Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 427 (30.3.1920)
- Date
- 1920-03-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2f Wien. Dienstag' V ... •irBriTTJTiü-. .. . .—irw>fri.-a Verführtes Militär.) Der Putsch wurde begründet mit der Forderung nach.Neuwahlen und der Wahl des Präsidenten durch das Volk und mit der Forderung nach ' Kachministern. <W i d e r s p r u ch und Lärm. Zurufe: § r zch ergerl) Das Militär ist in Berlin wie in eine f e i n d l i ch e Stadt eingebrochen. Urteilslose, chauvinistisch verseuchte Jugend jubelte der neuen Regierung zu, die nicht Abrüstung, sondern Aufrichtung deS Militärs l.'ivic die Vorbereitung des Revanchekrieges forderte. Auch diese Partei stammt aus Ihrem Kreis (nach v'chts gewendet) und Ihrer Gedankenlosigkeit. Tcr Sinn des Kappsche» PutscheS war Revanche. Wir haben ihm das Schwert aus der Hand geschlagen, aber tiefere Wunden hat der Generalstreik uns geschlagen. Der Tag der Wahlen wird Ihnen, (nach rechts gewendet) die endgültige Antwort geben.. Noch ist nicht das ganze Land beruhigt. Die Anarchie von rechts »Fi im rheinisch-westfalischen Industriegebiete in die Anarchie von links umgeschlagen. Die Fälle mehren sich, daß bewaffnete Individuen in friedliche Bürgerhäuser eindringen, um sich fremde- Eigentum widerrechtlich anzueignen. Die Anarchisten auf der Linken müssen mit demselben Maße gemessen werden, wie die Anarchisten - auf der Rechten. Die einzige gute Folge, die der Militär&Mifä gehabt hat. ist, daß das Ausland die Ueberzeugung gewonnen hat, -atz die Nationalisten und Mlitaristeir endgültig abgewirtschaftet haben.v Mit dem Bolschewismus mache man uns nicht bange! Wir lehnen ihn ab mit aller Entschiedenheit und aller Einmütigkeit. ^Wir werden den Bolschewismus bekämpfen und alles tun, um ihm in Deutschland keinen Nährboden zu geben. Aber dienächste Gefahr kommt von rechts. (Widerspruch rechts.) Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß das Volk auf unsere Anklage hin ein gerechtes Urteil fällen wird. (Lebhafter Beifall bei den Mehrheitsparteien. Zischen rechts, erneuter Beifall bei den Mehrheitsparteien.) , Präsident Fehrenbach schlägt vor, die Besprechung der Regierungserklärung zu verschieben und zunächst die anderen Gegenstände der Tagesordnung zu er-' lediger?. Das Haus stimmt zu. Hierauf wird die Sitzung bis 1 Uhr v e rt a g t. Nach Wiederaufnahme der Sitzung um 1 Uhr 10 Minuten ergreift Abgeordneter Bolz (Zentrum) das Wort und führt aus: Zur Erhaltung des Reiches und allmählichen Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse haben ■ sich die Mehrheitsparteien zusammermefunden. Ohne Koaliton gibt es keine Rettung. Vec- ■ brecher von rechts und links suchen uns ins Verderben zu ziehen. Es war eine deutschnationale Bewegung, aber weder deutsch noch national. Abgeordneter Henke (Unabhängiger Sozialdemokrat) führt aus: Noske ist gegangen als ein Mann, der alles verloren hat. Die alte Regierung hat von Stuftgart aus den Verbrechern von rechts scharfe Strafen angedroht. Was ist geschehen, intt der Ludendorff. Kapp, Lüftwitz usw. habhaft zu werden, was ist geschehen, um die Baltikumer zu entwaffnen? Unter diesem Eindruck stehen die Arbeiter im Ruhrrevier. Die alten Konservaftven hätten zu ihren Taten gestanden,. Sie (nach rechts gewendet) sind zu feige dazu. (Lärm rechts.) Einem Kapitän Ehrhadt, der gesägt hat, er möchte den einmal sehen, der seine Brigade entwaffne, hat Generalleutnant von.Seeckt seine Anerkennung ausgesprochen, ^uch die neue Regierung ist dem Militarismus gegenüber ohnmächtig, solange sie sich nicht auf das bewaffnete Proletariat stützt. Wir haben kein Vertrauen zu der neuen'Regierung, vor allem nicht zum Reichswehrminister. Auf Grund welcher Tatsachen hat das neue Ministerium das Vertrauen des Volkes? Es hat es ebensowenig wie die Nationalversammlung. Das Hauptproblem unserer inneren Politik ist die Bekämpfung des Militarismus. Abgeordneter Legien (Sozialdemokrat) sagt: Die sozialdemokratische Fraktion spricht der Neuen Regierung ihr Vertrauen aus. Wir verlangen von btt Regierung, datz die Hochverräter gefaßt werden und ihr Vermögen konfisziert werde, um daraus die LebettSmitielnot der Minderbemittelten zu beheben. Wir branchi'n Sicherungen für die Zukunft. Die Reichswehr muß wieder hergestellt werden, und. zwar durch Umgestaltung. Damit wird der Negierung ein verläßliches Machtmittel geschaffen werden. Es muß endlich Schluß gemacht werden mit der unsinnigen Agitation gegen hen Bolschewismus. In Deutschland ist kein Boden für dörr Bolschewismus. (Lachen und Lärm rechts,) Der Bolschewismus lindst nur dort Boden, wo die. Arbeiterschaft nicht genügend organisiert ist. Die Angehörigen beider sozialistischen Parteien im Ruhrgebiete wollen nur beschützt sein gegen die Reichswehr; der Kommunisten werden sie selber Herr werden. , . . - , Reichswehrminister Geßler, erklärt: Ich werde versuchen, die Kluft schnell zu schließen, die der Putsch der Kapp und Genossen in die Reichsverteidigung geschlagen hat. Es handelt sich um ein Problem der Gesinnnng. Die Verletzer der Verfassung müssen entfernt werden. Lüttwitz und andere Generäle und » ebenso zahlreiche Offiziere sind ihrer Stellung enthoben worden. Eine Untersuchungskomnnssion ist eingesetzt 'worden. Die ^rletzesvorlage, betrelfend die Aburteilung mftiläriicyer Perlenen durch-die Zivilgerichte, ist dem Kaufe zugegangen. Die Schuldigen an den SuS* _ Mle rer Morgenzektüns __ Eine Verfasiungskrise itt Dänemark. Kop'nhag^n, 29. März. Der König forderte heute mi tags den Sa,ftsm miste r Zahle nach einer längeren V sprechung über die nordschleswigsche Politik der Negierung auf, die Regierung möge ihr Abschiedsgesuch ein reichen. Der Minister lehnte dies ab. Hierauf erteilte der König dem Minist rium-Z ählle d en Ab schieß und beauftragte den Führer der LinkSpär'ei» Neergaard mit dep Di'düng der neuen Negierung. Ncergaacd erklärte sch nach zw.i'tündiger Bedenkzeit außerstande, den Auftrag auszusühren. Darauf bat der König die bisherige Regierung, die Geschäfte weiterzusührm, bis das neue Ministerium gebildet würde. Zahle lehnte dieses Anerl seren ab, Da sich der 'MichMg''Lsveitt''-Ms ttDJlet* ferirn MfirrdM, wurdchi die Regi^ruNgSpartften, die so^ialdemo.'ra ischr und die radikale Partei telegraphisch für morgen zu einer Sitzung Nach Kopenhagen berufen.. .„Svcialdcmolra cit" ve ö fent ichheute nachmittags eine S.nderausgabe, die unter der Ueberschrift „Der Köln; verübt einen Staatsstreich"' gegen das Borgehsn des Kö. igs S eilung nimmt. Auf dem - An.a ienplatz. versammelte sich im Laufe des Nachmittags eine Menschenmenge, die Ordnung wurde durch die Polizei ausrechterhalten. In sozialdcmokra ifckctr und radikalen' Kreisen sieht man die Lage als sehr ernst an. schreitungen werden bestraft werden. Im Ruhrgebiet sind gewisse Kreise auch den Führern der Unabhängigen Völlig entglitten. Abgesandte der Unabhängigen, welche von dem Angriff auf Wesel abraten wollten, gerieten in Gefahr, an die Wand gestellt zu werden. (Hört! Hört!) Per Zentralrat in Essen scheint unter dem Druck unseres Ultimatums einzulenken. Es fragt sich nur, ab. der Zentralrat die Macht hat, seinen Willen durchzusetzen. (Rufe bei den Unabhängigen: Jawohl!) Ich würde mich sehr freuen, wenn dem so wäre. Wir werden morgen mittags die Probe auf das Exempel machen. Die Reichswehr mutz nach der Säuberung auf breitester demokratischer Grundlage aufgebaut werden. Reichsjustizminister Blunck macht Mitteilung von, dem gegen Kapp und Genossen eingeleiteten Verfahren wegen Hochverrates, und erklärt, daß sich die Angelegenheit bei den deutschen Gerichten befinde, zu welchen man Vertrauen haben müsse. (Beifall.) Reichskanzler Müller teilt mit, datz das Exekutivkomitee in Duisburg der dortigen Reichsbänkstelle mit bewaffneter Hand eine Million Mark entnommen habe. Die Verhältnisse dortselbst scheinen sich also noch nicht gebessert zu haben. Juden und Araber. Im New-Dorker „Haibri" ist unter diesem Titel ein Artikel von Dr. G. Mal ul erschienen, welcher vor kurzem ganz Galiläa bereist und dort genaue Jnforma iinen über das V rhalten der Araber zum Zionismus dingehott hat. Aus den Gesprächen, welch: er mit A gbem geführt hat, di: im öffentlichen Lrben stel-en, geht hervor, daß der Sitz der antizwnistischrn Araberbewegung Haiffa ist. Dort erscheint auch die von einem Christen geleitete arabische Zeitung „Ha- ' karmel", welche durch ihre feindliche Haltung gegn die ' Juden im allgemeinen und gegen den Zionismus im besonderen bekannt ist. Dr. Malül will übrigens festgestellt haßen, baß .Agenten des Emirs Faisul ganz Eröz Israel bere'sen und monatliche Sübvsnti-onen an Redakteure zahlen, damit, sie gegen den Zionismus schreiben. Dr. MaAt hatte.auch; eine Unterredung mit dem arabischen Stadtverordneten ' von Haiffa, Jehdu-al- Bustani, einem arabischen Gelehrten und Dichter. Auch dieser war «in Gegner des Zionismus, weit seiner Meinung nach die.jüdische Einwanderung nach Erez Israel eine Gefahr für die.arabischen Bewohner bedeutet. Mit Mühe brachte ihn Dr. Malul dahin, keine irrige Ansicht einzuseheN und zu versprechen, daß er sich mit der Au.orität seiner Person für eine Verständigung Mischen Juden und Arabern im Lande elnsehen werde, jedoch unter der Bedingung, baß die Juden die arabischen Forderungen-. anerLmnen. Als ersten Schritt zu dieser Annäherung gründete Bustani einen gemeinsamen Klub von' Juden und Arabern unter dem Namen ,,Sstneutenklüb an der amerckunlschen Universität ln Ge'.rut", welcher sich zur Ausgabe gemacht hat, zur Auf.läruug gemeinsam Bücher und Zeitungen heraus zu. eben und- Versammlungen etbzuh l^en. In der letzten Zeit sind, nach Dr. Maluls Bee'cht drei geheime Gesellschaften g gründet worden unter den Namen: ,/Dle schwarze Hand" ft-nev ,D:e Rettung des Vaterlandes" und ,,Wahrheft und Vaterland". Diese Gese.lfchaften stHen unter de« Patronanz von Tahamerel-Jmaß, dein Vertreter der Stadt Haiffa bei der arabischen „Negierung" in Damaskus. Ihre Losung ist: Kampf gegen die Juden und Z'.-nisten. In Liberias besteht ein von dem Araber L-ejöel-Tülbt begründeter Klub, der das Ziel hat, alte in Erez Israel wohnenden Nationen, insonderheit Juden und Araber, einander anzunähern. In Safed gibt es keine Neibereir« zwischen Juden und Arabern, bä dort beide Nattonen ganz ges)ndett siedeln. Während seiner. Anwesenheit in Safed hat Dr. Ma'ul zwei Vereine zur Annäherung beider Nationen begründet. so. M»« ras Uff. «77 Am Schlüsse seines Artikels kommt Dr. Malul zu dem Resultat, daß die zionistische Organisation ehestens alles anwenden mutz, um zwischen Jude« Arabern ein gegenseitiges Verständnis herbei',uführea. Wenn wir heute zu spät kommen, wird die Arbeit vev-! gebens sein. Als Mittel für diese Verständigungstätigkeit nennt Dr. Makal: Gründung emer Zeitung in arabischer Sprach«, welche unter den Arabern richtig« Meinungen über den Zionismus verbreitet (eS gibt zurzeit eine einzige arabische Zeitung, welche mit dem» Zionismus fympaih'.siert, doch ist ihre materielle Fun-, dierung'schwach), Gründung gemeinsamer Klubs voir Juden und' Arabern, Beitritt drr Juden zu den schoU bestehenden Klubs dieser Art und ihre materielle Förderung. Großen Nutzen können da die s. phardischen Juden, stiften, da sie vielfach das Arabisch« beherrschen ««U überhaupt den Arabern nahostehen. Dazu ist eins Organ^f'erung der gesamten sephard!sch«n Jugend nach der Art, wie sie im Haiffaer Klub „Hatechijah" organisiert ist» notwendig. i ' Außer der Pvesseagitation ist auch persönlich« Agitation für die Verständigung unter den Landeseiu« wohnern nötig. Da können die Makkabi-Böreine, welche das Arabische pflegen, gute Hilfe leisten. Von größter Bedeutung aber sind die Volksschulen für arabische Kinder, deren jüdischr Lehrer daS Arabische beherrschen und in den arabischen Kindern Sympathie für^die jüdischen Nachbarn erwecken müssen. Dieser Versuch' mit der von Juden geleiteten arab'schen Schule wurde von Herrn Kolbrejskt in Rosch-Plnah un.ernommeu und ist dort, wie in der „Wiener Morgeiczeitnng" bereits berichtet wurde, völlig gelungen. PolitifcheRundschau. Angebliche Fluche des Ministeeprafibente» Tnsne. Prag, SS. März. (Tel.-Komp.) Gegenüber den ln den letzten Tagen in Prag und in der Provinz verbr.k^eten G«:üchten über eine F'uchi des Ministerpräsidenten Tu'ar erklärt der'„P'avska Pondelnil", daß ti se Grrüch e von dm tschech schm Nationaldemvkrate» verbreitet wurden und vollständig aus der Lnf't geg-riffen sind. So wurde behauptet, Tusar s.i nicht krank, sondern mit 80 Millionen Krone« nach Italien burchgegäugen. Seine Gemahlin soll angeblich an der dm schösterreichischm Grenze äuge halten und in ihrem Koffer eine große MeuK Gold und Si.'ber gefunden worben sein. Ein anderes Gerücht ging dahik, daß Tusar in Mariendad verhaftet worden fei und auk seinen Posten nicht Mehr znrüikehren werde. Das Blatt fügt hinzu, daß et s'ch um nichts anderes als um ein Wah.manöver handle. Erbauliche» a»S der ungarische» Natirual- Versammlung» Butzaprst, 89. März. (Ung. Tel,-Korr-Dur.) Zu B?x,i?.n der Sitzung erteilte Vizepräsident Vottlil dem Mgeordneten Markgraf Pallavieini nachträglich w:gen mehrerer, den parlamentattschen Anstand verl tzenden Bemerkungen in seiner am Samstag gehaljeneU Rede den Ordnungsruf. Grnähruugsministcr Szabo vvn Nagyatad pr»- testierte gleichfalls gegen die vom Markgrafen Pallavittni in stiner am Samstag gehaltenen R:de erhobene An schul'lg ung. daß der Minister sich einer Indiskretion in betreff der Verhandlungen des Mitttster'M'es schuldig gemacht habe. Der Minister wies sern-rr die Bemerkung des genannten Abgevrbnften betreffsub dis Intelligenz einzelner Minister zurück und erklärte, zur Ghrttchkcit und Korrektheit sei französische Vorbildung nicht erforderlich. (Lebhafter Boisall bei der Partei der Landwirte.) ' Ack.'rbau ri ftster Rubinek beantragt;, daß zurUuwr-' suchnng der in der Jnterpella'ion Lin^au^r enthaltene»' B'schnl.igungen ein elfgliedriger parl-knnentari,chrr AuS-- schuß gewühlt werde» der spätestens innerhalb dreißig' Tagen den Bericht zu erstatten hat. De« Antrag wurde' angenommen, worauf du Wahl des Attsschusfts erfolgte. . Inland. Die Anschlttßpropüganda in Tirol. Innsbruck, 29. Mürz. Die Landesteglerung und der Landesrat haben ln einer gemeinsamen Sitzung folgende Beschlüsse gefaßt: Die Tiroler Abordnung, die sich heute nach Wien begibt, wird beauftragt» der Enrentemlsslon in Wien den einstimmig' aesaßten Landtagsbeschlutz vom 11. Dezember ISIS über die Forderung ves wirtschaftlichen Anschlukses mitzuteilen. Den Missionen ist weiter mitzuteilen, oatz die Landesregierung, falls bei der Etltenie Über diese Volkssiimmnna noch irgendwie Zweifel bestehen sollten, bereit sei, die Frage des Anschlusses der,Entscheidung durch eine allgemeine Volksabstimmung zü unterziehen. Der Lanbesrat beauftragt gleichzeitig den Derfasfungsausschuß. dem am 13. April zusammeniretrnden Landtag einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den das Beserendum in die Tiroler Landesverfassung «in-, geführt und dadurch der Bevölkerung die Sicherheit geboten werden soll» daß die entscheidende Frage, die das politische Schicksal des Landes betreffe, einer allgemeinen Volksabstimmung unterzogen weedm kömte.