Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 364 (26.1.1920)
- Date
- 1920-01-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fette L Wien. Montag Wiener Morgenzeitung 26 Jänner 1920 " Nr. 864 Telegramme. Wilhelms de- Zweiten befinden wird. Es ist begannt, daß die Vereinigten Staaten, in denen sich der ehemalige Kaiser bekanntlich keiner übertriebenen Hochschahung erfreut, dennoch die RuSliefernng nicht wünschen, weil eS an einer rechtlichen Handhabe AU diesem Begebren fehlt. Sollte auch die deutsche Regierung die Forderung stellen, so wäre es immerhin denkbar, daß Holland nachgibt, obwohl ein jeder Unvorein» genommene eine solche Verletzung des uralt heiligen Ashl-- rechteals peinlich empfinden müßte. Aber es liehe sich denken, daß dre Niederlanden einem schwören Konflikt? aus» weichen möchten, um so mehr, als der Kaiser in Holland nicht vie geringsten Svinpathien genießt. Natürlich sollte eine Rechtsfrage nicht von Svmpäthien und Antipathien bestimmt werden, und das gegenwärtige Recht bietet keinen Anhaltspunkt zu einer Verfolgung Wilhelms des Zweiten. Seine moralische Schuld, der er selbst sich nie bewußt war, mag noch so schwer fein, es bedciitet eine Rechtsverletzung, wenn er wider seinen Willen ausgeliefert wird, Unverständlich wirkt es, daß er selbst so gar kein Gefühl für daS Beschämende, Unwürdige seines Verhalten zu besitzen scheint und nicht durch eine heroische Tat es versteht, der Idee der Legitimität, an die er so fanatisch glaubte, zu dienen. So wie man erwartet batte, daß er sich, als der Krieg verloren war, an die Spitze seiner Soldaten stellen und den von rhm so ungestüm verlangten und Millionen allerhöchst zugefügten Heldentod sterben würde, so wäre cs jetzt das Menschliche und Würdige, wenn er selbst den Feinden stellen und Deutschland dadurch Demünoungen nnd Verwirrungen ersparen würde. Cr, der in seinen Briefen an den Zaren sich weigerte, mit Staatsmännern, die keine Fürsten und Kaiser sind, sich auf gleichen Fuß zu stellen und nur mit von Gott erwählten »wie meinesgleichen" zu tun haben will, er sollte erfassen, daß das Gottesgnadentum doch wohl nicbt bloß Recht, sondern auch Pflicht bedeutet. Aber man vernimmt wohl, daß in Amerongen ein hohenzollernscher Faruilienrat abgehalten werden soll, der sich mtt den Ab» findungen und finanziellen Angelegenheiten des -Kaiserhauses zu beschäftigen haben wird, jedoch nichts davon, daß Wilhelm der Zweite, den sozusagen selbstverständlichen fürstlichen Eilt» schluß gefaßt und ausgeführt hatte, der seiner^ Volke so viel nützen würde, sich selbst freiwillig dem Feind zu stellen. Er bat ohne böse Absicht durch seine Zerfahrenheit, durch seine militaristisch legitimistische Denkweise und seine eitle Komödienhaftigkeit sich schwer an Deutschland und der Welt versündigt, und nachdem Deutschland sein Opfer war, weigert er sich. Deutschland sich als Opfer darzubringen. D?nn dadurch gibt er auch andern Auszuliefernden ein übles Beispiel, und cs ist leider sehr zu befürchten, daß auch sie weder Verständnis noch Willen für die Pflichten eines wahren Patriotismus aufbringen werden. So wird das schwer leidende Deutschland und damit auch die übrige Welt vermutlich in der nächsten Zeit durch die Auslieferungen beunruhigt werden und seine inneren Krisen werden sich noch mehr verschärfen." . Die Schaffung der christlichen Internationale. Wie aus Lugano berichtet wird, hat die italienische katholische Volkspartei beschlossen, durch geeignete Mittel eine Verständigung mit den christlichen Parteien der anderen Länder herbeizuführen und daß diese Verständigung auch dia Einigung mit den christlichen Gewerkschaften und Fachgruppen folgen möge. DaS ungarische christlichnationale Blatt „Uj Nemzedel" erblickt hierin die erste'bedeutsame Phase der Schaffung der christlichen Internationale. Wohl haben die ungarischen Protestanten, wie auch seinerzeit in der »Wiener Morgenzeitttng" berichtet wurde, eine eigene protestantische internationale Organisation mit politischem Programm in die Wege geleitet, aber die Katholiken hegen die Zuversicht, daß diese beiden christlichen Weltorganisationen sich zu einer christlichen Internationale vereinigen werden. Die ersten Schritte zur Schaffung einer christlichen Internationale auf katholischer Grundlage hat die Jnternattonale katholische Union noch während des Krieges unternommen, indem sie im Jahre 191.6 einen Kongreß nach Zürich einberief. An diesem Kongreß haben auch der gegenwärttge ungarische Ministerpräsident Karl H u s z a r und der Prälat Alexander E r n s z t teilgenommen. Damals haben die Katholikenverbände der Ententelander eine Beteiligung an dem Kongreß abgelehnt, weil sie in dieser Unternehmung eine A ktion zugunsten des Hauses Hab's bürg und der Donaumonarchie vermuteten. Heute, nachdem die Monarchie zerstückelt ist und in Ungarn der christliche Kurs herrscht, wird der in Zürich mißglückte Versuch noch falsifikaiey, Abschaum Europas, Levantiner: Aussatz deS Orients .; . O Ejubl * Oft muß ich an Ejub denken. Heute wieder, da lck Knut HamsirnS viel zu wenig bekanntes Luch «Unter dem Halbmond" lese. Wenn er auch den Orient als geübter Europ"?r sieht, Ejub hat er doch als Mensch gesehen und darum, nur härum Hab ich daS Buch gern. * Und eines freut mich. Nach Ejub hinein, ganz hinein,, in die Gräber nämlich, wird keiner von den Europäern kommen, die in Pera herumkriechen, unten rn Sirkedjr nach Mystik fahnden und sich von eurem sechsundfünfzig Sprachen sprechenden Hoteljünglmg in einem lausigen, windschiefen Griechenbersel sämtliche Geheimnisse des Morgenlandes offen» baren lassen: Odalisken aus Graz, Derwische aus Ottakring und verruchte Magier aus dem persischen Teil Prags. Jastem perjitschki' Von denen kommt keiner nach Ejub. Die ruhen einst ün Schoße der Hochkirche, adelig und arrogant bis;ns Knochenmehl steinerner Sarkophage Old Englands, oder fromnr und bieder in Mecklenburg-Schwerin (oder fahcen jägerhcmdbedeat zu Gott Haeckel. Gelobt sei Darwm, der den Assen schuf!). * Immer wenn ich an Ejub denke, habe ich Heimweh. Heimweh nach dem Orient, selbst nach dem letzten stinkenden Winkel der letzten Karawanserei im letzten sonneverbrannten Steppcndorf. * Ejub, Tochter deS Friedens, Berg des Herrn, Gräberberg meiner Brüder: an eurer Seitewird Gott fingen durch die Gärten der Lebenden. t -’ An die p. t. Abonnenten der „Wiener Morgenzeitung"! D sterr. PoAUM-kasienkonty Nr. Tschecho-jlow. Postsparkasfenkonto Rr. 15 .693. Wir Bitten, daS Abonnement der «Wiener Morgennitztng" rechtzeitig zu erneuern, damit in der Zusendung derselben keine Unterbrechung rintritt. Äbonnernentspreife ad 1. Februar 1020: Für Wien: ZUM Abbosen ,'m Ervedit. ll., Taborstraße 1-3. oder in den Verschleißstellen (Trafiken) mouatl. 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Diese Grupps wird, wie bekannt, von Henri Barbusse und dem Redakteur der .HumanitH", Viktor Cyrill, ins Leben gerufen. Ihr gegenwärtiger Führer ist Änatole France, dem sich neben anderen Georg A r a n d e ö, Georg E ck h o u d, Andreas Latz ko, E. D. Morel, Upton Sinclair« und Bernhard Shaw anschlossen. Im Programm dieser Gruppe sind Kosmopolitismus, Antimilitarismus, Pazifismus und radikale Kulturpolitik die wichtigsten Punkte. Es ist bei der psychischen Verfassung der chrtstlichnationalen Politik begreiflich, baß sie gegen solche Forderungen ankämpfen muß und hierzu die christliche Internationale anruft. Inland. Parlamentarischer....' Wie aus dem Parlament berichtet wird, bestehen Schwierigkeiten bei der Besetzung eines Referenten über die Weht Vorlage. Während die Sozialdemokraten die Bestellung des Äbg. L e u t h n e r wün'chen, fordern die Christlich'ozialen, daß einer ihrer Klubgenossen das Referat im Hause übernehme. Die Angelegenheit wird nunmehr im Koalittonsausschuß der Parteien zur Erortet ung gelangen. Die Beratung über die Vermö'ensabgäbe beginnt im Unterausschuß im Lause dieser Woche. lieber die Person des Referenten ist noch keine Einigung der Parteien erfolgt. Im Unterausschuß wird eine Generaldebatte abgehalten werden, worauf eine Enquete geplant ist, zu der Vertreter des Grundbesitzes, der Industrie, der Bankwelt und der Angestelltenorganisationen herangezogen werden. Eine Kundgebung für den Anschluß. Die Nationald'mskrateu. dte dem Volke nichts als den Anschluß zu beten baden, obwohl der Oberste Rat erst kü.zlch auf feinen innwenely sitrn Wollen hingew e'en hat, veranstalleten gestern eine Massenkundgebung für den Anschluß, bei welcher alS Haupt» ebner de. Obmann der großdcmschen Bereinigung der Nationalversammlung, Präsident Dr. D l n g h o f e r. sprach. Es wurde eine Entschbeßung angenommen, in der rS unter anderem heißt: Wir tordeiu Regstrung und Nationakverkammlung auß endl ch den W.'g zu geh-n. den Not und BosiSw sie gebieterisch wesen. .Tretet manubafl hin vor de Steaer der Welt und sp:ech: Unter Volk gehl Zugrunde. Ihr wißt, daß Jkr ckm nicht besten lönnt. L.rß uns zu un'eeen Brüdern, laßt uns zum Deutschen Reiche. Tr.tdt es nick' io wert, daß daS verzweifelte Volk auch gegen Eur-n Willen d e Grenzpsähle mede> reißt, die es vom Muttertatrde trennen." Die Versammlungsteilnebmer zogen tn großem Zttge vor das Parlament, wo sie nach einer Ansprache des Handelslammerrates K a n d l ruhrg ausemarrderzogen. OebrKische Chamischa- M Assar-Feier Der jüd. - akad. Kulturverband „I ahnt" und der „Hebräische Konversatiou»- dlub" veranstalten Mittmoech den 4. Februar 1920 um halb S Ahr abends eine Hebräische Chamischa - Assar - Feier Anschließend an die reichbaitigen mustlralische« un d vo dalis chen Vo rtro ge fin det die Aufführung des hebräischen Einakters „Lajta dakerem" von D. Stmonowiez statt. Die H^e'thhreqlKrttNft entzle^t ver ^Mlener Morgenzettung^ den Postdeblt. . . Budapest, 28. Jänner. (Uno. Tel.-Korr.-Vnr.) Der Handelsminister bat den in Wien erscheinenden Presseerzeugnissen „Wiener Morgenzeitunq"'» „Wiener Ungarische?reitunq", „Der Morgens „Die Fackel", ^Der Kampfs „Az Ember", „Der Mensch^ und „Deutsches Volksblatt* den Postdebit entzogen. .—rr^rv-v —r*»--r■ G nwwm+"T**-r-*f* 'w-«rr'»initr'Tir Die Herren. He jetzt die echt ungarische Wablkoni8die durch»' siifren und die der Welt einzuredttr veesuchen. daß sich türe Regieruna auf den Willen des Volke? stützt, sind der Wahrheit nicht gut gesinnt. Sie mögen keine Betichtetstattung. die -ihren Volks* betrug und ihre voliitschen Schiebcrkünsie entlarvt und wollen ihren chr sil ch-magyanschen Berdanüngsprozeß nicht durch abtölliae Kritik gestört sehen. S'e sind die alten Macker geblieben, bte neuen Magyaren, und haben nichts vergessen, doch vieles zugelernt. Zrvischenstaatttche Organisation der Arb«». Paris,. 25. Jänner. Morgen tritt der Der« waltungsausschutz desInternationaken Arbeitsbureaus in Paris zu einer dreitägigen Sitzung zusammen. Der Berwaltungsausschuß, der von der Internationalen Arbeitskonferenz in Washington eingesetzt wurde, soll die zwischen* staatliche Organisation der Arbeit, wie sie sich aus dem Kapitel «13 des Versailer Vertrages ergibt, durchführen. Der Ausschuß besieht aus 24 Mitgliedern, die fünfzehn verschiedenen Ländem angehören. Von den Mitgliedern sind zwölf Vertreter von Regierungen, sechs Vertreter von Arbeiterverbänden und sechs Vertreter vom Unternehmerverbänden. Das Internationale Arbeitsbureau soll in enger Verbindung mit dem Völkerbund bleiben und mit dem Generalsekretariat des Völkerbundes zusammen-; wirken. f Schließung von EisenbaKrrwerkstLtteu i» Deutschland. Verlin, 8b. Jänner. Eine amtliche Verlam*' barunq teilt mit, daß si h die Regierung im Hinblick aus die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen, die Leistungsfähigkeit der Eisenbahnwerkstätten zu heben und mit Rücksicht auf die Gefahr einer gänzlichen Stillegung des Eisenbahnbetriebes gezwungen sehe, die besonders unwirtschaftlich arbeitende» W e r! st ä t t e n — es werden IS namentlich angeführt -«• vom 26. Jänner ab zu schließen und sämtlichen Arbeitern unter gleichzeitigem Verzicht auf weitere Dienste zu kündigen. Die Werkstätten werden demnächst unter neuen Bedingungen eröffnet, die erhöhte Arbeitsergebnisse ermöglichen. Ausgenommen werben nur diejenigen Arbeiter, die sich schriftlich zu einer der* stätidigen Akkordarbeit auf Grund der «euver* einbarten Tariflohnsätze und zu einer täglichen Arbeitszeit von vollen acht Stunden verpflichten.' Kohlennot In Frankreich. Paris, 25. Jänner Die Kohlennot hat eine weitere Bw» schärfung e: fahien. Gestern fand im Arbeitsminisierium unter Vorsitz des Ministels für öffentltche Arbeiten Le Troequrr im Betsein deS Ministers des Innern Steeg eine Sitzung statt, m der die Einschränkung der Beleuchtung soweit als irgend tunlrch be'chlosien wvide. Auch wird e>.n Gesetz über die eheste 'EinführungderSommerzeitdem Pailameme sopl ick vorgelegt werden. Das Defizit m der Kohlen« Produktion beträgt iO Prozent. Die B irzarbertertagrrng ln Bochum. Gegen die SechSstundenschicht. Bochum, 25. Jänner. Der Vertreter des Arbeits« mlnisters gab in der gestrigen Sitzung der Bergarbeiterbewegung eine längere Erklärung ab, worin er ausführte, daß der Arbeitsminifter an der baldigen Erreichung der SechSstundenschicht gerne Mitwirken werde. Nur bitte er, mit der Verwirklichung derselben solange zu warten, bis die Lage des deutschen Volkes sie ermögliche. Gegenwärtig wäre die Lage so, daßwirunsdas Experiment nicht erlauben können. Die Frage müsse international geregelt .werden. Die Regierung sympathisiere mit den Wünschen der Bergarbeiter nach besserer Lebensführung. Durch ständiges Hinauffchrauben der Löhne könne aber keine dauernde Besserung erreicht werden, weil die Preise des Lebensbedarfes den Löhnen in steigender R i ch t u n g auf dem Fuße folgen. Es handle sich vielmehr um die V e rmehrung der Bedarfsgüter, damit jeder in erhöhtem Maße kaufen könne. Hoover — Präsidentschaftskandidat Berlin» 2b. Jänner. Tie „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet aus dem Haag: Die demokratischen amerikanischen Blätter haben eine heftige Kampagne für die Kandidatur HooverS eingeleitet. Wilson- Stellungnahme ist bis jetzt nicht bekannt. Der Führer der Demokraten Hitchcock hat sich zugunsten der Kandidatur Hoovers ausgesprochen. Jugoslawien hat «achgegebe«. Bukarest, 2 l. Jänner. Die Agentur Dacia meldet ans Belgrad: Die jugo'lawische Regierung hat öe- 'chlossen, da- Ultimatum der Alliierten wegen Fiume und der Adriafrage anzu* I nehme«.