Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 432 (4.4.1920)
- Date
- 1920-04-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979510--03817-2989489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
A m Men^ Sonntag Wiener Morgenzettung 4. April l920 VeNr » Die Wahle» ßn den MaAischen Landtag. Die Wahlparole de- Jüdischen Nationalrates. Der Jüdische -kationalrat für Litauen Hai nach An« 'dtzrirng der Referate , des Pxäsitzxnten /des Nationalrates Kr. Rosenbaum, des,.,Bizep/asidentenDr. F i n k e lf| e i n und des Herrn G a r f u n k e l dos folgende Pro» ^nm für die Mahlen in den litauischen Landtag angenommen: Zustellung einer einheitlichen jüdischen Wahlliste, Ablehnung jüdischer Konkurrenzlisten. 2. Dementsprechend drückt der Jüdische Nationalrat für Litauen den Wunsch aus, daß für die Wahlen ein jüdischnationaler Wahlblock geschaffen werde. > V 8. Die Frage der Koppelung dex jüdischnationalcn Wahl» Hste mit der Liste ayderer, nichtjüdischer Wohllisten wird fom Exekutivkomitee des Jüdischen Nationalrates nach Feststellung der Haltung der einzelnen Gruppen zur Anerkennung der nationalen Rechte der Juden entschieden werden. 4. Die in den Landtag einziehenden jüdischen Äbgeftkdneten haben dort eine eigene Landtagsscaktrön zu bilden, deren Aufgabe die Vertretung der Interessen der litauischen Juden und die Durchführung der in der Deklaration heS Jüdischen Nationalrates umschriebenen nationalen Rechte fein wird. In einer Sitzung des Exekutivkomitees haben sich dir Delegierten der Zionisten, des Achduth, der Demokraten und her Handwerker aus eine gemeinsame Wahlliste geeinigt, Wodurch die Hoffnung berechtigt ist, daß im litauischen Land- Lag 10 bis 12 auf das Programm des Jüdischen National- D»tes gewählte Abgeordnete sitzen werden. Mafarhk über die Deutschs» irr der Tschecho- , Slowakei. . Der Prager Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" hatte eine Unterredung mit Masaryk. Im Verlause des Gespräches kam die Rede auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen rm künftigen tschecho-slowakischen Parlament. Der Präsident meinte, der Konflikt liege weniger in der Sprache und Nationalität an sich als in der Stellungnahme im Weltkrieg. Das sei das eigentlich Trennende, und wenn die Mutschen sich damit abfinden, daß der Krieg ihre Vorherrschaft zerstört habe, und sich begnügen, nach Maßgabe der parlamentarischen Einrichtungen an der Leitung des Landes, mitzuwirken, so werde die Sprache üsw. keine Schwierigkeiten machen. Wenn das Parlament zusammentrete und por konkrete Aufgaben gestellt sei, werde durch gemeinsame Arbeit leichter eine Verständigung erzielt werden als durch Abmachungen, die niemand einhalte, wie es im alten Oesterreich immer geschehen sei. _ Die künftigen Grenzen Palästinas. Das Organ des British Palestine Committee, »Pale st ine", stellt fest, daß die Friedenskonferenz hie Frage der künftigen Grenzen Palästinas bereits besprochen hat und daß die ganze Angelegenheit nunmehr einem englisch-französischen SachverständigenouSschutz zur Berichterstattung überantwortet wurde. Nunmehr habe Millerand das letzte Wort in dieser Frage. ■ ■ Dr. Renner itt Gra-r. Graz, 3. April. (Privat.) Die Verhandlungen des Staatskanzlers Dr. Renner in Graz mit den. christlichsozialen Parteiführern beginnen am Ostermontag. Grenzen der Psychologie. , " Auf hem Wege zu seinen höchsten Erkenntnissen geht hep Mensch oft genug hart an den Abgründen des Wahnsinns vorbei; die Vorausahnung und Erfassung der Gesichte setzt offenbar ein hellseherisches, ftinempfindliches Wesen dörauS; der gemeine Geist, der von diesen Eigenschaften «ineS großen Mitmenschen inmitten seiner alltäglichen Verrichtungen aufgeschreckt wirb, sieht den Hellseher mit Entsetzen, wie er sich am' gefährlichen Abgrund achtlos, mit starr auf das unsichtbare Ziel gerichtetem Blick ergeht, zuweilen auch taumelt und ausgleitet. Mit verurteilender Folgerung ist der gemeine Verstand rasch zur Hand. Solchen Ursprunges Erkenntnis und ihre Ergebnisse können nichts anderes als tolle Eingebungen eines verbrannten Hirns sein. Der bedachtsame^Geist aber wird sich sagen: DaS ungeschützte, freigelegte Empfindungsvermögen, diese zarteste Hellschau, welche die Erkenntnisse zu erahnen befähigt, muß gerade ihrer Feinheit wegen den Gefahren, Stürmen- und Unfällen ausgesetzter, preisgegebener sein als das „gesunde", HD heißt gewöhnliche, mit dicker, die blendenden Strahlen dtzs Gesichtes dämpfender Schutzhülle versehene Gehirn des S:inen Verstandes. Oder sollen etwa einzig die Ertnisse der „kerngesunden" Dickschädel, die nie vom Blitz getroffen wurden, bei denen allein Geistesstörung ausgeschlossen erscheint, zuverlässig sein? Sollen jene hohen Errungenschaften des Menschengeistes, wegen der überzarten Struktur' ihrer Enthüller, die sie der Gefahr der Auflösung ebenso nahe bringt, wie dem Glück der Schau — um ein Quentchen weniger wertvoll sein? Oder kann das innerste Wesen dieser Errungenschaften selber, ihre eigentliche Wahrheit, durch die Zartheit ihrer .Verkünder diskreditiert oder hinlänglich Erklärt" werden? Das hieße den Weg.mit dem Ziel verwechseln. '' Die Feststellung der Psychologie, die Genesis der Erkenntnisse sagt über ihr eigentliches Wesen nichts aus. Die Psychologie kann verhängnisvoll werden, wenn sie ihre eigenen Mittel so weit überschätzt, um aus der Schilderung «ima lLrllävmo m versuche«! eine jibfc iästturiuikit jtxuä Dandenkrieg Muftapha Kemal; , Paschas. Er erklärt sich unabhLr;gi§. — Kämpfe ' mit englischen Truppen. f Washlnctorr, 3. April. (Funkspruch.) Der ßonderberichtersiatter des „S u n" meldet aus Konslantmopel» daß die Verbindung mit Äna.tolien praktisch vollkommen auf gehoben^ s e i. M u st a p h a Kemal Pascha habe sich aus dem Kongreß von Angora unabhängig .erkläret und der türkischen Regierung mitgereilt, daß er ihre Weisungen künftig n ich t m e h r b eso l g e. Den Franzosen sei es nicht gelungen. Amtab zu entsetzen, und die Armenier dieses Gebietes verlassen es mit Erlaubnis und Unterstützung der Franzosen, um nicht getötet zu werden. Der Ausbruch von offenen Feindseligkeiten in Thrazien wird mit dem Augenblick des Abzuges der Franzosen und des Einzuges der Griechen befürchtet. Eine Abordnung ■ von vier Mitgliedern der Kammer ist mit Erlaubnis des britischen Oberkommissärs nach Angora abgereist, um auf Wunsch des Sultans Kemal Pascha von seiner Haltung abzubringen. Britische Truppen, die nördlich von Eskischeher eine Drücke wiederherstellen wollten^ wurden von den Nationalisten unter Geschütz- und Maschingewehrseuer genommen.Nachdem ein britisches Bataillon die Brücke überschritten batte, wurde diese von den Nationalisten verbrannt. Nach allem Anscheine will Muftapha Kemal die alliierten Streitkräste in das Innere des Landes locken, um sie dort, von den Hilfsmitteln entblößt, zu vernichten. : , Hilfe für Lehrreich. Paris, 3. April. (Korr.-Bur.) Die „Liberi ö" besaßt sich wieder mit den Möglichkeiten der Rettung Oesterreichs und sagt, wenn man den Anschluß an Deutschland vermeiden wolle, müsse man eine greifbare u n d' 8 a u ern d e H i l f e bringen. Das Blatt .wendet, sich nun der Möglichkeit einer D o n a u f o d er a ti o n zu und bemerkt, daß alle Sukzessionsstaaten ihre Unabhängigkeit voll. aufrechtzu^rhalten bemüht seien. Das Blatt verlangt, daß man, um Oesterreich vor dem, sichere'ncVerdcrben zu retten, unter den möglichen Lösungen s ch n e l l e i n e taugliche finden möge. ,. Vor ernsten EreiMffen itt DünewarLr.. Verschärfung der Situation. KvPMhagVN, 3. April. (Del.^KomP.) Die Sikuation hat sich weiter verschärft, da das neue Mini-, sterium Licbe die Auflösung des Reichstages proklamiert und die Neuwahlen für' den 22. April ausgeschrieben hat. Ein führender Sozialdemokrat erklärte einem Journalisten. gegenüber,! ein Vergleich sei jetzt ausgeschlossen, der Generalstreik würde seinen Gang gehen. Die Verhandlungen zwischen dem neuen Ministerium und dem Ausschuß seien abgebrochen worden. »»»»»««»»»,»»»«»»»»»»«M»»»,» iUHaMMEi ZIGARETTENPAPIERE § ZIGARETTENHÜLSEN S : Sie Gr '»»treffen selbst S die höc *en Erwartung! des Rauchens* ornaammammmmmmm chens* | mmmmmmmmwmrnm* i'Annunzio proNam'ert den Freistaat Fiume! Rom, 3. April. (Tel.-Komp.) Aus Triest wir^ gemeldet: Am 31. März hat d'Annunzio den Nationalrat einberufen und in Gegenwart der vom Volke ge^ wählten Versammlung die Unabhängigkeit Fiumes erklärt sowie dessen Konstituierung als freier und unab-! hängiger Staat ausgesprochen. Dieser Beschluß wurden offiziell der italienischen Regierung mitgeteilt. Streiks. Rom, 3. April. (Tel.-Dmp.) In der italienischen Papierindustrle ist wegen Lohndifferenzen ein Streik ausgebrochen. Ueber 30.000 Arbeiter stehen im Aus-' stände. In Apulien wurde wegen Lebensmittel-, teuerung der Generalstreik erklärt. Paris, 3. April. (Tel.-Komp.) In den Minengrüben des Beckens von Pas-de-Calais. wurde die Arbeit wieder ausgenommen. Der verlorene Friedensvertrag. Prag, 3. April. (Tel.-Komp.) Der „28. RijenE berichtet, in Prag sei allgemein das Gerücht verbreitet, wonach das Original des Friedensvertrages, da§ von einem Beamten des Ministeriums des Aeußern in ein Kaffeehaus mitgenommen wurde, dort in Verlust geraten sei. Gendarmerie sei eifrigst mit der Aufhellung der Affäre beschäftigt. Ein internationales Polizeikorps. Paris, 3. März. (Tel.-Comp.) Nach Meldungen französischer Blätter sollen zwischen den Ententeregierungen Vorb'sp rech ungen zur Schaffung eines internationalen Polizei ko rps von beträchtlicher Stärke im Gauge seindas zum Dienst in allem Ländern verwendet werden soll. Es soll der Geselli-s fchaft der Nationen zur Durchführung ihrer.Beschlüsse zur Verfügung werden, bis es im Rahmen des' Vöile.bundes eine entsprechende Stellung zugetvieftn? erhält. l Desterrerchilche Kinder »ach England. Brr'in, 3. April. Die „Deutsche Allgemein^ Zeitung" meldet: Wie Hollandsch Niews Bureau aus London berichtet, erklärte Minister Short in Unterhaus, die Regierung halte an ihrem Plane fest, eine große Anzahl österreichischer Kinder nach Englands kommen zu lassen. Dies sei viel besser, als DorrätL nach Wien zu senden; in diesem Falle wären nämliH noch besondere Kontrollmaßnahmen notwendig.. Die. Negierung verspreche, bei der Entsendung der der-! schiedenen Kontrollkommission'n der Entente im Zu^ sammenhang mit der Durchführung des Friedensver^ träges so viel wie möglich die von Oesterreich zw tragenden Kosten in Betracht zu ziehen und ihre Auf--! gaben möglichst einznschränken. der Aufklärungszeit her. Die Psychoanalyse, die sich neuerdings mit so viel Geschick und Erfolg der Erprobung ihrer Methoden an den Problemen der Religion zuwandte*), muß sich von solchen, auf das Letzt« gerichteten, voreiligen und seichten Erklärungsgelüsten befreien, wenn sie die Höhe einer Wissenschaft, die ihre Grenzen kennen und einhalten .muß, erklimmen will. Sie muß sich darüber klar werden, daß die mannigfachen analytischen „Komplexe" wohl wichtige Begleitumstände, ja sogar Erreger religiöser Erscheinungen sein können — erregen läßt sich nur, was latent schon längst vorhanden war — nie aber die Schöpfer und Ursachen ihres eigenblichen Sinnes. Kein wie immer geartetes psychologisches oder pathologisches Moment kann die Wahrheit, den inneren eigentlichen Kern der Religion, selber „bewirken". Ebensowenig wie die Chemie von einer Reaktion mehr als ihre Geschichte schildern kann. Solche Verwechslung der Erregungsumstände mit dem Wesen des Erregten ist gewissermaßen aus der Tendenz der gesamten europäischen Wissenschaft zu verstehen, die wesentlich praktischen Charakter hat- und der Praxis ist mit der Auffindung der. ErregungSumstände vollauf gedient. Reine Religion dient in keinem Falle der Praxis, führt in keinem Falle zum Tun, die wissenschaftlichpraktischen Methoden haben daher bei der Ergründung des wirklichen Wahrheitsgehaltes religiöser Erkenntnisse Halt zu machen. Sie verfallen sonst der seichten materialistischen Metaphysik, die begünstigende und erregende Umstände als die schassende Ursache des Erregten selber anzusehen pflegt. Bon jedem ehrlichen Psychoanalytiker wird die Psychoanalyse selber, ihre Methoden,- ihr unausgesetzes Schnüffeln nach psychopathologifchen, neurotischen und „analytischen Komplexen^- ihre dialektische Zurücksührung aller geistigen Erschetnnngen auf einen, denselben Ursprung, zweifellos als eine, neurotische Monomanie erkannt werden müssen, die selber W’ der Psychopathologie begründet ist. Wird sich deswegen jemand. einfallen lassen, den Wahrheitsgehalt ihrer *) Siegmund Freud: „Totem und Tabu": Theodor üfcif: .der ReI iüiiniii' ldcboloaie". . Forschungsergebnisse anzusechten? Gerade diese pathologisch^ Veranlagung befähigt ^manche Menschen, die Umständei gewisser Erscheinungen des Geisteslebens zu durchschauen. Kan»; etwa durch die Analysiernng der Psychoanalytiker das Wesens der Psychoanalyse selber erklärt oder gar, wie sie es Mit. der Religion zu tun versucht, „abgetan" werden? * fi! Die Kulturgeschichte und die Psychologie enthüllen di« rohen, gräßlichen Urformen der Religion und ihrer Eut-> artungen. Seichte „Wissenschaftlichkeit frohlockt:-Hier haben! wir den Ursprung und Urgrund der Religion!^— die entwickell-- sten, höchsten . Formen wollen im Grunde nur dasselbe wi^ jene ursprünglichen rohen, wenngleich in verfeinerter Form.! Weil also die ersten Schritte ungeschickt und schwerfällig' wären, muß auch das ausgebildete Schreiten in verhüllten Form nur das Watscheln und Wanken der ersten Geh?-! versuche zum eigentlichen Zweck haben. In ihrem Ursprung; wollte die Kunst vielleicht nur Grauen vor dem Gottshmbol! (die rohe Göhenfratze, die wilde Kultmnsik) einjagen. Sftifcj der Zeit entwickelte sich dieses Streben bis zum Gegensatz^ ihres eigenen Ursprunges — Grünewald, Greco, Rembrandt^ . Bach- Beethoven — will diese Kunst wirklich nichts anderes,; als den uralten Gelüsten in verhüllter Form frönen- Jnp Gegenteil wird es wohl richtiger sein, sich über die Ab-s sichten und über das nur von einem blassen Schimmer öeÄ Bewußtseins beleuchtete religiöse Wolle» be§ primitiven! Menschen gerade beim entwickeltsten, bewußten Streben^ des großen religiösen Geistes Auskunft zu holen, weil sichf in ihnen jene dumpsgeahnte, dunkle Ankündigung erfüllt halt Also wäre der Satz umzudrehen: Noch in jenem primitiven^ Tasten, schon in den gräßlickyen Urformen kündigt« sich bereits das künftige Licht an. Auch die Wissenschaft tastet lange im Dunkeln, bis sie auf Licht stößt — erstrebe^' auch ihre neuesten Errungenschaften in verhüllter Fomrj! die Ziele der ersten Versuche primitivster Zeiten, die einzig vom .Psychoanalytiker in seiner scharfsinnigen Weise durch»! schaut werden töune»? J Nein. Nicht aus diesen Urformen (wenn sie auch üow der Psychoanalyse glücklich erraten wären) ist die ReligiyW i ui f.tnäim: drei? suaixu nur *räc Statwueu .cui... jöcay