Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 438 (11.4.1920)
- Date
- 1920-04-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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! Seite 4 Mm. Sonntags Jüdische Frauentypen aus Zrussisch-PoLen. D i L D a in e. £t: tu immer aito f?Ijr qntcnt Hause uttb bet Stolz mf die väterliche Fomitic Uingt in jedemihrer Worte >nrch. Auch wenn der Anschein durchaus, dagegen ist, läßt i' dnrchblicken, das: sic durch ihre Heirat herabgsstiegnt '.'an den .'>')v!"Ul des Daseins. Das .gibt ihr daS leicht' . ibi-V'«’ und Geitäntre, das alle polnischen Jndensranen >e'.' nöIn'i’CH 2(m:oU-u au siä, baden und dns für uns immer in dchtt-eu lächerlich 'ist. In dem Salon der Dame, hängen :>er Regel däe Porträts ihrer Eltern. .Im Salon — i den ls.vi die Polin unlvcbinqt. Wenn es nicht anders v' , stbläsi mau (uüc;.ut Zeit der Truppenemqnartierung) n> üni>ru in einem engen Zimmer, ans Strobsäcken und ri' .nm-eugeschodeuei'. Sesseln. Aber ans den Salon kann vi nicht Berrichr leisten. Er bat schwere Samtvorhünge, i men'sLatirrbe Schweife ans den ' Fusch »den breiten, dazu - - ei..ne Spiuenvorhänge und. auch in der drückendsten -mers" he, ge sei» losch ue Fcitstcr. Der Wohnwert des Salons ü gleich Null. Das Zimmer wird überhaupt nur an Feiertagen ' H;t a''cr ivenn fremder Besuch kommt. DaS aber er* ".-..er sich änneeü selten im Jahre, beschränkt sich doch indische Dame im Bcrtcbr nur ans die Familie und - -- heusno.chberfchast. Die beiden Begriffe, decken sich übrigens i-.'.ech, denn die F-awi'.ien zießen. wo es nur irgend möglich in det-rselbe -Jaus, jedenfalls aber in dieselbe Gasse. Scheidung »atl' Jude und Christ rvird in den polnisrh- -. i i'ckte'.t Älciustädtett auch in lokaler 5z in sicht strenge durch- - ,.rhrt. Zn den Indenbänsern ist sogar der „Stroz", der ir-ichter, chattsbesorger. ein Jude. Ans dieser Einteilung 'eruht übrigens ein liebevoller Brauch bei christlichen Be- '.ch'nissen. Kommt die Musikkapelle an der Spitze des t'eicbenznges vor ein Iudenbans, ,o bricht die Musi? jäh \b — die Juden ,alten nichts von der christlichen Musik .-rositieren. In dieser von der Außenwelt streng abgeschlossenen Walt des Hauses verbringt die Polin ihre Tage. Sie geht inselten nur aus, besuch: die Mutchr oder sotist eine Berwanote oder gehr -ur Synagoge. Weiler kommt! .- nie. Ich habe Frauen in Polen kennen gelernt, die Ig Iabre alt waren und noch nie aus der Vorstadt, n der sie ausqewachSn Ivaceir. hrrausgekommen waren, die sich von der Fremden erzählen ließen, wie es am anderen - ,-nse ihres Heimatsvrtes ausjay. Ist die Polin aber doch -iisnal gezionilgen. am Wochentag (um Sabbat wird natürlich .'oller - Putz angelegt) das Haus zu verlassen, so wird sie nie tun, ehrte sich — Sinter» und Sommers •— in •tu dicke-, großes UrnHängruch zu packen, daS für die anständige polnische Frau beider Russen ein unerläßliches -.l-idungsstück ist. Sogar „moderne" Frauen, das sind solche, tue an oci vorgeschrieoenen Perücken gar. nicht mehr denken, nä i'deic UM keinen "Preis im bloßen .Kleide auf die Straße Zum Einlauf ergibt sich die reiche. Jüdin fast nie c;-y,c-c -Haus. -Lebensmittel werden zumeist von Bauern gctifwrt und zu den Festtagen hat man seine Einkäuferin, iuuümri) auch eine Jüdin, die sich auf den Markt begibt r:nd hrrbeischleppc, -was ihr besohlen wird. Als. ich selbst aer Tasche am Arm zum Einkauf auszog, machte mir >n.'ine Hausfrau bittere Borwürse, ja sie ließ sogar durchicklcken, Last das Aergernis erregen kvnilte. Und in der iä'nschan b;Tuinftabt must man sich mehr noch als ander- . wärts buten, Aergernis zu erregen. Denn —^ es kommt i! Samstag. Die ganze Woche arbeitet die Hausfrau :p:t früh bis spät. Es gibt ungewöhnlich, reine.Frauen — > . r eine.. Polin nicht „taHrern". für Ostern reinigen, ge- >..en bat, weiß nicht, was Gründlichkeit ist — und un- 'uvöhnlich schmutzige. Aber eines haben sie alle gemcmi-m: daß sie unaushvrlich in Tätigleit sind. Aber am ramstag nachmittag, da sind sie müßig. Sie sitzen stundenmag bc bei ».ander und reden. Von den Kindern, vom Essen, -’em Geschäft und natürlich voll den Missetaten, die sich i: eine oder andere Frau zuschulden kommen ließ. Auch m:. .Kleider werden ausführlich behandelt und eine alte Frau -'lc ich zur Kriegszeit seufzen: „Früher habt ihr immerort von Ssidenlleidern- und Hüten und Brillanten geredet, •'' tzab' ich mit oft gedacht: Wen st sie doch ciitmal was e'tderes reden wollteit. Jetzt spricht tnan vom .Krieg, ob >:!',ero Stadt noch eiinnäl belagert werden wird, ob die 7. estcrreicher abziel-cn oder wieder in den, Straßen kämpfen -vi-rdc?'., und man erzählt von Fliegern und Bomben und chrplosionen. Jmntcr denk' ich mir: Möchten die Kinder rch wieder von Toiletten reden!" P a n i e n t a. Ganz anders als die Mutter ist die junge Tochter ö.-nhassen. Die Polin der früheren Generation spricht zwar st-r gut Französisch uno klimpert Klavier (oder vielmehr:' ■ i: klimpern gelernt, denn eine erwachsene Frau würde ach schämen, Zeit aus solche Allotria zu verwenden), aber. m sind die- Grenzen ihrer Bildung. Die Panienka, das .''.--.äuteinchm, aber besucht daS Gymnasium (allerdings-sind :,üijd)c '.Oiäocheugtziniu'sien nicht mit den unscrigen auf .st-.e Tluje zu stellen) oder Lyzeum oder wird in-besonders -.pltuttttLn Fällen sogar iu Breslau ausgebildet. Dann bc- ... upi 't ihr Großvater von ihr, sie „sprecht besser datsch ..ch oic Datschen". Sie ist der Stolz dev Familie. Jiß ,-e Regel ist die junge polnische Jüdin reizend, sowohl ,u: blonde wie der schwarze Typus. Es sind blendende Tchönleiten darunter, die allerdings ungewöhnlich rasch per- Xal)cu, una selbst die häßlichen sind iiiuper .noch, reizvoll. Freilich versteht die Panienka auch, sich zu kleiden, und da Fachr, Großvater und Bruder mit Geschenken wetteifern, .ehlt der richtige. '.'Kahnren für das kostbare Di!s keineswegs. Die alle jungen Polinnen, hat auch die polnische Jüdin Rn-e ausgesprochen- Vorliebe für dir. rote 7‘vaijCic sutb trägt. Wiener MorgenzeitunA Eingesendet. Malwine Enoll Ko'-> t Moses Blauhopf Puc/acz Verlobte. Wien, Im Apr« 1920. 2610 Möbel ii. Innen öekoratioß grösster Auswahk' Nur gediegene 691 Erzeugnisse. J.SPIRA Uller, l|i„ SiilienMg. 11.2 (Ecke Karl Schwcighofergasse.) SALONS UND WERKSTÄTTEN FÜR MODERNE DAMEN- U. BABYWÄSCHE RICHARD ROSENFELD IX., TÜRKENSTR .19 PALAIS KHEVENHULLER TELEPHON 22225 HYGIENISCHE BABYWÄSCHE „TETRA« - Brillanten. Platin, Münzen Perlen Uhren, falsche Zähne, alle Süber^eficenstände verkaufen Sie am besten direkt dem fuweller und Goldarbeiter 8. Holzapfel Wien. VI., MariahlPerstiasse 79 oder Werkstätte: 1.. Wolizeile 17.13. Zal>lth&olxBtoPrclB*lanfar«l$*zi*Ver«rbettung Merken Sie sich fl die Adlergasse Nr. J| Dort können Sie Ihre Juwelen gratis einschätzen lassen. 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Freilich,- ins Kaffeehaus. und auf die „Zabawa" (Unterhaltungsabend) darf sie zumeist nicht gehen. So sehr sie verwöhnt wird, dem Machtspruch des Familienvaters gehorcht sie ohne Zaudern, ja ohne auch nur an die Möglichkeit einer Auflehnung zu denken. Dafür haltsie sich an der häuslichen Gcsrlligleit schadlos. Dawird getanzt, gesungeu, gelacht Witze gerissen — es geht sehr munter zu. Und trenn die Pani-enka sich ans Klavier fetzt und „DaS ^Ständchen" von-. Schubert zum zweihunbertsten Male zum Vortrag bringt (das einzige Stück, das. sid auswendig kann), daun hört dre Familie andächtig zu. Diese Bewunderung der Bildung, sie fei nun tief oder, oberflächlich, hat etwas Rührendes an sich. - So fleißig die Mutter ist, so-träge ist die Tochter, wenn sieerst einmal ausgehört hat zu lernen. Sie tut eigen tlich deu ganzen Tag nichts — lesen, schlafen, ein bißchen im Haus herumstöbern, sich putzen. Spazieren gehen oder gar Ausflüge machen gehört auch für die junge Jüdin zu den unbekannten Zerstreuungen. Ich habe in einer Stadt des nordwestlichen Polen sehr modern denkende Fräuleins kennen gelernt,, die noch nie einen Wald gesehen hatten, trotzdem eine halbe Stunde vor der Stadt herrliche kaiser- U. April 1920 Nr. 438 llche Forste lageni Aber auf Naturschönhetten ist. Panienka nicht Eingestellt". Sie wqctet — wartet auf den Mann. Lange vTüert es ja gewöhnlich, nicht. Und nach zwei Jahren ist. der. ganze neuzeitliche Aufputz weggeblafen und eine brave jüdische Familienmutter sorgt emsig für Mann und Kind. Di« „Diensten". In jüdischen Familien hält man zumeist jüdische Dienstboten. ES sind durchaus keine ^Hausgehilfinnen". Mit zehn, elf Jahren bringt die Mutter in ein „gutes HauS" und dort arbeitet sie zwölf, vierzehn, wenn es sein muß, auch achtzehn Stunden im Tag. Die „Mad" macht alles. Sie reibt die Böden und erzieht die Kinder, sie wäscht die Wäsche und wartet die Frau im Wochenbett. Sie' pritschelt den gauzelt Tag im Wasser herum und ist immer schmutzig, unbeschreiblich schmutzig; aber je schmutziger sie ist, umso lustiger ist sie auch. Die „Diensten" lacht und singt mit den Kinder», sie weiß hundert ftdele Lieder Und je mehr Arbeit es gibt, umso, vergnügter wird sie. Klimpert der Glaser (fast immer ein Jude in Polen) mit seinem Karren durch die Straße oder hat ein Kutscher (ebenfalls ein Jude) im Haus zu tun, so macht ihm Gn«del oder Schloimes (Sälomona) sogleich „süße Augen", wie ihre Frau es nennt. Die Diensten will nichtsitzen bleiben. Sie bleibt auch in der Regel nicht sitzen. Irgendein Handwerker oder kleiner Geschäftsmann sindet sich säst immer, die Familie steuert zusammen, bis die vereinbarten zwei- oder dreihundert Rubel aufgebtacht sind. Dann läßt sich das Mädchen die Häüre scheren, fetzt die vorgeschriebene Perücke auf und feiert Hochzeit mit allen alten Sitten und. Bräuchen, bei der geladen ist» wer kockmen will. Am nächsten Tage taucht sie uirter in das Heer/der stllleN, geduldigen, polnischen Jüdinnen, die immer ein bißchen schtvermütig sind und. immer unter Sorgen gebückt scheinen. B e t t e l w e i h e r. In Polen wird viel gebettelt, von jung und alt, Mann und Frau, und die ^cchnik ist wohlentwickelt. . Ganz besonders tüchtig aber sind die jüdischen Bettelweiber. DaS errät bei jedem Fremden die schwache Settc, daS versteht mit unfehlbarer Sicherheit den richtigen Augenblick zu erraten, daß ist überall, wo es etwas zu erhaschen gibt. Heute laufen sie von Hans zu HauS, morgen stehen sie an der Ecke und verkaufen „Bobbes" (gekochte Saubohnen), gleichzeitig bettelnd, und am Marteltag besorgen sie die Einkäufe für fünf Gnädige, Wobei sie sicherlich nicht zu kurz kommen. Und eine Phantasie hat daS jüdische Bettelweib, die entschieden bewundernsivert ist. Wenn am Anfang der Straße, durch die sie einen, verfolgt, noch drei Kinder zu Hause dem Hungertods Mhe sind, daun sind es am oberen Ende zumindest acht und jedes hat fünf unheilbare Krankheiten. Natürlich ist das * Elend in Polen unter den Juden furchtbar^ aber cs ist Mn Hlück" zumeist doch sticht so schlimm, wie es das Bettelweiü schildert. ^Ber aller Geriebenheit .verschmäht aber die Mische Bettlerin, doch den wirksamen Trick, den ihre südländische Kollegin, die Jtalicitccin, mit so viel Erfolg attwendet: sie nimmt niemals die Kinder mit zum Straßtilbcitrl. Höchstens in „ihre" Häuser dürfen sie sie am Freitag begleiten und wenn die Bettlerin ihren „SchabbeSgroschen" bekommen hat, dann dankt der Chor der Kinderstlmmen mit dem Friebensgruß: Scholeml Sadö gesund! Friede sei mit euch! Bletbt gesund! Und am Sabbat ist das Bettelweib eiste Königin in ihrem Heim wie jede andere polnische Judenscau. ■ Klara Mautner. Tagesbericht. Wieder eine falsche Kommission. Astr 7. d. M. kam zu dem Gutspächter ^Jsak AblerftLin, 20. Bez., Kaiserplatz 14 wohnhaft, eiu Mann, der sich als Dr. med. Ets-enthal vorst^llte und den Adlerstein fragte, vb er ihm nicht 10.000 Mark verkaufeu könus. Wlerstein ging auf das Geschäft sin und vereinbarte znm Zwecke des Abschlusfts des Valutakaufes mit Eisenthal eine Zusammenkunft in einem Gasthaus in der Leopoldstadt. Als Lldl-rrfteln dann dort wartete, kam' der Angebliche Arzt in Be-- glertung zweier Männer dorthin. Während-nun. Eisenthal mit'Mlerstein unterhandelte, schritten die'beiden Begleiter des angeblichen Arztes gegen Adlerstein ein. Sie stellteu sich »als Kriminalbeamte vor und bcschlagnalMten die 10.000 Mark. , Sie forderten den Adlerstein auf, mit ihnen in seine Wohnung zu gehen, da sie bei ihm, der des Äaluta- Handels verdächtig sei, eine Hausdnrchsuchüng vornehmen müßten. Die beiden ang-rbl'.chm Beamtest und her „Dr. Eisenthal" nahmen eine Durchsuschnng vor. Dann setzten sie sie mit einer LeibeSdnrchsuchnng an der Gattin Adlersteins fort und fanden bei der Frau eine große Menge - üfterreichsschcr und ausländischer Banknoten. Nun mischle sich „Dr. Eisenthal" in die Amtshandlung und verlangte von Adlerstein üc).000 fronen als Schweiggeld; dann würde von einer weiseren Amtshandlung abgesehen werden. Adlerstein, her keinen Augenblick au dem wirklichen Amtschcrrakter der Männer zweif-elte, gab ihnen die verlangten 60.000 Kronen, worauf die Männer ihm die 10.ÖÖÖ Mark zurückerstatteten und sich dann entfernten. Als \k weg waren, stellte Adlerstein fest, daß ihm«-tvährend der „Anrtshandlüug" auch eine Banknote zu 10.000 Kronen. gestohlen worden war. Nun lies der Sohn AdlersteinS den Männern nach, um sie zur NÜckgrbv her 10.000 Kromn zu veranlassen. Als er die Männer stellt^ und das Geld fochexta, zog einer d?r vermeintlichen Kriminalbeamten einen Revolver und bedwhbk den jungen Adlerstein. 74767^