Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 416 (19.3.1920)
- Date
- 1920-03-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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%eüe 3 Men. Frerrag Republik zu retten, Berlin verlassen müssen, um der größten Jemeinsomen Aufgabe gerecht zu werden und den , Fortbestand deS Reiches stcherznsteüen, atcht um ein Parte,regiment durchzufüh"in, sondern einzig and allein, um vom Reiche Zusammenbruch und Bedrohung yon innen und außen fernzuhaltcn. Sodann gibt der Reichskanzler die Darstellung der b*- kannten Ursachen und Vorgänge des Berliner Putschr.d. Venu die Aufrührer nicht durchgedrung?u stnd, 4ji bic? rinzig dem Verhalten der Beamten in d-n Liiü'isterien mitzuverdanken. Kapp hat die große Agitation fachmannisch entfaltet. Diese ist lediglich erne verstärkte Agitation für reaktionäre Ziele. (5s ist nichts Reelles und Verdienstliches hinter dieser Förderung. Die schwersten Vorwürfe wurden gegen Erzberger gerichtet. Trotz der ungeheuren Angriffe und des schwerver» stündlichen Urteils müsse man sagen, daß es kaum einen tüchtigeren Fachminister gegeben habe als Erzberger. Es sind auch Verdächtigungen gegen die Negierung gerichtet worden; diese hätte ruhig in Berlin bleiben und sich mit den Aufrührern auseinandersetzen sollen, aber irr Erfolg unserer Taktik schlägt jeden Einwand nieder. Es hätte den Staatsstreichlern nicht besser geschehen können, als wenn wir ihnen in die Falle gegangen wären. Die Regierung hat den W,derftand gegen die Staatsstreichler organisiert. Sie hat die Reichsgewalt in der Hand behalten und weitere- Unglück verhindert. Das ganze Volk erhob sich und stellte sich hinter die Negierung. Es rref nach Waffen gegen die deutschnationale Reaktion, die ostelbischen Junker und die Offiz,erS, koste, die uns in die Zustände hineingeführt hat. Die Alldeutschen, die Vaterlandsparteiler, Oberst Bauer und General Ludendorff stad die Drahtzieher. Ludendorff war einer der ersten, der auf der Reichskanzlei :rschien. Nach fünf Tagen haben wir den Sieg auf der ganzen Linie. Der Beweis ist geführt, daß in der deutschen Republik sich keine Misitärherrschaft halten kann. Zum Jubeln haben wir keine Zeit. Das Verbrechen hat uns um Monate, wenn nicht um Jahre zurückgeworfe». Der Reichskanzler entbietet seinen Glückwunsch dem deutschen Schleswig, das für Deutschland gekämpft und gesiegt habe. In Schlesien und Ostpreußen herrschen noch sie Helfershelfer der Kapp und Genossen. Aber ihre Herrschaft wird nur noch nach Tagen zählen. Der Nationalistenaufftand hat die , extreme Gegenbewegung wachgrrufen: Die Kommunisten, welche im Steigen begriffen sind, deren Ruf nach der Diktatur des Proletariats erschallt. Der Bolschewismus von links droht. Wir werden fortfahren, jede Gewalt zu unterbinden, die gegen die Verfassung geht. Wir fechten nicht einseitig oder parteiisch, wir führen die Waffen gegen jeden Anschlag, der gegen die Republik geht. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen betonte der Reichskanzler, daß das ganze Berliner Abenteuer nicht möglich gwesen wäre, wenn nicht der Versailler Friedensoertrag dem deutschen Volke tatsächlich unerfüllbare Verpflichtungen auferlegt hätte. Immerhin habe .der Ausgang des Abenteuers gezeigt, daß in Deutschland dir Demokratre die einzige reale Macht sei und an dieser Tatsache werde man nofferulrch nicht achtlos vorübergehen. Der Reichskanzler beschäftigte sich hierauf mit den Maßnahme«, die unmittelbar gegen di« Putschisten erg^fstu werden fallen und stellte die strengste Bestrafung aller Führer u«d die rücksichtsloseste Säuberung der Reichswehr in Aussicht. Ferner werde genau die Rolle geprüft werden, die der pommersche Landesbund gespielt habe. Die, Reichsregierung werde den gesetzlichen Bestimmungen gemäß daS Vermögen Berliner Hochverräter schonungslos beschlagnahmen, ferner der Nationalversammlung schleunigst einen Gesetzentwurf unterbreiten, der die Verschärfung der Strafen für das Verbrechen des Hochverrates Vorsicht. Abgeordneter Scheidemann bemerkt einleitend, daß jeder, der Augen zu sehen und Ohren zu hören hatte, die Berliner Ereignisse kommen sah. Er verweist auf die Tatsache, daß Oberst Reinhardt, der die Negierung in wüstester Weise beschimpfte, nichtsdestoweniger im Amte bleiben konnte. Scheidemann schildert sodann ausführlich die Verhältnisse in der Reichswehr und beschäftigt sich auch mit den W a f f e n l a g e r n, die von den Großgrundbesitzern und - bcnso von Studenten überall angelegt worden sind. Me diese Toisackien seien von oben toleriert worden. Man habe eS sogar geduldet, daß ausdrückliche und bestimmte Anordnungen der Regierung blutig verhöhnt worden seien. Wenn man dies selbst nicht bemerkt habe, so hätte man dies zumindest aus den ' flötmtufer in der Presse und aus den Auseinandersetzungen in den Fraktionen erfahren müssen. Abgeordneter Burlage (Zentrum) sprach sich in schärfster Weise gegen die Frevcltai der Kapp und Genossen aus und lehnte jede Milde gegenüber den Verführern ab. Abgeordneter Payer (Demokrat) erklärte, daß die.Lage noch nicht genügend geklärt sei. Nach rechts würde sich die Politik seiner Fraktion keineswegs orientiere. Redner verlangt schonungslose Gerechtigkeit gegen die Urheber und Mithelfer des Putsches. Nach dem Abgeordnetr» Patzer sprach brr Abgeordnete Traut lnationale lkevarlei), der nNärte. daß seine Partei mit dem Punch in Berlin nicht das geringste zu tun habe und jede Verantwortung dassir ablrhne. Sodann ergriff der Unabhängige Henke da- Wort, der die Rrgicrung deftig argriss und »rssl e^nvere gegen Noske Front mcchtt. H.nsi- ^',c3 den Gcrmalstmk als ttirlsaruc Ävusie der HrbALcffchajt. ÄAener MorgenzeitnnK AbgevrdnrterMe. Heim (Zentrum) lehnte jede Gemeinschaft mit den Putschisten Mt vorncherrin ab. Heraus wurdHü? Nationalversammlung geschlossen. Die nächste SitzunMyird m Berlin statlsindr«. Die Sipe In Berlin. dem Putsch. SfcrrJf», 18. MärA (Privat.) Kapp und L ft t twitz verschwinden vom Schauplatz ihrer Date«. Ihr verbrecherisches Abenteuer ist beendet, nach' am sie durch fünf lange bang« Tage Deutschland in ein« politische Wüste verwandelt hatten. Di« Reichsregierung widerruft in einem Aufruf die Streikparole und verspricht die st r e n g st e S t r a f e gegen die Hochverrate. Nach den bis ab.'nds eingelaufenen Meldungen beginnt sich das Leben langsam wieder zu ordnen. Der Bahnverkehr kommt, in Betrieb, die Na iynalversammlung ist wieder nach Berlin verlegt worden. Die Vermutung eines Zufammen'pielS zwischen den Alldeutschen und den Spartakisten hat ihre Bestätigung gefunden. Der liberale Parteiführer Gothel« hat in einer dramatisch bewegte« Szene dem General! Lütt Witz dies auf den Kopf zugcsagt. Er warf ihm sowohl wie Herrn Kapp vor allen Dingen vol.ständige Unaufrichtigkeit in der Pokii.il vor- Denn es sei erwiesen, daß sie von Anfang an mit den unabhängigen Sozialdemokraten Verbindung gesucht und daß sie den verworrenen Plan einer Regierung auszuführen versucht hab<n. die aus Stc.atsstreichlern und Unabhängigen gebildet werde, die den Parlamentarismus «bschafsen sollt« und als eine Art von Wirtschaftsbund gedacht war, der lediglich der Vertretung,wirtschaftlicher Interessen disirrn sollte. General v. Lüttwitz suchte sich gegen den Vorwurf der Unaufrichtigkeit zu verteidigen, konnte aber nur mit einigen verlegenen Worten auf die Ausführung des demokratischen Führers erwidern. Schließlich mußte auch der General «insehen, daß die Situation unhaltbar geworden war. Er willigte bedingungslos in seinen Rücktritt ein. Daß das geplante B.rbrechm mißlungen isst, dankt man den Putschisten selbst, die ihren fei« ersonnenen Plan mit absolut unzulänglichen Mittüln ms Werk gesetzt hatten. Der freche Anschlag ist an dem festen Willen des Volkes zuschanden geworden, das von einer Niedervsißung des in mühseliger Arbeit errichteten staatlichen Baues nichts wissen wollte; aber auch das gegenseitige Mißtrauen der Verschwörer, dk einander nach getaner Arbeit betrügen wollen, bat das S:ine getan, um die Ernüchterung und de« Abba« des Attentates zu bringen. ' , Wie nachträglich bekannt Wird, ist der Snrrz der Regierung Kapp vor allem darauf zurÜckzusühmr«, daß der Präsident der Reichsbank, Habenswin, dte Auszahlung der geforderten 39 Millionen Mark zur-Durchführung der Regierungsgeschäste verweigerte. Daher war es der Regierung nicht möglich, auch nvt bie dringendsten Zahlungen zu leisten- Der Rü.'ftritL Kapps wurde dadurch, da seine Position ohnedies' unhaltbar war, zur Tatsache. Kapp soll übrigens, wie mit immer größerer Bestimmlh tt er'lärt wird, S e l b st Mo r d ve.übt haben. Jedenfalls ist der Aufenthalt nicht zu ermitteln. Rcjchspräsident Ehert ist bereits in der Nacht in einem SoUdetzug aus Stuttgart in Berlin eingetrofsen. Gegenwärtig finden Verhandlungen in Berlin statt, die zwischen den Unabhängigen und Mehrheitssozialisten geführt werden- Die Verhandlung;«, «m die sich besonders KautSky und Hilferding bemühen, haben bishetz noch zu keinem positive« Ergebnis geführt, da fcfc Unabhängigen an -er Forderung der RätzedAtatur festhalteu. < Der französische Geschäftsträger hat den Vizekanzler Reichsminister Schiffer ausgesucht und ihm den Glückwunsch seiner Regierung zu der schnellen und befriedigenden Lösung der Krise ausgesprochen. Die preußische Landesversammlung tritt am 24. März zusammen.?davtl*abmfämpfe. Berlin, 18. März. (Wolfs.) Gestern abends wurde« am Kottbnsertoc am Ausgange der Admiralstraße Barrikaden errichtet. Reichswehrtruppen erhielten den Auftrag, diese Barrikaden zu zerstören, und feuerten zu diesem Zwecke eine Mine ab. Die Mine verursachte unter den Aufrührern große Verluste. 12 Personen wurden getötet, 8 schwer, 20 leichter verletzt. Berlin, 18. März. (Korr.°Dur.) Heute vormittags wurde das Schöneberger Rathaus, wo sich dir Zentrale der Einwohnerwehr befindet, von einer großen Menschenmenge angegriffen. Die herankommenden Verstärkungen wurden bedrängt, so daß sie von der Schußwaffe Gebrauch machen mußten, wobei zwei Personen schwerverletzt wurden. Berlin, 18. März. (Korr.-Bur.) Beim Abmarsch der Marine-Brigade ist es in der Siegesallee zu weiteren Zusammenstößen zwischen Soldaten und der Menge gekommen. Aus der Menge soll angeblich eine Handgranate geworfen worden sein. Berlin, 18. März. Nachmittags kam ks beim Kottbussrrtor wo sich bereit« ßvftfin Kämpfe abglspickt halten, zu einem neuer« licken schweren Zusammenstoß, wobei die Menge rincn Offizier und mehrere Soldaten rns Wasser wart. Dle fcalxmeciien Verstärkungen eMuetm. von rmcm Amomsbri ,-y-JM 19 März 1920 . Nr. 416 herab Maschinengkwebrseuer auf d e Menge, wobei 15 £ o t «J und etwa 20 Verwundete auf dem Platz -kblirben fa* sollen. Di« Unabhüngiien gegen eine Räterepublik, Berlin, 18. März. Dir Unabhängigen bestreiten nach wie vor. daß sie eine R ä t e r e y u b l i fc br» gründen wollen. Sie seien nur für eine rein sozialistische Regierung, doch müsse der Reichswehnnimtter N o s K e abtreten. Spartakus! Blutige Rümpf« zwischen Arbeit«»« *md Truppe», Banden plnndevn. — Ä?i««rwrvll,tqt„i7. * KottbuS, 18. März. (Wolff.) Dis Rots Garbe der Umgebung von Kottbus hat gestern nachmittags der Reichswehr, die Artillerie benützte, ein große- Gefecht geliefert. Die Reichswehr hatte zwei Tote. 4 Verwundete und 4 Vermißte und machte 80 bis 90 Gefangene. Die blutigen Verluste der Arbeiter werden auf 80 bis 60 Mann geschätzt. In Schmalkaden hat sich ein Aktionsausschuß der Arbeiter de- Kreisegebildet und di« Gewalt übernommen. In Langensalza wird seit heute morgengekämpft. Der Mob plündert Mühlen und Bäckereien. Kassel, 18. März. (Wolfs.) Ein kommpnistischeri Vollzugsrat hat die Negierungsgewalt in Händen. Es ist zu schweren Kämpfen zwischen Truppen und Aufrührern gekommen, die unter Bruch eineabgeschlossenen Waffenstillstandes eine Kaserne der Sicherheitspolizei' angriff. Suhl, 16. März. (Wolff.) Eine am 14. tz. M. v«t den Zollbehörden zur Verhütung von Landfrieden-- brach herbeigerusene kleine Abteilung der Reichswehr wurde von Aufrührern nach hartem Kampfe über, waltigt. Ans beiden Seiten waren schwere Verluste -tz verzeichnen. Zum Entsätze heranmarschierende kkelnere Truppenabteilungen wurden zurückgezogen, da daganze Gebiet in hellem Aufruhr ist. Seitdem bilden sich organisierte bewaffnete Banden, die in der Richtnng aus Mrinianen, Eisenach nnd Erfurt vorstoßen. Die Gegend von Meirrignen bi- Ohrdruf ist besetzt.; München, 18. März, gnA « g - b «tp Würzburg mb Bambe»- herrscht Arche. Z« Nürnberg hat sich rrntrr Führ»rrder Anabhängisten «nd Kommunisten ein Korps gebildet. Zum Schutze der Stadt Rürun berg wurden Nei^swe^rtruPpe« au- Erlangen deraugezogeu. Gestern abends wurden das Hanp tp o stgeb Sud e nnd derBahns Hof angegriffen. Die NeichSwe^r machte von der Waffe Gebrauch, wobei eü 28 tote «nb über Sv Verwund eta gab. Heute vormittags.beschloffen die Anad« hSn<zi^en, alle R e i ch S S m t e r - « b e» fetzen. Ger Generalstreik, der sich auch auf V rkehr, Post und Slekrrizitüt er» streckt, dauert unvermindert an. G'wiffe Plätze und Stadtviertel wurden durch Einwohner nnd Reichswehr ab efperrt. Aus jede« sich Nähernden wird Feuer gerichtet. Auch au» Hof, RegenSburg, Bimbach, Schweinfurt und anderen kleinen Städte« Kommen Nachrichten Über Anruhen» Fortsetzung d e - Streiks und Propagierung dsSRLtegedankens. Dresden» 18. März. In Leipzig Kam es zu schweren Kämpfen, welche sich bis in die späten Nachtstunden erstreckten. Dank der Vermittlung des Ministers Schwarz kam es zu einem Waffenstillstand. Die Kämpfe haben ungefähr 120 Todesopfer gefordert. In Cbemnitz herrscht Ruhe. Es gibt über die dortige Situation zwei Versionen. Nach der einen soll bereits eine Rote Garde dort organisiert werden. Die ganze Organisation der Verwaltung soll den Eharakter derSowietherrschaft angenommen haben. Von den Zeitungen er« scheintnurdask o mm unistischeBlatt .Der Kampfer^. In Klaus im Vogtlands ist der Ge« nerMreik beendigt. Franken st ein ist indee Hand der Kommuni st en. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß eine großeAnzahldet Ortschaften und Städte in Westsachse« bereits eigene Aktionsausschüsse gebildet haben, welche links orientiert sind. Auch im Lande herrscht große Unsicherheit Es bilden sich Gruppen von Kommunisten, welche unter dem Vorwand von Regierungsmandaten sichbewaffnenund der Einwohnerwehr bemächtigen. Die Möglichkeit der Einführung einer Räterepublik in Westsachsen erscheint jetzt mehr in die Nähegerückt. In D r e s d e n ist vollkommene Ruhe. Nauen, 18. März. (Funksvruch.) »World* meldet aus Berlin, daß die R e i ch s w e h r in de« meisten Städten Westfalens von den Arbeitern geschlagen worden sei. RLterepubliLe« seien in Gelsenkirchen, Herne, Schwerttz iBocdum.HaLenundHamm.