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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-19 · Heft 357 (19.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 357 (19.1.1920)
Date
1920-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V«r» 3» mtt PrLtt«meratio«spreise: Wien: fiöw «bhoke» irr iet «Extzedition» 2. Bezirk» Tabor» Pratze 1 biS 8» oder In einer Berschleitzsteve «Trafik): Monatlich ». Krone» 12.- «ttertelliihrllch „ 86.- Mit Postversand für Wien und Oesterreich: _ Monatttch. « Krone» LS.— Tichecho-Slowakei; Monatlich .. Krone» 9,- \ «ierteljShrlich .. «7.- i» tfchecho.stow«nschrrWLtzrmrg _ Pole» und Ungar«: Mouatlich .. Krone» LS^- I» entsprechender Währung deS «etreffeude» Landes rrner Ureis 30 Heller Pranumerattons« preise für MoimÜich^?^?Marr Mouatti^^^lmk» »«- Italien: Monatlich . . . Lire 3?— Schweiz: Monatlich. . . FrankS , Redaktionn.Ndministratko» WLen.».t8ez..Taborstr^-L Lelehhoue: Administration 44»»»«. Redaktion 4S81», ab 6 Uhr abendS Nr. 16301 Postsparkassenkonto 150491 Nr. 357 Wie«, Montag» den IS. Jänner 1920 2. Jahrgang Die Schnldtragenden. K. Wien. 19. Immer. Das Europa des Jahres 1914 ist wohl für immer tot, ohne daß die modernen Kulturmenschen ihm eine Träne nachweinen: dem Europa des Jahres 1920 aber, dem neuen Europa, wie es sich uns auf den Landkarten präsentiert'und teilweise noch nicht das Licht der Welt erblickt hat, kann man auch kein langes Leben prophezeien. Wo immer man hinblickt, sieht man imgelöste Probleme: Regierungen, die Tag für Tag um ihre Existenz ringen, Parlamente ohne stabile Majoritäten, ein Parteiwesen, nach innen vermorscht, nur durch die Parteidisziplin künstlich nach außen zusammengehalten, ein lebensunfähiger todkranker Parlamentarismus, ein bis in das innerste Mark krankes Wirtschaftssystem: überall Volksretter und Volksbeglücker im Ueberttuß, nirgends aber ein fröhliches, sondern in den siegreichen itn& besiegten Staaten ein mehr oder minder verzweifeltes Volk: Dies ist die Signatur des sterbenden Europas bei Beginn des neuen Jahres. Angesichts dieser Verhältnisse vermißt man allüberall großzügige Männer, großzügige Programme; nirgends, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken zeigt sich die Erkenntnis, daß nur durch vollständigen Bruch mit einer fluchbeladenen, blutbefleckten Vergangenheit Und mit der trostlosen - Gegenwartspolitik des Fortwurstelns, nur durch vollständige Abkehr von der auf Verhetzung der Nationen, Konfessionen und Stände basierenden Macht- Politik eine Erneuerung Europas, eine Erneuerung der Kultur und der Wirtschaft angebahnt werden kann. Sind irgendwo die Spuren dieser Einsicht zu erblicken, hat man wenigstens irgendwo die tieferen Ursachen des Weltkrieges und der darauf folgenden Umwälzungen erkannt, ist man sich auch wenigstens darüber klär geworden, warum es nach all den langen, bangen Jahren der ökonomischen und psychischen Not noch immer nicht besser,^ . sonderMtiom KagHw-Tcks-- mcü dies ist der Fall! , ■ Solange aber nämlich die Völker/ja nicht einmal die meisten Guppen in den einzelnen Staatsgebilöen. sich soweit durchgerungen haben, zu begreifen, daß der Staat des 20. Jahrhundertes ein Rechts-, Kultur- und Wirtschaftsstaat sein müsse, daß das Recht auf Existenz dem Einzelindividunm wie jeder nationalen, konfessionellen und sozialen Minorität gewährleistet werden müsse, daß aber jedes Volk und jeder Staat mehr oder minder, sei es in wirtschaftlicher, sei es in politischer Hinsicht, auf freundschaftliche Beziehungen zu fernen Nachbarn angewiesen ist, solange fehlen auch die primitivsten Voraussetzungen zu einem Auswege aus den trostlosen Wirren der Gegenwart. Wie lief ist Europa gesunken» wenn seine ganze Existenz davon abhängt, .daß Amerika zu seinem Wieder- Anheilbar. Das Judenviertel zwischen Stephanie- und Augartenbrücke umfaßt die widerwärtigste Straßengegend, die man kn Wien,au genießen 'bekommt. Der große Armeleutbezirk, Favoriten, ist weit ausgedehnt, in die graue Farbe der Arbeit gehüllt; trostlos in ihrer Einförmigkeit sind die langen Häuserketten Ottakrings; aber diese engen, gegen den Donaukanal umgebogenen Gäßchen haben etwas von.einem Schlupfwinkel an sich—Massenschlupfwinkel für düs Elend und das Laster, für das Verbrechen und das Siechtum. Alles ist klebrig vom Schmutz der Massenabnützung. Ein verwahrloster Misthaufen stinkt seit Jahren an der Stelle eines eingerissenen Hauses; ein funkelnagelneues Gitter schützt die rostzerfressenen Konservenbüchsen ' und die verfaulten Abfälle verschollener Wirtschaften vor diebischem Eingriff, so daß der Unrat wie in •einem Schaufenster die Augen aller auf sich lenkt. Die Häuser stnd dicht wie Ameisenhaufen von krabbelndem Menschengewurm bewohnt. Alles ist sü häßlich, daß man sich zwingen muß, hinzuschauen und sich kaum traut, nach dem einzelnen, zu forschen. In einem der schmutzigsten Häuser der Floßgasse liegt ein 24jähriger Mensch gefangen. Eme jener unsagbar traurigen Erkrankungen, bei denen die Hilfe der Wissenschaft versagt und die Barmherzigkeit der Spitalsbehandlung aus die Dauer versagt werden muß. Zur Schande unseres Zeitalters sei es vermerkt, versagt auch die Linderung der" helfenden Nächstenliebe. Wenn man nur einmal um eine Krücke oder um einen Rollstuhl für einen Hilflosen — ich schäme mich, es zu sagen, aber es gibt keinen anderen Ausdruck — öffentlich gebettelt hat, so hält man, auS angeborener Gutgläubigkeit, die Entschuldigung vor die Unterlassungssünde der Schuldigen, Paß sie nicht jedem verlorenen Einzclfall nachspüren können, fl&am man abeL nachgerade allwückeMÄ M einen .uuLEa.r Das Kabinett Clemeneeau demissioniert. Paris, 19. Jänner. (Funkspruch.) Leute vormittags haL der letzt« Mim5terra( unter VsöfiUGplemeneearrs iw Eihsse stattgefunden. Clemenesau übergab dem. Präsidenten PomearL perfZnlich die Demission des Kabinetts» worauf er \ dem Präsidenten für seine Unterstützung der Regierung während der schweren Zeiten den Dank aussprach. PoinearL antwortete, daß er es für uotwendiq erachte. Clemeneeau den Dank des ganzen Landes für das Werk auszusprechsn, welches er während der zwei letzten Jahre vollbracht hat. Hierauf zogen sich die Minister und die Unterstaatssekretärs zurück und Clemeneeau hatte mit Poinearö eine Unterredung, die 40 Minuten dauerte. Nach dieser Unterredung begab sich Clemeneeau ins KriegSMmisterium, wo er mehrere politische Persönlichkeiten empfing. Gin KÄhineLL .MiKerauÄ. . Paris, 19. Jänner. (Funkspruch.) M r l L erand ist vom PräfiGnte» Poinearä mit der Bildung des neue» KWnetLs betraut worden. . cmfbcm den notwendigen/Kredit gewähren muß und wenn der Viererrat der siegreichen Entente in New-Aork darum als Bittender erscheinen muß, wenn weiters die herrschenden Klassen der Weißen. Rasse' im Vordringen Japans in Sibirien das letzte Bollwerk gegen den Bol- ..schewismüs erblickt! Hohen also nicht.jene recht be° Zentralmächte oder die Entente in dem großen Weltkrieg siegen werde, für alle Fälle aber würden Sieger und Besiegte so viele Wunden, dcwontragen, daß in! letzter Linie doch nur Amerika und Japan aus dem I Weltkrieg profitieren werden. Wohin man in Europa blickt — wenn man auch zugestehen muß, daß nicht überall dasselbe Massenelend herrscht, wie in Deutschösterreich — sieht man ein Gefühl des Unbehagens, der Unbesriedigung, das alle Nationen und Klassen mehr oder weniger erfaßt. . Am trostlosesten sind allerdings die Verhältnisse in Mittel-' sowie in Osteuropa und am Balkan. Fast täglich verändert sich dort da§ politische Bild, keineswegs aber bessert sich das wirtschaftliche, das immer trostloser wird, um so mehr, als es den einzelnen politischen Parteien scheinbar weniger daran gelegen ist, die wirtschaftliche Not zu beseitigen, sondern aus der trost- Kranken die Herzen erweichen muß, steigt einem die Bitternis zu Herzen und die vereinzelten Seufzer . und die heimlichen Tränen werden zur mächtigen Anklage. Es ist' eine Schande, daß für. die großen Werke der Fursorgearbeit öffentlich ge-, sammelt werden muß; noch schmählicher für die anderen - natürlich — ist die Bettelei um einen - lindernden Behelf für einen Siechen. Ein schweres Nückenmarksleiden fesselt den verlorenen Menschen seit seinem achten Lebensjahre - apL Bett. Mit schiefem, bornübergebeugtem Kopf lallt er, kläglich einige Sätze, biS seine Mutter, eine alte, verwuzelte polnische Jüdin, die Geschichte seiner langjährigen Qual erzählt. - Sie hatten , in'einem galizischen Dorf einen Laden. Der Junge mußte sich zeitlich den schweren Studienpflichten seiner frommen Religionsgemeinschaft widmen. Bald zeigten sich diä ersten Anzeichen der unter den galizischen Juden weitverbreiteten Entartungskrankheit. Die schmutzige Enge des Ghettos und die strenge, Inzucht seiner Bewohner drücken häuftg den Fluch ewigen Siechtums auf die verkommenen' Nachkommen der kriegerischen Helden der Urzeit. Die Schwester des jungen Mannes ist vor kurzem der gleichen Krankheit nach jahrelangem Siechtum erlegen. Die Mutter wallfahrte mit ihm durch viele Jahre zu allen Professoren der Rcichshauptstadt, bis der Krieg kam, der sie alle nach. Wien trieb. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens in .Anstalten und Spitälern. Er lag jahrelang auf allen möglichen Abteilungen des Allgemeinen Krankenhauses, im Spital der Barmherzigen Brüder, er war in Laa und. auch in Lainz. Man duldete ihn, solange man konnte. Ein unheilbarer Kranker gehört aber in ein Siechenhaus, nicht m ein Spital. Vor allem sind natürlich die jüdischen Fürsorgeeinrichtungen verpflichtet, sich seiner anzunehmen. Aber die Anstalten der Israelitischen Kultusgemeinde — das Spital sowohl, wie auch das VersorgungL- und. Sieckenbaris, •—> sind seit Monaten, ,au 2 .GL.lv» Parteisowderinteressen zu schlagen« Wie kann die wirtschaftliche Lage in Deutschösterreich, Tschecho-Slowakien, Ungarn und Jugoslawien sich verbessern, köre soll ein wirtschaftlicher Bund zwischen ‘ diesen Staatsgebilden herbeigeführt werden, wenn den Unterhändlern in den einzelnen Zentren aus den Reihen ihrer eigenen Volksgenossen durch Chauvinisten und andere Demagogen Prügel vor die Füße geworfen werden und alles unter dem Gesichtspunkte betrachtet wird, bei den nächsten Wahlen für die einzelnen parlamentarischen Vertretungskörper den verhaßten Rivalen. einige Mandats, zu entreißen. ' < Es ist das alte Spiel in den einzelnen Nationalstaaten, wie früher in Oesterreich-Ungarn. Es kommen und gehen Minister und Parlamente; es bleibt aber, immer das alte System. Ist es dann ein Wunder, wenn der tiefste Pessimismus immer weitere Kreise der Bevölkerung erfaßt und speziell , die jüdischen Massen, die als Volk und Staatsbürger die Schäden des kranken Europas an ihrem Leibe empfindlich spüren, besonders verbittert darüber werden, wenn sie Tag für Tag in Zeitungen lesen und in Versammlungen hören müssen:: „An alledem ist die Judenwirtschaft schuld!" Im Gegenteil: Schuldtragend ist an alledem die mit der jüdischen Ethik im schärfsten Gegensatz stehende Anbetung der nationalen Bestialität und des Mammonismus, die Unfähigkeit, individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit für alle in Einklang zu bringen. Die türkische Frage. Anläßlich des Wiederzusammentrittes der Friedens» lonfercnz in Paris widmet die „Times" dem^türkischen Problem einen großen Artikel, der zweifellos die englische Auffassung der Lage in der Türkei darstellt und daher von. ^'siesönderer Bedeutung ist." Zunächst wird mit Bedauern festgestellt, daß die Verzögerung der Behandlung dieser wichtigen, noch zu erledigenden Angelegenheit schon diel Unheil angerichtet und im nahen und' Mittelorient Gelüste gezeitigt Habe, die niemals hatten entstehen können, wenn man schon früher rasch entschlossen an die Klärung dieser brennenden Frage geschritten wäre. Heute sei die Türkei selbst schon zur Ueberzeugung gelangt, daß da4 türkische Reich wesentlich zusammenschrumpfen' werde. „Kein türkischer Staatsmann, wenn es heute einen solchen über» Haupt gibt." heißt e§ wörtlich in dem Artikel, „erwartet, daß in Syrien, Palästina, Mesopotamien, Arabien oder dem biS- /herigen Türkisch-Armenien die Herrschaft des Sultans jemals wieder hergesiellt werden wird. Alle in diesen Gebieten lebenden türkischen Untertanen haben, . mit Ausnahme von Armenien, sich mit Hilfe der Alliierten vom türkischen Joch Mangel .für Neuaufnahmen gesperrt! Sie. sollen sogar — es ist unfaßbar, wie soviel Mangel an Pflichtgefühl ber Trägern öffentlicher Verpflichtungen Vorkommen kann — vollständig geschlossen werden. Die Verantwortlichen -müßten Brennstoffe und Geldmittel aus dem Boden stampfen, mußten die Welt in Aufruhr bringen, ausborgen, stehlen, rauben — nur nicht Spitäler und Altersheime leichtfertig sperren! So aber schenkt man dem Siechenhausbedürftigen zwanzig Kronen und glaubt nun jeder Sorge los zu sein. Er aber liegt regungslos im Schmutze der Floßgassen« Wohnung und nimmt den anderen Raum und Essen weg. 2eü Vater erhält die regelmäßige Unterstützung, mit der ameri« konische Juden^ibre geflüchteten Glaubensgenossen beteilenj insofern sie alt, Rank und erwerbsunfähig stnd. Die elende Wohnung kostet 160 Kronen monatlich und muß zur Hälft« — auch die Küche! — vermietet werden. Ein erwachsenem Söhn' ist da, der zur Wirtschaft beiträgt, und eine Tochter, dis der Mutter hilft. Alle in dem einen Zimmer, das durchs drei Betten und den in der Mitte stehenden Tisch kaum noch f&( zwei Sessel Raum läßt. Eine Türe am Fußende des Kranken^ bettes trennt die zweite Familie von diesem schmutzigen Jammernest. , ' '! Die schäbigen Nasenanlagen.am Leopoldstädter Ufer deil Donaukannls dünken dem Sonnendurstigen als das Tor des Seligkeit. Wie weit für einen, der feine Füße nicht spür! und keinen Willen hat über feinen Körper, und keinen Weg zu fremden Herzen! Wie schwer drückt das. Bett den wund^. geriebenen Körper! Wie angenehm wäre es, die ermüdendg Gleichförmigkeit der Lage ein wenig gu ändern! Ein Fall«, stuhl — ein Königreich! Schande über die Menschen! .Mmo Zx et [

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