Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 419 (22.3.1920)
- Date
- 1920-03-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr 41S Wien. Montag Lvkener Morgenzeftnufs 82 Merz 1920 (Seite f auf 3 bis 5 vermindert. 75 Prozent der Lehrlinge haben ihre Arbeit verlassen und beschäftigen sich mit Kleinhandel, sind Kutscher und'Träger geworden oder — in die Note Arme« eknzetreten. Die Schulen für pro-' sesiioneike Bildung sind w?ni; beucht und vielfach oanz geschlo sen. im Handwerk fehlt deshalb jedes Anwachsen. Die Hauptursachen dieses UebeistandeS sind die Schwierigkeiten. Material und W?rceuge aufzutreiben, und Mangel an Käufern. Sv ist durch Krieg und Revolution die ganze langjährige Arbeit der Eiesundung des Wirtschaftslebens des russischen Judentumerschüttert. Wie lebt aber die jüdisch« Bevölkerung? Die erste Antwort ist, chaß sie eigentlich nicht mehr tebt, sondern in ungeheuer großer Armut ihr Heben kaum fristet. Die G.ecbllchkeit ist enorül gestiegen und nicht nur infolge von Pogromen, soKern auch infolge der chronischen Unterernährung. Die wenigen Lebensmittel bezieht die Mehrheit aüS einer überaus ungesunden Beschäftigung •— aus der Spekulation. Wenn man auch den moralischen und Volkserzteherlschen Standpunkt »«her Acht läßt, muß man -ioch feststellen, daß diese Beschäftigung gefährlich, unbeständig, gewagt ist. daß sie es nicht erlaubt, etwas zu erlernen, sich in irgendeiner Spezialität festurs'tzen,' baß sie von einem nordtälen Handel weit entfernt ist und daß sie endlich nur Kn jetzigen vorübergehenden Momente möglich ist und in dem Augenblick, als in Rußland eine irgendwie wornrale politische und tvirtschaftliche Ordnung Platz greifen wird, alle dies« Menschen ohne Brot und ohne - irgendwelche Kenntnis '« auf die Straß« geworfen werden. Die Bevö.kcrung versteht dies sehr gut und man müßte ihr nur energisch zu Hilfe kommen. Als erstes Mittel zur Abhilfe stellt sich' der alte erprobte Weg der Auswanderung dar; dieser Weg ist aber heutzutage kgum zu betreten. Palästina kommt kür die Massenemtgrallon in der nächsten Zukunft nicht ..in Betracht; und das klassische Land der Auswanderung, Amerika, scheint nicht sehr gewillt zu sein, die neuen Mas'-n von jüdischen Emigranten aufzunehmen. Es gibt also für den Moment gar keinen anderen Ausweg, als die Heilmittel in Rußland selbst zu suchen, Und zwar in Rengestaltung des jüdischen Wirtschaft- , lichen Lebens im Sinne der produktiven Arbeit. Die „Gesellschaft für Handwerk- und Landarbeit" hat einen ausführlichen Plan ausgearbeitet, welchen inan in einem Worte zusammenfaffm kann: Arbeltshsife. Die Gesellschaft hat schon einige Schuster- und Tischlerwerkstätten in Kiew und Odessa auf ge- Mps.'enschaftlicher Grundlage'organisiert, hat außerdem W immer mehr hervortretende Tendenz der russischen -Juden zur Landarbeit benutzend, ihnen Mit allen Mitteln geholfen, die sogenannten „Landparze.llen" in der Nachbarschaft der Stadt« zu organisieren,, was in Odessa, Kiew und besonders in Wejßrnßlanih schon zu gutem Teil, zur Tatsache geworden ist; bei Organisierung der Kolonien, die auch zu Unterrichtszwecken bienen, hat dte Gesellschaft Hand in Hand mit den z ko n i st i s ch e n Organisationen gearbeitet. Für die Zukunft will di« Gesellschaft Musterwirtschaften, , landwirtschaftlich« Schulen und Kurse, Musterwcrkstätten, Handwerksausstellungen und Museen überall organisieren, für die Verbreitung der Professionellen Bildung sorgen und mit allen möglichen Maßnahmen die Rückkehr der jüdischen Bevölkerung zur gesunden, bodenständigen, produktiven Arbeit fördern. ‘ ©er Putsch von Damaskus unwahr. Die von verichjedNen Spstn v"öifenllichten Nachrichten über eine m DamaswS staijgefunhkne Kwnuna dcs Emir 8 a i s n l mm Koaig von Syrien nyd Palästina rrwcistn sich Wvmchr als bloße E r f i n d u n S «n D-esex Man schrmt tatsächlich bei den natonMisch-mab scheu H'tzkSpfm bestanden w fjab.n, ist jedoch von Faisul selbst veihindeit woidc«. .D a i! tz Telegraph* vom R d- M. berichtet hm«;!' «.Reuter Ersähet durch franZösifchs Quellen ans Syrien, daß die militärisch- Lago unverändert scheint. Die nationalistische Bewegung verursacht weiter Besorgnisse. Es fuitb als ein beruhigendes Zeichen angesehen, daß es Emir yaksul gelungen ist, die Tagung dos syrischen K 0 »l 01 i f f 9 9, der vorige Woche in D a m g - k u s zufomm-ntreten sollte, zu verschieben. Dar Hauptpunkt im rogrcunm des Kongresses war, Emir ygisul als König ities vvsWudig unabhängigen Shvtens zu peoklqniteikßn, Man glaubt, daß dis syrische Frage VSN der Frtebg„A, konfereuz noch einmal geprüft werden wird und hegt biß Mmnng, dgk, solangder Abschluß eines ensüsch-frsnzöslsch- «radlsch-tt Msr-intemmenS angestrebt wird, der syrische stbMeß sich zurückhalten wird, irgendwelche Entscheidungen f! Irrffc«." Die Bewegung hat vor ungefähr acht Monaten!'.o»ne«k. Ste wurdfi von a arischen Aatisna t'ien organisiert, die Delegierte von fast alten syrischon Gtädten, auch von den HatenitMen, «lilsgndte«, um ein arabisches Programm zu ssrrnultet-ii, des der FriedeltekonsokSttj voWlsgi werden fällte. Die Dclegicrlß» forderten eilt absolut unabhängiges deinutralischaS Syrien mit Miuoritntenschnh. Später trat d-r Kongreß mchrmgls in Damaskus zussmMn. Faifuls Uondar, Emir Silid, stellte dessen Tätigkeit «in, so lange Fai'ttl in Europa war. Nach Fsiisnls Nlicktehr ans London ststd Parte YSrte der Kongreß pptt verschiedenen Vorschlägen ftlr das Maydat über Syrien, nähin s.ine Tätigkeit wieder »ns->,"d -nwurcte fein*«' fkühate» Beschluß polttofllNwu«r Mabhchigigtetr« . u r'rrrJ*.ri'««jL Amerika erklärt den Friedenszustand mit Deutschland. Ein Protest gegen die SreparationskommMon. 2N a f $ i n ft t o it, 20. März. (Reuter.) 3m Repräferitarttenhittlse wurde eine gemeinsame E ctschlietznug angenommen, wonach der Friede nszu ft and mit Deutschland erklärt und von Deutschland verladt wird, datz eS alle Rechts die Amerika dem Friedens- Vertrag zufolge habe, anerkenne. Washington, 20. März. <Reuter.) Die Ae iernna der Vereinigten Staaten hat energisch Einbruch gegen die Beschlüsse der WiedergutmachungSkommisfion erhoben, wonach vie Kommission den Vrrkaus der deutschen Schiffe in neutrale« Ländern verlangt, um die erste Zahlung der von Deutschland geschuldete« Entschädigungen zu ermöglichen. Washington, 21. März. (Reuter.) Der Senat bat eine Entschließ,,im angenommen dahingehend, daß der Friedensyertrag dem Präsidenten Wilson mit der Mitteilung von der Weigerung des Senats, ihn zu genehmigen, znrückgeflellt werde. Die Panter Presse gibt dem Bedauertt über die Niederlage des Vertrages lebhaften Ausdruck. ^Journal* verweist insbesondere darauf, daß jede Tätigkeit des BblkerbunbeS und die wirtschaftliche Reorganisation auf der Mitarbeit Amerikas beruhe. ^Eelair^ verlangt die Einberufung von Vertretern der Entente zu einer Beratung, um ein Einvernehmen über die Politik ztt pflegen, die die Alliierten in der bevoistehenden. durch den Senatsbeschlnß verursachten Krise zu befolgen gedenken. Die Zeit dränge, denn die Washingtoner Entscheidttng bilde für Deutschland eine große Unter st ützung. Telegramme. Bor einem Generalsteeik der englischen Bergarbeiter. London, 22. März. (Privat.) Dre neusn Forderungen dev B rr g arbeitex sind ab gelohnt worden. Die Regierung rechnet angesichts dieser Lage mit dem Ausbruch eines Generalstreiks der Bergarbeiter am Mittwoch. „Königreich Ungarn^. Durch esne-iegieetingsverordnung wird die royallstische Stnatssorm f«stgelegt. Budapest, 21. März. lUng. Tel. Korp. Bur.) Das Amts, blatt veröffentlicht «ine Regierungsverordnung, wort» darauf bingewlesen wird, daß das Getep über die Wiederherstellung der Berfoffung und die vorläufig« Regelung der Ausübung der staatlichen Obergewalt zwar festgesteltt bube» datz die Ausübung der königlichen Macht feit dem 18. November 101S aufgehört habe, doch sei die tausendjährige StaatSfoem Ungarns nicht abge» ändert worden. Weder ie Königswürde noch die königliche Macht alS NechtSjnstltut fei abge. f ch a f f t w o r d «n. Fm Gegentöll, ha in dem erwähnt«» Gesetze dio verfastungSwidrigen revolutionären Verfügungen» di« auf «ine Abänderung der StaatSfprm und «uf eine Ab, fchaffung des Königtums Hinzielen, als ungültig erklärt wurden, fei unzweifelhaft geworden, datz der B e st a n d des KllnkstumS auch «ach den reveluttynären Ereignissen rechtlich unangetastet geblieben fei. Solange als« die Gesetzgebung nicht anders verfüge» bleibe Ungarns gesetzlich, StaatSform baö Königtum. Dementsprechend haben die Pehörben, Aemtcr und Fnststu- ApstSN dßS ungarischen Königreiches in ihren Bezeichnungen da- Attribut ^Königlich ungarisch" zu führen, übe, hem Wappen des ungarischen Staates ist als Dvmbei der ungari. scheu staatlichen Obergewalt auch weiterhin das Bild der heilt, ge« streue anzubringen. Die deutsche sozialdemokrakksche Kandidatenliste. Ppsss, 21. März. Die Blätter veröffentsschen die Kündidotn.liste der deutschen syMdemokralischen Partei für die heyylstehenden Parkalnentswühlen. Seliger ßaMdiert in tzgun, Kreihjch in Iunflbunzlgu. Hilledrand in ^ar!?hgd, Eermak für Böhmisch-Leipg und Pr. Czech in Brünn. In den Senat kandidieren unter anderem Nießner in Brünn, Kiesemetter in Jungbnnzlau. Pr. H«ller in Laun und Universitätsprofessor Wiechomski in Prag. Klo Wntento wA im Rtthvgrhiet militärisch interw^uigren. Paris, 22. März. (Telegramm der .,3Br Morgen- Zoit'lilg^.) «Chicago Tribjins'' meidet, bc.tj die Botschofterkotlserenz eine Bitte des Neichspmsidenten Gbert prüft, wegen der spartakistischen Unruhen Milder,innen des Versailler Vertrages namentlich in Bezug auf die Kohlenlieferungeu aus dem Rt'''v- ^chfete oinsreten zn fassen, England und Italien sind der sljicht, man müsse dem deutschen Wunsche Nachkommen. Eingesendet. vrilksnten. pkatln. INÜnren perlen vkren» kaksede 2ädne, all« Li'dsrxsLensMnütz veMauten 8te am besten dteefct dem Juwelier und G^ldarbeiter S. Holzapfel Wien, VI., Mariahil erstrasse 79 oder Werkstätte: 1, Wollzeile 17 13. m aber Millerand soll es abgelehnt haben. Er ist Ansicht, daß Ebert die Schilderungen übertreibe. Da die deutschen Kohlen absolut notwendig seien, treten M iller and «nd stoch dafür ein,' die Alliierte« m Deutschland weiter vorrücken zu lassen, um das Ruhrgebiet von den Ankstandischen zn rändern. Die amerikanische, englische and italiccische Regierung werde« jedoch für eine solche Maßnahme nicht eintreten. Tagesbericht. Neue Gemeindesteuern. In der nächsten Freitag stattfindenden Gemelnderat-siyung wird, wie wir erfahren, die Einführung de« neuen geplanten Kommunalabgaben zur Vorlage gelange». Durch die H o te lz i m m era bg a b e, die Blakatst euer, die Automobllabgahe, die Erhöhung der Getränke- und der Hundesteuer sollen Steuem im Gesamtausmaße von 200 Millionen Krone« zur Bedeckung der Mehrbezüge der städtischen Angestellten hereingebracht werden. Das Tabakmonopol. Die Verhandlungen Betreff« Verpfändung oder Verpachtung des Tabakmonopols werden, wie uns von k o mp e 1 e n t e r Seile mitgeteilt wird, auf neuer Grundlage fortgeftthrt. Das mit der holländischen Gruppe projektierte Ucbereinlvmmen ist bekanntlich an dem Widerstand der Atnerikaner gescheitert. Die Aussichten der jetzigen Verhandlungen werden nicht ungünstig beurteil^ Die Ford rruuge» der Invaliden. In W'en und allen Landeshauptstädten DentfchösterreichZ fanden gestern Massenversammlungen statt, in denen die Forderungen der Kriegsinvaliden und' Kriegerwitwm an den S'aat in glnchlautenden Resolutionen kundge^oben wurden. In Wien allein wurde« in den re schiedenen Bezirken 16 Versammlungen abgehallen, ttebst einer Hauptversammlung in der Volkshalle des Rathauses, die von mehreren tausend Personen besucht war und wohin die Invaliden aus den Kriegsspitätern des 9.?Bezirkes in geschlossenem Zuge unpe« Vorantragung von Tafeln und Standarten sich Legeben hatten. In der Versammlung herrschte eim «£-. regle Stimmung. i Nach Schluß der Versammlung begab sich ei«« Abordnung ins Parlament, wo gerade eine Klubsitzung der so^iat emo-rati chen Abgeordneten stattfand. Staatskanzler Dr. Renner und Staatssekretär Doktor Deutsch empfing'n die Abordnung. Der Staatskanzley versicherte, daß das Möglichste für hie Invaliden ge-, schehen werde. j Ein Mitglied dev Abordnung bemerkte hierauf wir haben in der Bers.unmlung die Leut« beschwichtigt« damit sie nicht in die Stadt ziehen und die Regierung! speist uns mit gut gemeinten Worten ab. Wir müsse« bis 15. April ein« entscheidende Antwort haben, die Erregung ist groß und die Regierung hat dia Verantwortung. j Staatskanzler Dr. Renner: Die Regierung kennt ihre Verantwortung, aber mehr als 84 Gtunde« zur Arbeit hat der Tag nicht. Ein Mitglied der Abordnung betonte, daß die Massen heute zum letzten-, male ruhig ause inander gegangen seien. . StaatssKl'etär Dr. Deutsch: Wir kennen die Notlage und wollen uns bmnühen, zwischen den Bedürfnissen der Fordernden und den Möglichkeiten foft Staates den Ausgleich zu finden. Der Zweck der Unterredung ist erreicht. Wir haben Ihre Mtnsche und! Heren Dringlichkeit gehört und nehmen sie zur Kenntnis. Etwas anderes kann jetzt nicht geschehen. Razzia in Padon. Pahen, 81, März. (Privat.) Im hiesige« Eafö Bristol wurde gestern abends von Organen des Wiener Kliegswuchexamtes eine Razzia veranstaltet. Bei 50 Personen wmdm Valuten im Gesamtbeträge vov zirka zwei Millionen Kponen kpusiSziert. Auch zahlreicher Schmuck wurde bei Gästen, die der Steuerhinterziehung verdächtig sind, sichergestellt. Die Amtshandlung rief unter den zahlreichen Gästen des Kasseehauses, wo gerade ein Konzert stattfand, große Auf. regnng hervor. Die deanständeten, darunter auch Damen, wurden zum Amte gesteltt und nach erfolgter Zdentißziekung entlassen. _ Men«? Börse. Ungeachtet der glatten Erledigung der Persorgung erösfnete die heutige Börse in ausgesprochen reservierter Haltung, wozu die noch immer verworrenen Fuständ« in Deutschland vielfach beiqeuagcn haben. Di« Kurse waren gegen das Letztgelneldete Niveau nur imwesent» licd verändert. '