Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 334 (27.12.1919)
- Date
- 1919-12-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien» Sarnsta; /2Bte«er '3ff0«ge»gcftttti0 «t „Schweizerische Hilfsaktion für notleidende jüdische Auslandskinder" heißt. Einen nicht unbeträchtlichen Teil der Zeit, bte für die Verhandlungen zur Verfügung stand, nahm Sie Frage ein, ob die jüdische'Äktion in Zukunft ihre Selbständigkeit wahren oder sich' rmt: der allgemeinen kantonalen von Zürich verschmelzen - sollte. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich deutlich, wie sehr das Eigenbewußtsein der Judenschaft eines Landes gesteigert wird, wenn sie die GemeinschaftspfKchtengegenüber ihren Stammesgenoffen in anderen Staaten praktisch auSübt unddaß auch oie Schweizer Juden, denen man bisher wenig politisches Verständnis für die Zusammenhänge der Lage der Juden auf der ganzen Welt nachsagen konnte, durch die Aktion für die Wiener jüdischen Kinder mit' Hilfe der Macht der Tatsachen gelernt und an Rückgrat gewonnen haben. So wurde denn die bisherige Verfassung der jüdischen Aktion mit überwiegender Mehrheit bestätigt. Die zehn Drkalkomitees behalten in der Aufbringung der Geldmittel, ihrer Verwaltung und ttt der Obsorge der überantworteten Ferienkinder dolle Freiheit, während das Züricher Komitee wie bisher die Einrichtung und Arbeit? des für dre gemeinschaftlichen Angelegenheiten und die ausgreifendere Propaganda notwendigen Bureaus besorgt. Bezüglich, der Propaganda wurden eine ganze Anzahl von glücklichen Vorschlägen gemacht, deren Ausführung, nach Maßgabe der' Realisierbarkeit dem Züricher Bureau anheimgestellt wurde., - Erfreulich ist auch der Beschluß, daß die „Schweizerische Hilfsaktion für die notleidenden jüdischen AuslandskinLer" an der vom Comite des Delegations JuifS in Paris. einherufenen „Allgemeinen jüdischen W e l t - H i l. f s! o n f e x c n3" teilnchmen solle, um sich in. den Rahmen einer systematischen Arbeit für den Wiederaufbau 'des Mischen Volkes einzufügen. Me.-Stimmung der Badener jüdischen Kinderhilfskonferenz' war charakterisiert durch' die Worte einer Frau, die stille? aufopfernde Arbeit im Dienste des Israelitischen Frauenvereines von Zürich verrichtet, Frau Lob, die unter der lebhaftesten Zustimmung der Versammlung ausführte: ,SBtr haben die Pflicht, jedes radikale Opfer zu bringen, wir müssen über unsere Kräfte schaffen, so lange es noch ein hungerndes Kind gibt." Viele Teilnehmer der Tagung gaben der Hoffnung Ausdruck, daß es, wenn man bedenkt, daß minderbegüterte Familien mehrmals hintereinander zwei bis drei Kinder zur Pflege angenommen hätten, gelingen werde, in der kommen, den Periode der Hilfe für die jüdischen Kinder aus Wien die dop p e l t e Anzahl der bisher hospitalisierten in. der Schweiz versorgen zu können. Erfolge der Bolschewiken- Moskau, 26. Dezember. (Funkspruch). An der IfotbfnÄtmb an der Westfront Geschützfeuer. Ander Südfront. wurde der wichtige Bahnknotenpunkt NasaNn, 30 Werst südöstlich von Bereditschew, 'erobert. Bei der Eroberung vonFastow wurden außer mehreren Geschützen und vielen Maschinengewehren 4600 beladene Güterwagen erbeutet. 15 Werst südlich Fastow wurde > Ustinowka genommen,. Z0 und 40 Werst südlich von Kiew die Bahnstationen O b u ch o m und Germanowka 'besetzt. Flußabwärts des Dnjepr wurde T r i p v l j e erreicht. .Krem e n t s ch u g wurde besetzt. Weiter östlich, im Bachmutabschnitt, wurde die Stadt Isj um -erobert und der Donec erreicht. An der Ostfront dauert , der Vormarsch nach allen Richtungen an. In den letzten Tagen wurden besetzt: Maiskasa, 50 Werst südlich von BisK. die Hauptstation Taiga an der sibirischen Bahn und die Stadt Tomsk die nach Omsk nächstgrößte Stadt Sibiriens. Eingefendet. voQCoty, Houblganl, Roger-Gallet (Französische Seifen m Roger-Galle«, Houblgant Parfümerie FIORIS Wien, l., Graben 29. mm IGOLD BRILLANTEN ■w» Platin, Münzen. 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Sißl selbst napnte ihn spaßend ,Harare" und erklärte logischerweise, daß er .ft» heißen müsse, weil Man ihn in allen vier Jahreszeiten tragen könne, und er auch ganz gut zum Zudecken passe. Wenn der Mantel in einer kalten Nacht Sißl bedeckt, dann sieht er wahrhaftig wie eine echte Bettdecke aus. Freilich stören die Aermel die allgemeine Harmonie — wer braucht aber auch so nahe hinzugehen und nachzuschauen. Die Hauptsache ist, wie er von ferne aussieht... Es ist selbstverständlich, daß Sißl einen Mantel mit solchen Vorzügen zu schätze» wußte. Wenn ihm einmal ein Bekannter sagte; „ES ist schon Zeit, Herr Sißl, p/ einem neuen Mantel," bann pflegte er auf feinen Mantel zu blicken, den Kragen, der sehr hoch war, aufzuschlagen, den einen Aermel in den zweite« zn stecken, und mit sieghaftem Tone zu antworten: „Nun? Ist der Mantel nicht gut?" Dann lächelte der andere und fand, daß der Mantel wirklich gut sei. „Für daS Geld, daS ein neuer Mantel kosten muß, habe ich schon Verwendung," fügte er gutmüttg hinzu. Man wußte, daß der alte Jungden Parteien. Er ist der geschworene Feind jeder Reaktion; fein Hatz geht bis zum Fanatismus. Seine sämtlichen «eueren Schriften stehen unter dem Zeichen dieses Geistes. Im Jahre 1905 erschien »Auf dem weißen Steine". Als eine Prophezeiung könnte die phantasievolllogische Darstellung der Zukunftsstadt gelten, soviele Äehnlichkeit hat sie mit dem Staate, den die kommunistisch-sozialistische Belegung in kurzer Zeit zu errichten hofft. Nirgends, hat Anatole France seinem ätzenden Spotte mehr die Zügel schießen laffen, .nirgends das Staatswesen schärfer gegeißelt als in der «Insel der Pinguinen". Geschichtliche Momente, denen das Volk eine heilige Verehrung zollt, entpuppen sich als mehr oder minder einwandfreie Abenteuer und die Ursache blutiger Völkeckriege ist in letzter Linie auf verbotene Gelüste eines Ministers oder eines anderen Regierenden zurückHrfuhren. Wenn bis dorthin kein Zweifel über.die Anschauungen des Schriftstellers möglich war, so konnten wohl Fragen aufkommen, als im Jahre 1613 „Die Götter dürsten" erschien.. Ist dieses Buch tatsächlich die Bestätigung der. These seines Schöpfers, dessen Ideal doch die soziale Revolution sein solltet, Ist eS nicht vielmehr die Sttmme eines' Warners, ein Zeichen zur Umkehr vom eingeschlagenen Wege,, an besten Ende sich'eine Wiederholung der Greuel von 1762'darbieten könnte? Oder war eS nur der geistige Sohn des' achtzehnten Jahrhunderts, wie es vor der Revolution war und der von dieser nur geringschätzig dachte, den wir so sprechen hören? 'Die Revolution ist in den verschiedensten Farben geschildert worden: von der unbedingte« Verherrlichung eines Michelet oder ein?s LoffiS Blanc bis A»ir herben Kritik eines Josephe de Maistre. Was aber auS Auffassungen gleich hervorgeht, ist ihre weltumfasteude Bedeutung. Anatole France verkleinert, und erniedrigt sie zum Werke kleiner Geister oder weltferner Theorettker vom Schlage eines Evariste Gamelin. Die An.tVNt aus die Fragen, die dieses Duck auslöste, j sind uns nicht geworden. Der Weltkrieg kam. Und mit ihm die tragische Stunde im Leben, des Dichters und Revolutionärs. Er berleugnete das Werk feines ganzen Lebens. In den Tagen, wo die Kriegspsychose auch die Hellsehendsten ergriff, wo aus erprobten Soziälisten wütende Nationalisten wurden, teilte auch Anatole France das Schicksal der Allzuv'elen. Er, der sein Leben lang gepredigt hatte, daß der Krieg nur daS Werk raubsüchtiger Negierungen und gewissenloser Kapitalisten ist, unter dem unschuldige Völker schwer leiden, er stimmte in den Haßgesang der schlimmsten Hetzer - ein. Seine Kriegsschöpfung: „Auf dem Wege zum Ruhme", beweist es nur zu deutlich, daß er jeden Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen verwischt. Seine Losung ist nicht mehr: »Krieg dem Kriege", sondern »Vernichtung, völlige Vernichtung dem Feirtdel* In der Stunde der Prüfung hat er seine geistige Freiheit nicht bewahren können, wie es Romain Rolland. Nicolai, Förster, Latzko und anderen gelungen ist. Freilich von Dauer. war diese Verirrung nicht, konnte %fte bei seiner Geistesart nicht sein. Im vergangenen Wfnter hat er als einer der Ersten den Versöhnungsfrieden gepredigt und den Rachefrieden als den Keim zu neuen Kriegen gegeißelt. In einer jüngst gehaltenen Rede, die großes Aufsehen erregt hat, trat er, in völligem Gegensätze zu der in den französischen Negierungskreisen herrschenden Reaktion, wieder als Bekenner des internationalen FreiheitSgedankenS auf und hat dadurch einen Teil seiner früheren Anhänger zurückerworben. Sr ist gleichfalls der Sender der „Erleuchtung", der Internationale des Geistes, die in Paris in den gleichen Tagen gegründet wurde, wo am grünen Tische des Viererrates die Welt in Sieger und Besiegte, Herren und Sklaven, geteilt wurde. ES gehört wahrlich kein geringer Mut dazu, sich so den Mächtigen der Erde gegenüberzustellen und mit der Anerkennung kargen, hieße kleinlich sein. 27. Dezember ISIS 9tx. 89* geselle, der bei einer großen Firma viel Gell» verdiente viel Gutes tat und auf sich selber garnicht achtete. ' Und doch ereignete es sich, daß er seine« SJtattM untreu wurde und einen Pelz anzog. „Wie kommt der. Pelz zu euch, Herr Sißl?" fragtt, ihn jeder Bekannte verwundert, wenn er ihn das erstemal im Petz sah. „Seid ihr schon zu Vernunft gekommen?* Und Sißl mußte mit einem verlegenen Lächeln eine Gv > schichte erzählen, die ihm sehr peinlich war. Da war ein . entfernter Bekannter von ihm, der gerade sehe dringet» Geld brauchte, sich aber zu borgen schämte und ihm dev. Pelz unter dem Vorwand verkaufte, daß er ihm.zu eng I sei. ,Hch mußte ihn kaufen. . . Versteht ihr?" verteidigt er sich. Die Bekannten verstanden und waren sehr zufrieden.. daß Gatt endlich geholfen habe «nd aus ihrem Sißl etwcch . geworden sek. . . . „Na, so ei» Pelz ist waS gutes, nicht?" fragten sie ihn. „Gut ist schon recht," antwortete der eckte Junggeselle mit einem naiven Kknderlächeln, „aber . . .* „Aber was?" — „Aber ich schäme mich . . . Wie patzh ein Pelz zu mir?" Die Bekannten Achten wieder: Bahv» hastig, ein merkwürdiger Mensch! Schämt sich, eine» Pelz zu tragen! Hätte nur jeder von ihnen einen Petz» beautz würde er richtig stolz werden.!. Und dem Pelze SißlS zu Ehren, sandte der Winter einen starken Frost zur Erde, der mehrere Tage ununtev» brachen mit kaltem Feuer brannte. Sißl begegnete auf bei menschenvollen Straße tote zum Trotz vielen Leuten shntz, Mantel. Es schien ihm, baß er die Schuld am Froste habe^. Er konnte den Armen, die sich vor Kälte wanden, nicht irtzdie Augen blicke«. Trüge er seinen „pareweu Mandel"^ dann wäre er schon zu einem getreten und hätte ifm gefragt: „Statt ists, Onkelche«, nicht?" Aber iqr Pelz hatte er keine« Mut dazu. Der Pelz bildete eine» Watt zwischen ihm «nd den Armen. Verlegen lief er durchs die Straßen und bemühte sich, niemandem in die Äuge» ztz, blicken. Er konnte sich aber nicht zurückhalte» und fragtq einen Träger, der ohne Mantel ging, in gleichsam schuld« bewußtem Tone: .Kalt Ists, nichts MS er statt der Antwort ein Aechzen vernahm, ging ihm die Kälte durch den Peltz, uttb er faßte einen Entschluß. Am fünfte» Tage, als der Frost sich verstärkte, sich man Sißl wieder in feinem alten Mantel. „Wieder beim alten?", fragte ihn ein Bekannter. ,Hhr werdet erfrierevj — bet diesem Frost!" — „Ach wasl" antwortete er sstjH „man erfriert nicht ohne Pelz, aber im Pelz wird man votz armen Brüdern getrennt und ihnen entfremdet» «nd ohne sie ist es im besten Pelze kalt. Jetzt ist eS mir ganzwarm ..." Der Bekannte zuckte dir Achsel» und «tschiÄ in Gedanken: „Er ist nicht bloß sonderbar, er ist verrückt!" Sißl ließ den Bekannte» bei seiner Meinung und giuK weiter. Er sah an einer Ecke einen Träger» d« bald «iß de» Füße» stampfte, bald die Hände gegeneinander fötuft, bald ein. bißchen hüpfte und dergleichen Mittel gegen d«k Frost anwanbt«. Sißl war gerührt «nd entzückt. In seine» Augen erschien wieder der alte gute Glanz. Er trat an ihnj heran: „Na, Onkelche», 's ist hübsch , kalt?" — „Statt, ja* ja!" antwortete der Träger, als wäre er lustig. »Leines Bange! Wir werden nicht erfrieren," sprach ihm Sißl Mut zu. „Ach was, erfrieren! Der sagt den« das? Ist nicht mein erster Winter," sagte der Träger, während er fa* der Anwendung seiner Mittel fortfuhr. > Und Sißl sang ein Liedchen und ging freudig wett« und verspottete sich selbst bei dem Gedanken, daß er vkal Tag« lang einen Pelz getragen hatte. „Es war . wirklich^ verrückt!" gestand er sich mit lauter Sttmme ei«. <AuL dem Jiddischen.) Furchtbares LatvinenungMck ta Davos. Mehrere Tote. — DaS jüdische SanaLoriru» »ta eine« Lawine begraben. Aus Davos wird telegraphiert: Der in den letzten Tagen niedergegangene gewaltige Schneefall hat hier ein schweres Lawinen Unglück verursacht. Dom Sch i a h o r n sind verschiedene Staublawinen niedergegangen, die ein hölzernes Haus unter sich begruben. Z w e i Kn e cht e sind dabei ums Leb engekomme ».Eine andere Lawine drang in das S a n a t o r i u m'D avos-Dors und in die Pension Germania und füllte ohne Beschädigung der Außenmauern alle Räume beider Häuser. Im Sanatorium sind eine Krankenschwester und eine kranke Frau getötet, mehrere Personen teils schwer, teils leicht verletzt worden. Eine weitere Lavine stürzte mit voller Wucht auf das jüdische Sanatorium und weitet unten liegende Häuser. Auch hier sind zwei Angestellte ums Leben gek o m m e n. Die Rettungsarbeüsn find durch Schneetreiben sehr erschwert worden. Sämtliche Verbindungen von Daoos nach auswärts waren Mittwoch früh noch unterbrochen. _ Schleiermacher über die BrrNner Mische» Salons. Die berühmten jüdischen Salons, die in Wien utffr Per!in das Zentrum des geistigen Lebens bildeten, sind vielfach zum Gegenstand kritischer Betrachtungen gemacht worden. Dean auch da- Charakterbild dieser jüdischen BankierSfroue« nicht immer leuchtend und für das Judentum ehrenhaft ist, die große Bedeutung der jüdischen Großstadtsalons für die kuUurelle Entwicklung, für die Förderung des deutsche« GcistcS und der deutschen Kunst ist allgemein anerkannt. Sehr intereffant ist da- Urteil, welcheder epochemachende Theologe Schleiermacher über diese jüdischen willen fällt. Er schreibt in einem Briefe an seine Schwester vom L Äuaukt 1788 (Auö HchleierinacherS »Nachlaß" 1). «mknüvfmtz £U> iJtt .Lar *