Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 357 (19.1.1920)
- Date
- 1920-01-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Montag Wiener Morgenzeitung ioSgerifsen und können nimmermehr unter eine ottomanische Regierung gebracht werden." Aber ebenso fctcft die gemäßigten uno vernünftigen Nuselmanen zur Ueberzeugung. gelangt, daß die türkische Verwaltung in den ausgedehnten Gebieten südlich des anaolischen und Kurdistanplateaus zu existieren anfgehort hat. stach einem Hinweis darauf, daß ein großer Tel des sogerannten türkischen Reiches erst seit verhallnism"?ig k.rzer unter türkischer Herrschaft steht und eijentlsch ni.wülS n den vollen ungeft"'rten Besitz der Türkei übergegangm ist, der Artikel zur Behandlung der heiklen Frage von Tanitantiiwpel über. Diese Stelle, die ein grelles L'.cht auf die ,roßen Divergenzen, die in dieser Frage im "age de 7 ®3Hievten selbst bestehen» wirft, soll hier ausführlicher wgcben werden: ..Auf das entschiedenste muß der undurchführbar« Bor» ichlag zurückgewiesen werden, daß der Sultan seine temporäre bemalt nach Kleinasien verlege, von dort aber ferne geistlichen Ansprüche auf Stambul weiter auftecht halte. Kein solcher sogenannter Mittelweg würde eine eingehende Prüfung restehcn können. Entweder muß der Türke als Herrscher n Europa bleiben oder er muß göhen. Biele, deren An-!lchten Respekt verdienen, sind der Mernung, daß er im Be» -ihe von 5t'onstantnwpel bleiben sollte. Ihre Ansichten ent» Dringen fast durchwegs Gcfüylsmomenten oder der Rücksicht ruf die unmittelbare Zweckmäßigkeit. Die Führer der sechzig Viillrouen Mohammedaner in Indien zum Beispiel, deren Vorstellungen wir nicht leichthin außer acht lasten, sind sehr indriuMcb daftic-eingetreten, daß der-Sultan seine Haupt»- -iadt behalten möge. Wir sind Willens, der geistigen- Ber» l'andtfchast. welche den Gefühlen der indischen Moslems, zu» 'runde siegt, die weitestgehenden Zugeständnisse zu-machen, rl-er eö muß ausgesprochen werden, daß das für den Sultan;!;ur Schau getragene Jutereste der indischen Mohammedaner jailz jungen Datums ist. daß es vor dreißig Jahren noch 'auni wahrnehmbar war und daß es in letzterer Zeit einen -ehr zu mißbilligenden politischen Beigeschmack hat. Das Aus» inaß der temporären Macht des Sultans habe für den Islam >n Indien nur gefühlsmomentliche Bedeutung. Seine geist» iichen Attribute, welcher Art sie auch sein mögen, hängen nicht .on dem Besitz Konstantinopels ab. Sie bleiben unberührt -inb wir können hinzufügen, daß die religiöse Sicherheit der mdischc.r Moslems in keiner Weise eine Einbuße erleiden «erden, wie immer die Entscheidung der Pariser Konferenz »uSfallen ulöge. Diejenigen Verfechter des Verbleibens des Sultans in Konstautinovel, die nicht dem uwslemitlschen Glauben angehören, haben wieder eine andere Begründung ihrer Ansicht. Sie behaupten, daß, solange die türkische Regierung am Nvlbenen Horn verbleibe, der Friede und die Ruhe in Kesiafi-nl für die Zukunft verbürgt sei. Wird der Türke nach Anatolien verbannt, sagen sie, wird er bald die Verbindung mit den Bolschewiken enger knüpfen, die heute schon unter den flüchtigen Mitgliedern des jungtürkischen Komitees bestehen. Wir müßten uns dann, auf l eine .große mohammedanisch-bo.'schewikische Konföderation gefaßt machen, die sich bis weit nach -Zentralasien hinein erstrecken würde, besonders wenn es den Denikinschen Truppen nicht gelingen sollte, das Gleichgewicht her;ustollem Die Stellung der Franzosen in Syrien und der Engländer in Mesopotamien wäre gefährdet; das so sehr exponierte Persien käme gleichfalls in Gefahr; die Afghanen würden immer mehr in den Kreis der neuen Konfödcrierten einbezogen' löerden und schließlich würde die Unzufriedenheit unter den indischen Mohammedanern ernstere .Formen.annehmen. Ein auf der Vertreibung aus Europa ausgebanter Friede mit der Türkei, wird behauptet, wurde zu endlosen Kon,litten in Mittelasien führen." Gegen alle diese Bedenken verharrt der Autor des Artilels auf dem Standpunkt, daß die Zweckmäßigkeitspolitik gegenüber der Türkei schuld tvar an allen Wirren, von denen Europa in den letzten Jahrzehnten heimgesucht wurde und die schließlich auch den Weltkrieg mit herausbeschworen hat. Was jetzt geschehen soll, dürfe nicht für die Eventualitäten der nächsten zwei Jahre, sondern müsse für die Zukunft Europas berechnet sein. Der bolschewi'ischen Gefahr und anderen Gefahren müsse man mit Nüchternheit begegnen. Konstantinopel würde, solange es in türkischem Besitze bleibt, ein Zankapfel bleiben, der die Rivalitäten unter den europäischen Mächten ständig schüren würde. Sicher sei, daß von allen Staaten England das größte Risiko trage, wie' immer über das Schicksal der Türkei entschieden werden sollte. „Nicht infolge Mangels an Sympathien für den Islam," so schließt der Artikel, „sondern infolge der politischen Notwendigkeit für Europa würden die Alliierten, so glauben wir, gezwungen sein, von der türkischen Negierung zu fordern, daß sie nach Asien gehe. Diese Forderung schließt nicht aus, daß' die Alliierten der Türkei die Hklfe zusichern, die sie braucht, um ihre Stellung in den ihr noch belassenen Gebieten zu festigen." Im übrigen tritt das Blatt für die Jntcrnatiostalitierung Konstantitiopels und der Meerengen ein. Die Räumung Ostpreutz? Warschau, 18. Jännrr. (Furüsvcuclitt In u z » g ist eine poinl'che Mrssion rmgelrosstn, um nm eui dortigen deutschen nüliknuichcn Behörden über d.c R ä u m u n g Q fl* Preußens zu verhandeln. Ab heute Telephonverkehr mit der Tscheche' Slowakei. Prag» 18. Jänner. Die Postdirektion teilt amtlich mit, daß am 19. d. M. der allgemeine Telephon» verkehr zwischen der tschechoslowakischen Republik' (mit Ausnahme der Slowakei und Ka*pathcnrußlands) mit Deutschland (einschließlich Bayern) und mit Oesterreicb eröffnet wird. Die Präsidentenwahl in Frankreich. -Paris» 17. Jänner. Pani Deschanel hat sich am Wahlakt nicht beteiligt und dem zweimaligen Aufruf nicht Folge geleistet. Er folgte dem Verlaus der Ätz ng in einer Loge mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Erst nach erfolgter Abstimmung erschien er im Saal. DaS Ergebnis wurde Deschanel, wie es die Zeremonie verlangt, im Marengosaal, dessen Fenster in die Orangerie gehen, mitgeteilt. Bourgeois begleitete seine Mitteilung mit einer kurzen An>'prache. auf die Deschanel. sichtlich ergriffen, mit wenigen Worten erwiderte. Justizminifter Nail beglückwünschte Deschanel im Namen der Regierung. Deschanel und Deutschland. Berlin, 18. Jänner. In Besprechung der Wahl DeSchanels zum Präsidenten der französischen Republik stellen die Blätter aller Parteirichtungen.übereinstimmend fest, daß diese Wahl für d a S k ü n f t i g e Verhältnis Frankreichs zu Deutschland ohne Bela n q sei. Es sei ganz verfehlt, aus der Aenderung der Stimmung gegen Clemenceau etwa auch auf eine Aenderung * der Stimmung für Deutschland schließen zu wollen. Deschanel werde den Deutschenhaß nur mit viel feineren Mitteln als eine Angelegenheit des französischen Volkes, erhalten können', als dies Clemenceau verstanden habe. Dank an Clömenceau. Versailles. 17. Jänner. (Meldung der Agence Havas.) 11m Clemenceau ihre Verehrung a u s z n d r ü tf c n, haben die Mitglieder des Kongresses, da die Verfassung nicht gestattet, in der Sitzung einen Beschlußantrag einzubringen. durch den Clemenceau der Dank des Konqreffes zum Ausdruck gebracht wird, außerhalb des Rahmens der Sitzung folgende Kundgebung abgefaßt und mit ibren Unterschriften verftben: „Die zur Nationalversammlung vereinigten Senatoren und Kammermitglieder bezeugen dem Ministerpräsidenten Clemenceau ihre Erkenntlichkeit für die unvergeßlichen Dienste, die er dem Vaterlande geleistet hat/ Eine Konferenz Elemenleaus mit Lloyd George. Paris. 17. Jänner. Clemenceau hat heute vormittags im Kriegsminiflerium Lloyd George empfangen, mit dem er sich lange Zeit unterhielt. Inland. Parlamentarisches. Die Wehrvorlage, deren erste Lesung in der morgigen Plenarsitzung beginnt, dürfte zu einer größeren Debatte über grundsätzliche Fragen führen. Die bürgerlichen Parteien stehen bekanntlich auf dem Standpunkt, daß die neue Wehrmacht einen unpolitischen Charakter haben müffe. Das gleiche gilt von der Vermögensabgabe. Die bürgerlichen Parteien stehen auf; dem Standpunkte, daß die Lasten gerecht verteilt und die Erträgnisse der Vermögensabgabe richtig verwendet werden. Die Erklärung, die z. B. Staatssekretär Hanusch gestern im Finanz- und Budgeiausichuß machte, wonach eine Gesehesvorlage in Vorbereitung sei, der gemäß die Arbeitslosenunterstützung künftig nicht nur der Staat, sondern auch zu je e i n e m Drittel die in den Betrieben tätigen Arbeiter und Unternehmer zu tragen haben, und daß dieselbe fürderhin nur durch höchstens zwölf Wochen ausbezahlt werde, ist gleichfalls auf die Erkenntnis der Sozialdemokraten zurückzusühren, daß die den Staat so stark belastenden Arbeltskosenunterstützungen nicht bis in die Unendlichkeit ausbezahlt werden können. Ein Neichsbürc>,errat. Linz, 18. Jänner. Vertreter des niederösterreichischen Landesbürgerrates, deS Wiener Bürger- und Ständerate-, der Landesbürgerräte von Salzburg und Kärnten sowie deoberösterreichischen Landes»Mittelstand-ratetraten gestern abends zu einer Besprechung über die Bildung eines Reichsbürgerratezusammen, bei der die vorgelegten Satzungen einstimmig angenommen wurden Reimers Prager Reise. Prag, 18. Jänner. „Pravo Lidu" bringt im wirtschaftlichen Teil ein Nachwort zu den österreichischtschechischen Verhandlungen in Prag, worin betont wird, baß die wirtschaftliche Emanzipierung von Wien unaufhaltsam fortschreiten werde. Sie sei eine Lebensnotwendigkeit für den tschecho-slowakischen Staat, und erst wenn diese Loslösung erfolgt sei, können Tschecho- Slywakien und Oesterreich ,als freie Staaten freundschaftliche Beziehungen zu einander anknüpfen. . Ein freundschaftliches Verhältnis in wirtschaftlicher Beziehung sei sü? Oesterreich von größerem Nutzen als für Tschechy-Slowakien. dqs hiebei nur politisch gewinnen könne. Gemeinsam mit der Wiener Demokratie werde Tschecho-Slowakien einen Wall gegen die Reaktion bilden, hie sich von Ungarn und Polen heranwälzs. Solange in Oesterreich die Sozialdempkratis am Ruder bleibe und die'demokratischen Elemente de österreichische Republik beherrschen, können sich die Wiener auf die Sympathien Tschecho-Slywakiens verlassen, Wenn aber die gegenwärtige österlich ffche Regie:ung einer monarchistischen oder klerikalen P.'atz machen sollte, so würde dies eine Stärkung der ungarischen Reaktion bedeuten und daun würden selbstverständlich die freundschaftlichen Fäden zwischen Ljchecho^Slolvaki.'n und Wien zerrissen werden. 19. Jänner 1920 Nr. 357 Telegramme. Deutsche Nationalversammlung. Das Betriebsrätegefetz mit L1S gegen 64 Stimmen angenommen. Berlin, 18. Jänner. Für die heutige Sitzung der Nationalversammlung waren wieder umfassende Sicherheils maßregeln getroffen worden. In der Umgebung des NeichstagsgebäudeS war Sicherheitspolizei in besonders großer Zahl aufgeboten. Sämtliche Eingänge des Gebäudes waren mit Maschinengewehren und Flammenwerfern besetzt» die Zugänge zur Wilhelmstraße und von den Linden bis zur Leipziger Straße durch Drah tverhaue gesperrt. Es fanden jedoch keine Ansammlungen statt und der Tag verlief vollkommen ruhig. Auf der Tagesordnung der Nationalversammlung stand die dritte Lesung der Betriebsrätegesetzes. Mit dem ersten Abschnitt wurde eine Generaldebatte verbunden. Abg. Schiele.(deutschnational) erklärte namens seiner Partei, daß sie das Gesetz ablehne. Abg. E h r h a r d t (Zentrum) sagte, gegen das Gesetz sei von rechts und links Sturm gelaufen worden, das sicherste Zeichen, daß viel Brauchbares in ihm enthalten sein müsse. Für das Arbeiterrecht bedeute die Vorlage einen großen Fortschritt. Die Reden der Rechten gegen das Gesetz unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der Unabhängigen. (Unruhe rechts.) Auch Demonstrationen werden von' der Rechten veranstaltet, die sich von denen der Unabhängigen nicht wesentlich unterscheiden. (Lebhafter Widerspruch rechts.) Die Vorlage schafft soziales Recht an Stelle der Machd» Verhältnisse. Früher war der Arbeiter eine Nupimer, jetzt soll er Mensch sein. Wir machen das Gesetz nicht unter dem Zwange der Verhältnisse, sondern weil wir es für eine zwingende Notwendigkeit halten. Abg. Henke (unabhängiger Sozialdemokrat): Wi« können Sie behaupten, mit einem Gesetz, das eine solche Biuttaufe erhalten hat, die Interessen der Arbeiter zu vertreten. Auch jetzt ist bas Haus wieder mit Maschinengewehren besetzt. Unter Vorbereitungen zu neuen Maffeumorden wird die Vorlage verabschiedet. Sie treiben Sozialdemagogie. Die Arbeiter werden alles tun, um as Stelle dieses Zwittergesetzes ein im sozialistischen Geiste gehaltenes Gesetz zu bekommen. Die heutige GeschäfÜordnung ist der Totengräber der Bourgeoisie. Wir werden unsere Arbeiterschaft mit allen verfügbaren Mitteln zum Kampf auftufen und sind Überzeugt, daß der schließliche Sieg der Arbeiterklasse gehören wird. Abg. Ost er rot h (Sozialdemokrat) führte . au-, die äußerste Linke sei von Räte- und Revolutionspsychose befallen. Boa beiden Vertretern der Unabhängigen habe wenigstens einer bei allen 73 Abstimmungen im Ausschuß gefehlt. Redner erklärte unter ironisierenden Ausiührungen gegen die Unabhängigen, deren Führer Cohn selbst anerkannt habe, daß eine sozialistische Insel im Meere des WcltkapitaliSmuS zum Untergang verurteilt sei, das Betriebsrätegesetz sei ein gutes Gesetz, mit dem man weder von den Idealen des Sozialismus noch von jenen der Demokratie abirre. ES sei eine Großtat in der Menschheitsgeschichte. ReichSarbeitSminister Schlicke bemerkt, wegm der internationalen Regelung der S echSstunbensch i ch t in den BergwerkSbetrieben würden die Verhandlungen demnächst ausgenommen werden. In der namentlichen Gesamtabstimmung wird daS Gesetz mit 213 gegen 64 Stimmen der Rechten und der unabhängigen Sozialdemokraten angenommen. Die Verkündung des Ergebnissewird von der Mehrheit mit Beifall ausgenommen. Die Verhandlungen in NsuiSy. Budapest, 18. Jänner. Das Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Bureau meldet aus Neuilly: In seinem Freitag vor dem Fünferrat abgehaltenen ExposS führte der Präsident der ungarischen Friedensdelegation. Graf A p p o n y i, noch aus, er müsse erklären, daß er. ohne wesentliche Aenderungen den Fri^densvertragsentwurfnicht annehmen könne. Budapest, 18. Jänner. (Meldung des Unbar. Tel.-Bur.) Ministerpräsident HuSzar erklärte in einer Samstag gehaltenen Rede: In Neuilly fertigt man deu Sarg Ungarns an, und obwohl ohnmächtig, leisten wir keinen Augenblick Verzicht. Wu werden warten, bis wir wieder stark seid werden, mit geschickte.rDiplomatie auch unsere alten Feinde zu unseren Freunden machen können und ganz Europa zur Einsicht bringen, daß die Frage, die um dringendsten der Lösung harrt, die Sache Ungarnist. Wir bewaffnen uns nicht. Wir hören nicht aus kriegerische Hetzreden unverantwortlicher Faktoren, depy wenn wir ihnen folgten» würde bloß ein ruhmvoller Dvd uns beoorstehen. Wir vertrauen auf die historische Wider» standsfähigkeit der ungarischen Nation und sind desien sicher, daß wir mit starkem nationalen Empfinden und reiner christlicher Moral unser angestanunteS Recht wieder zurückerwerben werden. Explosion iit einem Zug. Berlin, >8. Jänner. Die ^Boisiiche Zeitung" meldet aus Breslau: Durch eine Benzinexplosion in einem Persvnenzug in der Nähe von Tarnomitz wurden acht Personen getötet und 37 schwer verledt.