Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 437 (10.4.1920)
- Date
- 1920-04-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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"Zelte 2' /Wien.'Samstag' m Ronr begonnene Werk muß ln konsequenter Weiter« ührung eine Uebereinstimmung der Anschauungen Mer Staaten nach der Richtung hin ergeben, das; eine Benrbigung der Völker und eine Sanierung der Verhält« - isfe nur möglich ist, wenn die Verkehrsfreiheit im vollsten- Umfange wieder hergestellt wird und wenn die Nationen miteinander in ungehemmte Verbindung treten können. Die Paß« und Zollschwierigkeiten, die der Bevölkerung °'eute das Leben verbittern, halten'ganze Armeen ihrem bürgerlichen Beruf fern und zwingen zu einer Fortdauer der Mobilität in Staaten, die eigentlich 'die '(rbeit eines jeden einzelnen Menschen zum Ausbau ihrer Wirtschaft notwendig hätten. Die Mißstimmung, die durch die vielen Grenzen erzeugt wird, hat politische und natürlich auch soziale Auswirkungen, die nur dem Ratio« nalisrnus zugute kommen. Eine Besektigung dieser Schranken würde in jeder Beziehung wohltätige Folgen -oben und vielleicht auch zur Linderung des Balutaelends beitragen, das gerade durch die Grenzschlagbäume der« 'üwrft wird und die Umtriebe der internationalen ll>äl,rungsgauner in der gefährlichsten Weise - begünstigt. Ter Staatskanzler hat in der Anbahnung Vertrauens'« voller Beziebnngen zum Ansland durch seine PersöEch« Fctt gute Wirkungen erzielt. Aber die Sympathienfür Deiterreich werden nur dann anhalten. wenn sie durch nne klare und unzweideutige innere Politik unterstützt 'verden. Es ist unbedingt notwendig, daß die westliche Orientierung, die der Staatskanzler mit seiner römischen Reise fortseht, keine Phrase bleibt, sondern durch Tatsachen erwiesen wird. Die Entwicklung zur Demokratie ist sicherlich eine schwere Sache in einem Lande, das durch die Zerstörung, seiner Wirtschaft und durch einen elenden Friede' 'vertrag fast lebensunfähig geworden ist. Aber sie muß-doch versucht werden und sie muß zeigen, daß wenigstens die Regierung sich über den Weg im klaren ist. W^nn Oesterreich div Derkehrs« freiheit fordert, so darf es sie selbst niemandem verweigern. Oesterreich ist darauf angewiesen, produktive Energien nicht nur in der eigenen Bevölkerung zu wecken, sondern auch aus dem Ausland beranzuziehen. Es darf nicht demagogischen Gelüsten von Stratzenexzedenten welcher Parteirichtung immer nachgeben und die eigene Volkswirtschaft durch Ausweisungen verwüsten, die. im Ausland Befremden und Mißtrauen wecken.'Gegen die Entfernung von Schiebern und Wucherern hat niemand etwas ernzuwenden. Aber die Entfernung von Siemen« ten, die die wirtschaftliche Entwicklung beleben und die für Oesterreich so notwendige Vermittlung mit dem Aus« land besorgen, würde den österreichischen Handel und die österreichische Industrie für lange Zukunft hinaus auf dem Niveau des Almosennehmens erhalten. Wenn der Geist des Fremdenhasses auch weiterhin die Maßnahmen der Regierung beherrschen sollte, dann wären alle Reisen des Herrn Renner und seiner Minister ver« aeblich. ,. , PolitischeRrmdschau. Ministerpräsident SKulSKi über Polens auswärtige und innere La^e. Warschau, 9. April. (Meldung der „Polnischen Stimmen".) Ministerpräsident Skulski äußerte sich in einem dem Warschauer Korrespondenten des Pariser „Journal" erteilten Interview sehr eingehend über Polens auswärtig^ und innere Lage. Er sagte: Der polnische Staat hegt keine imperialistischen Gefühle und erhebt keinen Anspruch auf fremde Länder.. Auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Polen und der Entente erklärte der Ministerpräsident Skulskidaß dieses Verhältnis ein loyales und aufrichtig freundschaftliches sei. Der Mnisterpräsident entwarf hierauf ein Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse und der inneren Lage Polens. Ec betonte die organisatorischen Fortschritte in der Verwaltung, hob die bisherigen Ergebnisse dev organisatorischen Arbeit hervor und wies darauf. hin, daß im ganzen Reiche Ruhe und Ordnung herrschen. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten, sägte der Ministervräsident, sind vorübergehender Natur. Wenn wir genüg ftohle und Rohstoffe haben, werden wir bald die Produktion der Vorkriegszeit erreichen, ja sogar über- -chreiten. Im Osten Europas wird Polen der erste (rrporteur im großen Stile sein. Wir werden in großen Mengen Rohöl und Holz ausführen können. Auch der 'sticke re rpoct wird demnächst ausgenommen werden «önnen, da wir in Polen große Raffinerien besitzen, i-oier. fürchtet nicht die Zukunft. Der augenblickliche iurssturz der Mark macht uns nicht bange.- Wenn wir unseren Export vermehren, wird sich unsere Währung l >'ben. Wir leben, wir geben viel aus und führen einen '-.'greickien Alrtca und doch haben wir bisher noch nicht einem ausländischen Darlehen Zuflucht nehmen .uü'fen. Mit einem Wort: Polen ist stark nach güßen und konsolidiert im Innern. Die KandioaÄ'.r drs Viktor Dvoreisak. »In* Budape st wird uns geläniedcn: Viktor ■>»nrr’?f, d-r im Dienste der Uliflarüchm Negierung ichenü'. Slomo>"n'i'lner. wurde bekannt!! ch anläßlich .varwlw^oiru >n bin!mgorchl>e A;Uicmalyersamm1ung bei der!'t:':>">urici brr Maist-ce durch p:e beiden .christlichen Parteien ..benmurw. Oigmie der Reg'crimg veraasten damals c.orofciUlviinen über den Undank, den dir Magyaren den -ii Slawa:e:.st.ynca iocicial, und Iehlicska;; “ bv i r."::;, d :f: lau ec Unganrlu'-" vaui Benot an ibren, Bolle bcgiuäenl Nun wird dieser -Fcb. « 'Wiener Mprgenzetttt«s > 10 ÄprÜ ft2Ö SS. 437 zum Teile pntgrmgchr, indem „g'maß de«, zwischen den.Parteien ' getroffenen Vereinbauingen" in Nyirepphaza D vor Dvoiclak in Nyleegydaza für die Nation ^Versammlung kandidiert wurde. So wird denn der Dvorc'ak dock noch das Mandat sstr dir ungarische Nationalversammlung erhallen. Ereky und die -^christliche Presse. AusLZudapeft wird uns geschrieben: Der gut« ch isti'che ungarisch: Abgeordnets Ereky ist sin selbst in ch>ststüchen Hrcisrn recht üLel .LeleumunLeter Mansch. Es wurden- Brwei'sr erbracht, daß er es verstanden hat, seit dem Zusammenbruch' der Monarchie mit jedem auf die Oberfläche gelangten'Regime auf gutem Fuß zu leben, von jed-ev Strömung für sich reichen Nutzen zu ziehen.; er warsogar einmal-Minister — um sich' dann mit toller Wut auf die abgewirtschaftete Richtung zu^-wexfen) rmtz.sie - b'tzsuKHr. '"Nun -wird ihm ft>iese feine Wcchsoldölle 'politische Karriere in der christlichuatiönalen Pr-sss sehr übel genommen^ was Herrn Ereky in solche Wut versetzt, daß er in der Nationalversammlung eine Interpellation einbringt und die gerechten Angrifte, denen er aüsgesetzt ist, als eine Beleidigung der Nationalversammlung hinstellt, um schließlich — die Unterdrückung der Presse zu fordern. Echt magyarisch-ch^'stlichnational ist aber die folgende Stelle der Erekyschen Interpellation: Es ist leider Totstch«, daß die Presse die Rationalversammlung ununterbpcchLn^angrsist. Wäre es die nichlch:ist.'iche Presse, die sich in Angriffen gegen, die ^Nationalversammlung ergeht, so wä^e ja die Lösung der Frage sehr einfach. Die Wahrheit aber - ist leider, die, daß wir in Her» nichchr'stftchen Presse viel mehr Entgegenkommen und Wohlwollen finden als in einem großen Teile der f christlichen. ’ r Man weiß wahrhaftig nicht, was in diesen drei Sätzen widerl'chrr wirkt, der Zynismus, mit d^m der schäbigste Politiker Ereky anbeupt, daß, wenn es sich um die nich'christliche Presse handeln würde, diese ganz einfach abgemurkst werden könnte, wie es mit den Juden täglich in ungezählten Fällen geschieht, oder die Mift'ilunz, dlß d "ser Ereky sich des WohlwEnS der „nichichristlichm Prrsse" erfreut. . Inland. Goode Vorsitzender der Wiener Sektion der ReparationsLomrrrisston. ParlS, 8. April. Sir W lliam Gpode wurde zum Bvrsitzrudm der Wiener Sektion der Neparativnökommlssion ernannt. - * Sir William Goode hat sich in seinen Berichten a*B Dien, von denen wir seinerzeit Auszüge veröifentlichtm, als einer der wärmsten Freunde Oesterreichs bekannt und ist in enischlt* denster Werse für die HMerstung ringetretrn. * Mr. Fred B a t e, der bisherige Seftettir deS amerikanische» MtoliedcS der Repiratronskomm ssion, Obersten Smiih, wurde znm Generalsrkrctäc der Wiener Sektion ernannt. Neuwahlen im Frühherbst? Vor seiner Abreise nach Rom hatte Swatskancker Doktor Renner t« Graz M!t mehreren Parteiführem Besprechungen. Diese Konferenzen galten vornehmlich innervolitächen Fragen, wobei hauptsächlich dee von den stur schrn Cbristttcksorialrn so rnergrsch verlangte Durchjührungder BerfassungSr e f o r m erörtert wurde. In den Ausiprache», die der Staatskanzler mit dem Landesbanprmann Rintelen und dem Landes« hauptmannstellvertreter Dr. Ahrer hatten memte Dr. Renner, daß die Neuwahlen in die Nationalversammlung unter Unrständrn schon im Frühhrrdst siattfindcn könnten. , Die Parteien. Die Parteien treffe« bereits di« Borbereitungen für die am Dienstag den 13. d. M. begmnrvde nachSstrrliche Srsnou der Rat onalversammlung. Die Partersührer habe» heute die Beratungen einaeleiter und werden b:s Dienstag, an welchem Tage der ch r i st l i ch s o z i a l e K l u b um I Uhr mittags, der s o z i a l d « m o k r a t i f ch r am Uhr und die G r o ßd eu 1 fck « B er eir gun g zusammrnlrrtrn, mit der Regierung Fühlung Pehmen. Die Rückkunft de- StaatSkanMs und der ihn begleiiendc» Staatssekretäre w rd für Sonntag den H. oder Montag den 12. d. M. erwartet. Für DienSlag den 13. d. M. voMittags wurde bekanntl'ch der HauvtauSschuß emberuirn. In allen diesen Belvrechunpen wird die Tagesordnung der nächsten Sitzung sowie der Arbeitsplan für die Sommerfessio» erörtert werden. Die Stellung Wiens zum Lan-e Niederösterreich. Der Stadtrat hat über Antrag des Bürgermeisters Reumann beschlossen, mit der Vorberatung der Frage der Trennung von Wien und N eseroilerreich sowie über der Auseinandersetzung zwischen der Stadt Wien nnd N.eder öfter reich den zur Vorberatung der Arnderungen deS Wiener GemmidestatutS gewählten Gcmcind''ratßaus'chuß zu betrauen. Der Ausschuß wird bereits in der nächsten Woche in dre Beratung der Angelegenheit treten. Das treue Land Tirol. Innsbruck, 9. April.. Die „JnySbrucker Nachrichten" melden zur Forderung der MandatSniederlegirng: Gestern nachmittags fand hier eine christlichsoziale Brrtranensmännervers.rmmlung statt, in der die Haltung der christlichsoziale» At'Leordne'.en e i u :u ü t i Z 5 r b i! l i g.t wmd.. Heute vor« 0 mittags, wird der Landesrat in Innsbruck zujammentreten, in dem wahrscheinlich die gleich« Stimmung überwlege« dürfte. Die Land:Iregierung steht auf dem Standpunkt des , LandtagSbeschlus,'es vom 13. Dezember 1919, der den Wirt-, chaftlichen Anschluß an Deutschland als Rettung auder Not des Landes verlangt und die Landesregierung t**U gefordert hat, dieses Ziel zu verfolgen. . , ,, Der sozialdemokratische Abgeordnete Banm« gSvtl von deutschen Turnern mißhandelt. \ Linz, 9. April. Gestern vormittags veranstaltete« dir pzialdemokratisch organisierten Arbeiter von DöÄabruck und' Umgebung einen DemonstrationSstr et k wegen bot' in einem Gasthaus: erfolgten M i ß h a n d l u n g des sozialdemokratischen Abgeordneten Baumgärtl. DaS svzlakdemokratische „Tagblatt" erklärt, daß die Leut«, die tat Ueberfall verübten, deutsche Turner waren. Die wurden in Schutzhaft genommen. ' * Telegramme. DelagerungSzaftirnd in Jerusalem. _ Die Ruhr wieder hergesteüt. ' L»ndon, 9. Apül. lFM:pruch.> Am b. Avril wu'de stbe^ Jerusalem der Belagerungszustand verhängt. V«* Bitten« Maschinengewehrabteilunge» vatrouistiere« durch die Stadt. Am Drenstag ist eS »wische» I u d e n u n b Mohammedanern toithtam m Dtt«! linzelie» KLmpse» gekommen, bei denen weh,ne Personen' getötet wurden. Im ganze» wurden etwa 2ftO Personen getötet ober verw»»d«H Am 7. wurde der Zugang zur Stadt wieder fttißtfitbe** CU. henschen jetzt wieder normale Berhälmiffe. Nahe in Frankfttvt. . Frankfurt, 9. April. (Wolfs.) Heute bieten dlt Straßen wieder ihr gewohntes Bild, da die Franzose» ihre von den Verkehrsmittelpunkten zurückgezogenen Truppen fast ausschließlich in Schulen und Turnhallen untergebracht haben. Nur vor dem Hotel Imperial am Opernplatz, wo der französische Stab logiert, bietet' sich ein kriegerisches Bilh, das viele Schaulustige anzieht. Der Eisenbahnverkehr hat stark nachgelassen, soweit er Ausreis^.che betrifft, da die Paßschwierigkeiten wegen des großen Andranges nur allmählich behoben werden können. , Auch die vergangene Nacht ist ruhig verlaufen. Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit. Berli«, Ü. April, (Korr.-Bur.) Wie biß Blattch melden, sind det NationalversammlE .zM'BMckgE über die Aushebung -er Militärgerichtsbarkelk tzu-G gangen. ' Die Drrhandlnngen in Kopenhagen. Kopenhagen» 9. April. (FunLspruch.) Außer der, britischen Abordnung ist letzt auch eine französische in Kopenhagen eingetroffen, um mit den msstschen Delegierten über Handelesragen zu beraten. An' der Spitze .der französischen Abordnung fteht Botschastsrat Ernest M u \ f a t b. . Das «eue dänische Wahlgesetz. , Kopenhagen, 9. April. (FunLspruch.) Die AÄ nähme des n e u e n W a h l g e s e tz e s. durch das ein gerechterer Wahlmodus eingeführt werdm soll, gilt in beiden Hausern des Parlaments für gesichert. Ditz Neuwahlen dürsten dann bald nach dem 22. April stattsinden. Eifenbahnerftreik in Amerika. Amsterdam, 9. April. Die „Timer" meldet a«ß New-Aork: Wegen der Entlassung eines Beamten in Chicago ist auf 25 Eisenbahnlinien, die in Tchieaga enden, ein Streik der Heizer und Maschinisten auSge- Krochen. 59.900 Mann sind ausständig. Die Lebensmittel- und Brennstoffversorgung Chicagoist ernstlich gefährdet. '4 Ungar» will den ^riedensvertratz nicht Anker»! London, 9. Avril. lTck -Komp) R-uter tzr^rt fl»8 bester Quelle, daß sich die ungar,icke F' UdenSdeleyat'vn m«pein soll» den FrudenSvertrag zu unterschreiben, weck dann künerln Bestimmungen über eme BolkSabftMmuog >n dknienigen ST eile« Ungarn-, die adgetreleu werde« sollen, nnhalte» ist. Die Interpellation Lingauer. vndaprst, 9. April. (Ung. Lel.-Korr.-Bur.) Die parlamentarische Untersuchungskommission, die zur Ueberprüfung der in der Interpellation Lingauer enthaltenen Tatbestände entsendet worden ist, hat beschlossen, die Verhandlungen der Kommission für Abgeordnete als öffentlich z» behandeln und die große Oeffentlichkeit über die Äerhrndlungen fallweise durch die Presse zu orientieren. Der SchlffahrtSverkekr Wien—Budavsst. Budapest. 9. April. (Tel.-Komp.) Wie „Az (Sft* vom geschäfisführenden Direktor der Donaudampssihiffahrts-Gese.'lschaft erfährt, wird der Schiffsverkehr zwischen Wien und Budapest — vorausgesetzt, daß die Kohlensituation besser wirb — einen größeren Umfang a"nrhinen als bisher. Die Schiffe werden statt 'dreimal viermal wöchentlich u rd später täglich zwischen Wien und Budapest verkehren. Mit Rücksicht auf di« hohett Pe s.ma'austagen und die Teuerung des Materialist eine Erhöhung der Sch'ffahrtspr ifc unanSbleiblich. Immerhin werden auch nach der Erhöhung die Schiffsa'r.'Zprcif^ bedeutend bickiaer sein als jene der Eisen, bahn. /