Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 334 (27.12.1919)
- Date
- 1919-12-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979411--02944-2988519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-kr. 8S4 Wien. Tamstas Der Friede mit der Türkei» Lloyd George» Balfour und Cuvzon als Delegierte. Englands. , Amsterdam, 26. Dezembex. Der Parlamentsberichterstatter der „Times" schreibt: Es perlgutet, daß die Friedenskonferenz in den ersten Tagen des neuen Jahres in Paris ihre Tätigkeit wieder aufnehmen werde. Sie. wird unverzüglich an die Festsetzung der Friedensbedrngungen für -die.Türkei gehen. Als britische Delegierte werden daran Lloyd George, B a l f o u r und Lord L u r z o n teilnehmen. ■ i. " - Das SchiÄsal der deutschen Kolonien. 'Paris, 26. Dezember. 'Der Oberste Rat prüfte die Projekte, wie sie in Ausführung des Friedensvertrages bezüglich der zu - vergebenden Mandate über die f rüheren deutschen Kolvnien in Afrika und kMi Stillen Ozean aufgestellt worden sind. Die Kvm-! Mission für die Mandate, die kürzlich in London tagte, hat für die verschiedenen Gebietsteile die Projekte austzearbeitet. Der Rat genehmigte die zwei ersten Projekte über die Gebiete in Deutsch-Ostafrika, die zum Teil an Großbritannien, zum Teil an Belgien abge-, treten und die nach dem Typ des Mandates B (Regime des Völkerbundes) verwaltet, werden. 'Die anderen Projekte, die sich auf die Gebiete im Stillen Ozean und lauf, die übrigen, afrikanischen Gebiete beziehen, die nach dem Typ Mandat C (Verwaltung analog derjenigen des Mandatstaates) verwaltet werden müssen, erhielten nur die Zustimmung von drei Delegierten. Die japanische Delegation behielt sich, ihre Zustimmung vor. Japan ist unzufrieden. Paris, 26. Dezember. (Funkspruch.) Der japanische Delegierte bei der Friedenskonferenz hat gegen die Zuteilung Samoas an Neu-Seeland sowie Deutsch- Neu-Guineas, des Bismarckarchipels, der südlichen Karolinen und der Marschallinseln an Australien formellen Protest erhoben, . Mtti und Seia^ofa gehen nach Paris. Rom, 20. Dezember. (Funkspruch.) „Corriere d'Jtalia" teilt mit, daß Ministerpräsident Nitti und . Schatzminister F e rraris in den ersten Jännertagen nach Paris und dann nach London reifen werden. , Ferraris werde sich auch nach den Vereinigten Staaten begeben, um ander Festigung des W e ch sel Kurses - M arbeiten. S e i a l o j a.werde schon am 27. d. M. ' nach Paris ubreisen.. Ministerpräsident Nitti werde bis M Endgültigen Regelung der Adria frage im Auslande verbleiben. . * .. In dem Dienstag äbgehalteneu Ministerrate teilte Ministerpräsident Nitti mit, ßaß die Alltrerten ihn bringend eingeladen hätten, sobald" als möglich nach .Paris zu kommen, da sie die Aragen bezüglich der Ndriaküste ehestens zu lösen beabsichtigen. Die Bolschewiken in Fastow, Krementschrrg und Tomsk. Moskau, 26. Dezember. (Funkspruch.) Die Roten Truppen, haben Fastorp,Krementschug und Tomsk besetzt. ' Anatole France.*) ,r / Von Berta Schult (Genf). . . , Anatole France schrieb>sowohl ..Das Verbrechen des - Sylvester Bonnard", als auch „Die Götter bürsten". EinersejtS der! alte belehrte, der trotz seines Junggesellendaseins in staubiger Bücherluft ein liebevolles Gemüt und tiefgehendes Verständnis für das Leid seiner Mitmenschen bewahrt, andererseits der Fanatiker Evariste G a m e l i n, dem in un* 'ephittlicher Logik daS Blutvergießen zur Notwendigkeit wird. Beide sind Schöpfungen des gleichen Verfassers. In dem Politiker France könnte man unschwer denselben Gegen» aüfdecken. Obwohl Defaitist, Revolutionär, Mitbegründer der Internationale des Geistes, hat er dennoch gleich Moltke und Treisschke den Krieg als den mächtigsten Faktor der Zivilisation und des Fortschritts verherrlicht. „Ich fürchte", so sggt. er in einem Artikel des „TempS", „daß mit dem Aufhöcen des Krieges, dieser großen-und schrecklichen Macht, alle Tugenden verschwinden, die er erzeugt hat." -— Schroff stehen sich diese Charakteräußerurigen gegenüber und die Fragnach dem tiefinnersten Sein dieser bedeutenden Persönlichkeit ist berechtigt. — An Anatole France ließe sich die Wahrheit des Laineschen Ausspruches, demzufolge wir alle" das Produkt unserer Umgebung sind, -aufs beste beweisen. — Im Hause und in der Buchhandlung seines Vaters wurde den großen Geistern deS achtzehnten Jahrhunderts eine unbedingte Verehrung entgegengebracht; unter ihrem Einflüsse stand die Jugend deS"BuchhändlersohneS und sie höben seinem Geiste die Formen aufgedrückt, die trotz mannigfacher äußerlicher .Änderungen das Merkmal seiner Eigenart geblieben sind. '.Unter der Regierung Napoleons deS Dritten, wo eine Kritik der Regierung der Aufhebung der betreffenden Zeitung gleichkam und Journalisten vom Range Kredo st° *) Aus dem Dezemberheft der Züricher Monatsschrift jj S »e«e. Gurpp a". Gekümo MchcMde mil ireunbllchrr Ge« LüuwäMuÄ Dd. DM. C aiuu Wiener MorgenMrunA_ ' , DsLgalizieir unter polnischer Verwaltung. Paris, 26. Dezember. (Funkspruch.) Der polnische Minister des Auswärtigen, P a t e k. ist vorgestern in Paris eingetroffen. Der Ober st e Rat hat beschlossen, die ursprünglich auf 25 Jahre beschränkte Verwaltung O st g ü l i e n s durch Polen nun auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Die Italiener rKnMen stzrain. Laibach». 26. Dezember. (Lalbacher Korr.-Bur) „SlovenSki Narod" meldet aus T r i est:. Nach verläßlichen Berichten, tnfft die italienische Armee Vorbereitungen zur Räumung des von ihr besetzten kratnischen Gebietes, namentlich der Stadt Loitsch (Logates). Allgemein ist man der Ansicht, daß die Italiener spätestens bis zum Jänner fast das ganze besetzte Gebret Krains geräumt haben werde». Südslawischer Protest gegen d'Annunzio. Paris, 26. Dezember. Eine südflawische Kommission bestehend aus Vertretern aus Dalmatien, Triest Görz und dem von Italien besetzten adriatischen Gebiet, befindet sich seit einigen Tagen in Paris. Sie hat Clemenceau als Vorsitzenden der Friedenskonferenz einen Protest gegen oie Plane d'Annunzios überreicht und den Einspruch auch dem Präsidenten der französischen Kammer übermittelt. Vor der Ausrufung der neuen indischen Verfassung. London, 26. Dezember. (Funkspruch.) In der Thronrede bei der Vertagung des Parlaments verkündete der König, daß der Fürst von Wales im Winter 1920 bei der Ausrufung der neuen indischen Verfassung m Indien weilen werde. Eine franzdstsche Mission in Palästina. Paris, 26. Dezember. (Tek-Komp.) Frankreich hat eine Mission nach P a l ä st i n a entsandt. Der Mission gehöten auch .Kardinal D u b o i unp zwei Bischöfe an. Die Mission traf am Sonntag in Jaffa ein; General Douraut empfing eine Abordnung französischer Staatsangehöriger. In Gegenwart der englischen Behörden hat die Mission ihren feierlichen Einzug in Jerusalem gehalten. Enteignung feindlicher Güter in Griechenland. Rom, 26. Dezember. (Funkspruch.) Aus Athen wird gemeldet, daß die Negierung der Kammer einen Gesetzentwurf über die Enteignung der s e i nl i ch e n Güter vorgelegt hat, die gemäß den Bestimmungen des Friedensoertrages schon seinerzeit beschlagnahmt worden sind. Dia Abstimmung im Teschensr Gebiet Präg» 26. Dczeiuber. Die Di'ünnep „LidoveNövi n.h* meldet aus T e s ch e n: In de» Kreisen der. hiesigen Ententemiision herrscht die Ansicht vor, daß die Abstimmung im Telchener Gelnet iy einem späteren Zeitpunkt, statlfinden wird. Die Ankunft der Plrhiszitkommrssion. bie für Anfang Jänner festgesetzt wat, ist wieder verschoben worden. Die Kommission soll nicht vor der Ratifizierung des Fnedettsvertrages durch Amerika 'noch TrschrU kommen. Stellende Ausfuhr Amerikas. Rsw-Vork, 26, Dezember. Im November dieses Jahres hatte die Ausfuhr einen Wert von 741 gegen 632 Millionen Dollar im Vormonat und 503 Millionen Dollar im November 1618. Die Einfuhr hattt einen Wert von 429 gegen 416 Millionen Dollar im Oktober dieses Jahres und 247 Millionen Dollar im November 1918. ParüdoS und Saint-Marie Girqrdins ihre ganze Kunst aufboten, um den Tadel in eine möglichst milde Form zu kleiden, erklärt sich 2f. France zur Mitarbeit an der «Demokratie", einem pazifistischen, antiklerikalen und antibonaparttstischem Platte bereit. Er beteiligt sich, gleichfalls an der Veröffentlichung des „Revolutionsalmanach'.für 1870" und liefert einer andere» Zeitschrift so heftige Satiren auf die kaiserliche Regierung, daß er Gefahr läuft, mit her Polizei in Berührung zu geraten» . . Auch France wurde Soldat und verteidigte sein Vaterland gegen die.eindringenden Deutschen. Als aber in der Schlacht am 2. Dezember die Kugeln in geringer Entfernung von ihm in die Marne fielen und ein ohrenbetäubender Kanonendonner hie Luft erfüllte,, las er den „Silen" des Publlus Virgiljus. Welchen Eindruck die für sein. Vaterland so schmerzlichen Ereignisse auf ihn machten, läßt, sich aus seinen Schriften schwerlich feststellen; daß er das Kaiserreich ohne Trauer enden sah und die Wieoererstehung dev Republik mit Freuden begrüßte, ist sicher. Von dem weitgehenden Pessimismus, der in der Folge die ganze französische Jugend ergriff und der Literatur eines Menschenalters seinen Stempel aufdrückte, ist allerdings auch er picht verschont geblieben. Es haben aber wohl persönliche bittere Erfahrungen uird die ersten Zweifel an der Vollkommenheit der Göttin Wissenschaft zu dieser Weltauffassung beigetragen. In den „Wünschen des Jean Servien",. dem im Jahre 1883 veröffentlichten, aber in den Siebzigerjahren geschriebenem Roman, den man wohl als eine Art Selbstbekenntnis auffassen darf, findet man deutliche' Spuren der inneren V Kämpfe, des Dichters. „Die Meinungen des AbteS Jerome Cyignard" zeigen neben einem völlig unerwarteten WisberauSbruch des Skeptizismus eine Verstärkung seiner sozialistischen Ansichten auf, die in merkwürdigem Gegensätze zu der Verherrlichung heb Krieges stehem „ES lebe der Krieg", hatte der Chronist des ..Trmps" gesagt. „Es lebe die Anarchie", antwortete Jersyie Cotgnard. Die Weltanschauung deS. 27, Dezember 1919 ^elte S * Die Milche Kin-erhUfsaLtton in der Schweiz. Bon Norbert Welbler, zurrril Zürich. Als am W. Oktober der letzte größere Transport von Wiener jüdischen Kindern aus. der Schweiz abgereist war, hatte eS den Anschein, als ob die „Schweizerische Hilfsaktion zur Versorgung > jüdischer Kinder aus Wien ‘ ihre Tätigkeit einige Monate iiftteren müsse, weil die Propaganda für die Aufnahme von Kindern im Winter auch hier wegen der Kohlenknappheit nicht sehr viel Erfolg versprechen konnte.. Auch mußte man damit rechnen, daß hie jüdische Bevölkerung» die im Jahre 1619 gegen 1100 Wiener jüdische Kinder zu Gaste hatte (bei 4000 Familien im ganzen Lande eine immerhin nicht unansehnliche Zahl), etwas der Erholung bedurfte, um auf einen neuerlichen Appell entsprechend zu antworten. Um in kurzem die Leistung der numerisch kleine» Schweizer Judenschaft auf diesem Gebiete im ablaufenden Jahre zu zeigen, seien folgende Zahlen angeführt. Im ganzen kamen sechs Transporte, die ersten zwei mit etwa 80 Kindern durch die sogenannte St. Gaver katholische Aktion, weitere drei mit der Mehrzahl der Feriengävger durch die von Frau Anitta Müller durchgeführte Ferienaktion des Jüdischen. Nationalrates für Deutschösterreich mit 1007 Kindern und eine kleine Gruppe von 14 Kindern, die unS unvorbereitet vom „Bernischen Komitee zur Aufnahme von Wiener Kindern^ übergeben wurde. Von den letzten vier Transporten waren S84 in Familien und 437 in Kolonien unrergebracht, wobei zu bemerken ist, daß jedes hospitalisierte Kind für sechs Wochen mit Verpflegung und Ausstattung auf etwa 450 Franken zu stehen kam. (Nebenbei sei erwähnt, daß unsere Aktion auch 123 jüdische Kinder aus Deutschland, überwiegend ostjüdischer .Abkunst, .auf sechs Machen übsruommen hatte.) Aus diesen Angaben mag man ersehen, daß die Schweizer Juden, die, was nicht zu vergessen ist, durch die jüdische Not im Lande stark in Anspruch genommen sind, wohl das Ihrige getan haben, um der Wiener Bevölkerung in ihrer Not beizuspringen. Allein die aus Wien durch die Presse und auf privatem Wege hierher dringenden Nachrichten ließen allgemein erkennen, daß die Hilfe für Wien fortgesetzt werden müsse. Dieser Meinung wurde von sämtlichen (ungefähr ^fünfzehn), schweizerischen Kinderhilfsorganisationen, auf ihrer Olten er Tagung vom 22. November, auf der die Schaffung einer Zentralstelle in Bern Unter Wahrung der Autonomie jeder Gruppe beschlossen wurde, Ausdruck gegeben. Die Ueberzeugung, daß unsere jüdische Aktion nicht einschlafen dürfe, ist auch Gemeingut derjenigen Kreise, die nicht unmittelbar den Arbeitskomitees angehocten. Der Lage und dieser Stimmung Rechnung tragend, hatte das Bureau der Hilfsaktton für den 7. Dezember nach Baden im Aargau eine Konferenz sämtlicher zehn^LokakkomiteeS stnberufen, zu der auch Vertreter einer Anzahl von Kultusgemeinden, Rabbiner, Delegierte der. Logen usw. erschienen waren. > * , n ' Die Frage des 'Ob uns Wann war sofort entschieden. ES wurde beschlossen, unverzüglich wieder in die Propaganda zur Aufnahme bon Wiener jüdischen Kindern in der Schweiz einzutreten, und um die Möglichkeit zu haben» auch die Lebensmittelhilfe und die Sendung von Bekleidungsstücken in den Tättgkeitsbereich etnzubeziehen sowie nicht an den Ort gebunden zu sein, sondern auch außerhalb Wieneingreifen zu können, wofür die Abgesandten des „Zentrallandeskomitees für die Kriegs- und Pogromwaisenaktton" in Lemberg, Frau Pomeranz- Melzer und Frau Rothfeld-Landau, plädierten, änderte man den bisherigen Namen der Äktton, die von nun AbteS ist trostloser Art. Die Menschheit lebt in einem uferlosen Sumpfe; eine fern angedeutete Revolutton kann sie nur noch daraus hervorziehen. Zwischen diesen wilden, und ekelhaftest Tieren herrscht ewiger Streit und keine andere Friehensmoglichkeit als die der gegenseittgen Verachtung. Verachtung ist das barmherzigste Gefühl, das die Menschen uns einflöhen können; darum darf auch der Polittker, der die Führung dieses Geschlechtes übernehmen will, keinen Augenblick vergessen, daß er es mit bösen Affen zu tun hat, für di« Scham, Gerechtigkeit und Moral nur leere Worte sind. Vav den Tugenden des Krieges ist keine Rede mehr. Das Soldätenhandwerk flößt ihm Ekel ein; Sklaverei, falscher Ruhiu und Grausamkeit sind seine Kennzeichen. Der Militärdiens: ist die fürchterlichste Plage der Polizeistgaten. Nur die Eitelkeit ist schuld daran, daß die. Großtaten des Krieges höher als das Pflügen deS Bauern eingeschäht werde». Und dir Doktrin des Abtes schließt mit den Worten über den Bürgerkrieg, die wohl nie lebendiger als heute waren: der Bürger, krieg ist widerwärtig und hassenswert, aber keineswegs un sinnig. Die Bürger, die aneinandergeraten, haben mehr Aussicht, den Grund ihres Kampfes zu erfahren als die 'Soldaten, die gegen stemde Völker ziehen müssen. Aufruhr um innerer Streit sind der Angstschrei eines bis auf den Tod gequälten Volkes und die einzige Möglichkeit für diese Elenden ein besseres Dasein und eine Art Unabhängigkeit zu erlangen So schrieb France im Jahre 1893; bis zum Jahre 191» galt die Philosophie des Aktes Coignard in. den Hauptzügcv als diejenige seines Schöpfers. MS Sozialist trat France in? Jahre 1904 in die Oeffentlichkeit; von diesem Zeitpunkte av bis zum Ausbruch des Weltkrieges hat er keine Gelegenheit versäumt, um seine sozial-politischen Bestrebungen zu. der. künden und ihnen eine prakttsche Bedeutung zu geben..Mit jugendlicher Begeisterung stellte er sich in den Dienst seiner Ideen: Meettngs, Wahlversammlungen und Urbeiterhoch, schulen waren die Schauplätze seiner Tättgkeit; sein Name stand unter zahlreichen Veröffentlichungen sozialistischen unk kommunijttschen Geistes, um ihn scharten sich alle linlssiehen-