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Wiener Morgenzeitung · 1920-03-22 · Heft 419 (22.3.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 419 (22.3.1920)
Date
1920-03-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener M»rsenzerttt»g .'22. M8rz 1920 5tt> W Der pasijslMiüscbe Aufstand. Der Heilige Krieg der Türkei. Veite 2 ' Wien. Montag Bochum, Düsseldorf usw. teilnahmen, wurde« folgende Richtßnien aufqeftellr: Waffenabgabe sämtlicher Reichswehrtruppen, Entfernung sämtlicher LWere aus der Reichswehr, Entvaffnung der grünen Polizei und der Bürgerwehr. An stelle der ausgelösten Truppenkörper soll eine aus Arbeitern gebildete Bolkswehr unter Führung republikanisch gesinnter Offiziere gebildet werden. Bis zur Ausstellung res Volksheeres übernimmt die bewaffnete Arbeiterschaft die Sicherung der Ruhe nnd Ordnung. Wir verlangen die Bestrafung der Berliner Hochverräter sowie aller Reichswehrosfiziere, die sich geveigert haben, gegen die Meuterer zu kämpfen. An der kinhrit des Reiches halten wir fest und die Parteien ßeh^n grundsätzlich aus dem Boden der Ver- 'Lssung, in der die revolutionären Errungenschaften iestgelegt find. Die Frage der Lebensmittelversorgung ies Jndustriebezirkes ist auf dem höchsten Geahrenpnnkt ongclangt. Die wöchentliche Brotration mußte auf zwei Pfund herabgesetzt verden. Lüttwrtz wird brr*a°Let. Berlin, 22. März. (Privat.) Die Verhaftung des Henerals v. Lüttwitz ist auf Anordnung des ReichS- »nwaltes eingeleitet worden. Wahrscheinlich ist sie zur Stunde bereits erfolgt. Das Reichsgericht hat das Berühren wegen Hochverrates sofort nach Bekanntwerden des Butsches eröffnet. Die Entente fordert die Entwaffnung der Spartakisten. Drrrt, 21. März. AuS Paris wird gemeldet: Die. hier einge aufene Depesche über Bildung von Roten Truvven in Deutschland, deren Zahl nach einer.Angabe des Berliner Reichsw.hrminlsteriums 40.000 Mann betragen pff, erregt das stärkste Aufsehen. Die Behauptung der amtlichen B'r.irrer m'litär'schen Stelle, daß?>iese Roten Truppen auch über Ariiller'e verfügen, gibt den Pariser Blättern zur Erklärung Anlaß, man habe?s hier mit der Bildung einer neuen deutschen A.inee zu tun, die entgegen den -Bestimmungen des' Versailler Friedens aufgestellt werde. Die Alliierten hätten das Recht und die Pflicht, die sofortige Entwaffnung dieser Skoten Armee in Deutschland zu fordern und, falls dis deutsche Regierung nicht in der Lage sei, diese Forderung zu erfüllen, selbst militärisch zu intervenieren. Die Vertreter der Allüren werten unmittelbar diffs Forderung nach Entwaffnung der deutschen Roten Truppen stellen. Nos keß Optimismus. Stuttgart, 22. März. Vor seiner Abreise noch Berlin erklärte der Reichswehrminister N o s k e: Die politische Situation sieht sich am heutigen Tage doch wesentlich anders an, als sie von der Streikleitung der Unabhängigen geschildert wird. Diese muß wohl die Hoffnung aufgeben, daß ich mit dem Zylrnderhut in Berlin ^scheine und ist enttäuscht, daß ich brt H elm aufbehalten babe. Wohl kann die Ordnung der Dinge nach den letzten blutigen Ereignissen nicht mit einem Schlage wiederhergestellt werden. Im großen und ganzen kann man aber sagen, daß die Hoffnung besteht, daß die Regierung innerhalb kurzer Zeit die Ordnung wieder Herstellen werde. Auch im Nuhrgebiet kann heute von einem einheitlichen Generalstreik nicht mehr die Rede sein. Und auch dort dürfte es in einigen Tagen gelingen, die Ordnung wieder herzustellen. Es ist selbstverständlich, daß die Reichswehr von allen unzuverlässigen und feindlichen Elementen gesäubert wird. Der Oberste Rat und Deutschland. Was die Franzosen forderten. Paris, 22. März. (Telegramm der „Wr. Morgen- Zeitung".) Der oberste Rat beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit dem Ersuchen der Negierung Ebert, einige Punkte des Friedensvertrages und namentlich die Demobilisierung aufschieben ZU können. Die englischen und die italienischen Bevollmächtigten b c f ü w o r t e t e ti die Forderungen der Deutschen und wic;en darauf hin, daß die Demobilisierung der deutschen Streitkräste bis zur Erledigung der bolschewistischen Gefahr ausgeschoben werden möge» Tie Franzosen bestanden jedoch darauf, daß der FriedensverLrag durchgcsührt werde. Eine 'rndgültkge Entschcrdung über diese Frage wird wahrscheinlich am Mittwoch gefällt werden. Die Franzosen weisen daraus Hin, daß die Deutschen die spartakist'ssche Gefahr übertreiben und unter dem Vorwände dieser Gefahr einen Ausweg suchen, um den Friedcnsvertrag nicht durchführen?jit müssen. Politische Verhaftungen in Prag. Prag, 21. März. Der Generalsekretär der deutschen nationalsozialistischen. Partei, Krebs, wurde verhaftet. Ueber seine Verhaltung wird ein Polizeibertcht veröffentlicht, wonach er sich Manipulationen mit gefälschten Banknoten zuschulden konnnen ließ, die angeblich vom Hilfsverem für die Sudelenländer in Wien stammen sollen. Der Polizeibericht erwähnt, daß Flugblätter hochverräterischen Inhaltes beschlagnahmt wurden. In die Angelegenheit sind auch andere Mitglieder der genannten Partei verwickelt. Krebs und die übrigen Verkrafteten. würden dem Kwalaerickt #ftv ■•aUe&wi Paris, 21. März. (Funkspruch.) Der panislamitische Ansstand ist vollends ausgebrochen. Der Kampf erstreckt sich von Thrazien über Anatolien bis nach Arabien. Halbamtliche Blätter behaupten, der Aufstand stehe mit de» Vorgänge» in Deutschland in Zusammenhang. Der türkische Oberst Jasser Tayar greift die Alliierten in Mazedonien an vnd leistet ihnen Widerstand. Griechische Truppen, die Thrazien beseht halte«, trete« kh« entgegen. In Anatolien wurden italienische Truppe« von Mustapha Krmal a» der Küste zurückgeschlagru. Französische Truppen sehen den türkische» Ratioualiste« in Meie« und im obere» Teil Syrientapferen Widerstand entgegen« Der ftanzSsifche General Gourand bat dringend um Verstärkung. Jugoslawien und Italien. ~-k. Wien. 22 Man. Im Güdosten Europas türmen sich wieder neue Gewitterwolken auf. Rach verläßlichen Mitteilungen werden die Ke, Ziehungen zwischen Jugoslawien und Italien täglich gespannter und drohen mit einer kriegerischen Explosion zu enden, wenn nicht in zwölfter Stund« der italienische Imperialismus mit seinen ExpansionSbejtrebnngen einlenkt. Die Zustände sowohl in Jugoslawien als in Italien — wo beiderseits die radikalsoziale Strömung parallel mit der steigenden wirtschaftlichen Not im Wachsen begriffen sind ~ sollten eS den Machthabern in Rom wie in Belgrad nahelegen, ehe es zu spät wird, einzulenken, sonst könnte man hier wie dort sehr unangenehm« Ueberraschungen erleben, in Italien vielleicht noch früher alS in Jugoslawien. Tatsache ist, daß in beiden Staaten die Anhänger der Dritten Internationale in Zunahme begriffen sind. Betreffs Italien ist dies allgemein bekannt. Für die Zustände in Jugoslawien sind aber die nachfolgenden Tatsachen charakteristisch: Ein Eisenbahnerausstand kommunistischer Färbung in O st s e r b i e n auf der Strecke Paracin—Zajecar; ein allgemeiner Streik sämtlicher Arbeitsbranchen anfangs Februar in Belgrad, denen sich überdies große Versammlungen daselbst und auch ein Umzug durch Belgrad anschlössen. Bei dieser Gelegenheit gelangte ein unsehnlicher Teil der Demonstranten vor das k ö n t g l i ch e Palais, wo sie in Hochrufe auf Lenin und Trotzki auSbrachen. Die italienischen Imperialisten sollten sich aber hüten, aus diesen Vorgängen, wie überhaupt auS der sozialen Garung in Jugoslawien falsche Schlüffe zu ziehen, zumal da ähnliche Vorgänge in Italien nicht zu den Seltenheiten gehören und speziell in Amerika die Erbitterung über den italienischen Imperialismus ebenso in Zunahme begriffen ist, wie unter den Kroate» und Slowenen» die durchaus nicht geneigt sind» zugunsten Italiens auf Zara und Fiume, Lussin, llissa, Uni« und Pelagosa zu bertzichtsn. Eine Deutliche Demonstration gegen die italienischen Ansprüche äuf südslawische Gebiete in Dal, malien und Istrien ist die Ernennung der früheren Vize- Präsidenten des österreichischen Abgeordnetenhauses, eines der Führer der dalmatinischen Kroaten, Dr. Lagt» j a, zum — * Bonus von Kroatien. Wenn man in Italien auf die tatsächlich vorhandenen Differenzen zwischen Serben einerseits, Slowenen, Kroaten und Montenegrinern andererseits Pläne aufbaut, so könnt« man sich dort genau so irren, wie d'Annunzio sich in Fiume mit seinen Plänen bereits geirrt hat. Typisch für seine Personalst es, daß «, zur selben Zeit, wo er an den italienischen Chauvinismus appelliert, den italienisch-südslawischen Konflikt als eine Juden mach« hinstellt im Interests der jüdischen Großkapttalisten. Dar tut derselbe Mann, der samt seinen Anhängern von jugoslawischen Schleichhändlern versorgt wird. Auf alle btcfe Tatsachen muh mit um so größerem Nachdruck hingewiesen werden, als für alles, was morsch in Dalmatien. Bosnien-Herzegowina und Montenegro ist, genau so wie in Istrien und Krqin jetzt bereits die »jüdisch« Korruption" verantwortlich gewacht wird und man periodlsch damit die antisemitische Propaganda sowie die von uns bereits mitgeteilten Fremdenausweisungen erklären will. In antisemitischen Kreisen spricht man sogar bereit-, so wie seinerzeit von einem Judäv'Magharentum, nun von einem Judäo-Slawien statt Jugosiawien. Dessen Juden sollten sich die Entwicklung in Ungarn als warnendes ©df!*icl stets vor Augen halte«. In Italien Wie in Jugoslawien herrscht in den chauvinistischen Kreisen das Bestreben, die Bevölkerung durch Aufpertfchung des nationalen Chauvinismus van der Unzufriedenheit über ihre wirtschaftliche Lage abzulenken. Der ShauptniSmur aber und die wirtschaftliche Not wird auch in Zukunft immer und überall der best« Nährboden für den Nasse«, und wirtschaftlichen Antisemitismus bilden. Mägen die Juden in Jugoslawien die» beherzigen und daraus die richtigen Konsequenzen für ihre Politik ziehen. Zur Lage der Juden i« Rußland. Von unserem römische» Korrespondenten. Es kann etwas sonderbar Vorkommen, daß man vvn Italien ariS über russische Juden schreibt. Wir sind aber hier in Rom i» solcher Doge, daß der unmittelbare Kontakt mit der jüdischm Bevölkerung, insbesondere Südrußlands, für «ns manchmal leichter ist, als für Länder, die geographisch näher an Rußland sind. Die Flüchtlingswelle, die von Odessa auS sich nach Frankreich, England und Amerika zu ergießen beginnt, kommt zuerst durch I alien und so bekommen wir manches Interessant« zu sehen und zu hören. ES kommen da öfters auch die politische» Persönlichkeiten vorbei, insbrsmdere auf der in letzter Zeit so yft benützten Rets''strecke Dindon^Jaffa. Die letzte politische Persönlichkeit aus Rußland, mit wetcker wie GeleLMheit batten* aMübcück über bk (Lage in Rußland zu sprechen, war Leo» Bramfoufti lang'äh.iges ta i0e3 Mitglied der Gesellschaft für Verbreitung der Aufklärung unter den russischen Jude», . der Gesellschaft für Handwerk- und Landarbeit unter! russischen Juden, Mitglied der ersten Duma, welcher sich in der Sache der Verbreitung der professionellen Bildung unter den Jude» besonders verdient gemacht hat. Herr Bramson geht jetzt »ach Frankreich, England' I und Amerika als Mitglied der Delegation der Gesell-! schüft für Handwerk und Landarbeit, welche während der letzten zehn Jahr« eine große Entwicklung durchgemacht hat und jetzt wohl eine der wenigen Organs 'ationen ist, die den ruffischen Juden eine unmittelbar«: Hilfe bringen kann. Die Aufgabe der Delegation &«* steht darin, die Westeuwpälschen und amerikanifcheW Juden mtt der Lage in Rußland genau bekannt zu machen, finanzielle Mittel zu suchen, Arbeitswerkzeuge und ArbeitSma erial einzukaufe» u,. endlich in näheret Beziehung:« mit den Arbeiterorganisation«»!, besonders Englands und Amerikas, zu treten. Politisch ist der Zerfall und die ZerstÜckkuug M jüdischen Kräfte ftstzustellen; fast alle Partei:» — insbesondere die sozialistischen — erleben «tue« Moment der Kr'se und Spaltung; die zionistische Organisation untz die Bv.k: Partei werden in Sotvietrußland verfolgt. Ein« klare und sichere politische Stellungnahme einzunehmen, ist für die jüdische Masse auch deshalb schwer geworben well jedes RegierungSsystsrn nur temporär ist «ich relativ schnell mit einem andern vertauscht wird, fr daß es an Zeit und Möglichkeit fehlt, sich dem momentanen System anzupasse«; und wenn die jüdische Bevölkerung di'ft' Möglichkeit findet, wird sie für dies« Loyalität von der darauf folgenden Regierung blutig bestraft. | So kommt es, daß jeder Regierungswechsel w . Kiew hat znm Beispiel während der hetzten anderthM Jahre zwölf gesehen — für die Juden von schwer/ wiegenden Folgen begleitet, ist. Dazu kommt noch, daß die Stellung der verschiedenen Parteien den Juden gegenüber recht paradoxal ist. So proklamieren VW Ukrainer eine vollständige Ratlonalautsrwmie, die ab«« von blutigste» Pogromen gefeiert wurde; die Kam» munisten kämpfen entschieden gegen jeden Antisemitismus und bestrafen erbarmungslos diejenigen, dw sich irgendwelche Judenausschreitungen erlauben, verhindern hingegen jede spezifisch jüdische öffentliche Tätigkeit, beschlagnahmen Part«'vermögen (Hr?r Brand« son zeigte uns diesbezügliche recht charakteristische Befehle her kommunistischen Behörden, von den jüdischen Kommunisten Ra'er und Frenkel unterzeichnet), so daß jüdisches Kulturnnd Gemeindelebe» fast unmöglich wird. ft Nicht minder ernst ist die wirtschaftliche Lag«. Die Pogrome haben verwüstende Folgen nicht nur i« moralischer, sonder» auch i» -k-uormschtt Hinsicht gehabt, Während d«S verflossenen Jahres find solche t« 4S0 Ortschaften vorgekommen (dabei in einigen drei- bis siebenmal hintereinander); die Zahl der. überschreitet hunderttanftnd, die Zahl der Verwundrte« fünfzig tauf snd» einige Tausende van HSusrrn wurde« zerstört und verbrannt, mehr als eine Million Juda« tvurden beraubt nnd wirtschaftlich vsrntchwt. Nur oie Nahrungsmittel für die vpftr der Pogrome haben di« Summe von etwa 8t) Millionen Rubel täglich gekostet; allein dt« Hilfe für Kinder hat vom tzentralausschuß für Hilfeleistung mehr als zwei Milliarden verlangt. Biele kleine ukra'.nischü Städtchen und Dörfer, bk vor allem von Inden bevSlkert wurden, sind heute „tote Städte", das heißt, von ihren iüewohnern vollständig verlas,en, die alle in größevv Mädt« ziehe», wo ste Sicherheit und B:r)lenft suchsn «nd nur Armut finde«. Andererstttzerstören die Methoden der kommunistische» Nationalwirtschaft die kleino Industrie und de« kleinen Handel, unterdrücken die private Jilitiativ« U«tz erschüttern in disser Miss die Existenzgrundlagen de« überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bsvölkeruna, Alles zusammen — die Pogrome, die unsichere potttischv Lage, die soziale Politik des Kommunismus — hatte« zur Folge, daß die groß« Masse aus ihren WlrtschastS- und Lebvntzposltlonen verdrängt wurds. Ein typisches Beispiel wird van Odessa (oas heute eine Judengemoindß von etwa 860.000 Menschen hat) geliefert» wo i die Juden vor dem Kriege im Handtverk eine überwiegende Nolle spielten: 70 Prozent der Schneider, 60 Prozent -er Schuster wäre» Juden. Durch ein« Untersuchung im Jahre 1019 wurde festgestellt, daß »nur 5 Prozent der Herreufchnsiber noch normal arbeiten, daß von 700 Werkstätten der Damcnschn.'idex n«x noch 300 existieren, und das Tischlerhandwerk auf die Hälft« vermindert ist. De? Unterricht im Handwerk ist faß gänzlich verschwund«». Di« mittlere Dimcniwn «ine« . SÄnetoerwettüMtz bat ÜL vou La. 8ü

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