Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 420 (23.3.1920)
- Date
- 1920-03-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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' jteeUelT /Wien, Dlensiag*_ Oesterreichische Kausieute in Leipzig erschossen? Vo» vertrauenswürdiger Seite wird uns «itgeteilt, datz während der blutigen Straßenkämpfe in Leipzig auch «ehrere österreichische Kauf Leute, sie sich znm Besuch der Messe dort aufhielten, m das Leben gekommen sind. Es wäre dringend zu wünschen, baß die österreichische Regierung hierüber Authentisches «itteiLt. da die Beunruhigung in den be» reiligten Kreisen sehr tiefgehend ist. M:L einer Erklärung der Meffeleiturrg ist nichts getan. Berftärüunq der belgischen Desahungstruppen. Paris, 22. März. (Funkspruch.) „Journal" meldet 'nt? Nachen, daß beträchtliche Verstärkungen belgischer Truppen nach Miirs abgcgangen sind. Der Kanins nur die ArbeiLerreaiernng. Berlin, 22. März. (Tel.-Koinp.) Heule sand eine .'rmciusame Sitzung der Vorstände der sozialdemokratichen Partei, der unabhängigen sozialdemokratischen Partei, des Gewerkschaftsbundes der Berliner Gewerkchnftrn und des Verbandes der Angestellten statt. Die Kommunisten waren an der Sitzung nicht beteiligt. Ter Führer der Unabhängigen, Adolf Ho s f m au.n, Machte den Vorschlag ein, das; die Sozialdemokraten arider Richtungen und die Gewerkschaften sich zu einer reinen ArbeiLerregierung einsetzen sollten. Als weitere Bedingungen sollten gestellt werden: Zurückziehung :ller Truppen ans de» Straßen Berlins mit Ausnahme res Regierungsviertcls. Die Forderung nach Errichtung?iner Arbeiterwehr, Errichtung von Werbcvnreans für ziese Arbeiterwehr, endgültige Aufhebung des Belage- -mngszilstandcs. Tie sozialdemokratische Partei gab ihrerseits dazu ne Erklärung ab, daß nur, wenn die bürgerlichen Parteien sich mit der Bildung einer reinen Arbeiterregiernng einverstanden erklären würden, die Mebrhcitssozialisteu auch mittun konnten. Es wurde daraufhin ein Ausschuß, der augenblicklich mit den NegierungSvertretcrn verhandelt, gebildet. Tesche« — der Kriegsvvrwanb. Warfchru, 20. März. (Privat.) T>le Teßhener Frage erregt in Polen ein stets wachsendes Mißbehagen. Die Alarmnachrich-en überbieten einander. „Kuryer Warszawsli" berichtet über ts.hechiiche Gewalttaten im Te scheu er Gebiet. ,Kuryer Polski" weiß von einem DesenskvbündniZ der Tschecho- Slowakei mit Teutschösterreich im Falle eines tschechischen Ängris'es zu erzählen. Der „Nobotnik" dagegen bringt die Nachricht, daß Polen im Falle eilies Krieges gegen die Tschscho-Stowakei auf die militärische Hilfe Ungarns zu rechnen habe, eine Meldung, welche Beachtung verdient. In der Landtagssitzung vom 17. kam ein« dringliche Anfrage des Deputierten Buzek wegen Gewalttaten, -er Tscheclien im T-eschener Gebiet zur. Sprache. Diese Inter« pellation gab dem Aaiionaldenlokraten Zümorski Anlaß, alle Nezi'ter des Chauvinismus aufzuzlehen, In vollendeter Weife sekundierte ihm der sattsam bekannte Soziakchauvinlst Daszynski, welcher die Regierung auf,'ordert, mit den 'schärfsten Mitteln gegen den tschechischen Terror vorzugehen und am Schluß seiner Hetzrede erklärte: „Das Polnische Volk ist, wenn eö nötig ist, auch zum Kampf bereit" „Peer Gynt" im Deutschen Volkstheater. Ein großer Dichter eilt mit Sieberimeilenstiurln durchs Märchenland. Rafft hier wUndecsame Blüten zusammen, erlan.'cht dort unerhört seltsame Melodien, verschnauft dann und wann und sin liert, um «'ch schon wieder weiter zu sturmen. So ist Ibsens „Peer Gynt", die Fahrt teö nordischen Bauernjungen durch.di« 'Zauberwelt, aus der er erstmals Greis zurückkehrt. Der Dichtung haben sich die kommentierenden Professoren bemächtigt und die „Probleme" herausgeschält, welche dieses phantastl'che Gedicht behandeln soll. Man lasse die Audi eu'.uagen Hilf) liegen und Ibsens Aeu.ßerungen rechlö. die ihm Interviewer ablisteten und schere sich auch nicht, um das Gedankliche in dem Werke. Die philosophischen Exkurse, du ckten Wendungen und zahlreichen Anspielungen (die sich sogar auf Politische Zciler-eignisse und Losgrößen bestehen) machen nicht den Wert d?S „Peer Gynt." ans. Man grüble nicht und genieß« die Pracht und den Duft per Blumen, die der Dichter auf der Fahrt durchs Märchenland pflückt, die herrlichen Klänge, die ihm ertönen. Uyd wer sich unbefangen den Geschehnissen hingibt, dem erschließt sich willig der tiefe Sinn dieser nordischen Legende vom .-irrenoen und erlösten Menschenkind«. * Um das wundervolle Märchen „Peer Gynt" hat sich Direktor Bernau bemüht. Ist es an sich ein gretzsS Verdienst, dieses Stück zu bringen, an dasich so selten ein Thea!er wagt und das Publikum Szenen Urte Aases letzte Stunden erleben zu lassen (diese Stelle her Dichtung gehört zu den erlesenen Schätzen o»r Weltliteratur). so muß dem Beginnen, den volkstümlich«, ■Afx'sticft aus dem Wer ko heraus zu holen, wAcStinuut werden. Daß es doch nur . immer Wiener MsrAen-Mmg Die Bolschewiken greifen an. Warschau, 82. März. (Fnnkspruch.) Nach Meldüngen von der Ostfront hat im Gebiet der Polesic der allgemeine Angriff der Bolschewiken eingesetzt. Die Kämpfe dauern an. Nom, 22. März. (Funkspruch.) „Jdea Nazionale" meldet aus London» datz ein bolschewikischcr Ang r i f f an der finnischen Grenze eingesetzt habe. General I u d e n i t s ch sei von London nach Paris abgereist, um dort ein neues Heer zur Eroberung Petersburgs aufznstellen. Moskau, 22. März. (Funkspruch.) An der Westfront ist nach heftigen Kämpfen ein p o l n i s ch e r Angriff auf Wasilcwitschi, 88 Werst westlich von Nicschitza, abgcwicscn worden. An der Südwestsront ist eine Reihe von Ortschaften westlich von Owrutsch besetzt worden« Um den Besitz von Äowogrod Wolpnök wird in Stratzenkämpfcn gekämpft. Südlich Nowa Uschitza Kämpfe. Im Gebiete von Perekop wurde ein feindlicher Landungsversuch vereitelt und zahlreiche Gefangene eingebracht. An der kaukasische« Front, im Ge. tuet von NoworossySk, wurde der Kuban erreicht. Bei Elrfavctsinskaja wurden POOO Gefangene gemacht und 20 Geschütze erbeutet. Bei der Einnahme von Ekaterrnadar, die nach zwvlfstündigen harten Straßen» kämpfen am 18, März erfolgte, wurden 15.080 Ge» fangene gemacht, viele Geschüke usw. erbeutet. Im Ge» biete von Pjatigorak wurde Georglcvskaja besetzt. Die Stationen Soldatskaja und Prokladnaja wurden besetzt. An der Ostfront Fortdauer de- Marsches auf Kopal. Moskau, 82. März. (Funkspruch.) Nordfront unverändert. An der Westfront haben die Nottrupven bei den Kämpfen westlich von Njeschiha zahlreiche Gefangene gemacht nnd mehrere Geschütze «nd Maschinengewehre erbeutet. An der Südwestsront, im Gebiete von Nowogrod Wolynsk, dauert der Vormarsch der Rottrnppen an. Im Abschnitt Kameneh Podolsk sind die Nottruppen bis auf 28 Werst südlich von Deraschina vorgerückt. Die polnischen Frkedensbedingungen an Sowielrutzland. Park),. 22. März. (Frin^pruch) Aus Warschau wlrö gemeldet: Der Poln'schs Minist.r des Auswärtigen hat den Vertretern der fremden Mächte den Inhalt einer Note zur K'nntnis übermittelt, die an die Sswietregierung gerichtet werden s)ll und die Bedingungen des Friedens, mit den Bolschewiken enthält. Folgende Bestimmungen sind in der Note enthalten: 1. Rußland anerkennt alle Teilungen Polens als null und nichtige 2. Rußland anerkennt alle Staaten, die auf den Trümmern des ehemaligen Rußland entstanden sind und be jure bestehen. 3. Rückgabe der Vermögen und der Güter aller Staaten, die innerhalb der poln'.schry Grenzen von 1772 liegen, an den polnischen Staat. 4. Teilnahme des polnischen Staates an der Verteilung des russischen Gankschahes. und zwar auf Grund der Bilanz v)m 1. August 1914; Rückgabe der Archive und Bibliotheken. 6. Bestätigung des Vertrages durch Delegierte der obersten gesetzgebenden Behörde Rußlands. 6. Polen wird über das Schicksal der westlich der Grenze von 1772 gelegenen Gebiete im Einvornehmen mit dem Willen der Bevölkerung entscheioen. Falls Rußland di se Punkte annähme, könnten hie Verhandlungen sogleich beginnen. eine „Peer Ghnt"-Sui-e werden kann, dessen war sich wohl auch Bernau bewußt. Auch geht es natürlich nicht ohne ermüdende Strecken ab. Wie Goethes , Faust" zerfällt „Peer Gynt" in zwei Teile und „Peer Gynt II" (nach A ses Tod) für die Bretter zurecht zu schneiden, ist eine undankbare Aufgabe. Das Szenengewirr ist mit bizarrem Ibsen-Humor sehr stark durchsetzt, verulkt Zeitgenossen (zum Beispiel in der JrrenhauSszene einen schwedischen Minister, der dem Dichter zuwider war) und galloplert durch, alle Weltteile. Aber mit bewundernswertem Takt und künstlerischer Zielstrebigkeit hat der Spielleiter das Volkstümlich-Märchenhafte sistgöhalten und weiß mit tunlichster Eile jenen letzten Akkorden zuzustveben, welche die Melodie des ersten Tct.'es aufuehmen und in ergreifender Reinheit ausklingen lassen. , , Der „Peer Gynt" Franz Cverths hat uns überrascht. Seine Haltung, di« nicht beabsichtigt, sondern ihm wrsenhäft ist, scheint uns überaus glücklich, den „Peer Gynt" zp kennzeichnen. Er spielt ihn nämlich in der Jung-Giegsried-Manier, ohne Spur von Dämonie, als br.itLein'grn, blonden, gutartigen, aber keineswegS! weichherzig n Kraf.bu scheu, den diö Lust am Fabulier.«! durch taus'nd Wunder führt, der dabei niemals von des Gedankens Blässe angekränkelt ist und von Ssntimenieu picht behelligt. DaS entspricht — dünkt unS — haarscharf dem Sinne der Dichtung. Nie empsindet Peer Gynt Reue; ein einzigmal, da fühlt er, von der. reinen Solveig scheiden zu müssen, spricht er dieses Wort „Reue" au). bezeichnend, wie: Cr hat eeinmal in einem Buche gelesen und es längst wieder vergessen- Niemals wird Peer rührselig und die Strrbeszene der Mutter wirkt gerade deshalb so ergreifet, weil er lustig drauf loskutschievt, in die sieben Himmel hinein, während ihre Augen brechen. Und ohne zu , wimmern oder aufzuschluchzen, findet sie dann et* n miiitär.. . ..... i Politische^tundschau. Die Palästinafrage. Faiful «ich» mU H9mI| »Umckmmt. London, 19. Marz. Lloyd George ttßfitfc ini 18. d. M. im Parlament» datz Gnir Faisnl tzo» im vritischea und ftanzSsischeu Regierungen dahin insa«. miert worden sei, datz diese nicht in der Lag« seienihn als S ö n i g a u z «er k e v »e u. Faisul wurde t*9 KlarsteLnng seines Falles eingeladen, nach Enropa gtt kommen. In derselben Sitzung gab der Vertreter tzieß Auswärtigen Amtes die Erklärung ah, datz »ach de» Friedensvertrage Palästina a i ch t!» » arabi sche K ö n i g r e ich eingeschlossen wurde. " ' Die Militärgesetze ln der Tschecho-SlyWaKet) Prag, 22. Mörz. (Privat.) Ju der Nasioncckversammlung ist eine Einigung der Parteien ilkei' die Wehrgesetze erfolgt. Der Landesverteidigung-minister Klofae erklärte sich äiS Anhänger de8 Miliz« s y st e m S, das sich aber mit Rücksicht auf die Weltlage jetzt noch nicht verwirklichen fasse. Nach dem Wehrgesetz beträgt der Friedensftand der tschechischen Armee 150.008 Mann. Der Aufwand wird mit 100 Million«» Kronen vorgesehen. Hente steht das Gesetz üb« die Staatsbürgerschaft in Beratung. - . . Jüdische Kandidatur ln Olmütz. Olmütz, 22. Marz. (Privat.) Die JüdischnationawA haben für die Wahlen zur Nationalversammlung de» Landesgenchtsrat Dr. Meißner als Listenführ«^ nominiert. Glückwünsche der amerikanische« Zio«iste» «sj Mafargk. Do» der amerik«nischen zionistischen Organisation lwtgw in Prag folgendes Telegramm ein: Die zionistische Organisation in A m e r i k a schließt sich ihren zionistischen Genosse« und der Judenschaft in der Tschecho-Slowaket an und entbietet dem Präsidenten Masaryk zu seinem siebzigsten Geburtstag ihre wärmsten Glückwünsche und der tschechische» Ratio«! ihre tief empfundene Gratulation zu diesem Festtag, zu Ehren des siegreichen Führers und edlen Staatsmannes» welcher gemeinsam mit dem tschecho-siowakischen Bolle die Minoritätsrechte der Juden in der Tfchecho- Slowaker anerkannt und gesichert hat — als Vorzeichen de« freien und humanen Denkungswelse, welche im tschechische« Volke gegenüber den Juden herrschen wirb. Dem Präsident«« und der Republik wünschen wir' ausherzlichste Schals» ubracha (Frieden und Segen). Brand etS, Mack, Vise, detzaaS. , , _'_ Amerika «nd Deutschland. Washington, 22. März. (Tel.-Komp.) Während' Hat' Samstagsitzung des Abgeordnetenhauses wurde e» Antrag eingebracht, der den FriedenSzustand zwilchm den Vereinigten Staaten und Deutschland als bestehend erklärt, wenn Deutschland den Vereinigten Staate« aB« Rechte zuerkennt, die diese nach dem Vertrage von Versailles besitzen würden. Falls Deutschland diese Forderung erfüllen würde, wäre der Präsident diesem Vorschläge zufolge ermächtigt, für eine Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen zu Deutschland und «ine Ausdehnung der Kredite zu sorgen. \ 1». 'w-ai-u-g.1» wiir «RjuajLS-xiüKagge^ kältet, zündet — treu, aber heiter — das Totenlicht an und stürmt unbeschwert von drückenden Gedenken in die Welt hinaus. Auch späterhin bleibt EverchR „Peer Gynt" instinktiv der unbekümmert«, genietzende Bauernfchädek, der sich sein Kaisertum in den ^opf gesetzt hat und immer wieder übertölpelt wird: Mm den vier Abenteurern an der Küste, von Anitr», ft*»' Begriffenfeldt. Man könnte ja auch den „Peer Gyn^ als genialischen, faszinierenden Uebermenschrn spielen, was Gverth wohl nicht gelänge. Rur wäre es dann nicht mehr A.ifrs Sohn. Herr Everth aber spielt ihn aus dem Handgelenk, aus feinem Urwesen heraus «nd er ge.ingt ihm hcrrlich. P uls Ja.rower als Mutte« Aase war nur zufrieü-nstettLn^. Lie'elotte De «er« als Solveig aber nicht am Piatz. Das ist keineGretche«- rolle. Hingabe und Lieblichkeit sind nicht die «ntscheidende« Qua'siä en dieses Mädchens, das dem veefehmten in die eisigen Höhe» folgt, des jungen Weißes» das zuhause ist, „wo im Winde die Kiefer« sauset Allen anderen der Dank für die unendlich« Mühe, die an das Werk zu verwenden war. ES ßleibt utzg unvergeßlicher Abend. j Noch «ine Empfindung will ausgesprochen fein-' In dies'm Nordischen Drama der Erlösung hatt-o «S der Held leicht. Keine Buße, kein« Reue ««fr, Peer Gynt mutz sich nicht selbst erlösen. Solveig tut «S für ihn. Sit Ist „des Irrenden Mutter, des Sünde« Vater". Auch wir Juden haben ein Drame der Erlösung und da) heißt „Hi»b". Der aber wälzt sich im brennenden Wüstensands der mutz sich selbst anklagen und in Inbrunst kasteien, mutz leiden, leiden.. Und alle wühlen in s.inen Wunden und er mutz sich selbst erlösen. Zwei Welten. Ich bewundere die le chlbeschwingto« glückliche, flach i b lande Welt Peer Gyn iS. aber ich siede die dunk e, inbrünstige, aus tausend Wunden Mupnfrft Welt H.tobS« , , Otto Ad«leg.; w,— % innfi« iMMonnHiw f jitfrif n