Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 404 (7.3.1920)
- Date
- 1920-03-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Stt. 404 Wien. Sonntag Inland. Die Forderungen der Beamten. Bon unserem Parlamenlsberichterstatter. Die Weamtenfrage beginnt nunmehr mehr als brenzlich zu werden. Die Regierung steht denBeamtenfvrderungen ratlos gegenüber und hat, dasie selbst keine Entscheidung treffen will und kann, die ganze Angelegenheit der Nationalversammlung überantwortet, die sich dafür entsch'rb, zunächst eine "Enquete mit der Entgegennahme der Forderungen der Slaatsangestellten zu.betrauen? die gestern begonnen hat. Die städtischen Beamten haben bereits alle Vorbereitungen getroffen, um ihr^ Forderung nach einer 130pr>ozenLigen Erhöhung ihrer Bezüge durch "einen Streik, der Dien'tag beginnen soll, durchzudrücken. Immer unter.der Voraussetzung, daß die tech>- nische Möglichkeit besteht, allen öffentlichen Beamten und Bediensteten bis zu dem gestellten Termin ihren Willen zu tun, sei darauf verwiesen, daß es gar nicht in deren Interesse liegen kann, in so bedeutendem Maße die Oeffcntlichkeit zu,beschäftigen. Gewiß ist bas Los eines österreichischen Staatsangestellten furchtbar hart, sein Gehaltsciukommen völlig unzureichend, aber man wird gerade in der Beamtenfrage den fatalen Eindruck nicht los. daß die Bewegung der öffentlichen. Angestellten den Vorspann für gewisse Bestrebungen bildet, deren Entrepremeure wohl wissen, daß die Beamtenfrage die Lebensfrage des Staates ist, und denen es wirklich jetzt um das Ganze geht. Gewiß kann auch der Regierung nicht der Bor- Wurf erspart werden, daß sie die Angelegenheit aber schon sehr auf die lange Bank geschoben hat. .Die letzte Bezugsregulierung, die infolge einer mißverstandenen Streikdrohung der Beamten in Form des Besvldungsübergangsgesetzes geschah, war gesetzestechnisch verfehlt, belastete den Staat mit einer Milliarde Mehrausgabe und stellte die Beamten bis zur siebenten Rangsklasse ist-ihren Bezügen ungünst'ger.als vor Erlassung des erwähnten Gesetzes. Die im Februar gewährte einmalige Zuwendung von 500 Kronen pro Kopf war «in Tropfen auf einen heißen Stein, trotz der in toto für den Staat sich neuerlich ergebenden Milliardenbelastung. Ein Ausweg ist noch nicht ersichtlich. Zur Evidenz klar ist jedoch, daß Oesterreich diesen Bcamtenapparat, der auf einen Staat von 30 Millionen zugeschnitten war, nicht erhalten kann. Je mehr daher die Oeffentlichkeit durch die Beamtenfrage in Atem gehalten wird, desto überzeugender wird ihr diese Tatsache ins Bewußtsein gebracht und desto lauter wird der Ruf nach dem Abbau dieses monströsen Beamtenkörpers werden. Die über Beschluß der Nationalversammlung vom. Hauptausschuß veranstaltete Verhandlung zwi.ch n den' Vertretern der öffentlichen Haushaltungen und jenen der Organisationen der öffentlich Angestellten über die Ne rege ung ihrerBcsol u g'vcrhäl ni s? begann gestern vormittags unter dem Vorsitz des Präsidenten Seitz und.in Anwesenheit der Präsidenten Hauser und Doktor Dinghofer, der Staatssekretäre Paul, Dr. Reisch. Doktyr Lvewenfeld-Ruß, des'Unterstaatssekretärs Miklas, des Bürgermeisters Reumann sowie von Vertretern der Lan.e7v?gi?runczen und Gemeindeverwaltungen mtt den Fachreferenten, der Mitglieder der paritätischen Lohnkommission und einer großen Zahl von-Vertretern'der Beamtenorganisationen des Staates, der Länder und der Gemeinden. Präsident Seitz eröffnet die Verhandlungen mit einer Ansprache, in der er unter anderem ausführte: Der Weg zur jüdischen Natiormlnmfik *) Von Dr. Erwin Felder. Veit Generationen hat sich jüdische Arbeit auf allen Gebieten musikalischen Schaffens mit Erfolg ^beteiligt, ja sie hat maßgebenden Einfluß auf die allgemeine musikalische Entwicklung genommen: Von Mayerbeer und Mendelsohn bis zu Gustav Mahler und über diesen hinaus haben jüdische Tonsetzer auf die Musik ihrer Zeit befruchtend eingewirkt, Dirigenten und Virtuosen jüdischer Abstammung haben durch vorbildliche Ausführung ■ älterer Musik und durch Erstaufführungen neuer Werke den Geschmack des Publikums ebenso gefördert, wie jüdische Lehrer in den Musikschulen den Geschmack und die Kenntnisse der Jugend herangebildet haben. In gleicher Weise arbeitet die Kritik im Dienste der öffentlichen Meinung? irrveiten jüdische Konzertagenturen. und Verleger an der Förderung junger Talente. Schließlich sei Wische Förschertätigkeit erwähnt, die in dem fast undurchdringlichen Dickicht der älteren Musik Brücken gelegt und Wege gebahnt hat. - Bei einer derartig umfassenden Kulturarbeit muß der Laie um so erstaunter sein, daß es den Juden bisher nicht gelungen ist, eine spezifisch jüdische Musik auf nationaler Grundlage, zu schaffen und auszugestalten. Es erscheint mir darum angezeigt, den Begriff der Nationalmusik im allgemeinen zu erörtern und sodann die Mittel und Wege zu besprechen, die zum Ziele einer jüdischen Nationalmusik tzinführen sollen. Irgendein großes Kunstwerk — gang gleichgültig welcher Kunstgattung, welcher Epoche und lvelcher Nation es' angehört — ist nicht nur ein Produkt des Künstlers selbst, «0 sind nicht nur der Genius» des Künstlers, das *) Wir geben nachstehend den anläßlich der Gründung--- Versammlung der „Gesellschaft für Erforschung und Förde- KwL. jüPiMr WulU" Le.tzalteWL BLLtrag ausLNüswLik wieder. ° Wiener Ättovgenzerrrrn« Die Vorbereitungen zn den Friedensverhändlungen in Polen. Warschau, 6. März. (Privat.) Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zu cen FrigdensverhandluNgen mit Somietrustland wurden eine Reihe v.o n K o m m if f ionen ins Leben gerufen, und zwar eine politische, eine militärische, eine wirtschaftliche, «i'ie eisenbalmtechnische und eine Liquidrernngskommission. Die Kommissionen werden gesondert über die einschlägigen Fragen Brratungen pflegen. > Eine militärische Expedition gegen die Türkei? London, 6. März. (Reuter.) Wie die „Bill Mall Gizette* meldet, habe der Oberste Na! energische Maßimluncn beschlossen, um die von der Türkei g'gcn die Anuemer und andere von der Türkei unterworfenen Bölkerschai^n fortges-tzt Veriidlen G r e u e l t a t e n zn veih.ndcrn. Der Oberste Rat fasse -iür den Fall, neuerlicher derartiger Vorsiille eine hauptsächlich aus sranzöstschen Slreilkränen zusammengesetzte Militärische E x p e d i t i o n ins Äuge. London, 6. März. (Funkspruch.> Der letzte Bericht des ^britischen Mariuestationskommandautcn m Konstaulinopel, Admiral De No b ecks, erklärt, daß die türkische Regierung die Weisungen der verbündeten Negierungen planmäßig n i ch t b e a ch t e. Sie kümmere sich auch nicht um die Bcstmimungen des Wasicnst llstandsabkommens. Die Lage in Konstantinopel sei äußerst beunruhigend. Recht und Gesetz, besonders in Begebung auf die nichuürklschc Bevölkerung, würden fortgtsctzt vernachlässigt und übertreten. London» 6. März. (Funl'pr uch.) Lloyd George erklärte im Untcrbause, daß sich die Verbündeten über den Einst der Lage in der Türkei völlig klar se en und daß eine sehr energische Aktion zum Schutz der Minderheiten in der Türkei notwendig sein dürste. Die eiüzuleitcndcn Schritte hingen von den abverlangten Berichlcn der Enlentevcrtrcter in Konstaniinoprl ab. London, 6. März, (Reuter) Laut „Daily Telegraph" hat die Regierung augcsichrs des Ernstes der Lage beschlossen. Konstantinopel durch britische Land- und Seestrertkräfte besetzen zu lassen, und die französische sowie die italienische Negierung nufgc'ordert, daran teilzunehmen. Ctrcilkräsie seien hmreichend vorhanden. Es war nur ganz selbstverständlich, daß. die öffentlichen Beamten, die bishör immer in der Strbit'^it und m anderen Vorzügen ihrer Stellung einen gewissen Ersatz für die Differenz zwischen den festen Bezügen eines öffentlich Angestellten und den Konjuntturlöhnen der freien Werufsstände gefunden hatten, yuf Erhöhung ihrer Gehälter und Löhne drängten. Der Zweck unserer Verhandlungen ist, erstens Klarheit zu gewinnen über die Forderungen der öffentlichen Angestellten und ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Forderungen zu begründen, zweitens den Vertretern der öffentlichen Haushaltungen die Möglichkeit zu bieten, unter angehenden Hinweis auf die finanzielle Lage, unmittelbar vor den Angestellten und vor der gesamten Oeffentlichkeit zu erörtern, ob und inwieweit den neuerlichen Forderungen der Angestellten überhaupt entgegengekommen werden soll, und drittens schleunigst eine Einigung zwischen den beiden Teilen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, anzubahnen. Organische und Zufällige in seiner inneren und' äußeren Entwicklung, ferner die Umwelt, die gleiche Generation an diesem Schöpfungsalte beteiligt; auch vergangene Generationen haben an einem großen Kunstwerke ihren Anteil: Der Künstler verdankt einen Teil seiner künstlerischen Potenz dem Erbe seiner Vorfahren, die Vorfahren wiederum hatten ihren künstlerischen Einschlag teils ererbt, teils den Eindrücken ihrer Umgebung, dem Verkehr mit Gleichgesinnten und. der Beeinflussung durch Gleichgestimmte zu verdanken. Schicksale des Landes, können das Leben jeder einzelnen Familie beeinflussen, Bodenbeschafsenheit und Klima schassen im Laufe Hon Mnerationen Veränderungen an Körper und Seele. So? wurzelt ein jeder Mensch und auch der Künstler Mit seinem Werke in der geistigen und sittlichen Gemeinschaft der Gleichgesinnten, in seiner Heimat, im Vaterlande. Die ersten Eindrücke, die der junge Mensch in Kunstsachen empfängt, werden durch Kunstwerke seines Heimatlandes vermittelt, die Technik in der Kunstschule wird vor allem an nationalen Kunstwerken erworben und ausgebildet; so ist der Künstler im Geiste und in der Technik des Kunsts- Werkes national gefestigt, mit tausend Wurzeln im heimatlichen Boden verwachsen. Die Eindrücke der Wanderjahre, das Bekanntwerden mit bin Kulturen fremder Nationen mögen die Technik des Künstlers beeinflussen, dem Geiste seines Schaffens einen fremden Einschlag geben, ohne daß dadurch sein künstlerischer Grundcharakter eine /Veränderung erfährt. Dies gilt insbesonderefür die Musik,- die Sprache der Seele, die am reinsten und unmittelbarsten die Empfindungen ausdrückt. Schon in , der frühesten Jugend erfährt das Kind in der Schule den Eindruck des nationalen Volksliedes, erhält es im Gotteshause Kenntnis von der religiösen Musik. Beide Eindrücke begleiten den. Menschen durch sein ganzes Leben. Wie die Kenntnis und Pflege der Volksmusik und der damit vielfach verschmolzenen, Kirchenmusik von größter Wichtigkeit für den einzelnen Künstler ist,, so zeigt UnS bis Entwicklung d« BMr. daß ü* meiitauä M M V". h/iurz I02(/ > , Seftr ü. Die wichtigsten Fragen, die uns beschäftiget werden, dürften aber fein, erstens: Soll sich die Reform der Bezüge auf einen AuZbau der pragmatischen SBeH züge oder der Teuerungszulage oder der gleitende«' Skala abzieve'n, das ist die prinzipielle Entscheidung über'das Alimentationsprinzip oder Leistungsprinzip Die weiteren Fragen sind: ' ) Wie ist b e durch die Verschiedenheit der.Kauflrafi der Krone in Wien und in anderen Gebieten befc Reiches bedingte Verschiedenheit in der Lebenshaltung auszugleichen?' " >. Welche Gründe sprechen für die so genanntst Naturälbelieferung und welche Schwierigkeiten stelle« sich ihr entgegen? Endlich: Ist die Forderung nachj einem MLnimalbezug von 24.000 Kronen pro Jahr erfüllbar und weiche Konsequenzen hätte ihre Erfüllung für den Dienst und für die Finanzen des Staates. EH -'wird Klarheit geschaffen werden müssen, in welcher Art die' Kosten auf Staat, Länder und Gemeinden auß* zuleiten sind. Nach Feststellung der Anwesenheitsliste un) nach Begrüßung der^ Erschienenen durch den Präfix denien wird die Beratung zum Zweck einer Besprechung der Vertreter der öffentlichen Haushaltungen auf eine halbe Stunde unterbrochen. Was die StaatZangcftellten fordern. Abgerr. neter Tomschik unterbreitete namens paritätischen Lohnkommission (Gruppe der Arbeit' nehmer) folgende Forderungen: . ' 1. Der Mindestbezug eines in der niederste« Gehaltsstufe stehenden ledigen'Bediensteten in Wien muß Gehalt, Ortszuschlag, Teuerungszulage und' gierende Zulage zufammengenommen 24,000 Krone»' jährlich betragen. - 2. Auf vorstehenden-Mindestbezug von 24.00Q Kronen bauen sich alle weiteren Bezugsstufen (Erhöhungen) in gleicher Weise wie. im bestehende» Gehaltsschema auf. 3. Der verheiratete Bedienstete erhalt außerdem für die Frau und für,jedes K^ind eine Teuerung^ zulage von 1200 Kronen jährlich.! 4. Der Ortszuschlag ist für Wien mit 30Pwzen§ vom Gehalt samt Erhöhungen zu bemessen. > j 5. Die gegenüber den Teuerungsverhältnisserk vom 1. März sich ergebenden weiteren Preissteige< * rangen find auf Grund einer Indexziffer zuzuschlagen^ we ch? aus de« nv wen igenGcdt.rsnissen an Nahrung^ Kleidung und Wohnung einvernehmllch zwifche« Dienstgebern und Dienstnehmern allmonatlich er-. Mittel! wird. Diese ermittelte Differenz ist jeweils längstens am 45. des folgenden Monats ausMtz gleichen. - Der Aufwand für die Forderungen 3,3 Milliarde«. Staatssekretär für Finanzen Dr. Reisch erklärk^. daß eine Erfüllung der überreichten Forderungen detz öffentlichen Angestellten die Summe von jährlich etwa 3,3 Milliarden Kronen erfordern würde. Für diese« Betrag sei im -vorliegenden Budget natürlich keinerlei Bedeckung gegeben, und er müsse, solange eine solch». Pedeckung nicht vor'iege, deren Erfüllung ablehnend Im Laufe, der Debatte wurde von einer Seit» angeregt, die neuen Forderungen der Beamtenschaft durch eine abermalige Erhöhung der Post-, Telegraphen und Eisenbahntarife zu bedecken. Präsident Seitz bemerkte, baß hierüber zunächd8 eine Aeußerung des Staatsamtes für Verkehrswesen notwendig sei, ob eine neuerliche.Erhöhung der Tar^ denkbar erscheine. __ , dem Boden einer entwickelten Volksmusik zur höheren Stuft der Kunstmusik empocsteigen konnten. So sehen wir scho«? bei den alten Griechen, daß die lesbischen Meliker bi«] Melodien des Volksliedes verwenden, so greift auch dft Polyphonie der Niederländer und das Kunstlied desk 18. Jahrhunderts auf die schlichte Weise des Volkes zurück und wir wissen, welch' eines langwierigen Entwicklung^, Prozesses es in Böhmen bedurfte, um auf dem Boden tod Volksmusik eine nationale Kunstmusik zu schaffen. ] Eine Nationalmusik, die sich so langsam und stetig aus dem Volke heraus entwickelt, ist ein Kind der Natior^ sie hat im Laufe der Generationen die ganze geistiges! künstlerische und kulturelle Entwicklung der Nation in si« ausgenommen und denselben Entwicklungsprozeß macht i« sprunghafter Weise jeder einzelne 'Künstler durch. National» Musik bringt infolgedessen in spezifisch musikalischer Fori« alle jene Eigentümlichkeiten zum Ausdrucke, die für bfa Nation selbst charakteristisch sind: Die ernste Schwermut, der Griegschen Musik könnte ebensowenig auf den sonnige« Gefilden Italiens entstanden sein, wie die atemversengenb» dramatische Glut der Verdischen Kantileue"' im „Maskenball"- oder-in „Aida" in der grauen Nebellaudschaft des Nordentz ihr Heimatrccht haben könnte. Wie der zarte Duft, das fein» Parfüm der Musik von Debussy für den feingeistigen Franzose« charakteristisch ist, , so die kompliziert polyphone Kunst eüM Max Reger für. den schwerblütigen Deutschen. . | . Wenn die Natioualmnsik ein Kind ihrer Nation Mi so ist es klar, daß eine höhere Stufe des nationalen Leben« der- Entstehung der Nationalmusik vorausgehen muß. Nu« eine Nation, die in sich gefestigt ist und in deren Lebe»! der nationale Gedarike einen breiten Raum einnimmt, wir« in der Lage sein, so ideale Güter, wie eine selbständig« nationale Kunst produzieren zu können. Zwei Borauösetzm^ gen scheinen mir für dieses Stadium des NationaliSmuck unerläßlich: DaS selbständige dauernde Zusaucmenleben Ä SMlolseMtt SMumcxu in Hm\ m