Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 417 (20.3.1920)
- Date
- 1920-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette L Mm. NmisiäK WUntt Morgeirzektmrs Die Lage im Reich. Verlin-Slord von Arbeiter« besetzt. — 4V.V0V Rotgardisten im Birhrrvvier. Stuttgart. 19. März. Nus dem Reichswehr' nknkfterium wird folflettbc Darstellung der Gesamtlnge! kegeben: Die Truppen der Regierung habe» nunmehr Aerlin fest in der Hand. Der Norden Berlins ist uon «ewaffnete« Arbeitern besetzt und es er-- olgen dort Werbungen für die Rote Armee. Im Norden und Osten de» Reiches ist die Lage un- «crandert. In Thüringen sichtliche Entspannung.' Unverminderter Ernst der Lage im Rührte d i e r. Die Stärke der Roten Truppen hat im Ruhrlevier wesentlich Angenommen und wird bis auf 40.000 Rann geschätzt, die Maschinengewehre, Automobile und mch Geschütze in ihren Besitz gebracht haben. Ein weiterer Wetterwinkcl ist die Siidwesteckc 5 a ch s e» s, die Gegend von Plauen und die Um. rebung von Hof in Bayern. Dorthin sind bereits LeichSwehrtruppen und Einwohnerwehr in Bewegung. In Nürnberg Entspannung. Das militärische Bild ist heute günstiger als gestern, soweit sich jetzt überblicken läßt, ist die Reichswehr zum veit überwiegenden Teil, und zwar zu zwei Dritteln von ilnbeginy in derHavd der Negierung geblieben »nd steht fest hinter ihr. Die RStedMatur im Buhr-lebiet. Stntlgarl, 19. März. (Korr.-Bur.) Im Ruhrrevier sind?ts. meisten großen Städte in der Hand der Arbeiterschaft. Viel» ach werden Rote Garden gebildet und die Rätediktatureingerichtet. ES ist mehrfach zu Kämpfen gekommen. Die bes vaffnete Arbeiterschaft beherrscht augenblicklich die Situation, der Streik dauert allenthalben fort. Feldwebel Grube — KomrnanLattL. Cuxhaven, 19. März. (Wolfs.) Armeeberwolter Doktor Zthamerist vom Reichswehrminister Noske zum Garnisons- 8testen ernannt wordene Der Festungskommandant von Vessilow wurde in Schutzhaft genommen, ebenso der Komman« Mnt der Küstenwehr und acht andere Offiziere. Sämtliche Offiziere der Garnison wurden abgesetzt und Feldwebel Urube zum Kommandanten ernannt. Fortdauer der Kämpfe «nd der Streiks. Halle, 19. März. (Korr.-Bur.) Der Generalstreik dauert m. Gestern wurde ein Panzerzug und ein Stoßtrupp der steichstvehr in die Gegend von Eisleben gesandt, wo sich stoße Banden . gebildet haben. Nach lebhaftem Gefecht be- ' nächtigte sich die Reichswehr des Bahnhofes in Eisleben, weitere Vorstöße sind im Gange. Auch bei Merseburg kämpfen die Truppen mit den Aufkührern. Im benachbarten Braunkohlenrevier bilden sich hevaffnete Banden. Blutige Kämpfe in Leipzig. Hunderte §ote Verwundet«. -Leipzig, 19. März. (Wolfs.) Bei den zwischen den Vertretern der Arbeiterschaft und den Militärbehörden in der Nacht zum Donnerstag aügehaltenen Verhandlungen wurdcn Vereinbarungen getroffen, 5m die Herbeiführung des Fr'.edenZzustandes in Leipzig pi ermözllchen. Die Arbeiter nahmen je'och Liese Ver- .ünbaeungen, darunter Cniwasfeung der Areti^r, n!cht an und eröffneteu um 12 Uhr nachts wieder den Dampf. D!e Kämpfe dauerten den ganzen Donnerstag bis in die späte Nacht hindurch an. Die Arbeiter bauen überall Barrikaden. Ein M litarflug^eug jvarf nachmittags Bomben auf den Johannisplatz Kd, «in anderes Fugzeu'», da; Erkundungen vornehmen sollte, wurte von den Arbeitern abgeschossen. Die Öffentlichen G bäu'^e, die Hauptpost, der Hau Mahnhof und das Rathaus befinden sich in den Händen der Zeitfreiwilligen. Die Verluste in den Kämpfen sollen äußerst groß sein. Man spricht von hunderten Toten und Verwundeten. | Beendete Streiks. Kassel, 19. März. (Wokff.) Der Generalstreik ist beendet. Arbeit wurde heute wieder ausgenommen. Auch der kisenbahubtrieb ist heute wieder voll ausgenommen worden. Braunschwekg, 19. März. (Wolfs.) Der Eisenbahnbetrieb sst wieder anfgeuommen worden. Die Zeitungen erscheinen wieder. In den großen Industriebetrieben soll die Arbeit erst am Montag wieder ausgenommen werden. Emiguna in Kies. Kiel, 19. März. Wokff.) Mit dm Bsr^retern der Arbeier>chaf: wurde eine E nigu.rg er.iell. D.r Mehr- Leit-so',!a.'st Garbe tourte -itm Zi.i g-.u ern ur von Stiel ernannt. Die Zahl der Opfrr ist wahrscheinlich /ehr groß. Die Lag«! w Münchs«. München, 19. März (6 Uhr abends). Die Zeitungen erscheinen noch nnmec nicht, und zwar wegen eine- Lohnstreits' im Buchdruckcrgewcrbe. Heute abends soll trotzdem ein gemeinsames Nachrjchtcnhlatt ausgcgeben werden.' Heute, abends fanden zahlreiche ArbeiterversammlunW' statt. Die von ihnen gefaßten Beschlüsse fchemen jedoch, auf kewc Verschärfung der Lage Hinzuwersen« . PolMsche^rundschau. In den Kerkern der Erlaner Festung. Neue Horthy-Verbreche«. Aus Erlau wird uns geschrieben: Die Zellen der Burg, tu dnsn im Krieg so viele >,politisch Unverläßltche" zugrunLtz g ganzen. sich, heheröergen jetzt eine große Anzahl Mischer Bürger-, bi« auS dem von dcn Rumänen geräumten El diet jenseits der The'.ß von den Horthh-Truppest hcrbeigrschleppt und eingesperrt wurden. Diese Unglücklichen sind teils unter den dümmsten Vorwänden, teils ohne jede Grundangabe in Haft gesetzt worden und verkommen in der furchtbarsten. Not. So wurde der Hawaner Rabbiner Dr.' Adler in Hast gesetzt, weil er am Grab eines s-inen Krie-swunhen erlegenen jüdischen Soldaten angeblich „kommunistische" Ideen geäußert hat- Der Bankdirekter Blumenthal, Direktor der Zuckerfabrik, sitzt als Bolsch"wik! Aus Tiszafüred wurden folgende Personen ohne. Angabe von Gründen nach Erlau geschleppt: Dr. A'adar Kitz, B rir"»:r;t, Ti'uar-Obera'zt des Kom^ates Hever, di« Advokaten Dr. Heinrich Soltesz. Dr. LEwig Betetti, Dr. Eugen Epstein und Dr, D sider Weinberger, der G«m indeprä'eä Franz Kitz, der Förfker Julius Wildmann, der G cßgrun^b sitzer Geza Feuer und seine beiden Söne Alxarder und Joses Feuer, der Inhaber ein«: Maschtnenwerkstätte Ja lob- Großmann und sein Schwi'gerfohn, der Kaufmann Adolf Ru bin stein, der Besitzer des Hotels .,Brka", Josef Bar na, und s in.Schwiegersohn H Kramer, der G:t'e'd«hä::d*er Ala'.ar Braun, d r Oberb'ch^a't:r der ,Hunga ia"- Damp'mühlr S. Bamas. der Hau'ierer I. Kab os. Herr Jakob Kuhn, ein blutarmer Mann, Vater von acht Kindern, der Klemperer Eugen Schwarz, Batet von si.brn Kindern, der- Kaufmann Desider Rosenfeld, die Grundbuchswitwe Samuel Szanto. die Z'itungsver'chleißerin OM Kohlberg, der Fuhrtverkrr I Flamm und -der Großgri'ndLesitzrr Kafpar Weiß. Der Apcthakcr Geza Epste.in wurde unter der Beschuldigung der Giftmi'cherei ab ge führt. Alle diese Derha'tungm erfolgten nach der am 85. F b.ur durchgeführten Räumung der Stadt. Eine Entente kommission erschien auf .dem Bahnhof und verlangte von den einziehenden ungarischen Militärs unter Berufung auf frühere Vorfälle die Garantie, daß k'inem Juden Unr 'cht geschehen werde. Die Ungarn antworteten, d aß sie sich für v o l lste- R u h e per bstr göÄ. Djs: Entmtemi'fion gab sich mit dr.sem Versprechen zu'r'Wen und ver'ieß im Vertrauen auf die 'magyarische Ritterlichkeit den Ort. Kaum war sie ab gereist, da begannen.schon die Verhaftungen. AÄ ersten traf dieses Schicksal den oben genannten Arzt Dr. Kiß, einen seit einem VttrtelMrhundert im Diente der. Philanthropie wirkenden Mann, der sich des höchsten Anfehens erfreute. Eine Deputation des Ortes, an der sich auch viele- Un-arw b tringten. erschien unter Führung des Bezirksrichtrrs Janka bei dem Mililärkommanbanten und bat um Enthaftung Dr. K'.ß', für dessen persönliche Ehrcnha'trgkeit und politische Loyalität sich die ganze Brvölle.üng vrrbürge.^ D>:r Offizier fuhr den Rlchtrr an, „Sie werden gut tun, sich in nichts einzumengen, Herr Richter! Merken Sie sich: Heute regiert in Ungarn die Militärdiktatur und nicht das Zivilgericht". Der Gcwährsmann, der uns diese Daten angibt, bemerkt hierzu: Den abziehmden Rumänen folgen überall die Horthy-Ofsiziere mit der Aufgabe, das Land j uden re in zu machen. Bis die Enprnt« energisch eingreift, werden Tausende von Juden. Leben oder Gesundheit und das Vermögen verloren haben. Die Vertreter der Ententemächte könnten Ordnung, schaffen, wenn sie nur wollen und wenn-sie mit eigenen Augen sehen wollen. S'e mög-n die vielen Kasernen. Gefängni'se und Z.-ch'thäusor öffnen lafsen und durch eigme unparteiische Untersuchung die Tausend« vor Verbrechest.festst-rllen lassen, die im Namen des christlichen Nationalismus gegen schuldlose Menschen verübt werdent PräsidentMasaryk Über das ttbettfttnt, Brünn, 16. März. (Privat.) Am 8. März d. I. wurde vom Präsidenten Masaryk eine Deputation des Stadtrates von Göding, seiner Heimatstadt, empfangen, die ihm die Glückwünsche dieser Stadt zu seinem 70. Geburtstage überbrachte. Im Verlaufe der Audienz fragte der Präsident nach dem Verhältnis zu den Minoritäten in Göding. Der Bürgermeister erklärte, daß in Göding eine deutsche und eine nationaljüdische Minorität bestehe. Der jüdische^ Stadtrat Ingenieur Steinitz fügte hinzu, daß von den 1000 Juden Gödings zirka 900 national organisiert seien. Präsiderck' Masaryk erklärte, daß ihm die nationaljüdische Idee ^ehr sympathisch sei, da er eine Gesundung der Verhältnisse von ihr erwarte, sowohl im Judentum selbst als auch, nach mißen. Er erwähnte, daß er die im Derfassungsgesetze durchgeführte Anerkennung der jüdischen Nationalität begrüße und daß man jedem Juden die Möglichkeit geben müsse, seine Nationalität wahr und offen anzugeben, wobei er hervorhob, daß die S p r a ch e allein kein Merkmal einer Nationalität , fei und daß der Jude, ob er. nun deutsch, tschechisch oder. 20 MSrz E ' » 417 - --U—- „ ———- polnisch spreche, sich mit Recht zu seiner — der jüdische« — Nationalität zählen könne. Er sprach dann von dem großen Eindruck, den die mächtige zionistische yßwegung in Amerika auf ihn gemacht habe und daß « dem zionistischen Gedanken einen hohen ethtsche» W e r t beimesse. fnfctföeti 8eamtt* In 0«ft$t««u Rach der Vertreibung -der Ukrainer hat hi« neu« pv'nisch2 S aatcregi r»mg die meisten jü i chen G'«M» beamten in GaliziöN, besonders in Ostgattzjen, söge,'etzt. Zur grege'ung der Frag« der jübifchen Beamte« wurde dann im Oktober ISIS unter dem Druike de» jüdischen öffentlichen Me'nung Gali^tonS von der War^ schauer Zentralregierung.eine Kommission mit dßqs Sitze in Lemberg e'.ngesetzt. Sie soll« da Gründtz> we'che gegen die Uebemahm« Mischer Beamwr in HD» einzelnen Fällen vorgebracht wurden (gewöhnlich war es die Bc schuldigung eines EinverständNl'ses mit de« Ukrainern) überprüfen und der Zentralregierung Bvhtz sch'äge zur Wiedereinsetzung der Beamtest in ihyß AeMter mache». . . Die Kommission bestand aus einem Delegierten des Justizmin fteriumS und einem Delegierte» des Sföfcu* steriums des Innern, ferner de» Vorstände» der Dopartements, in denen die jüdischen Beamten waren, und zwei jüdische» Vertreter«, D-kto» Halpern und Dr. Rosmarin, welche der damalig« Miniftecpräs'dent PaderewSki bestimmt Hatto. Die Gtellüng dieser jüdischen Vertreter 1» öS» Kommission war von allem Anfang überaus schwierig und gestaltete sich yon Tag zu Tag ärger. Einer' vo« ihnen war genötigt. persSnl'ch in Warschau zu inte»» ven'e:--n um seine Befuzn'.sse innerha ö der Kommissio« sicherzuste.len. Bor kurzem haben nun, wie d'.e Lemberger „Ehwita" meldet, be^e jüdischen Vertreter in dieser RohabilitteruNgSkommtfsion vor deren letzte» Sitzung die Erklärung abgegeben, daß sie a» ih«m Arbeiten nicht mehr teilnehmen und den Saal verlassen. Sie bezründete» ihren Schritt damit, daß insttkg» der grundsätzlichen Stellungnahme der Mehrheit (« fegt Kommission die Gefahr bestehe, daß Hundert« von jMschen Eeamtc« ihre Staat» stellen nicht wiederorlange«, obwohl sie völlig rehabilitiert sind. Die jüdische« nku tretet könnten daher die Verantwortlichkeit für hi« weftere Arbeit der Kvmmlssion nicht mehr übernehmt V Dar jüdische Mandat ln den emnünisch« Ärnat. . Durch das Ableben der Senators Jakob H echtz, der sozufazen als Vertreter der Judenschast von der Regierung ernannter Abgeordneter war --- dk^ jüdisch« Mtlonalpart-i hatte Wahknthaltung prokl«mi«rt — ist das jüdische Mandat in den Senat frei geworden. Di» Ergänzunzswahl wird am 25. April -attfindr». Die jüdische Nationalpartei wird diesmal ihre Wahkmthal» tungsparol« nicht aufrecht erhalte«. Als Kandidaten werden genannt: Dr. Weisselberger. der frühere E-ernow^tzer Bürgcrmeist^, De. Naher Ebner. Dr. Friedrich Billig und, laut Meldung de- „Avantul". d:r frühste Abgeordnete Dr. S träuchnr, welchor sich aus Wir» an den delegierten Minister der Bukowina Dr. Rtstor mit der Anfrage wendet«, vb dieser gegen seine Heimkehr etwas rinzuwonden hätte. Der Minister antwortete, Dr. Gtraucher fei rechtlich ru.r.änisch r Staatshürger, könne jederzeit zurückkehre« und werde in Großrumänie» freundliche Ausnahme finden. Die jüdische Nationalpartet öeE fetzt Übe« die Nomini^rltng ihre- Kandidaten Und setzt alles daran, um ZersPlit erung n zn vermei en. Bemerkenswert ist. daß — »ach der Meldung de- „Avantul" «* tzist demokratische Partei „Unitea" keinen Krndida!«» aufstellt, da sie an der Ansicht festhält, diese» Mandat den Juden zu überlassen; damit ist de« Anspruch der nichtjüdifchen Bevölkerung auf diese» Mandat anerkannt. Die vom „Avontul" au^g-rollte Kandidatur der Sozialdemokraten Grtgorovtci kommt Wohl nicht in Frage, da sich dt« Sozialisten grundsätzlich nicht an den SenatSwahle« beteiligen. Ei« Schweizer Artett über die aildrutscheu . Antisemiten. Anläßlich der Besprechung der Berliner Vorgänge schreibt die „Baseler NationalMuug"i Das schwer getroffene, doch noch Immer nicht erschlagene Untier des preußischen MtlltariSmus ist noch einmal auf Beute gesprungen, und da seine Gier nach Sieg, Plünderung und Herrschaft vorerst noch nicht wieder an de» anderen^ Nat'onen sich befriedizen kann, so stürzte eS sich auf Berlin- Einigen Idealisten mag die Erinnerung an, LützowS wilde, verwegene Schar, an das Schillsche Freikorps, an hle van Schullehrern «ingeprügelte Preußenhist^rie mit all ihrer.Glorie deuniformierte» Unt^rtanentums vor'chwrben, für die eigentlichen Drahtzieher jedoch ist der Putsch nichts anderes als ein letzter»' vrrzwci'olter B rfuch.fich De tschlantS zu lemächtiy«», und ans ihm cin Instrument ihrer Hrrrltchk<it ^.u n achen Das Volk soll vor der Wahrheit fern« gehalten wechen, die Steuern sollen nicht die Kriegsgewittner, tzte Brot- und Vi hw.:cherer der Junlerscha.t, die Schwerindustrie treffen, die ’vorhandene Erbitterung solt auf die Juden, auf die paar unabhängigen und um di» Völkerver^öhnung bemÜhtLU freien Menschen m Deutschfand Lclenlt werde». . v