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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-18 · Heft 356 (18.1.1920) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 356 (18.1.1920)
Date
1920-01-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seit^ 6 Wien, SonntaF Wiener MorgenzeitunK 18. Jänner 1926 Nr. 358 der Schutzmann seine rechte Hand erhebt, um die Fahrzeuge ans dem Boulevard des Capuemes zum Stehen zu bringen, ist der gon^e Boulevard hinunter bis zur Madelaine von Hunderten und Aberhunderten vonDroschken, Lastautos, ,Luru?-- und Militärautos erfüllt. . Die Ausländer spielen in der Gegend um die Oper herum eine große Nolle. Wenn man den Platz am Tage oder nachts passiert, so hört man die verschiedensten Sprachen. Der Buchhändler, der hier die vielen Bücher über da§ »gchei'.nnisvolle Paris verkauft, macht wieder glänzende Geschäfte. Alle Völkerschaften sind vertreten. Selbst demobrliitcricu Negern der Kolonialarmee, die jetzt ihr kleines Dorf in Zentralafrika mit dem Pariser Asphalt vertauscht haben, and sich dort sehr wohl zu fühlen scheinen, begegnet, man häufig. Dagegen sind die Soldaten der übrigen Ententearmcen, die so lange Zeit hindurch Paris ein besonderes Gepräge gegeben haben, in den letzten Monaten fast verschwunden. Die lange Reihe von amerikanischen Militär- »nioinobikcn, die den ganzen Tag vor dem Hotel Crillon am Place de la Concorde hielten, wo die amerikanische Z-riedcnödelegation ihren Sitz hatte, ist von der Bildfläche .'erschmunden. Man begegnet jetzt selten anderen Uniformen rbs französischen. Der phlegmatische Engländer, der braune Amerikaner, der schneidige Pole und der elegante Italiener ind nach Hause gereist oder haben ihre Uniformen in Zivilkleider .Erlauscht. Dafür sind aber ganze Scharen Amerikanerinnen >n Paris eingetrossen und stürzen sich wie ein Heuschrecken- ,'chwarm über die Juwelier- und Pelzgeschäste. Ein?aui:i zu beschreibender Luxus wird jetzt in Paris mtfalter. Tag anb Nacht wird getanzt, die großen Tanzlokale, ne Theater, Kabaretts, Varietes und Kinematograph sind irerS ausvcrlausi Aber um 12 Uhr, nachts ist in den großen vokalen Schluß. Will man sich noch weiter amüsieren, so mutz man sich schcn in eine der Nebenstraßen verfügen und dort m einer Tür pochen . * . Daß die Schutzleute diesen kleinen Zesetzüberlretern nicht so auf die Finger sehen, ist allgemein »ekannt. Ja, es kommt sogar vor, daß der Schutzmann dem llmüsemcntsuchendcn den Weg weist. Auftreten von Anthrax in England. Die gefährlichen japanischen Toilettebürsten. .Das englische Gesundheitsministerium erläßt, eine knltliche Verlautbarung, in welcher festgestellt wird, daß;tt letzter Zeit in verschiedenen Teilen des Landes eine auffallende Zahl von Anthraxfällen zur Anzeige ge- ,rächt wurde. Nachforschungen haben nun ergeben, daß >ie meisten der von dieser gefährlichen Krankheit Beiallcnen eine bestimmte Sorte von Toiletlebürsten benutzt hatten, die vor kurzem aus Japan importiert vnrden. Infolgedessen ließ das Gesundheitsministerium '.inen großen Posten dieser japanischen Bürsten bakierioiogisch untersuchen, und die Untersuchung hat tatsächiich festgestellt, daß die Haare dieser Bürsten mit llnthraxkeimen infiziert sind. Das englische Gesundseitsministerium fahndet nun nach diesen gefährlichen «panischen Toilettegegenständen, was um so schwieriger st, als es sich um eine große Sendung handelt, die mrch Grossisten an die Detailhändler der verschiedensten Gebiete des Landes abgesetzt wurde. Die zur Anzeige gebrachten Fälle sind sehr hartnäckiger Natur und nehrere sind letal ausgegangen. Das englische Eesund- ';eits Ministerium empfiehlt auch die Desinfektion aller Doilettebürsten nach einem bestimmten Rezept, ohne allerdings garantieren zu wollen, daß dadurch die Gefahr der Benützung solcher. Bürsten völlig beseitigt uird. Ein Staat ohne Streik. Nachdem die Streikseuche auf dem besten Wege ist, sich ihren für die gesamte Menschheit verhängnisvollen Weg durch rlle Länder zu bahnen, dürfte es von Interesse sein, von intern Staate zu hören, bei dem das Streiken eine un- »ckannte Erscheinung ist und nach menschlicher Voraussicht ruch immer bleiben wird. Dieser beneidenswerte Staat ist »er — Amersenstaat. In diesem vollkommensten aller Staatsvesen ist die Heranziehung aller Staatszugehörigen. zur systematischen Arbeitsleistung im Interesse der Gesamtheit nne 'Selbstverständlichkeit. Be: den Ameisen, den geistig höchst aehenden Insekten, gilt das Recht auf Arbeit und auch die rllgemeine Arbeitspflicht als oberstes Gesetz. Bei kriegerischen Unternehmungen, sei es zu Beutezügen, sei es zur Abwehr jeindlich-.r 'Angriffe, werden nach den Beobachtungen hervor^ tagender Forscher alle Kräfte im Staate zur Verteidigung serangezogen. Bei einigen Arten, so bei der Treiberameise, unterscheiden sich die „Soldaten" von den „Arbeitern" da- »urch, daß erstere einen sechs- bis zehnmal größeren Kopf sabcn als letztere, wobei die Grotzköpfigen die Führung überaehmcn und das Arbeiterheer in Schach halten. Bates, der krforschcr des Amazonenstromes, beobachtete an den Uferväldern dieses Flusses Ameisenheere von iriele'n Tausenden, ne sich in breiten Kolonnen vorwärts bewegten. Wurden äe in ihrem Vormarsch gestört, so ergriffen sie die Offensive, deren sich Mensch wie Tier kaum zu erwehren vermochte, kinmal beobachtete Bates auch, wie die Ämeisen am Hange stnes Hügels in die Erde Minen bis zu einem Viertelmeter feiefc ' gruben. Beim Anlegen der Minen herrschte volle Arbeitsteilung. Ein Teil grub, der andere schaffte die auszegrabenen Teile fort. Feiern durfte niemand. Nach zwei Stunden, so erzählte der Forscher, waren die Nester ausgenommen, und in einzelnen Zügen bewegten sich die Sieger >en Hügel hinunter, um sich am Fuße des Hügels gleich- ,tägig zu formieren und wie im Triumphe abzuziehen. Nicht »ur bei kriegerischen Verwicklungen herrscht im Ameisenkaate allgemeine. Arbeitspflicht, auch bei Friedensarbeiten d-rrf niemand im Staate streiken. Wenn Kolonien angelegt, Nester gebaut oder Nahrunüsmstjel bevcmgesKnstft werden,. Eingesendet. ,we Vermählung des Frl. Berta Sachsei aus wM Kolin-Wien mit Herrn Heinrich Brod ans Batßchiz bei öaslaa bat am 27. Dezember 1919 „stattgefunden. im» LIBANONKURSE täglich 8-8 Uhr nbends (ausser Freitag) 2238 Hebräisch, Englisch, Französisch* Deutsch II., Obere Donauö'raBse 91 (Jugendheim). — Anmeldungen and Näheres daselbst täglich 3—7 Uhr. Für die Leitung: Dr. Ph. Goldberger. so soll inckn es also nicht machen. Vielmehr muß dek Ueberseher sich zuerst in den ganzen Inhalt des zu übersetzenden Abschnittes vertiefen, dann mag er den be» treffenden Teil in Uebersetzung klar wiedergeben; bii$ wird aber nicht möglich sein, wenn er nicht manche voran- und manches nachstellt, nicht für ein WE mehrere Wörter und für mehrere Wörter ein Work anwendet, Wörter ausläßt und Wörter hinzufügt, 16$ das Ganze schön geordnet, klar dargestellt und es den Forderungen cher neuen Sprache, in die es übertragen! ist, entspricht und gut verständlich ist." n. Innendekoration n grösster Auswahl. Nur gediegene 961 Erzeugnisse. J. SPIM liülen. Uli., Siebensterng. 1 u. Z (Ecke Karl. Schwcighofergasse.) Die Zionistische Bexlrkssektion Wieden- Margareten (Frauengruppe) veranstaltet Montag den 26. Jänner 1920 um 6 Uhr abends im Kursalon (Spiegelsaal), Wien, I., Stadtpark, einen Gesellschaftsabend. « PROGRAMM: 1. Begriissung. 2. Festrede. 3. Rezitationen. 4. Musikvorträge. T _A. ISTS2L Karten zum Einheitspreise von K 12.-7- und Familienkarten (3 Personen) K 30.— sind erhältlich bei Rudolf Krauss, V., Pilgramgasse 22, Wilhelm Hoffmann, V., Wiedner Hauptstr. 94, im Zionistischen Bureau,II., Zirkusgasse 33, und an der Abendkasse. Bernhard Finkei II», Praterstrasse 56 «« Reellster Einkauf von Gold, Silber, Juwelen. Ich annonciere mit den kleinsten Buchstaben zahle aber die grössten Preise für schöne grosse und kleine Brillanten, Perlen, Dosen, Tassen, Kannen, altes Porzellan, Bronzen, Uhren, antike Möbel, Bilder und alte Zähne. Juwelier- und Kunstsalon Politzer, I., Augustinerstrasse 12. 489 Parlierte ,FiQRlSc Wienj I., Graben Nr. 29 Sämtliche Parfüms, Puder etc. WolfF & Sohn, Dralle, Lohse, Schwarz« : lose, Mouson, Prochaska etc. : 900 Manikur-lnstrumente, Kassetten, Kamm* u. SchlldkroSv^renfür den Export lagernd Kein Händler sondern der Erzeuger und Goldarbeiter Juwelier Loringer I. Graben 28, 2. Stiege, I. Stock, Tür 10 (bei Anton J. Griinwald) zahlt die höchsten Preise für Brillanten Perlen, jede Art Gold, Silber und Platin etc. 907 Separierter Eingang mit Sprechzimmer — Telephon 14411 SOLD BRILLANTEN! Platin,Münzen,Perlen, Uhren, falsche Zähne, alle Silborgegenstände I verkaufen Sie am besten direkt dem Juwelier u. Gotdarbeiter S. Holzapfel,' Wien, VI. Marlabllferstrasse 79, oder Wsrkstfitte: I. Wollzella 17/13, Zahlt höchste Preise, da für eigene Verarbeitung. 904 Müssen alle Mitglieder der Kolonie mit Hand anlegen. Dafür genießt auch jeder einzelne Staatsbürger den Schutz der Gesamtheit und die Gewähr sicherer Ernährung. Plutarch sieht in dem Leben, der Ameise den „Spiegel aller Tugenden, der Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit". Wie schön wäre es, wenn man das auch von dem Leben der menschlichen Zeitgenossen sagen könnte. ■ , i Die Aebersetzuirgsregeln des Maimonides. . Die jiddische unb hebräische Literatur schwillt an und immer größer wird das Bedürfnis, die zahlreichen bedeutenden Werke dieses Schrifttums in die modernen europäischen Sprachen zu übertragen. Aber auch für die Uebertragumgen von Büchern aus einer Kultnrsprache in die andere — diese Arbeit ist nach dem Weltkrieg für die Völkerverständigung wichtiger denn je, sind die Uebersetzungsregeln beherzigenswert, die vor' 800 Jahren Moses Maimonides, der große jüdische Philosoph, dem S a in u e l I b n Tibbon, welcher dessen arabisch geschriebenes Werk „Führer der Irrenden" ins Hebräische übersetzen wollte, für die Ueoecsetzung cm die Hand gab. „Wer von einer Sprache in eine andere übersetzen will, und will je e i n Wort wieder mit einem Wort geben, also wortwörtlich, und will die Reihenfolge der Sätze und Wörter innehalten, wird sich unendlich abmühen müssen und schließlich eine unver- .hänbüm.'' imd, stebl.c_e.llali2 Itcöcrlsimm /.uILandebrinücn: Eine Frauenkarriere. In Berlin fand Samstag die Vermählung des Fürsten Adolf von Schaumburg-Lippe mit der geschiedenen Prinzessin Eberwhn von Bentheim-Steinfurt, gebornen Lilli Langenfeld statt. In dem Kreise, den man vor der Revolution die Hofgesellschaft nannte, wird diese Eheschließung auch jetzt, da man andere, näherliegende Sorgen hat, beträchtliches Aufsehen Hervorrufen. Der Bräutigam ist einer der reichsten Fürsten Deutschlands aus den ehemals regierenden Häusern^ Die Braut hat eine interessante Vergangenheit. Sie ist in der Berliner Lebewelt vor.fünfzehn Jahren durch ihre Beziehungen zu dem verstorbenen Berliner Schauspieler Giampietro bekannt geworden, der sie als' portugiesische Gräfin kennen lernte. Es stellte sich später heraus, daß die Gräfin aus Portugal in Wirklichkeit die Tochter des Bürgermeisters einer kleinen tvestphälischen Stadt tvar und daß ihre großen Bergwerke nicht in Portugal, sondern int Mond lagen. Ein paar Jahre später wurde sie die Gattin des Erbprinzen Eberwyn von Bentheim-Steinfurt, der sich' mit ihr in London heimlich hatte trauen lassen. Er hat dieser Heirat wegen auf alle seine Ansprüche zugunsten seines jüngeren Bruders verzichtet müssen. Diese Ehe ging dann wegen der finanziellen Schwierigkeiten, in die der frühere Erbprinz geraten war, in die Brüche. Da ihm die Familie keine Mittel gewährte, machte der Prinz Millionenschulden.' Schließlich mußte über sein Vermögen der Konkurs verhängt werden. Die Familie erreichte endlich, daß die Ehe in Deutschland für nichtig erklärt wurde. LiM Langenfeld führte den Namen einer Prinzessin von Bentheim-Steinfurt weiter und geriet dadurch mit den Gerichten in Konflikt, wegen unberechtigter Führung des Adelstitels wurde sie zu fünfzig Mark Geldstrafe verurteilt. Nun wird sie Fürstin von Schaumburg-Lippe, was vor der Revolution nicht so einfach und leicht gewesen wäre, und damit eine der reichsten Frauen Deutschlands.; . S; > , Eine unaufgeklärte Valutengeschichte. Am 13. d. M. fuhr der Kaufmann Vittvfio Beano, zu Frankfurt a. M. geboren, nach San Odvrioo del Friuli in der Provinz Udine zuständig. 26 Jahre alt, Währingerstraße 5 'wohnhaft, in Be-' gleitung eines italienischen Leutnants und eines italienischen Soldaten mit dem Ententeschnellzug in einem Coups erster Klasse von Krack au n'ach Wien. In dem nämlichen Coups befanden sich noch eine ungefähr 35jährige Dame und zwei Heroen, die aber in Lundenbürg ausgestiegen sind. Nach der Ankunft des Zuges in Wien um 1/2? Uhr abends erstattete. Vittor Beano die Anzeige im . Amte der Polizeiinspektion Nordbahnhof, daß ihm während der Fahrt im Coups eine Handtasche mit fremden Valuten in'der Höhe von mehr als einer Million Kronen gestohlen worden sei, Herr Beano meinte, daß der Diebstahl geschehen sei, während er der etwa 35jährigen Dame beim Aussteigen das Gepäck durch das Coupöfenster hinausgereicht hat. Er fügte hinzu, es wäre auch zweckdieulich, wenn sich die Dame und die beiden Herren melden würden oder ermittelt werden könnten. Denn ihre Aussagen als Zeugen wären von großem Belang. Indessen, trat aber eine seltsame Wendung ein: Vittor Beanoi wurde selbst am 14. d. M. unter dem Verdachte der Veruntreuung in Haft genommen. Es waren ihm nämlich Unwahrheiten nachgewiesen worden, die er bei Erstattung der Anzeige zu Protokoll gegeben hat. Zunächst hatte er sich als Offizier der hiesige» italienischen Mission ausgegeben; dann hatte-er gesagt, daß die ihm abhanden gekommenen 60.000 Lire eine ihn: dienstlich anvertraute är'arische Geldsumme seien. In Wirklichkeit gehört er der italienischen Mission nicht an und bas Gew hat er von dem ihm bekannten Nikolaus Kornreich in Krakau zur Beförderung nach Wien gegen eine Belohnung von 2 Prozent übernomnren. Vittor Beano''wird nach Abschluß der Erhebungen denr Landesgerichte ein geliefert werden.! j. Eine Million Tonnen geförderter Kohle kostet — fünf Menschenleben. Das englische Ministerium des Innern veröffentlicht soeben den amtlichen Bericht der Generalinspektion des gesamten englischen Minenwescns für das Jahr 1918» Darnach wurden im Jahre 1918 in sämtlichen Minen und Steinbrüchen des Vereinigten Königreiches und der Insel Man insgesamt 1,072.903 Personen, um 12.568 mehr als im vorangegangenen Jahre, verwendet.. Davon arbeiteten 807,086 unter der Eide, 222.602 oberhalb der Eide, unter den letzteren waren 11.761 weibliche Bedienstete. In allen Minen und Stembrüchen haben sich im Berichtsjahre 1281 einzelne Unfälle ereignet, bei welchen 1487 Menschen ums Leben gekommen sind. Die Totenziffer pro Million Tonnen geförderter Mineralien, beträgt im Jahre 1918 durchschnittlich 5'86. Die Durchschnittszifser in dem Deienium 1908-1917 betrug 5 08 pro eine Million Tonnen. Die Kohlenförderung, die sich im Jahre 1913 zusammen auf 287,411689 Tonnen belief, ist im Jahre 1913 auf 227,714*679 gesunken und war in diesem Jahre ■hi* ckri.o&a- 33

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