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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-22 · Heft 360 (22.1.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 360 (22.1.1920)
Date
1920-01-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 360 Men, Donnerstag Wiener MorgerrzettunK Telegramme Der erste Minifterrat unter Millerand. Paris, ZI. Jänner. (Agence Havas.) Ein unter dem Vorsitze Miller an ds ab gehaltener Ministerrat billigte die Richtlinien der ministeriellen Erklärung, die von Millerand in der.Kammer und von LhopX* teau im Senat verlesen werden wird. Hinsichtlich der äußeren Politik wird der Wille des Kabinetts 'zum Ausdruck gebracht, der im Einvernehmen mit den Alliierten geführten Politik treu zu bleiben. Der Vertrag von Versailles muß voll und ganz durch- -geführt werden. Der Völkerb und soll in dieser Hinsicht ein wertvolles Hilfsmittel sein. Ueber die innere Politik wird bargelegt, daß Frankreich die neuen Steuern auf sich nehmen müsse, um die Kriegskosten bezahlen zu können. Schließlich heißt es in der Erklärung, daß die Re- . tzterung sich nicht in konfessionelle Dinge einmischen werbe. Die Trennung von Kirche und Staat bedeute nicht einen Kriegszustand, sondern ein freiheitliches Regime. , * Einberufung einer internationalen Wirtschaftskonferenz. Brüssel» 21. Jänner. (Tel.;Komp.) Der permanente Ausschuß der interparlamentarischen Konferenz für Handclsanselcgenbeitrn hat auf Grund der Urteile von Fachleuten und neutraler Ausschüsse beschlossen, eine internationale Wrrlschastskonferenz m Paris zusammemuberufen.. Diese wird innerhalb weniger Wochen im SLnatsgebäude abgehalten werden. Ihre Hauptaufgabe ist, verschiedene Fragen der Jetztzeit, wie die Teuerung, die Valutafrage und die Frage der internationalen Kredne zu erörtern. Der Generalsekretär der Reparations- Kommission. Amsterdam» 21. Jänner. „Daily News" meldet aus 'P ü r j ö r Die Stelle des Generalsekretärs der Wiedergutmachungskommission wurde dem jetzigen Leiter der Wirtschattsavteilung des Völkerbundes, dem Engländer Salt er, angcboten, der sich entschlossen habe, sie anzunehmen. Das radikale Blatt bezeichnet diese Ernennung als die wichtigste aller interalliierten Ernennungen und die Wahl Salters als eine sehr glückliche. Der südslawisch-italienische Konflikt. Paris, 21. Jänner. Die meisten Blätter stellen sich Im Streite zwischen Italien undJugoslawien auf die Seite I ta lie nS und verlangen, daß Frankreich und England die Ansprüche Italiens, eventuell die Rückkehr zum Londoner Vertrag, unterstützen. Der ,Matin" veröffentlicht ein Gespräch mif Nitti, worin dieser sagt: Meine Haltung wird von Elemenceau und Lloyd George gebilligt. Ich bin in meinen Zugeständnissen bis zur äußersten'Grenze des Möglichen gegangen und werde Mühe haben, meine Haltung vor der öffentlichen Meinung Italiens zu rechtfertigen. Wenn ich einen.Schritt weiter ginge, würde ich meine Regierung unmöglich machen. Lloyd George und Elemenceau. sind um den letzten Versuch, bemüht, also bleibt noch eine Hoffnung. * Trum b i e, erklärt aber in demselben Blatt: Wir stehen auf dem Boden der Rationalität. Än der Küste Mt es zwei italienische Siedlungen, Fiume und Zara. Wir willigen ein, daß sie nicht Teile unseres Staates bleiben. Weiter können wir nicht gehen und ich wäre erstaunt, wenn die Belgrader Regierung angesichts der sehr gefährlichen inneren Erregung, die sich in unserem iLande; bemerkbar macht, die Verantwortung für weitere Zugeständnisse übernehmen wollte. G „Homme Libre" stellt sich auf die jugoslawische Seite und veröffentlicht den genauen Wortlaut der gestern überreichten serbischen Note. Diese umfaßt acht Punkte: 1. Jugoslawien verzichtet auf die Souveränität von Fiume. Die Stadt soll internationalisiert werden und die diplomatische Vertretung dem Völkerbund obliegen. 2. Gleiche Behandlung Zaras. 3. Die Inseln Lussin und Pelagvsa fallen an Italien. 4. Italienische Einwyhner Dalmatiens können für die italienische Rationalität optieren, ohne das Gebiet Jugoslawiens zu verlassen. 5. Ein internationales Uebereinkommen soll die industriellen Unternehmungen, die Italienern gehören, besonders schützen. 6. Jugoslawien billigt die Entmilitarisierung adriatischer Inseln unter der Bedingung, daß Lissa jugoslawisch bleibe. 7. Keine Zugeständnisse betreffend Bolosca und Abbazia. 8. Albanien soll unabhängig bleiben; indessen ist Jugoslawien bereit, sich hier den Wünschen der Alliierten zu fügen. (Italien verlangt die Trennung in eine nördliche und südliche Einfluhzone und davon die. südliche für sich.) Kampfe zwischen Franzosen und Arabern. Rotterdam» 21. Jänner. - Die „Times" meldet: Von arabischer ScNe verlautet, daß wieder Gefechte zwischen Franzosen und Arabern stattgesunden hätten, wob« diese siegreich gewesen seien untz französische Maschinengewehre erobert hätten. Bolschewikischer Kampfbericht. Moskau, 81. Jänner. (Fünkspr.) Frontbericht. vom 80. d. M.r An der Nord- und Westfront keine besonderen Ereignisse. Heftige Kämpfe ö0 Werst südwestlich Mosyr in der Polesie. An der Südwestfront haben sich die Aufständischen der Stadt Mogilew-PodolSk" am Dnjestr, an der Grenze BeßarabienS, bemächtigt, und die Verbindung mit den Rottrupprn von Winniza hergestellt. An der Südfront stehen die Rottruppen 60 Werst nordöstlich von Cherson am Schwarzen Meer«. Au der Kaukasusfront ist der Don überall überschritten, die Rottruppen rücken gegen Jelisawetowkaja vor. In Sibirien nähern sich die Rottruppen Sjergiopol mr der chinesischen Grenze Zionistische Dezirkssektion Wien XX. Jüdische Wühler und Wählerinnen! Samstag den 24. Jänner 1920, V26 Ahr abends große Versammlung im Saale XX., Wallensteinstrasze 72. / Tagesordnung: „Die bevorstehenden Kultuswahlen*. Referenten r Abgeordneter Ingenieur Robert Stricker, David Neberrzahl. Erscheinen Pflicht! ¥ HelslngfsrS, 31. Jänner. Ein Moskauer Funkspruch meldet heftige Kämpfe zwischen Weißen Truppen und Aufständischen bei Irkutsk. ' Ein Teil der Kosaken habe sich den Aufständischen angeschlossen. Auf der Halbinsel Kamtschatka sei eine.revolutionäre Bewegung unter den Truppen ausgebrochen, di« zu den Aufrührern übergingen Und die bisherigen Behörden absetzten. Der Sowietagent MartenS im amerikanischen Senatsausschuß. Haag, 21. Jänner. (Tel-Komp.) Hollandsch Nieuwsbureau meldet aus New'Sork: Der Sowietagent Martens erschien im Senatsausschuß, unt Aufklärung über seine Tätigkeit in Rußland und über seine Reise nach Amerika zu geben. Levin verhaftet. Berlin» 21. Jänner. Wie der „Lokalanzeiger* aus Bremen meldet, ift,dortsklbst der Berliner Kommumstenjührer Dr. Levin verhaftet worden. Der Wendenführer Barth verurteilt. Leipzig, 21. Jänner. Das Reichsgericht hat heute den früheren LandtagSäbgeordneten und Wendenführer Ernst' Heinrich Barth wegen VerbrecheliS des versuchten Landesverrates und Anstiftung zum versuchten Briestchmuggel zu drei Jahren Festungshaft verurteilt. Ein Antrag auf Haftentlassung wurde abgelehnt. Was der ehemalige deutsche Kronprinz schreibt. London, 21. Jänner. (Del.-Komp.) „Daily Expreß" veröffentlicht einen Brief des' ehemaligen deutschen Kronprinzen an Karl von Wiegand über die Tagesereignisse und besonders Derdie Zukunft, die seiner harrt. Hinsichtlich der Schuld frage des .Kaisers heißt es in dem Briefe, es stehe fest, daß sein Vater einyr Krieg niemals gewünscht, sondern immer für den Frieden gearbeitet habe. ' ' V’ , Her strvnprinzf WAHgbe iyrmer pine Annäherung an England bs'fürwprtet, ‘ Ueber feinen Väter sagt der Kronprinz unter anderem, er leide schwer unter dein Schicksal seines- Landes. Jedermann, der in Ämerongen diesen einsamen Menschen gesehen hat, werde zugestehen, daß ihn kein , schwererer Schlag mehr treffen kayn, ajls es bereits geschehen. ist. Ich für mich mache mir keine Schwierigkeiten, ich wax Offizier und Heerführer und bin nur meinem obersten Kriegsherrn verantwortlich'. Apporryl berichtet über die Friedensverhandlungen. s Budapest» 21. Jänner. (Tcl.-Komp.) Heute vormittags fand ein Mmsslerrat statt, an dem auch Graf A p p 0 n y i und die hier emgetroffmen Hauptdelrgiettcn der Fnedensdelegätion trilnahmcn. Graf Apponyi erstattete Bericht über die Frirdensvrchandlrmgen. Budapester Todesurteile. Budapest, 21. Jänner. In dem Prozesse wegen der Ermordung.der zwei ukrainischen Oistziere Effimow und Juckelson sowie wegen anderer in der Provinz begangener Mordtalen wurde heute das Urteil gesollt. LadislauS- Szammly wurde wegen Anstiftung zum Morde in sechs Fällen, Karl Orgovas und Joses Szabo wegen Teilnahme am Morde m je zwei Fällen zum Tode durch den Strang verurteilt. Sieben wettere Angeklagte wurden zu Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren verurteilt. Tschechische Nationalversammlung. Prag, 21. Jänner. (Trl.-Komp.) Wie die Blätter melden, beginnt du tschechische Nationalversammlung mit dem morgigen Tage die letzte Phase ihrer Arbeit. Die Nationalversammlung wird von morgen an täglich, auch an Sonntagen, 8 b,s 9 Stunden arbeiten. „Cesko Slovo* sagt, die Bewältigung der Arbeit in de* festgesetzten Frist sei unmöglich, so daß auch die Wahlen im März nicht werden durchgeführt werden können. Gesandter Marek beim Minister Benesch. Prag, 21. Jänner. Der österreichische Geschäftsträger Dr. Marek hat dem Minister des Aeußern Dr. Benesch seme Bcalanblgnngsschrelbm überreicht und mt Anschlüsse daran die Ergebnisse der Prager Verhandlungen mit dem Minister besprochen. Die bedrohten Salzburger Abgeordneten. Salzburg» 21. Jänner. Die heutige Landtagssttzung wurde vom Landeshauptmann mit zweistündiger Verspätung mit der Mitteilung eröffnet, daß die Sitzung wegen der Vorfälle am letzten Freitag, wo wegen der Fleischversorgung demonstrierende Eisenbahner und Arbeiter, die sich im Hofe des Landtagsgebändes versammelt hatten, mehrere Abgeordnete am Verlassen deö Gebäudes hinderten und Mitglieder der Landesregierung bedrohten,- nicht sttttstnde und die nächste Sitzung im schrisllrchen , Wege melde bekcmntgegeben werden. Die Sozialdemokraten erhoben 1 dagegen Protest _22.?5mtet 192« _gelte $ Tagesbericht. Abbau der Sparmaßnahmen ab heute. In der Kvhlensituation ist die erwartete wesend l i ch e Besserung nicht eingetreten, die Einläufe entt sprechen nicht den gehegten Erwartungen, so daß ap einen ausgiebig en Abbau der Sparmaßnahmep vorläufig nicht gedacht werden kann. Die Lage des Elektrizitätswerkes ist nach wie vor ungürtt stig. Bis gestern mittags sind ihm nur fünf Waggons Kohle zugewiesen worden und selbst wenn sich dieses Quantum im Laufe des Nachmittag und Abend etwas erhöht hat, fö verfügt das Werk immer noch nicht me(rt als über einen Stand von etwa 2 4 0Wagg0ns Gk! sämtvorräte, also nur über ein weniges'über dep gewöhnlichen Bedarf von zwei Tagen. Würde map jetzt also an einen ausgiebigen Abbau der Sparmaß^ nahmen herantreten, dann könnte sehr leicht, wenn M fällig wieder ein Streik oder. eine Verkehrsstockung eintritt, das Elektrizitätswerk neuerlich vor einer Kata« strvphe stehen. Nichtsdestoweniger ist berechtigter Grund Vorhand den, in den allernächsten Tagen schon eine wesenti liche Besserung zu erwarten, da hier Nachrichten über die Beendigung des Streiks in Ober-; schlesien eingelangt sind und die Hoffnungen aus einen besseren Kohleneinlaüf berechtigterweise gestiegen sind. Diese erfreuliche Tatsache ist wohl auch die Ursache^ daß von heute ab mit einem A b b a u d e r S p a r m a tznah men, den wir bereits gestern angekündigt Habens begonnen wird. Nach einer Vollzugsanweisung des! Staatsacktes für Handel und Gewerbe wird von heute ab v die Straßenbahn von halb 12 Uhr mittags bis halb 7 Uhr abends wieder in Betrieb gesetzt. Eine Ausdehnung des Betriebes auch auf die Früh- und Vormittagsstunden' konnte nicht bewilligt werden, weil der bisherige Kohlen«! einlauf eine solche Ausdehnung noch nicht gestattet Wohl wurde aber von maßgebender Seite der Er-s Wartung Ausdruck gegeben, daß mit der vollen Füh'-i rung des regelmäßigen Verkehres im frü«« Heren Ausmaße am nach sten Montag gerechnet werden könne. Eine weitere MiLerung der Sparmaß-i nahmen ist, daß nun die Kanzleien, GeschästSladcn und Äemter von heute ab bis 5 Uhr nachmittags offen bleiben, die Theater, Kinos und Vergnügungslokalq werden nach einer Weisung der Landesregierung erst am Samstag wieder spielen. Dagegen bleibt die Industrie bis auf weiteres abgeschalt et. Kritische Latze des Gaswerkes. Da das Gaswerk vollständig von den Zufuhren aus Mährisch-Ost rau abhängt und der Streik dort noch nicht beendigt ist, gestaltet sich seine Lage sp kritisch, daß die Abschattung der Hmrishattlmgen vorn Gasbczug . in Erwägung gezogen wird. Eine Betriebseinstellung deS Gaswerkes wäre schon deshalb schwerwiegend, weil seine Wiederinbetriebsetzung bis zum vollen Gasdruck mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Die kritische Lage des Gaswerkes bildet selbstverständlich einen hervorragenden Punkt der Beratungen im Staatsamt für Handel. jDsr Bahnverkchr am Moiutag kn Frage tzestellt. Die seit drei Tagen anhaltende günstige Kohlen* Versorgung der Eisenbahnen hat sich gestern etwas? verschlechtert, so daß die Wiedereröffnung des Bahnverkehres am Montag in Frage gestellt! ist. Aus Oberschlesien kamen nur geringe Mengen vori Kohlen und die etwas günstigeren Kohleneinläufe aus dem böhmischen Braunkohlenrevier reichen kaum fürs den eingeschränkten Verkehr. Erft die Einläufe der nächsten Tage bis Samstag müssen abgewartet werdew Befolgung von Juden in Ostgalizien. Das „Jüdische Volk" meldet: Die verzweifelte ©tim* rung, die unter den Juden Ostgaliziens herrscht, schildert der folgende Brief aus Podhaice: „Man kann hier keine öffentliche Aktion unternehmen, denn wir werden furcht bar unterdrückt. Gewisse Geschehnisse müssen wir noch geheimhalten, damit sich unser« Lage nicht noch mehr verschlimmert.! Bor drei Wochen, am 20. November, hat man zwei jüdischen Hausbesitzern gedroht, sie und noch viele anderst zu internieren, falls die Juden versuchen sollten, d.rq Jahrestag der Lemberger Ereignisse zu begehen. Unkst cs aber gar nicht eingefallen, eine solche Trauerfeier zu veranstalten. Am 23. November sind in der Stadl Militärpatrouillen herumgegangen, um zu kontrollieren^ ob die Juden nicht „manifestieren".! Vor zwei Wochen'hat man angeblich bemerkt, daß die Juden sich über den Pariser Beschluß wegen Ost-, galiziens freuen und daher hat man die Podhaioer Juden mit einer Kontribution von 200.000 Kronen belegt. Vier jüdische Hausbesitzer sind als Geiseln verhaftet worden. Man hat sie aber bald befreit und nur der! Rabbiner Liebenfeld ist 24 Stunden festgehalten worden^ Drei Tage hernach hat man die Juden zur Ver^ richtung von Zwangsarbeiten, wie zum Beispiel Gassen- und Klosettreinigung, aufgegriffen. Wir müssen aber leider schweigen, weil es von Tag zu Tag schlimruer wird.^

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