke bpMewikische Streikräste sind am 18. Mai in der Nahe von E n s e l i an der Südküste des Kaspischen Meeres gelandet. In derselben Nacht wurden die Engländer gezwungen, Ensely zu räumen. .Die Sto'Ä wird dltrch bolschewistische Artillerie gedeckt. Madrid ohne Brot. Madrid» 19. Mai. (Havas.) Angesichts der hier berrschenben B r 0 t n 0 t veranstalteten die Fronen Madrids einm Umzug durch die Straßen der Stadt mit der Losung: .Wir wollen Brot!* Polizei verhinderte einige Versuche, Laden zu plündern: i Den nicht geglückten, schwer verständlichen Prolog der Buchausgabe hat Werfel durch einen neuen ersetzt^ der im Burgtheater gesprochen wird, aber freilich den Lntentiotren des Euripides nicht entspricht» weil' er symbolisch ist (die Erlösung der Menschheit durch die. Liebe ankündigt). Euripides aber hat'ist seinen Prologen, (die er bekantttlich m das Drama neu einführte), ein-,', fach den Inhalt vora.userzühlt, durch Gottheiten verkündigen lassen. Er konnte sich diese gefährliche Uethvbe dev vorigen Jrchaltsangabe leiste::. Denn, wie Lessing' gegenüber den Kritiker:: des Euripides bewundernd bemerkt, er durfte sich die Erschütterung der Hörer per-, spreche» „nicht sowohl von dem, was geschehen sollte,, als von der Art, wie es geschehen sollte. Dieser neue. Werfelschk, an sich sehr schöne Prolog ist berechnend und, stilwidrig Euripides kann aber nichts dagegen tun. Es war ein großer Abend des Burgtheaters. Völle Bewunderung für die Inszenierung, wenn auch Bühnenbild des Prologs die merktvürdi^ lim-, rahtnnng, ei:: auf die Spitze gestellter riesiger Rhöm- > bus, füglich wegbleiben dürfte. - > . Vier große Künstlerinnen: Bleibtreu, d e l s k h, M a y e r und Marder g, stritten siir di« Dichtung und siegten. Frau Medelsky als Kassandra bis zur Dämonie sich aufreckend, das edle Fräulein, Mayer als Audrontache von - verehruugswürdiger Hoheit, Fräulein Marberg als Helena, bezaubernd und iiberlegen. Alles überragend, Volk, Töchter,^ Krieger und Kulisfeu, ja gelegentlich die Dichtungselbst, die große Tragödin Bleibtreu, die wohl als Hekuba ihr^ Meisterwlle geschaffen hat. Von vrctallenenr Wohlklawg' und sorglich ab gestimmt die beiden Chöre, so d aß diese Tragödie wahrhaftig aus Musik chervorwüchst, ein wenicx störend die Starrheit der Konrparsqrie bei den./ein», z-eltten langen Szenen der Akteure, von. großartige.^ Wucht die Schlußszene. 'i Nach dem Spiel, bas mu das Publikun: große Anfordeeungen stellt» erscholl starker Betfalk. Mrselwiederholt vor der Rampe, erscheinen. ' > Otto Abele s. . '21. Mai 1920