Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 420 (23.3.1920)
- Date
- 1920-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Ünerikänische Senat hat das Bekenntnis zur Monroetzoktrin erneuert und leitet den Friedensvertrag an den Krafidenten Wilson zurück. Damit ist das ganze Werk jstnfällig geworden. Amerika hat die Drohung, sich von W» Verbündeten, loszusagen, erfüllt und stellt den Drbrdenszustand mit Deutschland und Oesterreich wieder jjeei Praktisch hat dies im Augenblick keine Folgen. Die pchnhie in Deutschland hat die Ansätze zu einer freien Ärtfchastlichen Entwicklung im Keim erstickt und Oester- ^4 ' ist infolge seiner Verarmung, der Wirren an Wen Grenzen und der trüben politischen Lage nicht Wftande, die Vorteile der Haltung Amerikas aus- Mysttzen. ' .' Meviel an dem. Beschluß des amerikanischen gettote» auf feine parteipolitische Feindschaft gegen h^Äfon zurückzuführen ist, scheint vom Gesichtsplmkte ßlpkopas nebensächlich. Man steht dem Faktum gegen- 8W, daß die republikanische Senatsmehrheit den Der- Pakt in den Papierkorb wirft. Er täte dies »Ht^wenn in Paris ein wirklicher Frieden geschlossen ipi^ben Wäre, der die Bürgschaft für die Dauer in sich tzHgt. Aber der Vertrag, der nach dem langen und aufregenden Duell zwischen Clemenceaü und Wilson, in BMem LansiW dem französischen Kämpfer sekundierte, 'WWDekiun, hÄ den AusgaNgspünkt zu der lerdvollen NeMtung der Dinge gebildet und den Anstoß dazu gegehen, daß die Unzufriedenheit in Deutschland sich in so Arckigen Formen entladen hat und Deutschland in Trümnftr schlägt. Die Unversöhnlichkeit Clemenceaus heck in Paris über den Wilsonschen Idealismus siegen können, aber sie wird selbst von der Erbarmungslosigkeit der Tatsachenwelt überwunden und führt zu -ev finanziellen Entkräftung der Sieger selbst, aber euch .zu, ungeahnten politischen Sorgen. Clemenceaü End feine Helfer haben das Werk des Friedens nicht rinmal in seinen Umrissen durchdacht gehabt. Sie hatten' geglaubt, daß eine Unterschrift unter einen» Vertvpz imstande sei, alte, historische und materielle Be- Ziehungen aufzuheben. Aber nicht nur in Mitteleuropa, sondern auch auf dem Balkan und in Vorderasien -eigen fich. ungeahnte Schwierigkeiten, die, der Zeit entsprechend, nicht im Kleid politischer Konversationen, vielmehr kriegerisch sich vernehmen lassen. In Mazedonien gibt es Krieg zwischen Türken und Griechen, in Anatolien wurden italienische Truppen zurückgedrängt, in Syrien geht es den Franzosen schlecht. Der Balkan wächst also einerseits bis zum Rhein, andererseits bis zum Euphrat. Seine Mentalität des bewaffneten Ver» schwörertums mit Putschen und Militärkrawallen überwuchert alles und die Entente sieht sich vor Fragen gestellt, deren Klärung sie ins Weite hat schieben wollen. Aber Völkerprobleme haben die unangenehme Eigenschaft, daß sie sich immer von neuem zu Wort melden und daß sie das immer dann tun, wenn es den Völkern an der Zeit scheint, nicht aber dem in Paris gebietenden hochmögenden Senat. Die Entente spricht von einem panfslamitischen Aufstand, der mit den Wirren in Deutschland in Zusammenhang steht. Dies ist richtig, aber in einem ganz anderen Sinne. Das System von Paris-kann weder in Deutschland noch auf dem europäischen Balkan oder in Vorderasien Ruhe schaffen und hie erste Voraussetzung hierfür wäre doch nur die endsiche Beiseitestellung der militaristischen Behandlung aller Fragen. Der türkisch-armenische Zwiespalt ist durch die entsetzlichen Massakers, bei denen ungefähr eine Million Armenier vom Erdboden verschwunden ist, nicht mebr so beizulegen, , daß man Militärkordons zieht. Er kann nur durch die Vereinigung aller Armenier in einem eigenen freien Staatswesen gelöst werden. Die Völkertrümmev quf dem Balkan müßten ihre Autonomie erhalten, und in der gleichen Weise könnte, ja müßte das jüdische und das ,arabische Problem gelöst werden. Solange aber die Häbelsitten die Politik verderben, solange wird die Wstlt in. Sorgen und Unruhen schweben. vDie Völker sind eben-nicht mehr Schachfiguren, die man-je nach .den angeblichen oder wirklichen Erfordernissen der eigenen Politik einsetzt. Sie führen ihr eigenes Leben und lassen, die Gestaltung ihrer Zukunft Kickt davon abhängig mache«, ob sich irgendwo m Europa Staatsmänner und Generäle miteinander einigen können. Sie nehmen keine Rücksicht darauf, daß die französische Rachsucht noch immer nicht ihre volle Befriedigung gefunden hat und daß die große Weltverteilung zwischen den Siegern Eifersüchteleien erweckt hat, die sich nur schwer bannen lassen. Die Zusammenhänge der immer wieder aufflammenden Unzufriedenheit liegen ganz offen zutage und braucht nicht erst eine Verständigung zwischen Alldeutschen und Komitatschis zu suchen. Sie ist da und sie gründet sich auf dem Gewaltfrieden von Versailles, den jetzt Amerika endgültig verworfen hat. Die Revision muß kommen. fortdauer lies Eemalstreilrs in Berlin. Berlin, 22. März. (Privat.) Die Lage hat sich bis abends nicht geklärt und die Aufforderung der Mehrheitsfozialisten, den Generalstreik zu beende», ist von den Arbeitern über Betreiben der Spartakisten und Komwnnisten nicht befolgt worden. Die Fabriken standen still und es ist noch immer ungewiß, was die nächsten Stunden bringen werden. Die Situation ist nach wie vor kritisch. ,_' flriilleriegefechle zwischen Reichswehr und Spartakilten.;.*.*?* Mit Maschinengewehren ausgerüstete Banden plündern in der Umgebung vom 12 Verwundete. Die Verfolgung in der Richtung E Velten schreitet fort. Die Brücken über die Havel nach Berlin sind von der Reichswehr besetzt. . Die Ählacht in Halle. Leipzig, 22. März. (Wolfs.) Die Kämpfe in Halle, und Umgebung dauern mit unverminderter Heftigkeit: an. Die Arbeiterschaft unternahm gestern einen Sturm auf den Schlachthof und . den Bahnhof, der jedoch abgeschlagen wurde. Auf beiden Seiten wurde. Artillerie verwendet. Die Stadt Halle ist von der Außenwelt vollkommen abgeschnitten. Berlin, 22. März. (Wolfs.) Nördlich von Spandau j plünderten starke, mir Maschinengewehren ausgerüstete, j Banden das Dorf Bötzow. Bei Hennigsdorf stießen sie auf eine aus Spandau herbeigerufene Kompanie Reichswehr, die sich jedoch wegen der Uebermacht der Banden einstweilen zurückziehen mußte. Nach Eintreffen neuer Verstärkungen und Artillerievorbereitung wurde ein umfassender Angriff auf Hennigsdorf unternommen, durch den die Aufrührer nach heftigem Kampf gezwungen wurden, den Ort unter Zurücklassung von 14 Toten, zahlreichen Verwundeten und vielen Waffen zu räumen. Auf Seite der Reichswehrtruppen gab eS zwei Tote und Die Wirren im Reiche. Nsske znrüikgetreten. Berlin, 22. März. (Wolff.) Das Rücktrittsgesuch des Reichswehrministers Noske ist vom Reichspräsideuten genehmigt worden. Berlin, 22. März. Im Laufe des Vormittags hat ein großer Teil der Geschäftshäuser und Läden den Betrieb wieder ausgenommen. Der Verkehr in der inneren Stadt ist beinahe normal. Die politische Lage ist nach wie vor ungeklärt, hat jedoch eine geringe Entspannung nach der Richtung hin erfahren, daß Parteiverhandlungen, wenn auch vorläufig nur inoffizieller Natur, ausgenommen wurden, die geeignet sin könnten, eine Enwirrunq herbei'»führen Die interalliierte Rheinlandskommissim teilt mit: 1500 Mann und ein General der Reichstvehr haben gestern das von den britischen Truppen besetzt« Gebiet betreten. Die Truppen sind entwaffnet und unter britische Militärbewachung gestellt worden. — In Leipzig herrscht wieder Ruhe. Die Truppen beherrschen die Lage. Der Generalstreik ist beendet. Bis zur Bestattung der Opfer sind alle Lustbarkeiten verboten. Der angerichtete Schade ist. sehr groß. — In Thüringen ist die Lage noch ungeklärt. Die Stadt Schulpforta soll eingeäschert sein. — In Königsberg kam es zu einer Schießerei, wobei acht Personen verwundet wurden. Zwei davon sind inzwischen gestorben. — In Plauen i. V. sind bewaffnete Banden in das Landgericht-eingedrungen und haben di« Herausgabe der bei dem Franckensteinputsch im April 1919 Beteiligten sowie die Ausfolgung der Akten verlangt. Der Staats-' anwalt, der die Herausgabe verweigerte, wurde mit den befreiten Gefangenen fortgesch'eppt. In Mün- | cf) cu hält die Regierung die starken Sicherungsmaßj nahmen aufrecht. Die g samt« Einwohnerwehr ist auf; geboten. Heute wurde in allen Betrieben die Arbeit ' wieder aufgenommen. Auch der Eisenbahnverkehr ist wieder im Gange. -- In Quedlinburg wuroe l gestern ein heftiger Spartakistemmariff auf das Rathaus von der Besatzung abgewiesen. Der von den Spartakisten besetzte Bahnhof wurde von den Truppen nach schwerem Kampf wieder eingenommen. Beide Teile hatten große Verluste.' — In Magdeburg wurde heute früh die Arbeit wieder ausgenommen. f Hamburg, 22. März. (Korr.-Bur.) Die Wersten haben die Arbeit fast in vollem Umfange wieder auf* genommen. Kiel, 22. März. (Korr.-Bur.) Die Parteien habe« beschlossen, die Arbeit in den lebenswichtigen Betrieben wieder aufzunehmen. Aus dem Rrrhrgebiee. Berlin, 22. März. (Tel.-Komp.) Die Nachrichten aus dem Ruhrrevier besagen, daß dort noch immer die gleichen Zustände herrschen. Aktionsausschüsse der Arbeiter haben die Macht in Händen. Vielfach, wird jedoch gemeldet, daß die Arbeit dort wieder im Gange sei und daß in den Bergwerken bis zu 80 Prozent der Bergleute eingefahren sind. Minister Giesberts ist nach dem Nuhrrevier abgereist, um mit den Arbeitern zu verhandeln. Die Verfolgung der Hochverräter. Berlin, 22. März. (Wolff.) Die preuß^chs Staatsregierung teilt mit: Gegen den OberprÜstdeuten W i n n r g. den Regierungspräsidenten Freiherr« von Braun, den Ober-Präsidialrat von Haffe! und den Landeshauptmann vonBrünneck in Königsberg fowje gegen den Geheimen Regierungsrat im Ministerium des Innern. D o q 6, und gegen den Regierungspräsidenten Pauli in Schleswig ist die Einleitung des Disziplinarverfahrens unter gleichzeitiger Entb-bnng vom .'l'nte angeordnet worden. Berlin, 22 .März. (Korr.-Bur.) Wie der Bericht* erstatter des Tel.-Korr.- Bur. erfährt, wurden heute gegen Kapp und die übrigen am Putsch beteiligte» führenden Vertonen Steckbrieje erlaüen.