Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 460 (4.5.1920)
- Date
- 1920-05-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Söiciier 3tt0?geu3tümtg Atai 1920 Wien,. D rens lag Seile 2 9tr. 460 iKVi einev Besorgnis sei nicht der geringste m Anlaß. Es sei.' wohl bedauerlich, daß ,nun eine oder mehrere der so segensreichen Ärbcitsarmccn tvieder in Kriegsarmeen nmgestaltct tverden müssen, jedoch dürfte die Unterbrechung der, nutzbringenden Arbeit nicht von langer Dauer sein. ' - Moskau, 3. Mai. ■■ (Fünkspruch.) Die. Sow^etregiernngcn N n ß l a n d s und der U kra i ne haben eineg von allen PolMommissären Unterzeichneten Aufruf erlassen, worin unter anderem ansgeführt wird, daß der Krieg gegen Polen ein rcch'mäßigLr'VerteiLi g u N.gska m p s gegen den Versuch g e g e n t c v o l u't t o n äre r Unterdrück nng sei. Auch näch der Vernichtung der Pilsudskischen Streitkräfte werde die Unabhängigkeit Polens für Rußland Und die Ukraine u na ntastba r sein. Die Feinde dev Freiheit seien nicht die polnischen Arbeiten und Bauern, sondern der polnische Adel und das polnische Bürger turn, gegen die nun der V e r n i ch t « n g S k a m p f" entbrenne. Die Japaner besetzen Alexandrowsk. Moskau, 3. Mai. (Funkspruch.) Am 22. April sind im Hafen von Alexandrowsk auf Sachalin japanische, Kreuzer eingelcmfen, deren Kommandant .erklärte, keinerlei kriegerische Absichteil zu haben, sondern sich.Nur um das Schicksal der dort wohnenden Japaner zu erkundigen. Sogleich nachher.jedoch landeten die Japaner Truppen und bemächtigten sich der Stadt und der Radiostation. ' Am 24. April telegraphierten sie an den Sowjet von Ostsiblrien, daß sie Alexandrowsk bis auf die Grundmauern zerstören würden, wenn den japanischen Militär- und Zivilgefangeneil etwas zuleide geschähe. Der Sowjet von Ostsibirien antwortete, daß die Gefangenen von keinerlei Gefahr bedroht seien. PoliLische^undschM. Die Verurteilung Iabothnskis und der 19 Selbftwehrmanner in» Jerusalem. Wie das Jüdische Korr.-Bur. berichtet, wurden außer Wladimir I a b o t y n s k i der zu 15 Jahren- Gefängnis verurteilt wurde, noch 19 Mitglieder des jüdischen Selbstschutzes in Jerusalem zu drei Jahren Gefängnis.verurteilt. Die 20 Angeklagten werden beschuldigt: 1. Des Besitzes von 3 Gewehren, 2 Revolvern und 250 Patronen: ' " ' ' 2. des Besitzes von Waffen (2 Gewehren und 230 Patronen), kvelche der Regierung gehörten;, V 3. die gesetzlich vorgedruckte Anmeldung von in ihrem Besitz befindlichen Waffen, wissentlich unterlassen zu. haben. Der Prozeß fand im Hause des Militärgöudernenrs von Jerusalem statt. Richter war Major Keys, die Verteidigung hatten Dr. Feldmann Lnd Dr. Eliafch übernommen. - , '• Wie die „Times" aus Jerusalem berichten, ist Jabo- Lynski zusarnmen mit dRr "übrigen 19 Verurteilten am 25. April -nach Aegypten gebracht worden. Sie werden als politische Häftling-, behandelt und sind daher nicht gezwungen. Sträflingskleider zu tragen. Der „Times"-Korrespondent berichtet weiters, daß er sowohl von Generäl B o l s, dem militärischen Administrator Palästinas- Colonel M i n e r s a g o n, dem obersten pöltischen Offizier, und von General Store s, . dem Gouverneur von Jerusalem, keine genauen Aufklärungen über die Vorgänge in Jerusalem erhalten konnte. Sie motivierten ihre Weigerung damit, daß die UnLersuchungskommission mitten in der. Arbeit sei und die bisherigen -Ergebnisse noch nicht mitgeteilt werden können. Nur General Bols erklärte, er sei dazu da, hie Politik, dev .englischen Regierung durchzuführen, und werde dies auch bis in die letzten Konsequenzen tun. Die Wahlen in den tfchecho-slowakischerr Senat. Prag, 3. Mai. (Tschecho-slow. Preß-Dur,) Die Zentralwahlkormnission hielt heute vormittags im. Mimsterium des Innern eine Sitzung ab, in der das z w e i 1 e unddritte Skrutininm für die Senatstvahlen vorgeuonnnen wurden. Beim zweiten und dritten Skrütmium wurden 43 Mandate besetzt. . Es' entfallen nunmehr im ganzen auf die tschechischen Sozialdemokraten 41 Mandate, auf die republikanische Partei des flachen Landes (Agrarier) 14, aus die nationale Bauernpartei in der Slowakei 6, auf' die katholische Dolksvartei 18, auf die tschechischen Nalionasloziälrsten 10, auf die Nationaldemokräten 10, auf die Ge« werbe- und Mittelslandspartei 3 Mandate. - Die von den tschechischen Parteien besitzen also im Senat insgesamt 102 Mandate. Bon den deutschen. Parteien'erhielten die deutschen Sozialdemokraten 16. Bund der' Landwirte 6,' die deutsche Wahlgememsch'afr 8, die Chriftlichsoüalcn und die' deutschdemokratlsche Freihettspartcr je 3 Mandate. Die deutschen Parteien Haben, daher »m Senat im ganzen 37 Mandate. Bon den magyarischen Parteien erhielten die Christlichsozialen 2 Mandate und die magyarische Bauernpartei 1 Mandat, so daß die magyarischen Parteien im ganzen Z Mandate baden. Es wurden somit int ganzen 142 Mandate beseht. Der Rest von 8 Mandaten ist dem Teschener Gebiet und Karpathenrußland mit je 4 Mandates Vorbehalten. , / _ Die Lage iy Irland. Haag» 3. Mai. (Tel.-Komp.) Die Nachrichten aus.Irland' lauten sehr ernst. Die,/.Sundey Times" melden: Dir meisten Engländer, die.es sich leisten können, reisen aus Irland.ab. weil die^NesierWg außer st.ande. ist, ihre Sicherheit zu verbürge». . . Der Fall Löw. Ems Erklärung des „Algemeen Handelsbiad". , Äubapest, 2. Mai. (Privat.) Der Reichsvcrweser Hvrthy hat gestern folgendes Telegramm aps Amsterdam erhalten: s „Der^Oberrqbbiner von Aprsterdam fühlt sich verpflichtet, in der Mgelegenhoit des SzeMinet Oberrabbiners Dr. Lötv die Aufmer'samkeit Eurer- Exzellenz auf den Artikel des „Algemeen Hände l sb l a d" vom 29. April zu lenken. ■ Die Redaktion erklärt dort, daß Holossy, desf.'n Auftreten an die Manieren eijtös Agent provo-^ , eateur erinnere,, vom. „HandelSblad", dessen Korrespondent er war, so fort entlass en ward e, sobaldsie erkannte,, er könne „rech ts und link s" sch r e ich e n, je nachdem das Staatsoberhaupt K a-. ,r o lyi- oder Bela Kun, Friedrich oder Ho rthy ' hieß. - ' Jm . [f Der Oberrabbiner glaubt Ihre Ansinerlfamkeit daraus lenken, zu müssen, daß der Zeuge H o l ossy nach den ausführlichen Darlegungen des „Handelsblad" völlig un z uverläs s-ig erscheint, und bittet Eure Exzellenz, die zuständigen Stellen darauf hinzuweisen., - Ondcrwyzer, Oberrabbiner. Eine holländische Charakteristik des ungarischen Lockspitzels Holöffy. Das „Atgemeen Handelsblad", das uns nunmehr vorliegt, veröffentlicht in seiner Nummer ..vom 29. April l. I. unter, dem Titel '„Das Handelsblad und der Oberrabbiner Löw" einen . längeren Artikel über die- Schuftereien des bei der Wiener ung.aris check Gesandtschaft tätigen Locksp'tzelH Holossy. Das Blatt reprodu'iert den von Halcssy - im „Nemzrt .Ujsckg" verö.'fentlichten Lügen- - artikel und sagt sodann : / „Dieser Artikel nun -ist' von dem Ungar Holossy verfaßt, der uns,der Redaktion des „Handetsblad" wohlbekannt ist. Dstser UngarHolossy ist einer der beiden „neutralen Journalisten"' gewesen, die die Unterredung' mit Dr. Löw hatten: Er als Vertreter der „Tyd" und des „Maasbode^, begleitet von unserem Mitarbeiter Nypels, derl da er kein Ungarisch versteht, wahrscheinlich Wert daraus gelegt hat, während 'sMes^-ÄufeirthälMiit Uchäkn einen Dolmetsch zu seiner Verfügung zu habewi ' - Der- Herr-NyPM hat/, dies muß ausdrücklich kon- . statiert werden, dem >,Handelsblad" noch kein Wort über das Interview, - gemeldet-i-weder telegraph'sch noch schriftlich. Weder .als ArtW zur^DerösftnjMung noch in einem Schreiben zur Jnsyrmatiock. Dies'steht volli ständig in Uebereinstimmung mit seiner Gewohnheit, das von ihm, gesammelte - Mä'terial erst nach ferner .Rückkehr in fein Vaterland.'.zu verarbeiten. Aber der ungarische Hech Holossy verarbeitet das Gespräch mit dem. Oberrabbiner nicht , für einen Artikel in einer der niederländischen Zeitungen, als derer: Korrespondent er austritt, sondern , für eine sensationelle Anklage in ungarischen Regierungsorganen. Und ep geht dabei so raffiniert zu Werke, haß er dem Publikum ein Rätsel aufgibt, wer. vor;, den beiden „neutralen" Journalisten eigentlich s in Gewährsmann ist: Holcssy selbst oder Nypels. Diese. absichtliche Irreführung ' wagte/ er -- dieses journalistische Phänomen Holossy, das-Holossy interviewt — soweit zu treiben, daß er, der Ungar, sich selbst einen ...Fremden nennt. - Dieses falsche Auftreten erinnert nur' allzu sehr an die Manier eines Agent provocateur. Und wir, bict ihn keuuen, zögern keinen Augenblick, zu sagen, daß' Dr. Löw und Nypels von dem Herrn Holossy düpiert würden. Der edle Herr Holossy war einige Monate lang Korrespondent des „Hardelskl d" in Ungarn. Wir Katzen ihn entlassen, sobald uns.deutlich war, daß .er links und rechts schreiben konnte. Je nachdem das Staatsoberhaupt Karolhi, Bela. Kun, Friedrich oder Horthy hieß. 7 ' Das istder Herr H'oliossh, der Edelmann, der, unter der Flagge unseres Mitarbeiters Nypels segelnd, .einen alte^ Rabbiner ins Gefängnis bringt. Wir legen Mrt daraus, daß mach in Ungarn, wisse-, baß dieser Herr nicht mehr in unserem Dienst ist, schon seit Beginn 1920. nicht mehr. Wir müssen abwarten, was Herr Nypels uns, über das Verhalten Dr. Löws mitteilt: Ob der Oberrabbiner, de^ wußte', daß er Journalisten ein Interview, gab -^-.unsere Mitarbeiter find Nicht daran gewöhnt,. ihre Eigenschaftzu verschweigen — sich in der Tatso .außerordentlich unvorsichtig ausgelassen hat. Eine derartige Unvorsichtigkeit des Ausdruckes - grenzt in . Ungarn an .Sechstmord -und. was noch ärger ist, an Mord an änderen: das Herausbeschwören von Pogromen. i Man.kann aber scho.n jetzt, ryit absoluter Sicherheit feststellen, daß die schmutzige Rolle in dieser traurigen Sache -von -dem sich „Journalist" nennenden Herrn Holossy' gespielt wurde. ' So weit das holländische Bckttr. Die ungarischen . Journalisten in Wien könnten von. diesem „Eh.rennränn" viel Erbauliches erzählen, der^ jetzt als Kronzeuge bei Horthy-Banden austritt und Lockspitzel für ausländische Journalisten in Wien ist. Es. wirh uns erzählt,, daß > sich Holossy vor einigen Machen als Spitzel in War. schau hermntrieb und von der polnischen Regierung veranlaßt wurde, rasch daä7polnische Gebiet zu verlassen. Jetzt treibt sich dieses Individuum Noch immer üubehälligt in Wien herum. ' ' > Ntzpels über den tveiße» Terror. Der holländische Journalist Georg Nypels, bekanntlich mit dem getauften Juden Alexander Halo H y während des angeblichen Interviews beim Ober« rabbiner Immanuel Löw anwesend war und der jetzt -von den christlichnatiönrlen Blättcirn als Kkünzeuge gegen Dr, Löw ausgespielt wird, ist in Wien ackge« kommen und hat gegenüber - dem- Berichterstatter des „Az Ember" sehr wichtige Feststellungen gemacht-. Nypels erklärte zunächst sämtliche im ^Ncmzeti Uj sa g" und „Uj. Ne m zedek" erschienenen,. ihm . inden Mund gelegten Aeußerrmgen fürapokryph; ebenso entschieden fälsch und w i l l k ü r l t ch sind ö ie Erklärungen, die i.h m v o m' u n g a r i s ch e n a m V 4ichen Korrespo nd^uzbureau zugefchrieben wurden. „Eine Lüge ist es -- erklärt Herr Nypels..--« daß ich, wie „Nemzeft Ujsag" behauptet, erklärt hätte, es gebe-in Ungarn keinen Weißen Terror. Was- W in Ungarn erfahren, -gesehen und besonders gehört habe, hat in"mir die felsense'ste Ueb>er Zeugung gereist, daß in Ungarn ja wohl-der weiße Terror herrscht/ Unwahr ist es auch', daß ich in der Lage, wäre, zu bezeugen, daß Ober«< rabbiner Dr. Löw die verstümmelte Leiche des Stephan Müller n i ch t g e s e h en h a b e n ko n n t e. Das-Habe ich wedere-dem Holossy noch jemandem anderen gesagt, denn es war im Äegenteil wohl möglich, dip Leiches zu sehen."; - - Als ein psychologisch wichtiges Moment - zur Affäre.des Dr. Immanuel Löw wird mitgeteilt, daß der Fall des Ingeniaürs Stephan Müller den greisen Oberrabbiner so sehr erschütterte, Paß er nach! der Begräbniszeremo^ie, die er beim Leichenbegängt» nisse des Müller vorgenommen hatte, ohnmächtig zu-« > sammenftürzte und nach Hause gebracht werden mußte und mehrere Tage in hohem Fieber krank darniederlag« In den Keller» des Budapester Systems; Foltev ttftfc Grptcffttitg. t : 7 Die Zustände in Uhgarn sind derart grauenhaft geworden, daß es einer an Dantes „Inferno" geschulten Phantasie bedarf,, um sich die Entsetzlichen Gewalttaten auszumalen, die fortgesetzt und unter der stillschweigenden Duldung der verantwortlichen ungarischen Behördey an unschuldigen Menschen verübt werden. Man würde es nicht für möglich, hatten und alle hierauf bezüglichen . Nachrichten als bloße sensationelle Uebertreibungen anzusehen geneigt sein, wenn nicht immer neue, völlig tut« zweifelhafte Belege dufür erbracht würden, was alles unter der Schreckensherrschaft der Horthy-Garden in einem Lunde möglich ist, das aus seine Kutturhöhe. so stolz, war. Die Studienreise der beiden italienischen.' Sozialisten, auf welche alle freisinnigen Elemente ohne - Unterschied der Parterschattierung so große Hoffnungen setzten, kann schon jetzt als ergebnislos bezeichnet werden. Die beiden Vertreter des italienischen Proletariats hatten keine rechte Möglichkeit, sich von dem wahren Stande der Dinge zu überzeugen« Denn ein wohlberechnetes System von Liebenswürdigkeiten und geheucheltem Entgegenkommen sorgte dafür, daß di«' fremden Gäste nicht einmal die Möglichkeit hatten, mii einem ungarischen Parteigenossen unter vier Augen p> sprechen, und ihr Programm wurde derart bemessen daß es an höflichen Einladungen, die ihren ganzen Dag in Anspruch nahmen,. nup so regnete, fa daß ihnen für ihre eigentliche Aufgabe, die Situation. selbständig zu studieren, beim besten Willen nicht einmal Zeit blieb.. Als sie dann allzu neugierig wurdest) ließ sie die Regierung rasch über die Grenze, komplimentieren. ■ Unterdessen geht das Terrorsystem ungehindert weiter. Ueber das. Treiben der jetzigen herrschenden Gewalten. erhalten wir von einem sicheren Gewährsmann ( die folgende Darstellung: . "Die Derhaftungeu in Budapest werden noch immer durch die berüchtigten Osztenburg« und Pronay- D e t a ch e m e n t s vorgenommen und eine^ bloße Am .Mge genügt, daß völlig schuldlose Menschen auf Monat« verschwinden, ohne daß man ihnen Gelegenheit ließe, ihre Angelegenheiten zu ordnen, ihre Angehörigen zv verständigen und sich die gesetzlich gewährleistete Hilft einetz Rechtsbeistandes zu suchen.-Die Angehörigen er« fahren nichts über den -Verbleib de7 Jhren und e8 kommen Fälle vor,' daß man fiir - Menschen/ welche monatelang im Gefängnis schmachten, Trauer anlegt! - Diele Familien verkommen int Eleyd, da sic des tzr, nährers beraubt sind und sich nienrand, um sie kümüwrt, Wird jemand in Budapest verhaftet, so wird er zunächst . inden Keller des Hotel Royal oder Vritanma geschleppt und einen« Verhör unterzogen. Wie dieses aussitzht. beweist der Fall des Oberleutnants Tomsai, dem alle Zähne eingeschlagen wurden, fv daß sein Kinn auf drei Seiten gebrochen war. Seine Fingernägel wurden mit eisernen Nägeln zerstochen und ihm beide Hände ge, brochen, damit er aussage, Der.UnalüchliÄe fteat de« ,