Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 471 (15.5.1920)
- Date
- 1920-05-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979549--04155-2989866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i Seite 2 - Wien, Samstag > i~'.n ..<■ ,■» ... » ' Potttische^unLfchau. Konferenz der amerikanischen Zionisten.; Rew-Aork, 10. Mai. (Jüb. Korr.-Bur.) Zur Feier der Beschlüsse von San R c m o haben sich gestern die Vertreter der zionistischen Organisationen her Vereinigten Staaten Meiner außerordentlichen Konferenz in New-Aork versammelt. Die Konferenz, an »der 1000 Elegierte der zionistischen Organisationen aus allen Gebieten der Vereinigten Staaten/ Teilnahmen, ist in eine längere Tagung urngewandeit worden. vnd gestaltete sich zu einer ungeheuren Manifestation der ge-' samten amerikanischen Judenheit^ Die großen Feierlichkeiten sowie die darauffolgende spontane riesige Demonstration einer Million Juden in den Straßen New-Dorks löste überall unbeschreiblichen Jubel aus. Die Prozession zog durch die belebtesten Straßen - und Avenuen, aus allen Seiten von einem Fahnenmeer mit den Aufschriften: „Der Erlösungsrag ves südlichen Volkes" umgeben. Diesem jüdischen Massenkmzug schlossen sich ebenso spontan sämtliche, Juden, die während des Krieges irr der amerikanischen Armee und Marine gedient haben, an. In besonderen Reihen marschierten Soldaten und Offiziere der jüdischen Legion, dir nach-der Demobilisierung nach Amerika zurückkehrten. Die Tagung der amerikanischen Zionisten fand in de.rn Metropolitan Opera House statt. Den Vorsitz führte -Julius Mack, Richter im Federal High Court. Die Festreden wurden; vom Oberrichter,B randeis und Rabbi Stephen W i f e' gehalten. Sowohl diese als auch die anderen Redner besprachen die Probleme der für die praktische und politische Durchführung einer unverzüglich en Masfeneinwanderungnach Palästina erforderlichen Vorarbeiten.^ Mr. Nathan Straust, der zur Erinnerung an diesen, großen . Gedenktag eine Summe von 100.0000 Dollar für das Gesundheitsamt in Jerusalem spendete, war Gegenstand großer Ovationen^. Der greise Staatsmann drückte r ffekne überwältigende Freude aus, daß es ihm noch vergönnt war, in, seinen alten Tagen der Feier der jüdischen Erlösung Leizuwohnen. Der Appell von Stephen W i s e lind ' Mister Barondeß, dem Beispiel Strauß' zu folgen, ergab weitere '150.000 Dollar für denselben^Zweck, mit derausdrücklichen / Bestimmung, das Gesundheitsamt - der medizinischen - Fakultät der bald zu errichtenden hebräischen Universität -in Jerusalem anzugliedern. t An der Konferenz nahmen auch als Gäste. die gegenwärtig in Amerika lebenden Vertreter einzelner jüdischer Organisationen Ost- ' und Mitteleuropas teil. Unzählige Be-. grüßungstelegraürme ans der, ganzen Welt liefen bei der Konferenz ein. Die Konvention, faßte eine überaus herzliche D an kre so lu ti o n für Großbritannien und gedachte mit besonderem Lobe der Verdienste her amerikanischen Negierung und ihrer Friedensde'legation, namentlich des Obersten Hon se, um den jetzigen Sieg des jüdischen Volkes. Der Konvention wa-r unter-anderem folgendes Telegramm, des englischen Mtnisterpräsidenten Lloyd George 'zugegangen: „Die Ratifizierung der Balfo«r»D'eklaration durch den Obersten Rat und die Übertragung des Manda trs über Palästina an Großbritannien be- ' deutet eine« großen Triumph für den Fortschritt der Pdisch.'u Sache. Ich zweifle nicht daran, daß die Juden der ganzen Welt mit Großbritannien zusanisirvnarbetten .verdcn, um Palästina nicht nur zum glücklichen Heim : für die Inden, sondern zum Lande der Freiheit und d-s Wohlstandes auch für alle anderen (Hin» wohncr zu machen. Lloyd George." Der englische Gesandte in New-Aork, Sir Aucklanb. Ged des, telegraphierte: „Ich bedäure lebhaft, daß ich Verhindert bin, an Ihrem "Kongreß teilzunehmen. Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg und. schließe mich Ihren Gebeten und Hoffnungen an. Möge das jüdische Volk in Palästina das Heim und Kulturzentrum finden, nach dem es so ^nge gestrebt hat!" - Die Einwandererfrage In Amerika. Die Negierungskommission zur Untersuchitng der smerikan sicher Einwanderungsverhältnisse hat in der Oeffentlichkeit erklärt, daß in Amerika nicht weniger äks vier Millionen fremder Arbeiter fehlen. Daran knüpft das New-Norker „Morg enjosirnal" folgende Bemerkungen: Der Mangel an Arbeitskräften hat in Amerika einen für die wirtschaftliche Zukunst des Landes bedrohlichen Grad erreicht. Seit Abschluß des Waffenstillstandes sind aus Amerika mehr als eine Million fremder Arbeiter ausgewandert und Millionen sind zur Auswanderung bereit. Ihre Arbeitsplätze sind nicht besetzt, weil die Zahl der neuen' Einwanderer bisher verschwindend klein ist. Im nächsten Jahr werden" wohl,, -twa 360.000 Einwanderer erwartet; doch die Auswanderung dürste ein Vielfaches betragen. ' x Die Gründe dieser' Erscheinung liegen im - Mangel 'ntt Arbeitskräften in Europa, auch in patriotischen Tendenzen, welche viele Polen, Tschechen, Slowaken, Finnen und andere in ihre befreite Heimat ziehen. Aber auch die Zustande in Amerika selbst, die steigende Teuerung, die Hetze und die Vexatiönen, unter denen Fremde jetzt stark zu leiden haben, besonders aber der noch immer herrschende Kriegszustand mit seinen Kriegsgesetzen, fördern die Auswanderung aus Amerika; hofft doch der Auswanderer, in seiner Heimat Freiheit, Toleranz, Arbeit und 150 Mark für einen Dollar zu haben. Je stärker die Fremdenhetzo wird, desto größer wird der Mangel an fremden Arbeitshänden in unseren Industrien lind während die Zahl der Arbeiter durch die Auswande-- Wiener Mvrgeuzeirung tl Jüdische Frauen Wiens!! Sonntag den 16. Mai 1920, iolJhr vorm.» findet im Grossen Konzerthaussaal eine Frauenversammlung statt, bei welcher Herr Dr. S chmarjahu Lewin, London, Mitglied des E.A.C, :: sprechen, wird* Zionistisches Landes&omiiee Frauenreferat: . Lotte Kempler Anitta Müller Karten äK 10.—, 5.—,3.— und 2.— im zionistischen Landes** Komitee» st.» Zirkusgasse 33, Soziale Hilfsgetneinschaft, 11., Prattrstassc 17 und R. Löwit, 1., Rothenturmstr&sse 22. - wtmMK&KmaKmBmt&mmßmmmmmuammmmmmmmmmmmm rung Von Tag zu Tag kleiner wird, steigt die Nachfrage . nach Arbeitskräften immer mehr. »Vor allem ist die Produktion gesteigert, da die 'ganze Sgßelt die amerikanischen Produkte braucht. Dazu kommt auch die Verkürzung der Arbeitszeit, welche eine Vergrößerung' der. Arbeiterzahl erfordet. Dieser Zustand bildet "ein ernstes Problem für .Amerika.Die vier Millionen fremder Arbeiter, welche heute der amerikanischen ^Jndust^ie, fehlen, sind eine ' der Hauptursachen der Teuerung' und ' damit der sozialen Unruhe, welche alle Schichten der Bevölkerung ergriffen hat. - Hier ist nur eine Hilfe Möglich: freie Einwanderung nach, Är^lerika! Die Tore Amerikas -müssen jedem Fremden, der hinkommen will» um zu arbeiten, offen stehen. Das Verhältnis zwischen Emigration und Immigration muß wieder Ausgeglichen werden. - Auswanderung .ist schon für ein Industrieland,. wie es Amerika ist,, ein Unglück, llsmsymehr muß - das Richtige getan werden, um die Einwanderung, welche das Land braucht, hinzuleiten. Die Tore Amerikas Mssen offen sein! Wer sich Patriot nennt und die Fremden von dem Gestade Amerikas fernhalten will, schädigt das Land, dem er z.u dienen glaubt. _ Bildung eltter tschechischen Koalitionsregierung. Sämtliche tschechischen Parteien haben sich entschlossen, eine gemeinsame Koalitionsregierung zu bilden. In der nationalsozialistischen Partei wurde ein Beschluß ist diesem Sinne mit nur viet-Srimmen Majorität geiaht. Heute werden die Raüvnaldemokraten mit Tular über die Bedingungen ihres Beschlusses verhandeln. Professor E n g l i s ch wird das Finanzrefsort aM eigene Verantwortung. ohne Engagement der Partei, übernehmen. Matzuahmen gegen Irland. -Aus London wird 'berichtet: England hat. wichtige -Maßnahmen getroffen, um der Lage in Irland die Spitze zu bieten. Bonar Law hat sie gestern im Unterhaus angekündigt» Die heuti2en -Zeitungen sind voll von Telegrammen aus Irland über die von den Sinnfetnern im ganzen Bereiche dÄ Ansel begangenen Untaten und melden mene Brandlegungen in Kasernen und Gendarmerieposten, Einbrüche in Steuerärntern, Entwendung und.Vernichtung von fiskalischen Dokumenten, um in die britische Verwaltung Verwirrung zsi bringen.Die in. der. letzten,Nacht von bewaffneten und maskierten Banden begangenen neuen. Missetaten rechtfertigen vollkommen die-von Bonar Lato angekün^igteri, überaus bedeutsamen' Maßregeln. Noch niemals wurden in Irland so zahlreiche Untaten . Schlag auf Schlag begangen.,Die von den Sinnseinern befolgte Taktik ist sehr methodisch und sehr verwegen. Sie. schuerden zunächst alle DelephÜn- und Telegraphenlinien crb und untersagen dann jedell Vermehr von Fußgängern an den Stellen, wo sie operieren wollen.; - AusL o'ndou wi d ccm de'^bi .Sin^ei.l t hätten auf die Maßregel der Regierung, die dem General Mae Ready die Verwendung von Truppen statt ^de.r Polizei' zur Unterdrückung -der aufständischen Bewegung gestattete, sogleich mit einem neuen Angriff geantwortet. Dw Aemterin Belfast und Londondepryseien ihr An- . grisfsziel gewcfen. Register undamtliche Dokumente, die den .Sinnfeinern in die Hände fielen, seien zerstört worden; desgleichen Mobiliar. . Der Postzug von Pork Nach Middletou wurde angehallen. Der Vizekönig 'von' Irland, Lord FreNch, ist gestern abends in London einge troffen. und hatte mit Bonar ^aw eine längere Unterredung. -, . ~- AngeVlicheWidersprüchezmi-chenden Friedens- Verträgen mit Oesterreich und mit Angarn. " Die! „Wiener Mittagszeitung" hatte vor einigen Tagen gemeldet, daß nach ihren Informationen der F.iedensvLrtrall mit UügWtt einige Best'mmungen enthalte. dir hivs'chtlich her P:rforgung Oesterreichs mit Lebensmitteln, mit dem Vertrage von Saint-Germain .in Widerspruch stehen. Hiezu erfährt düs Tel.-Korr.-Bureau an - zuständiger Stelle, daß diese Meldung den T a t s ä ch e n n i ch tg a n z e n ^s p r i ch t. Die Ungarn vorLelegtzen Ariedensbedingungen enthalten keinerlei Modifizierung des Saint-Germaiuer Friedensvertrages zum Schaden Oesterreichs, sondern die Ungarn letzthin überreichte» Bedingungen knüpfen bloß einen 5komme;i;tur an die BersügunLen des Saint-Germainer Vertrages und enthalten in dieser Beziehung gewisse Durchführttn^süestimmnngen für die Arr der praktischen Anwendung, des öfterre.ichischeu Friedensverttages^ 15. Mai 1920 str. 47tz Inland. Dte Erhöhung der Mehl« und Brot« ratton. Ben unfereut PaelamEntsterichterstatter, ' Die Nationalversammlung hat gestern zunächst, di« Re» gierungsvorlage, betreffend die Entrichtung einer Abgabe von Spielen in öffentlichen Lokalen zur Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Kriegcrwitwen und Kriegerwatsen (Spielabgabengesrtz), in zweiter und dritter Lesung nach dem Referate des Abgeordneten Fischer angenommen. J .. Hierauf wurde die Spezialdebatte über die Budgetkap.M: Land- und Forsttvirtschaft. und Volksernährung fortgesetzt. Staatssekretär für Volksernährung Dr. Loewenfeld» Ruß sprach die Hoffnung aus, daß £3 mit Hilfe der zu gewärtigenden ausländischen Lebensmittel möglich sein wird, die gekü,rzten Rationen wieder auf das alte Ausm aß zu erhö hen, insbesondere daß wir noch im Mai die Mehlration auf die normale Höhe werden" sehen können (Beifall), ferner, -aß es im Juni ^auch möglich fern wird, die Brotration zu erhöhen. Die Entscheidung über eine Anregung, statt der erhöhten Brot-, ration eine Erhöhung der M e h l r a t i 0 tt auf 8/4 K110gramM 'wöchentlich eintreten zu lassen, ist noch nicht gefallen. Jedenfalls werden wir in der Nächsten Zeit mit einer gewissen Besserung unserer LebenSverhältnisfe rechnen 'können, insbesondere wenn die Der-. Handlungen über die Lieferung anderer Lebensmittel zu greifbaren..Resultaten gekommen sein werden. Mit, dern amerikanischen Mehl werden wir bis in den Oktober hinein reichen. Daß wir nach Erschöpfung der Kredite etwa wieder von charitativen Gaben leben- und die Ernährung der Bevölkerung auf die Dollarpakete aufbauen, ist aber doch ausgeschlossen. Wir müssen trachten, von den . .. Wohltätigkeitsaktionen, die schließlich' auch den Stolz der Bevölkerung untergrab««, los zu kommen. Wir müssen also unbedingt Vorsorge für die Zeit-nach dem Oktober, treffen, Und trachten daher schon heute, uns Lebensmittel aus denjenigen Gebieten zu sichern, die uns früher Lebensmittel. geliefert haben, insbesondere aus dem Oste«. In nächster Zeit wetden wir mit Jugoslawien in neue Verhandlungen eintteten, auch mit Rumänien sind Verhandlungen angeknüpft, in Bulgarien haben wir 20.000 Tonnen Mais gekauft und verhandeln über die Lieferung weiterer Mengen Mais. Wir. hoffen, aus Ungarn Heuer größere Mengen Gemüse oder Obst zu erhalten und aus P0ren Eier und 'Kart0ffeln sicherzüstellen.. Wir, die. nicht.Selbstversorger.sind, können heute im besten Falle drei Monate von der östeHrei chischeü Ernte leben. Die Aufbringung im heurigen Jahre betrug 110.000 Tonnen Getreide-bas heißt 100.000 Tonnen Mehl, toüinji: unser Bedarf für. 63 Tage gedeckt war. * . Der Staatssekretär kündigte dann für die nächste Zeit die Einbringung einer mit den-Vertretern der Landwirtschaft besprochenen G e t c e i d e ko n ting entierung an. Der Ernährungsdienst habe, am meisten unter der Allgemeinen Unmoral > zu leiden, die Wucher;ünd Gchlcichhanvel herborge^vacht haben. In den letzten Monat«: wurden tu Wien 300.000 gefälschte Brotkarten \ | eingezogen. (Hört! Hört!-Rufe.) Im letzten Jahre wurden während des Transportes? . 590.000 Kilogramm^ Stufe* gestohlen, woran der Schleichhandel dielleicht 60 Millionen Kronen verdient hat. Auf dem Gebiet« der Wirtschaft ist unbedingte Einheitlichkeit. in Gesetzgebung und Verwaltung notwendig, ldüs Gegenteil wäre ein Unglück, nicht nur für den heutigen Tag, sondern auch für den kÜnfiiglm Bmedesstaat. | Es sprach hjerauf Abgeordneter Wimmer, welcher in f einer Polemik Hegen die sozialdemokratischen Redner auf dis Teuerung der Jndustrieartikel hinwies, unter welcher de« Basier, zü leiden^^ habe,während er selbst für feine Produkh ' die niedrigen Höchstpreise erhalte. 1 i Staatssekreüir für Land- und Forstwirtschaft Stöckle» bezeichnet die Sonberbestrebungen der Länder als Hemmschuh für die Agracrefotm und trat für den Ausbau des landlvirtfchaftltchen Genossenschaftswesens ein.; In weiteren Verlauf der. Debatte sprachen dte Abgeordneten Ho'sch, S traffuer, Schneidmabl,. Frau Rau.s.cher, Jutz, Ditz.an.y, Buchinger, Dretschneider und Lut?enberger. Die Debatte drehte sich hauptsächlich um die Frage der Aufhebung der Zwangswirtschaft, die Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiter, den Schleichhandel mit landwirtschaftlichen Produkten. , Der Sozialdemokrat Abram verlangte, baß die eingeführten Lebensmittel, auch wenn die frefe Wirtschaft wieder eingefi'chrt werden sollte, den Konsumentenorganisationen unter' Ausschaltung des Zwischenhandels zur Verteilung zuzuweisen seien. Nachdem die Berichterstatter auf bas Schlußwort verzichtet hatten, wurden die beiden in Verhandlung stehenden Bnd getka,pitel samt einem Antrag auf Errichtung einer Lehranstalt für Milchwirtschaft angenommen. Nächste Sitzung: Heute, 10 Uhr vormittags. Minister Patek in Wien. , Rv«, u. Mai. Der polnische Minister deS Äeußern ki» gestern von Rom abgereist und trifft auf seiner Reise nach Warschau heute abendin W i t n ein. Samstag mittags fetzt er feine Reffe nach Warschau fort.