Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 350 (12.1.1920)
- Date
- 1920-01-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Montag Wiener Morgerrzektuirs 12 Jänner 1920 Re. 35f Ende Dezember stattgefundenen Walsien rn der Türkei einen entscheidenden Sieg erriwgcn haben. Auch „Temps" gibt zu, daß die englische Forderung nach Entfernung des Sultans von 5ranstantinopcl über^ den französischen Gesichtspunkt den Il'ieg davongetragen hat. Das Blatt hebt die möglichere Folgen emeZ solchen Schrittes .hervor: die Gefühle aller Muselmanen würden verletzt und Frankreich werdru». leine Aufgaben in Syrien und Cilicien sebr erschwert werden. Wenn man den Sultan und die türkischen 5stsbörden aus Kon* * stantinopel vertreibe, unterdrücke ruan di»; einzige milt* tärische Macht, die auf dem Poiten sieben tonnte, falls man die Meerengen verteidigen mühte, lvie sich in der Tat Deutschland der Türkei bedient habe, um sich in den Besitz der Dardanellen zu setzen. Das Blatt fragt, weshalb der neue Organismus, den ruan schaffen wolle, sich im allgemeinen Interesse nicht auch der Türken bedienen wollte, da es doch nötig daß irgendjemand über Konstantinopel wache. Wenn rnun den Sultan nach Klemasien verjage, werde inan ihn dem gemeinsamen Einfluß der Westmächte entziehen, und das Blatt macht darauf aufmerksam, was etne& Tages geschehen könnte, wenn Rußland wieder auf den Beirren lein werde. Die Einigung zwischen Frankreich und England schünt also nicht vollständig zu sein. Hoffentlich wird man m der türkischen Frage in nicht/allzu ferner Zeit klarer sehen können, als bisher. lieber dasselbe Therna schreibt uns unser Genfer Kr..Korrespondent: Nach einer Pariser Meldung herrscht in den Kreisen der Alliierten noch immer Line Einig, keil über die Lösung des türkischen Problems. Eigentlich bietet die Frage der Zukunft Konstantinopels und des künftigen Schicksals des Sultans die Haupttchwierigkeit. Es gilt hier, zwei einander schroff gegenüberstehende Absichten miteinander zu verbinden. Venizelos, unterstützt von den Engländern, setzt alle Hebel in Bewegung, um die Verbannung des Sultans nach Kleinasien und die Jnternationalisierung Konstantinopels dnrchzujetzen. Das käme einer restlosen Vertreibung der Türken auS Europa gleich. Nach diesem Plane hätte Amerika das Völkermandat über Kon« stontmopel erhalten sollen, was jedoch bei der schroff ablehnenden Haltung des amerikanischen Senats als völlig ausgeschlossen erscheint. Nun strebt Venizelos das Konstantinopler Mandat für Griechenland an, wofür. Wie es scheint. England gleichfalls zu haben wäre, indem es sich der Argumentation Venizelos. daß Konstantinoper angeblich eine vorwiegend griechische Stadt sei. nähert. Frankreich hat sich bisher allen diesen Plänen gegenüber ablehnend verhalten. ES ist vielmehr bemüht. Konsiantinopel für das Kalifat zu retten. Es ist noch sehr fraglich, welcher Standpunkt schließlich den Sieg davontragen werde. Man nimmt tm, daß schließlich ein Kompromiß dahingehend abgeschlossen werden wird, wonach der Sultan wohl in Konstantinopel bleiben, die Verwaltung einer internationalen Kommission überantwortet werden soll. Sollte Amerika den Vorsitz in einer solchen Kommission endgültig ablehnen, so würde man die Schweiz ansfordern, dieses Amt zu übernehmen. Das die Meerengenfrage anlangt, so ist sie nicht minder schwierig als alle anderen mit ber türkischen Frage zusammenhängenden Probleme. Vor allem wird die dauernde Lösung auch dieses Streitpunktes konnte. Kaum war die Zeit der großen Kriegs verstrichen, als für die Judengemeinde schon neue Kampfe mit der Bürgerschaft um ihre Handelsrechte begonnen hatten, die ähnlich wie in ganz Polen da» ganze 18. Jahrhundert hindurch währten. Aber nicht nur der jüdische Handelsmann, sondern auch der jüdische Handwerker hatte mit den christlichen Zünften, die daS jüdische Handwerk in ihrer Entwicklung nur hindern wollten, schwere Kämpfe zu bestehen. I» diesen schweren Zeiten ihre- Existenzkampfes mangelte es der Lublirier Zudenheit keineswegs an begabten Führern, die aber in die Gmeinde auch eine rücksichtslos: Oligarchie einführten. Abraham Heikpern, der im Ämulettenstreite zwischen EweschÜtz und Emden für den ersten eingetreten war und gegen die Franksten heftige Partei ergriffen hatte, ist der typische Per» treter dieser Gemeindemachthaber. Zu den letzten großen Männer« der alten Judenstadt zählt noch der berühmte Seher Jakob Jizchak Horowttz, eine der markantesten Gestalten de- EhaffibiSmuS. Auch Im 19. Jahrhundert sah Lublin in seinen Mauern großen Juden. In den Räumen deS alten Beth-Hamidrasch verbrächten ihre Jugend in eifrigem Lalmudstudium Zeder» bäum und Jschiel Mendelsohn, die späteren Säulen der russi» jchen Haskalahbewegung. * Wenn uns Mojer Bakaban in seiner Monographie nurin. den allgemeinsten Umrissen die Geschichte der Lubkiner Judenstadt skizziert, so sind wir ihm doch zu Dank verpflichtet, da er dem deutschlesenden jüdischen Publikum — wenn auch nur flüchtig — Gelegenheit bietet, ln daS Getriebe einer ^klassischen Jubengemswde^ -*■ wie es ja Lublin gewesen ist — Einblick zu nehmen und einen Einblick in das jüdische Leben früherer Jahrhunderte ermöglicht. Zu erwähnen wären, noch die sinnreichen und feinfühligen Zeichnungen von Karl Richard-Henker, wie auch bt«, musterhafte Ausstattung, die der jüdische Verlag dam Buche, .angedeihen ließ. Wien. Dr.R.M.Gelber. durch die Halt,mg Amerikas beeinflußt. Man darf doch nicht übersehen, daß ein Pakt, dem die zweitstärkste maritime Macht nicht beitritt, nicht von Dauer sein kann. Und iveilers: N u ß land wird, welche Gestaltung dieses Hand auch, nachdem es aus den gegenwärtigen Wirren hercmkgckonrmen sein wird, annehmen sollte, immer ein eminentes Interesse cm den Meerengen haben, und wird keinem AbkoMMM seine Zustimmunggeben, das seinen Interessen zuwiderlaufen würde. Wie kann man sich nun eine wirkliche Lösung dieser wichtigen Angelegenheit vor* stellen, von der die zwei fast maßgebendsten Inter* essenten, der eine freiwillig, der andere unfreiwillig, auS* geschaltet sind? Man sieht, es gibt noch große Schwierigkeiten zu überwinden, viele Anfragen zu erledigen, eh« man daran gehen kann, die türkisch-asiatischen An* geleyenheiten zu erledigen, bezüglich derer auch noch manche Gegensätzlichkeit in der Auffassung der AN* ierten einer Schlichtung bedarf. »vWW**'!' Normer km Nathans und bei Mafarvst. Prag. ff. Jänner. Vormittags empfing Staats-« kanzler De. Renner den Bevollmächtigten Deutschlands Professor Singer und sodann den Vertreter der tschecho-slvwakifch^n Minorität in Wim Dr. Vahala. Um halb 2 Uhr begab sich der Kanzler in Begleitung des österreichischen Bevollmächtigten Doktor Marek und des Sekretärs Bobs ins Rathaus, wo er vom Bürgermeister Dr. Baxa sowie den beiden Vizebürgermeistrrn Keller und Rothnagel empfangen wurde. Der Bürgermeister begrüßte ihn namens der Stadt Prag. Der Staats karrzler: dankte. für die Begrüßung und beglückwünschte den Vürg:rme'.st:r dazu, daß die Stadt Prag ihre historische Stellung innerhalb der tsch:cho-slvwakisch:n Nation und thr^ international« Rolle wieder gewonnen habe. Der Bürgen,-«'ster erkundig'« sich Nach den DersorgUngsverhältnissen in Wien. Der Staatskanzler nahm Anlaß» eine Meldung zu berichtigen, wonach in Wien wegen des Kohlenmangels in erster Linie tschechische Sich ulen gesperrt Worten wären. Hiebei ergab sich Gelegenheit zu einer kurzen Erörterung der Stellung der nationalen Minoritäten in beiden Städten. Sodann führte der Bürgermeister di« Gäste durch die historischen Säle des Rathauses und zeigte ihnen die Galerie mit den Meisterwerken Broniks. De: Staatskanzler dankte für die herzliche Aufnahme und fuhr sodann zum Präsidenten der tschechoslowakischen Republik Dr. M a s a r y k, mit dem e< frühstückte und zwei Stunden konferierte. Um 4 Uhr nachmittags fuhr der Kanzler ins Palace Hotel, wo inzwischen die Referenten re.sammelt waren und ihm über den Fortgang dev Verandlungsn Bericht erstatteten. Die Verhandlungen werdea morgen fortgesetzt werden. Für 5 Uhr nachmittags hatte Ministerpräsident Tusar mit Gemahlin die österreichischen Delegierten zum Tee geladen. In den Empfangsräumlichkeiten des MinisterpräjiviumS hatten sich zah.reiche Persönlichkeiten der offiziellen Kreise sowie der politischen und lie.arischen Welt etngefunden. Der Staatskanzler hatte G«legeahnt, mit alten parlamentarischen Kolleg»« wieder zusammenzutreffen und sich mit zahlreichen Persönlichkeiten der Prager Gesellschaft bekannt zu machen. Di« Gäste blieben in angeregter Konversation bis gegen Abend beisammen. Sodann fuhren die österreichischen Delegierten ins Neu« Deutsche Theater, um einer Aufführung von NestvohS »Lumpazivagabundus" beizuwohnen. Die NnLnzminister verhandelt». Prag, 10. Jänner. Das Tschecho-flowakische Pretzbureau veröffentlicht folgenden Bericht Über die im Finanzministerium stattgefundene Beratung mit den Vertretern der üsterreichis den Republik: Um 4 Uhr nachmittag« versammelte« sich im Sitzungssäle de- Finanzministeriums die Vertreter sämtlicher beteiligter Ministerien der tschecho-slowaklschen Negierung unter Vorsitz desFinanzminister« Dr. S o n n t a g. Seitender österreichi^deu Negierung war Staatssekretär für Finanzen Dr. N e i s ch in Begleitung des Konsuls Soll grub er erschienen. Finanzminister Dr. Sonntag entbot zunächst den Vertretern der österreichischen Regierung de« Willkommgruß. Sodann erwähnte er die einzelnen Punkte der Verhandlungen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es gelingen werde, zu einer beiderseits annehmbaren Lösung zu gelangen. Diese Lösung werde auch bezüglich ihrer wirtschaftlichen Grundsätze die Grundlage für die künftigen Beziehungen bilden» deren Anknüpfung dar Ziel der Prager Reise der Vertreter der Wiener Regierung fei. Die Regierung der tschechv.slowakischm Republik sei bereit, die wirtschaftliche Seite der territoriale« Rach« barschast in den Grenzen der Möglichkeit aüf. daß ersprießlichste zu regeln, wenn in den Vorschlägen der österreichischen Vertreter nach deren Inhalt und Charakter der gute Wille ersichtlich sein werde, den auch die natürlich der FriedenSvertrag bilden, der zwar formell bisher noch nicht in Gültigkeit fei. jedoch von beide» Staate« bereits ratifiziert worden sei. Im Sinne der Ausführungen des Ministers wurde die Debatte über folgende Punkte erdsinet r 1. Äu«<* liefe rung der Depositen; S. Begleichung der Schulden; 8. Nostrifikation. Staatssekretär Dr. Reisch dankte dem Finanz, minister Dr. S o n n t a g iür die Begrüßung nntz betonte. daß die österreichische Delegat,o« bestrebt fei» werde, tu einer Emiauua tu Mangen. Hieraus wnrbe die Generaldebatte über die erwähnten drei Punkte eröffnet und wird morgen fortgesetzt werden. Transporte, Kohle und Ancker. Prag, 10. Jänner. (Meldung des Tschecho-flowa* kischen PreHbureauS.) Die handelspolitische' Kommission der österreichischen und der tschechoslowakischen Regierung-- Vertreter trat nachmittagim SitzungSsaale d-S Handelsministeriums zusammen. Handelsminister Dr. H e i d l« r begrüßte die Mitglieder der Kommission in böhmisch« urch deutscher Sprache. ES wurden zwei Subkom- Missionen gebildet, eine für handelspolitische Fragen und eine für die Fragen des Warenaustausche-. , In der Subkommission für handelspolitische Fragen wurden die Handels« und zollpolitischen Fragen sowie die Erleichterungen des Warentransportes Über dietschecho-slowakisch-österreichische« Grenze« besprochen. Die Verhandlungen werden morgen fortgesetzt. In der zweiten Subkvmmissio« wurde eine allgemeine Debatte Über die Grundsätze, auf die sich die Kompensationsverträge stützen, durchgeführt. Die Details dieser Verträge werden in drei Sektionen durchberateu werde«. Die Kohlensektion und die Huckersektiou werden morgen vormittag im Handelsministerium tagen, während die KompensationSjektion für andere Waren Montag beraten wird. Zölle, Luftverkehr, Ein» und Ausfuhr, Valuta. Prag, 11. Jänner. (Meldung des Tschecko-slowafischen PreßbureauS.) Die Kommission für Handels- und Zollangelegenheilrn verhandelte in der heutigen Sitzung unter Vorsitz deS Staatssekretär- Schuster eine Reihe von Maßnahmen, wodurch die Manipulationen an der gemein amen Zollgrenze vereinfacht werden sollen, wie z. B.bei der ueberwersung von zollpflichtigen Sn,düngen, die einer Verbrauchssteuer oder einer besonderen Gebühr unterliegen. Ferner wurden die Frage der Abfertigung der Emballagen beim Rücktransport, die Regelung gemeinsam« AmtSstunden u.s.w. besprochen. Es wurde eine Uebereinstimmung Über die Kontrolle des Luftverkehrs konstatiert. Weiters wurde in der Frage des Mn- und Ansfuhrverkehre« dar Verfahren beim sogenannte« Reparatur- und UeberfledlungSverkehr besprochen. Hauptgegenstand der Verhandlungen waren jedoch dar Bestreben nach Vereinfachung der Einfuhr bewilligunge« in die tschecho-flowakische Republik und die damit verbundenen Valuta frage«. Bezüglich der AuSfuhrkoutroNe w«rde die Gewährung weitgehender gegenseitiger Begünstigungen und Erleichterungen verlangt. Festsetzung der Grenzen. Prag, 11. Jänn«. (Meldung deS Dich:.ho* flowakischen PreßbureauS.) Heute würden die Verbandlangen der Grenzkommtssion der tschecho-slowaklsche« Republik mit den Vertretern der österreichischen Republik fortgesetzt. Außer Über den Abfchnitt von Feldsberg und Gmünd, der bereitin der ersten Sitzung durchberaten worden ist. wurde der ganze Verlauf der tschrchvslowalisch.österreichischen Grenze besprochen. In ein« ganzenReihe von Punkten wurde ein völliges Einvernehmen sesigestellt. Es wurde Veschlosien, ei« Komitee aus Vertretern beider Regier,mge« in bilden, daS in kürzester Zeit mit den Detailarben« beginnen soll, die für die endgültige Festsetzung den Grenze notwendig sind. Bk» Bschrchstt haben «kchts za weescheast»«. Prag, 11. Jämyr. »Benkov" befaßt sich neuerlich an leitend« Steve mit den Verhandlungen mit Oesterreich und führt «. a. au«: SS mutz aufrichtig, offen und sachlich verhandelt werde«. GlaatSkanil« Dr. R e« «e r und seine Begleit« werden sich selbst davon überzeuge«, daß wir nichts zu verschenken habe« und daß wir «n» besonders nicht mit großen Kvhlenlieferungen exponieren könne«, weil er unS selbst an Kohl« «angelt. Wir glauben deshalb, daß die Verhandlungen sich im Rahme« des Möglichen bewege« werden» daß es hauptsächlich n« «ine« WarenauStanfch gehe« wird. Der Schutz der MinoriMe«. Parks, 10. Jänner. (Meldung der Agenre Havas.) Gleichzeitig mit der Unterzeichnung des Protokolleüber die Hinteileguna der Rat»stkationen des Versailler Vertrages haben die VertrcLer der Großmächte und Polens das Protokoll übet die Hinterkegung der Ratifikatione« des Vertrages betreffend vie Stellung der Minoritäten unterzeichnet.