Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 364 (26.1.1920)
- Date
- 1920-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das traurige Schauspiel von Deutschlands Aufstieg und jähem Falle — von einer Tragödie kann man da kaum sprechen, wo Umkehr und innere Läuterung' fehlt — soll durch einen dramatischen Effekt seinen Abschluß -finden: Die Kommissionen der Entente, die sich als Weltgerichtshof konstituiert hat, haben die Liste der wegen Kriegsverbrechen auszuliefernden Deutschen fertiggestellt und an deren Spitze prangt der Name Wilhelms, des Exfürsten stn Exil von Amerongen, Lessen Einsamkeit im Geiste von tausenden: und abertausenden Deutschen geteilt wird. Es scheint, daß die Staatsmänner der Siegerstaaten ihren Triumph bis zur Neige auskosten und den Deutschen keine Demütigung ersparen wollen, auf chr'em Schein bestehen 'wie Shylockobgleich sie wissen müßten qder vielleicht gerade weil " sie wissen, daß sie damit lebendes Misch aus dem deutschen Volkskörper schneiden.: Namentlich find,e§ Englands führend» Männer, welche; auf des Exkaisers Auslieferung gestehen,, und: man ist einigermaßen erstaunt, daß gerade die Vertreter des insularen Königreiches mit Zähigkeit, cm ihrem .Standpunkt festhalten, während — wie *e§ Heißt die Repräsentanten der französischen Re-- 'stübtik, die als Deutschlands Hauptgegner von ihrem fubjek-! iWr NeHtck:bes-".Hasses gegen die nachbarlichen „Boches" biSden 'ausgiebigsten 'Gebrauch gemacht hat, in diesem Punkte AUÄörtgesstoHn bereit Meinen: - ■ '' Die Art, wie sich England, dessen König übrigens in Lem' Angeklagten Wilhelm außer dem Standesgenoffen auch den' Verwandten jteff ge'geüüber sieht,, über .alle dynastischen Bedenken hinwegseht ünt> .willens ist, der Welt das seit der französischen Revolution nicht wieder erlebte Schauspiel, zu bieten, wie ein Kaiser ohne Ansehen der Person 'gerichtet wird ein Vorgang, sicher nicht' geeignet, dynastische Gefühle . stärken ' läßt. 'interessante Schlüsse zu - auf die öe'mo-' natisch-konstit'uÜvnelle Auffassung vom" englischen Königtum, die s von Preußens Gottesgnadentüm jedenfalls, weit entfernt ' rst'.uüd in/sich' genügendeFeftigfeit!^ besitzt,. um keinexler.-Rück? söEe Vdtrachtlttch'e'n •' nichts * bön '' ihrer - BeöenklWeit" ge-- rroMMen. . ' ' . , .: Das Urteil, der Mit- und wohl auch der Nachwelt-über die Rolle,'die'den leitenden Kreisen Deutschlands in. diesem' furchtbarsten - aller- Kriege zufiel,über - die verderbliche Wirkung seines verantwortungslosen Gottesgnadeutums, überfeine Verletzung. des Völker- und Kriegsrechtes und den An-, stil, den Wilhelm an. all diesen Taten, hatte, steht zur Genüge fest..' Deutschland-hat sich durch Unterzeichnung des schweren Friedensvertrages verpflichten müssen, in die Auslieferung seiner der Kriegsverbrechen beschuldigten Bürger einzuwilligcn, aber es ist. die Frage, ob die Entente gut daran tut, den Bogen allznstrasf zu spannen. . Man weiß heute, daß Deutschland chorläufig'eine Retzublik ohne Republikaner ist. Die Revolution war die Auflehnung einer Bevölkern.ngsklaffe, die nicht bloß bis' auf den setzten Blutstropfen von der Kriegsmaschine ausgesogen war, -* 1 --■—: - - ■ Der deutsche Gesandte in Paris eilt getroffen. P it v i 8, 25. Jänner. sHava«.) zt Bövsil m'Mji'Mz derDeutschenNepnblik Dr. M a ist irr Paris eingetrofferr. her Der ungarische WahlschWiudel. B u d «r p e st> 25. Jänner. Pis heute 8 Ahr abends liegen 2 6 einstimmige Wahlergebnisse vor. Van Ziesen erhielten die ChristlichnaLionale Vereinigung elf Mandats, die LandWirtspartei sieben» dis ChrMichsozialen ein und die Parteilosen ein Mandat. Anter den einstimmig Gewählten befinden sich Ministerpräsident Ans z a r, der Präsident der FriedensderegÄtion Graf A p pontz!, die .Minister H all e r «nd U'n'b iN ek, der StchMsskEir Pekar, der Friedensdelegierte Graf Paul T e I c f i und Vro h as rM. . „ ' Budapest, 25. Jänner. (Unssar. M.°Korr.°Bur.) Eine. Regierungsverordnung . bestimmte als. Tag des.Zusammentrittes der Nationalbersammlung den 16; Februar. Die Wahlen zur Nationalv.Nsammlung, die - heute früh begonnen,-müssen in den 163 Wahlbezirken des unbesetzten Gebietes bis morgen 'Beendet sein. zu deren Leiden sich vielmehr noch - die Entbehrungen des Hinterlaudss gesellten. Es wär, mehr die. dumpfe- Empörung von. Sklaven als her bewußte Aufstand eines politisch mündigen Volkes und der Ausdruck allgemeiner Volksstimniüng. Die oberen Schichten des-Volkes, das mächtige, und festgeschloffene Bürgertum, das noch immer über alle Machtmittel im Lande verfügt, sind durch den revolutionären Sturm, völlig unerschüttert, geblieben und dulden die Entwicklung der Dinge, so den das Grauen vor H.er Imnrer nach uitgcbärwigien Bestie, der. Gewalt immer uvch^ Erfüllen muß, nur mit dumpfem Groll.' Man mag sich zu d^n Tatsachen selbst stellen, wie man Will, aber'es steht fest^ dckß der dynastische' Gedanke in. Deutschland'völlig Ungebrochen ist und der Müs wie 'Donnerhöll würde weithin hörbar .brausen, wenn der Flüchtlings von, Amermgen heute oder'morgen in Berlin einzöge. . - - VDer .Kampfgegen den „Schmachfriedentz>.wird in der deutschen Presse und Oeffentlichkeiv mit ungeminderier ^Erbitterung geführt, dm Hetze gegen Erzberger^ der ja. gewiß kein unschuldsvoller. Engel sein mag, wird-, .gerade bezeichnenderweise unter dem Titel getrieben, daß er-durch feine -Friedenspropaganda dem Vaterland in den Rücken gefallen Ware, und unverändert sucht Man in den-weitesten- Schichten Haßgefühl , und Rachedurst lebendig zu erhalten.' Gerade die jetzigen Tage sind solchern Beginrien besonders günstig: Die N.rt'fizwrüng des- Friedens ist nach langem^ Feilschen endlich vollzogen worben und Deutschland geht an die Durchführung. seiner schweren Verpflichtungen. Gebiete, die dem Volks« empfinden, dem. der durch Jahrzehnte systematisch eingeimpste Glauben an Deutschlands Weltherrlichkeit in Fleisch und Blut nbergegangen, mit Recht oder Unrecht als deutsches Land gegolten haben, müssen erkannt werdenidgeterumlhhw . chE, gegolten haben, müssen eingeryumt, andere sollen vom Feir.de besetzt.werden, damit die.Volksabstimmung durchgeführt' werde. In diesen Tagen nun, da die Abschredsproklamationen aus . den zu räumenden Gebieten ihre Wirkung auf das Volk üben, 'wird der schwerste Schlag gegen seine Souveränität^ geführt und der bisherige Kaiser soll sich fremdem' Urteils» spruche beugen. . - . . s . M 'ist fraglich, ob England auch nach der . Weigerwng! der.hollLndischen Regierung, Wilhelm auszuliefernauf seiuemss. Standpunkte, beharren wird. England, das in den Krieg zog,s um das in Belgiens - Falle verletzte Völkerrecht / zu schützen,! wird wohl; nicht umhin können, auch Hollands Souveränität zu respektieren. Der deutsche Exkaiser ist auch ohne Urteil) längst gerichtet und nach allem, was bisher bekannt gewordeuist, trifft ihn kriminell keine Schuld, die-nicht auch-dre Schuld! seiner'Berater und Minister, seiner Günstlinge unh der. ganzen Kamarilla gewesen wäre. Was Wilhelm betWd}en; hat,. sind mehr als Einzeltaten, . es . ist die Frucht .. eine^, Systems und einer h'ochgezogenen Auffassung, die derart vom-; Sinn für Macht und Gewalt hypnotisiert war, daß ihr darob das Gefühl von.Menschlichkeit abhanden kam und zur' Er«s reichung ihrer letzten Zwecke' jedes Mittel recht war. 'Nichtj Wilhelm, sondern dem; führenden Kreis' des Wilhelminisches Deutschland müßte der Prozeß gemacht werden. Das aber ist! unmöglich.. - Die Sünden eines MenschenalterS können nicht mit! einem Male gutgemacht werden- und das heutige dichtschep Geschlecht mutz in der Wüste seiner Verblendungumher«! irren, bis eine neue Generation heraufgekommen ist,'die reif! ist zu ihrer Erlösung. Die Entente hatdem Moloch bed deutschen Cäsarismus die Zähne herausgebrocheu und. &afij sollte ihr genügen. Der Friede von Versailles wiegt schwerer! üls alle Prozesse und die Welt will endlich auS dem ChäoSs ^MD»r-mejxrtz^Kä^nsn zurück. Der . Weg zur Ordnung MSutHchäuM-. erWchtert,' wenn ohne' Rot- bie Kluft zwiWrils den Völkern vertieft und der Haß verewigt wird. Der' Prozess! ‘ gegen Wilhelm wäre bloß Wasser auf die Mühle der Reaktiön, die auf den Umsturz in ihrem Sinne spekuliert und ihr.! Stündchen noch lange nicht gekommen wähnt. [ Was die deutsche« Schweizer über WUhrrLm M i : ■ de«Leu. -.- .! - s f - In einem Artikel, welcher der schwreÄ-; - gen Lage Deutschlands gewidmet ist, urteilt' » i. : die: »B a s e l e r N a t i o n a l z e.,i tun jj- :;, in der Angelegenheit des Exkaisers Ätz l!........ . treffendster Weise wie. folgt: ■ i . „Zugleich mit der Heimkehr der deutschen Kriegsgefän-- genen wird ein anderer Transport, aber ', in umgekehrter' Richtung einsetzen, die Auslieferung der von der Entente als- : schuldig am und inr Kriege Bezeichneten. Die Listen werden: /'bald, der deutschen Regierung überreicht werden, und vor äll^m, beschäftigt es die Oeffentlichkeit, ob sich in - ihr^ der Name Ezub. Irvtt Gu-*eu .^»oeffkich. V Ejub ist die Stadt der Gräber.- Zwischen den Häusern chwllensie he-rvor, senden-Gräberzüngen. in die Straße hinein, breiten sichln den Gärten unter Zehntausendjährigen Platanen - ernst - und '-friedlich. - -'Gräber,- "Gräber: eine Gräbersradk Nirgends sah-ich auf einer Dorfstr.gße mehr Gräber. -' f-. V Ich schritt den abendlichen Berg hinter der Stadt hinan, hinter der Stadt: wie einfach sich das anhört und ist hoch unglaubliches Erlebnis. . Unten'-liegt blau das Goldene fcoxp; - Irgendwo hinter den ,Zypressen, . den schweigenden Trauerzeichen, die wie eine -Gebärde des Entsetzens -'.in den Himmel weisenf liegt Konstantinopel, die schönste Stadt.der Welt. — Satter Herbstabend. Ein paar Grillen zirpen in den Gräsern. Sonne' blutrot auf einer tiefblauen Bergkante. Übten auf dem Meere ein phantastisch buntes Boot mit geflicktem Segel. Hinten brennt eine Zypresse. Schwarz, in blutiger Abr-ndsoynenlohe. Einsam ist der Berg, die Toten füOr-r-fcn zu $ott unter ihren tarbüschgelröntett Grabsteinen. * . . So ein mohammedanischer Friedhof scheint nur nicht a-'.ss. Weinen eingerichtet zu sein. Unendliche Ruhe umschmiegt einen,' die jenseits ist von Trauer ' und Freude: innige Freundschaft zu dem Absoluten, unendlich frohe Einsamkeit. Neben einem beinweißen Grabstein: lasse ich mich nieder, und blicke die steile Lehne des Gräberberges hinan. Viele' Gräber.: sollen seit' M'chainmcd - schon so viele Menschen Kestörben jein? UebeHaupt Sterben — jtcrben: ja, drüben im gottverdammten -Europa grbt es -ein Sterben, .Abreißen des Lebensftkdens, Totsein, hier aber geht man - zu - den Vätern> wenn man müde^ ist. Friedlich e schaukeln die Wellen des Bosporus, die wie blaues Ool sind, den Heinrkehrenden hinüber -nach Ejub, -in das Haus , der' Ewigkeit. ■ Unendliches>Gefühl strömt.mtsdieser unendlichen Ruhe. Auf dem Rücken liegend im blumigen Gras zwischen den Präbern,'blicke -ich züm' Himmel, über dem der Tag verklingt west hinein ins astattsche Festland: Wie weit ist hier her' Himmel, weiter als irgendwo in der Welt. — — — mir ,dev Gang - des. alten vor. O Berg des -Lebens, toetf I könnte da weinen? Höchstens aus Sehnsucht und aus - Hätz gegen das Ändere. Ich begrüße den' Toten, der.gar nicht im Grabe btrt! | mir ist, denn er ist im siebenten Himmel, bei den Huri des; Paradieses, dessen Teil dieses Ejub .ist.. Friede, ganz reiner, j unbefleckter Friede., La illah il ällah .. . Es gibt keinen! Gott außer Gott. .. ' ' Unter. den TapbuWu liegen Männer: Die -Scheidung von den mitl-'HeÜnä''Gefärbten,!'die---.keinfOseiben im -Erde kennen, wie-der Prophet sagt, muß auch hier-durchgeführt - werden. Recht so:das. Leben ist kein Frauenverein, der Tod schon gar nicht. . - ■ ■ * Ein Windhauch umspielt meine Schläfen. Ich möchte weinen, aus einem unbestiimnbaren, sehnsüchtigen Gefühl, ° das. sicher nicht Trauer ist. Ganz unten gleiterr. leise dm! Wogen am Fuße des GräberbergeS auf und ab. * -Dort unten, > wo die Häuser anfhören, Beginnt GraS zu wachsen und wächst und wächst bis hinauf, in den Himmel, der auf der Schneide des Berges sitzt. Grünes, saftiges Gras, über das ein paar verspätete Bienen trunken nach Hause gaukeln. Langsam koinmt ein alter Hodja den Berg herab und greift grüßend an das weiße Turbantuch. Ruhig, liebevoll und abgeklärt wie ein Buddha. Als würde er schweben über, die Gräser, um mcht eines zu knicken: ja. jo kommt! Auf dem Schiffe dann, änatolifche Bauern zwielkäwcnv' : und ein griechischer Komis mit steifem Kragen und einem - falschen Brillantriug an der geschmeidigen Hand. fi.Em GriechL kann zehn Armemer betrügen," heißt es.. Und das ist'viel. Schon im Gymnasium könnte ich'sie nie recht leiden, diese Hömeroiden.) Ein besoffener deutscher Unteroffizier noch.' iPyppchen, du bist mein Ojenstern!) Die Anatolier , sind sicher» üch''Menschen, von den andern weiß ich es. noch nicht genau. Cher noch von feem Kapitän, einem dicken Türken, der'er-: geben ins Meer spuckt. ' ' -; : : ji Jetzt kriecht der Abend über Cjub. Noch ein turzetzp \ Rotstrahl der Sonne.Dunkel. O Ejribl' ) Wieder in Konstanttnopel. Könnt ich doch--irr G-alaia. unten bleiben oder nach Stambul hinüber. Nein, ich muß noch-Pera hinauf in ))le Schicberavenue mit ihren Gaunern, Huren, Offiziersaffenjaickcrn, zentralnrächtlich angestellten Türkeivampyren (heute: Beauftragte des Conseil de' vaix» Pariser Friedenskornödic), nach Peru unt seinen Menschen»