Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 350 (12.1.1920)
- Date
- 1920-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kreis 30 Heiler Pranuruerationspreise: »l«*: Zwu «Sholtt, bt itt SxpedMon, 2. Bezirk, Tabor- Prime 1 bis S, ober i» einer Berschleißstelle (Trasik): Monatlich . . Kronen IS.— «vierteljährlich „ Sv- Mlt Postversand für Wim und _ Oesterreich: Monatlich .. Kronen 13.— Tichecho-Elowakeir ' Monatlich .. Kronen 9.— «terteljährlich „ *?.- iatschechv-slovakischerDähruns _ Polm und Ungar«: Monatlich .. Kronen 18.— d» entsprechender WLHmng de» betreffende« Lander Nr. 350 MuMeTempitwr Urei» 30 Helm Pranumeratiouse preise für Deutschland: Monatlich . . . Mark *-» Krankreich r . MouaUtch. . . FrankS »»-. Jtalim: Monatlich ... Lire 3^- Echweizr Monatlich. . . Frank» Redaktion n.Lldmiukstratlo» Wien,«.Bez.,Taborstr^-L Tele-hone: Administration 44« Redaktion 43819. ab 6 Uhr abends Nr.16301 Postsparkassenkonto 150.693 «yiwwM Wien, Montag, den 12. Jänner 1920 2. Zahrgang Das türkische Problem. Paris, 6. Jänner. Äe gegenwärtige türkische Regierung unter Mi Mza steht auf nicht allzufesten Beinen. Sie hat die tznatolischen Nationalisten wenig befriedigt und scheint auch bei den konservativen Elementen wenig Vertrauen zu genießen. In Konstantinopel fährt man fort, die Funktionäre des früheren Regimes zu verhaften und die Zeitungen sind voll von weißen Flecken. Aber trotz aller Vorsichtsmaßregeln kann man nicht verbergen, daß an vielen Punkten Anatoliens der Bürgerkrieg anhält. England hat'mit den schwachen Kräften, die es zur Der« fugung hatte, seinerzeit den siegreichen Vormarsch des aufständischen Mustafa Kemal nicht verhindern können und sich infolgedessen für desinteressiert erklärt., Die französische Politik, welche über die Abgrenzung Syriens mit England keine Einigung erzielen konnte, suchte Annäherung an die nationaltürkische Bewegung und trat für das Recht der Türken auf Integrität und Unabhängigkeit ein. Infolgedessen sah sich England genötigt, mit Fankreich ein Abkommen zu schließen, welches zahlreiche französische Aspirationen befriedigt. Die Franzosen haben Aleppo und andere Punkte besetzt und die' Aufgabe übernommen, in Sivas, dem Hauptquartier der Nationalisten, die „Ordnung aufrecht zu erhalten". Die Wirkung dieser englisch-französischen Abmachungen machte sich sogleich in Konstantinopel bemerkbar^ Der gegenwärtigen Regierung, die einen Damm gegen die nationalistische Diktatur bilden sollte, droht die Gefahr, vom Platze zu verschwinden und man spricht von der ^Möglichkeit, daß Prinz Sabah Eddin, einer der erklärtesten Gegner der Jungtürken, ans Ruder kommen sollte. Die bisher so intransigenten Nationalisten j scheinen zu Kompromissen bereit zu sein. Es scheint, daß England große Vorbereitungen trifft, den türkischey NationalismuA zu unterdrücken. Die- . Front Mänä--Mvas häfteft dreWWHM^WWWMft ÄM^ Votum, wo die englische!» Militärbehörden herrschen, seit zwei Monaten der Belagerungszustand verhängt worden, und'man hofft, daß in kurzer Zeit vom Kaspi- See bis nach Mosul völlige Ruhe herrschen werde. .In englischen offiziellen Kreisen sowie in der Londoner Presse weist man daraus hin, daß die Verschiebung der Friedensverhandlungen mit der Türkei die revolutionäre Erregung unter den Muselmanen von. Aegypten. Md Indien verschuldet habe. in Ungewißheit --Den über den künftigen Sitz der Kalifen., und.man ^aubt, daß der Friedensschluß mit der Türkei, unter , >'.- - ----- ' ... ■■■■-■■ i ■■'■!.' 'mm. . Eine alte JndenstKdt. Unsere Geschichtsschreibung weist noch immer wenige Monographien, auf, die das Leben und Treiben'in.den allen Judenstädtsn behandeln. Jnsb f. udere wurde bisnun die Geschichte der alten Judenstadte, in denen früher ein echtes jüdisches Leben pulsierte, in sehr geringem Maße gepfle-tv ' . .. Majec Balaban ist einer der ersten ftidischen Historik der. sich zur speziellen Aufgabe, gemacht hat, die Geschichte der alten Judenzentren in Polen zum Gegens ^rde.wissenschaftlicher Forschung zn - - i;en. Nach > seinen auÄsühvliche.-r . Studien über Lemberg ' Krakau bietet er un5 jetzt eine Geschichte der Judenstadt in Lublin^) dar. . - Lublin, die „ehrwürdige Mutter in Israel", harrte, wie so manche andere alte Judenstädte, schon lange auf. ihren. Geschichtsschreiber. Allerdings hatte schon Nissenbaum im Jahre 1899 eine Geschichte der Juden in Lublin, die aber außer dem Epitaphienmaterial nur-kurze biographische Daten ihrer berühmten Führer enthält, yerausgegeben. Den ersten Versuch einer historischen Darstellung der Judenstadt voü Lublin bietet uns die soeben erschienene.Monographie Bfllabans. . In einer flott geschriebenen Darstellung, schildert unS Balaban die Geschichte der Lubline.r Juden, die. einst in der polnischen Judenheit eine lange Zeit hindurch .'rdieführende Rolle innehatten. Obwohl 'Hüese JudengLnieiNde jüngeren Datums ist, als andere in Polen — Lublin selbst zählt zu den ältesten Städten Polens •— verstand, sie. dank ihrer wirtschaftlichen Lage und ihren geistig hochstehenden Gemeindeführern und Lehrern, zur Führerin der polnischen Judenheit zu werden. , Die Anfänge der Lubliner Judengemeinde unterscheiden sich gar wenig von denen der anderen „Khiloth" und sind zumeist mit Kämpfen um ihre Privilegien ausgefüllt. Doch eines hatte Lublin vor den anderen Gemeinden voraus. Als im Jahre 1567 der Gemeinde die Erlaubnis erteilt wurde. #) Dr. Maser Balaban: „Die JuLenftadt von Lublin" mit Zeichnungen von Karl Rich-Henker, Jüdist>v Verlag, Berlin, 1926. 112 S?nen. SO Abbild unaen. Die Ostseeblockade ausgehoben. S t e t t i n» 12. Jänner. Nach einer von der Marine-Kommission erngetroffenen Drahtung ist die Oftseeblotkade feit gestern nachmittags aufgehoben. f Fiume — Freistadt. Berlin, 12. Jänner. (Korr.-Bun) Der „Lokalanzeiger" meldet aus Bern: Wie ans Paris berichtet wird, hat nach dem Austausch der Ratifikationen abermals eine Versammlung der Ministerpräsidenten stattgefunden, worindieAdriafrage erörtert wurde. Der jugoslawische Minister des Aerchern, L r u m b i e, erklärte, es bestehe die Absicht, aus Fiume eine freie Stadt innerhalb eines autonomen Staates zu machen. Es fei begründete Hoffnung vorhanden, daß dieser Vorschlag angenommen werden dürste. DerrLfchLsmÄ hat geMKerrd NahLMLg.. Berlin, 12. Jänner. Der Neichsemährungsminister Schmidt schilderte gestern in einer Massenversammlung der Berliner Sozialdemokraten die E rnährungslage Deutschlands. Er gab die Versicherung, daß Deutschland mit seinen P orräten auskommen werde, wenn keine gewaltsamen Störungen eintreten. __ Eine neue MaffenflKchL. Warschau, 12. Jänner. (Funkspr.) De r Tarnopoler Korrespondent des „Kurjer Codzienny" meldet, daß zwischen Kiew und Woloczysk Tausende polnischer, russischer und j ü d i sch e r Bewohner vor '^en^bvlschrwikW^^Bcmdem^'M Hw Schmerinka befinden sich etwa .15.000 dieser Flüchtlinge, deren Lage sehr bedauernswert ist. Bedingungen, welche die religiöse Reizbarkeit der Mohammedaner nicht beleidigen, genügen würde, um Indien und Aegypten zu beruhigen. ‘ Die AeußerunF Lloyd Georges, daß die Bewachung der Dieerengen nicht .mehr jenen anvertraut sein werde, die sich als unwürdige Hüter erwiesen haben, ist als - ein Hinweis darauf angesehen worden, daß England die türkische Hauptstadt nach Bruffa verlegt sehen wolle. Ein offizielles englisches Commnnique vom 1. Jänner jedoch schließt nicht aus, daß die Autorität des Su'tans alH Kalifen unangetastet bleiben und er in seiner Eigenschaft als Haupt der Gläubigen in Konstannnopel werter xtfti dieren werde, etwa wie der Papst in Rom. Die tatsächliche Regierung würde jedoch wirklich nach Brussol übersiedeln. . { Das englische Dementi auf die Nachricht, daß ivj London bei den französisch-englischen Verhandlungen beschlossen worden sei,, die türkische Regierung nach Bruffa oder Konia zu verlegen, beschränkt sich übrigens darauf, daß die Entscheidung „noch rftcht gefallen fei 4 Es scheint, daß Berthelot, der französische Vertreter in London, viele Konzessionen machen mußte, die vielleicht auch dadurch erklärt werden, daß gegenwärtig zwische^ Clemenceau und dem Emir Faisul Aueinandersetzunge^ gepflogen werden, die sich angeblich sebr schwierig gestalten. Der Grund, weshalb England die türkische Regierung aus Konsiantinopel entfernen will, liegt Wohl darin, daß sich England gegen die Gefahr einer pan-; islamitischen Bewegung schützen will. Die Bewegung tni islamitischen Orient hat in London ihren Eindruck! nicht verfehlt und die Entfernung deS Sultans cbcij seiner Regierung aus Kanstantincpel wäre der ersitz entschiedene Schritt zu einer Pc'.üik der islamitischen Dezentralisation und zur Schäftung einer' Reih.« von sonderten, teils mohammedanischen, teils christliches Staaten. . - J In den hiesigen politischen Kreften meint man, daß England seine Verpflichtung zur Schaffung eineZk mächtigen Aroberreiches einigermaßen bedauere und bist zu einer gewiffen Grenze Frankreich in Syrien fördern wolle. Weiter im Süden hätte Palästina die Funktion DH. Araber des Inlands von denen der Küste zu scheiden Dä/' Trennung zwischen den mesopotamischen und syri- Mfett Arabern von den Dicken wäre durch ein nnab- Msttziges Armenien zu erreichen. Auf solche MM-würz ditz alte Türkei auf das Territorium zwischen deM Taurausgebrrge und der Südküste des Schwarze« Meeres reduziert. Die Ausftihrung des Planes wäre gegenwärtig insoferne günstig, als Koltschak unt Denikin völlig geschlagen sind und eurch die allgemeine Auflösung.. im bolschewikischen Rußland, dieses ant * Schicksal Konstantinopels und der Meerenge am meiste« interessierete Land, gegenwärtig aus der Erörterung ausscheidet. Allerdings weist „Times" auf die bolschewikische Propaganda im Orient hin, die angeblich im Eiüverständnis mit den Jungtürken mb nie. die be: de« eine Talmudakademie zu bauen, - verstanden die damaligen Gemeindeältesten einen der in jener Zeit bedeutendsten Vertreter des Talmudstudiums in Polen, R. Salomo Luria, den „Baal Jam schel Schlomoh", heranzuziehen, ihn mit der Leitung der neugegründeten Talmudakadeniie zu betrauen und somit Lublin ^zum geistigen . Zentrum der polnischen Judenheit zu erheben. Ihm folgten dann R-. Mordechaj Jaffe, R. Meir Lublin , (Maharan Lublin), Mahärscha (R. Samuel Eliezer Halevh Eideies), die den Ruf -Lublins als Gelehrtenstädt noch mehr ' vergrößerten. Lublin - hätte' äußer Talmudgelehrten auch Männer von großer welticher Gelehrsamkeit; wir erwähnen nur die berühmten jüdischen AerZte Dr. Ezechiel, Dr. Jsak Därj.^Dr. Salomo Luria, Dr. Moses. Montalto und viele, andere. Im jüdischen' Kulturleben spielte Lublin auch durch seine bekannten jüdischen Buchdruckereien, die nebst denen in Krakau, zu den . ältesten in Polen zählen, eine hervorragende Rolle. In ihren Mauern barg die Gemeinde die berühmte Ofsizin des Kalonhmos Ben Mordechaj Jaffe, die Jahrzehnte Hindurch, Hunderte von berühmten und wertvollen Werken herausgaö. " - Dank dem blühenden wirtschaftlichen Leben und der Errichtung des Krontribunals durch Stefan Bathory im Jahre 1678 blühte die Stadt zum wichtigsten Handelszentrum nicht' nur Polens, sondern ganz OswuroPaS empor. Mit ihm wuchs auch der Wohlstand der Judengemeinde. Die alljährlichen. Messen und' Tagungen des Krontribunals, zu denen die Magnaten mit ihrem zahlreichen Trotz erschienen, boten der Judenheit reichliche.Erwerbsmöglichkeiten. Andererseits hatte aber das Krontribunal für die Juden auch seine Schattenseiten. Die zahlreiche" Dienerschaft der der Adeligen organisierte sich allzuoft in Bariden, um unter dem Kommando eines „Obristen" in die Judenstadt zu ziehen und „sich dort zu unterhalten", welche Unterhaltung aber stets mit blutigen Ausschreitungen gegen die Juden endeten. Im Tribunal wurden auch des öfteren Ritualmorv- Prozesse quSgetragen, in denen mehr als einmal Todesurteile gefällt wurden. Die Tatsache allein, daß das Nabbinat ein * für allemal für de« Tag der Eröffnung des Tribunals einen lokalen Fasttag eingesetzt hatte und die „dona charitativa^ der Judensenioren an den Tribunalmarschall, beweise» Zu» Genüge die Angst der Judenheit vor dem Tribunal.; Ihren Höhepunkt erreichte die- Judengemeinde in d« Zeit des Lubliner Judenreichstages — der höchsten Blüte de« jüdischen Gmeindeautonomie in Polen. Rein siSkalischq Motive vecanlatzten die polnischen Könige, die Zentralisierung der Judenheit-durchzuführen. Als aber im Jahre 1651 dcch ^ystern der Generalexaktoren und Rabbiner fehlgefchlageu hatte, wurde allen Gemeinden die vollkommene Autonomie er^ teilt. Allerdings konnte der Staat durch die von ihm selbst, bewirkte Zersplitterung der Judengemeinden schwerlich z» seinem Ziele -.'7—. der ordnungsmäßigen Einhebung voü Steuern — gelangen, in der Judenheit selbst aber wurde, auch die- Notwendigkeit wach, sich zusammenzuschlietzen, um in Stunden der Not und Bedrängnis nach außenhin eine feftj. gefügte Front zu bilden. So entstanden die ersten Gemeinde-s verbände — die Landmannschasten — und ihnen folgte nuvs automatisch die Reichsorganisation, die schon auf den Messeg in' Lublin,--zu denen die einflußreichsten Juden von alle Sauen . Polens erschienen waren, des öfteren erörtert m endlich im Jahre 1586 durch die Schäftung eines Reichstage für die gesamte Judenheit des Staates verwirklicht wur Die Judenreichstage regelten alle Fragen des jüdische» Äütägs, ihre. Beschlüsse in der Lubliner Amtsperiode um^ fassen sämtliche Seiten des jüdischen Lebens in Polen. Sig regelten mit demselben Ernst die Organisations-, Wirtschaft^ lichen und rechtlichen Fragen, so zum Beispiel Handels- Kreditangelegenheiten, das religiöse und kulturell-geis Leben, wie auch alle Angelegenheiten der nichtpolnist Judenheit, die sich an sie um Rat und Hilfe wandten. Ditz Judenreichstage in Lublin entfalteten das herrlichste Bilo jüdischer gemeinnütziger Tätigkeit, im Gegensätze zu de» späteren Tagungen in JaroSlau, die schon im Zeichen d«S gänzlichen Verfalls der jüdischen Autonomie stehen. } Es folgten nun die Tage des großen Krieges 1648 M 1666, der die Lubliner Judengemeinde vollkommen vernichtet^/ von dem. sie sich erst lange Jahre nach dem Kriege erhole»