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Wiener Morgenzeitung · 1919-12-25 · Heft 333 (25.12.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 333 (25.12.1919)
Date
1919-12-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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I ► ffc 33S Wien. Donnerstag Wiener Morgenzettung gber wo neue Argumente nicht mehr möglich sind, sei aurf die Schande stets erneut hingewiesen. -Humantte* hat vor einiger Zeit eine, kurze Darstellung der Wiener Ausweisungsfrage aus der Feder Doktor 8eon Reichs gebracht, der als Mitglied des Jüdischen National. rateS für Ostgalizien in Paris weilte und die Redaktion der sozialistischen Blattes (das die -Arbeiter-Zeitung* als ihr -Bruderblatt" reklamiert), hat Protest gegen die rücksichtslose Verfolgung. erhoben und den Wunsch ausgesprochen, die österreichische Regierung werde die -grausame Maßnahme* zurücknehmen. Nun erfährt man den Wortlaut eines EriaffeS des preußischen Ministers des Innern Heine, dessen tzsenac dem Geiste der Wiener Praktiken so entgegengesetzt Ist, daß wir uns nicht versagen können, ihn unseren Aus* veisungssozialisten unter die Nase zu halten: »ES verbietet sich zurzeit und bis auf weiteres trotz der »röte der inländischen Bevölkerung auS völkerrechtlichen und aus Gründen derWenschlichkeit die im Lande bereits befindlichen Ostjuden, selbst wenn sie unter Umgehung der Grenzsperre rrch ohne im Besitze der vorgeschriebene» LegitimationSpapiere »Nd der Einreiseerlaubnis zu fern, eingewandert sind, zwangsweise in ihre Heimat zurückzuweisen, weil sie dort nach Lage »er Verhältnisse vielfach unmittelbar Gefahr für Leib und 'Leben, jedenfalls aber der Bestrafung wegen Fahnenflucht und Wehrpflichtentziehck«g ausgefeht werden." In dem Erlaß ist sogar, davon die Rede, daß die Möglichkeit einer gewissen Beeinträchtigung der .Arbeitsgelegenheit für Inländer gegeben ist. Des weiteren heißt es: -Voraussetzung der Duldung in jedem Falle ist %a& Vorhandensein eines Unterkommens und einer mchbringen- »en Beschäftigung. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, so ist »io Ausweisung grundsätzlich gerechtfertigt. Der Nachweis dieser nutzbringenden Beschäftigung ist dann , geführt, wenn 'ine der anerkannten jüdischen Hilfsorganisationen die Fürsorge für den Betreffenden derart übernimmt, daß er der öffentliche« Armenpflege oder Erwerbslosenfürsorge nicht zur Syst fällt.* Und dann: -Bor jeder. Ausweisungsverfügung und in Aussicht genommenen Zwangsabschiebung ist der. jüdischen Fürsorgeorganisation Gelegenheit zu geben, die Interessen veS Betroffenen wahrzunehmen.* Das klingt immerhin anders als die-gehässige Verfügung des Herrn Sever. Die Wiener Sozialdemokraten tu« aber unentwegt so, als wären sie die Generalpächter der Humanität und des Freisinns. Franzkskanerkloster am Minoritenplatz. Die jetzige ungarische Gesandtschaft dementiert jede Anteilnahme an dein Menschenraubs .Aber die Staatsregierung muß doch Rede stehen, wie unter ihren Augen ein solches freches Treiben blühen kann. Die ungarischen Spitzel Kiß und Bleich, die als Ent- 'ührer genannt werden, sind, wie wir erfahren, in Wien, eshalb find sie noch^auf freiem Fuß?. 25. Dezember 1919 Arksriv des StaaLskanzlers. S t a a t.S kanl.e r D r. R r n n e t wird auf ärztliche Anordnung einen zehntägigen Erholungsurlaub antteten. '* NiederöfterVerchlfcher Landtag. ‘ Die nächste Sitzung des n i e d e r 8 st e r r e i ch i sch e m Landtages findet infolge der Einstellung des Person envelkebres auf den Bahnen ni cht am 29. d. M/ statt; chre Abhaltung wird-tm schlistüchm Wege bekanntgcgebeu^verden.. DasPrivilegium der Defterreichisch-uugarischerr Bank. Wie wir erfahren, Haldie O e st er rei ch i s ch-u n g a r is ch e Bank bei der tschecho-slowaklscheu,Rcgrerung um die Verlängerung ihres Privilegiums angesucht. Elsenbahndikrtatur in Polen. Berlin, 23. Dezember. (Privat.) Der -Abend* melde au§ Warschau^ daß nach amtlichen Meldungen die Lage da polnischen Eisenbahnen geradezu katastrophal geworden ist. Dy belürchtet wird, daß die polnische Front gegen die Bolschewiken isoliert werden konnte, hat General Szepticki nach Rück» spräche mir der Regierung beschlossen, die Bahn in Polen eine Eisenbahndiktatur zn stellen. , ,f* BolschewiKrscher Fronibevlcht. Moslra«, 24. Dezember. (Funkspruch.) Bei Nanva hestlm Kampfe. Der Gegner hält Dünaburg unter GcschÜtzfener) An der Südsront wurden 15 Werst südlich von Berditschem einige Ortschaften besetzt. Die Station Bejark a, 20 Wer südlich von Kiew, wurde erreicht. Der Bormarsch dauert au. J> Abschnitt Charkow sind die Rortruppm aus 60 Werst südlich VPH dieser Stadt vorgerückt. Forderungen der Arbeitslosen. Der Zkntralansschüß der ArbeirsloünrLte Wiens teilt mit: Die ArbeMosenräte Wiens haben folgende Forderungen gufgrsiellt: , 1. Ausbezahlnng eines einmaligen Auschaffungsbeitrages in der Höhe von K 1000 an alle Arbeitslose. 3. Einstellung sämtlicher Arbeitslose» in die Betriebe. 8. Zuziehung der Arbeitslose» zu den paritätischen Abeitslosenümtern. 4. Zuziehung der ArbeitslosenrSte zu den industriellen Bezükskommlsfionen. Eine Abordnung der Arbeitslosen wurde gestern vormittags im Staatsamt für Finanzen zuerst vom Bürgermeister Reumann empfangen, der ihk mitte,lle, daß d-.e Gemeinde an die Ardeitslvseu keinen Zuschuß leinen könne. Staatssekretär Dr. R e i s ch s war im Hause nicht anwesend; in. seiner Vertretung hat Seklionsrat Dr. Grün den Abgesandten mitgeteilt. daß am 3". Dezember ein Kabine.ttsrat statlssnden werde, der fich mit den Forderungen der Arbeitslosen beschäftigen wird. Dre Aboidnung sprach ' hierauf tm StaatSamie iüt soziale Verwaltung vor. Staatssekrktar Hanusch hat es bisher mit der Begründung. daß kein Geld vorhanden sei, abgelehnt, sich mit dm Forderungen der Arbeitslosen näher zu befassen. Für Mittwoch den 31. d. M. ist eine Massenversammlung der Arbeilstosm m der Volkshalle des Rathauses angesagt. Die ZWölfenfelgruppe fallt an Griechenland» Paris» 24. Dezember. (Funkspruch.) Aus Rom wird ge^ rt; daß Benizel^oS in Athen mit der italienische« meldet; daß Benrzel'oS in Athen mit der italienisches S-onderwission einen Staatsvertrag abgeschlossen hgbe^ nach dem die Zwölfinselgruppe an Grieche land falle. Die beiden Inseln Astropalia und S t a.m^j p a li a verbleiben jedoch als Flottenstötzpuukt bei Jtalr«. '• Tagesbericht. Ohne fremde Valuta — kein Zmker. Protest des Bezirksarbeiterrates Favorite« geaen die ungarischeu Usbergriffe. Wir entnehmen der „Roten Fahne* folgend«» Bericht: " Kn der gestrigen Vollversammlung des Favoriten er Bezirksärberte'rrates wurde^ seitens der kommunistischen Fraktion folgende Protestresolution unterbreitet: -Die Vollversammlung des - 'BezlrksarbeiterrotrS Favoriten protestiert auf daS schärfste gegen die ungeheuerlichen Mordtaten der. weiß gar di str scheu üngarischen Legierung, die an dem Proletariat verübt werden^. . ' ' Sie protestiert weiters gegen die Internierung, der ungarischen Arbeiter^ und Arbeiterinnen in den verschiedenen Lagern. Sie fordert von der Regierung, da auf dem Boden der deutschösterreichischeü Republik unter Mitwirkung der ungarischen Gesandtschaft Menschenraub verübt wurde, dieiAusweisu^iH des verbrecherischen Gesandten und verlangt, daß1 die Regierung,pie Zurückiührung der Geraubten, unter dem Äshlrechte gestandenen Ungarn auf österreichisches Territorium durchsetze. Sie fordern ferner angesichts der unverschämten Betätigung der Agenten der ungarischen Konterrevolution iu Wien und Karlstein das sofortige energische Einschreiten gegen diese Banditen und die Ausweisung. Da anscheinend unsere Behörden nicht imstaiide sind, den Internierten den nötigen Schutz angederhen zu lassen, fordert sie die sofortige ' .Freilassung aller politischen Internierten. ' Die Vollversammlung fordert schließlich die . Exekutive des Wiener Kceisarbeiterrates auf, eine zentral, gelegene Kundgebung der gesantteri Arbeiterschaft Wiens , zu veronstatten, damit das Proletariat Gelegenheit habe, zu erklären: Falls die deutschösterreichische Neuerung diese unbedingt notwendigen'' Forderungen des Proletariats nicht erfüllt,^wird mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, . auch, mit denen der Gewalt, gegen die ungarische Mörde tg.cntrale ist Wien Vorgehen? Die Resolution wurde sehr beifällig oufg'enommen. Pie Abstimmung wurde aber verschoben, wohl well-die Sozialdemokraten sich nicht trauten, einen Beschluß zu fassyr, da Friedrich Adler zufällig nicht anwesend, war. .Wir aus Prag gemclbet wird, war die tfchecho-flowakische Reg«erung bereit, der österreichischen Regierung 30.^00 Tonnen Zucker zu litfmt. Doch kam die Lufirurm nicht zum Abschluß, weil die rschecho« slswakssche Regierung! die Bezahlung m J r c m b e t Valuta verlangte, bie Ocsterreich nicht beschaffen konnte. TelegraMMT: Brchapester MnLfterrat. . Budapest, 34. Dezember. Ning. Tel.-Korr,-Bur.) Jur gestrigen Minisierrat wurd« der Beschluß gefaßt, den Angehörigen der - m rumänische G e s a « g e n s ch a f r geratenen Soldaten der Brigade Kratochwill eine Unterstützung. von 20 M illi° .o k € n K r o n e n zuzuwenden. fvn der Fmge der In t e r n i e r u n g e n wurden die Vorschläge des Ministers des 'Innern, B e n i tz k y, e in» uimmig angenommer;. Dre Durchführungsverordnung wird derart abgefaßl fern, daß dru I n t e r n r e r u n g e» auch der Schein politischer V e r s o l g u u g genommen werden wird. , Nach eingehender Debatte über die mißliche ErnährungS» läge des Landes und namsmlrch der Hauptstadt wurde die Vornahme von R'e q 4i t f 111 o n t u beschlossen. Die Wahlen irr Angarn. Budapest, 24. D^ember. Ung. Tel-Korr.-Bur.) Entgegen den Blättermcldungen, wonach die Wahlen ans wertere dreißig Tage verschoben werden sollen, wird testgestellt, daß die Mahlen mr Nationalversammlung unbedinglam 25. Jänuer schttfindcn werden. ' - Dis SerHsN rZ«men. Szab<rdka. Budapest, 24. Dezember. (Tel -Korpv.) Wie „Nemreti Uisag* meldet, bereiten die Serben die E v a k u i e r-u n g von S r a b a d k a voic. Diese Resolution bezieht sich auf die von,««§ ^etsieldete EflLführung ungarischer polnischer Flüchtlinge durch.'Organe Friedrichs nach Ungarn. Es versteht sich von selbst, -daß' die Verschleppten kein mildes Schicksal erwartet, ja, es herßi .sirgar, daß einige von ihnen in einem Wald bei Raub berestL ermordet aufgefunden worden 'feien. Die ganze Affäre erinnert sehr stark an die Verschleppung der beiden Gesandten \kt Rateregierung durch ungarische Gardeoffiziere m das AKhalLLksrg einer pslnischen Mission. Warschau, 24. Dkzemder. (PrivM Wir 5en -Nowinh Copzirnnh* ans Teschen gemeldet wird, haben die tschechischen Behörden am l4. d. M. eine nach London und Paris reisende polnische Delegalion. an deren Spltze der-Bruder des Staatsoberhauptes, Jan Pulsud skr, stand, rum Verlassen des Enrentezuges. ae^wungen and nach T eschen zurückgescheckt. Die Delegation verstLüdigte von Teschrn aus telegraphtsch die polnisch; Regierung von dem Uebergriff der tschechischen Behörden. (41 PetSzura von Warschau abgereist. Warschau, 24. Dezember. Dv> Ukra>miche Pressedienst incldet: Amman P e t l j u r a ist von Warschau wieder obgercrst und hat sich zv semeu Trupvcu begehen, dre unter Führung der Atamane B i l o n 11 o « und P a w! e u k o in Wolhyme» in Rcorganssation begrrssen find. Die Tauben. Die nachstehende' Kriegsskizza NotLebohms, die mit anderen ErleLniffl zusammen demnächst in Buchform scheinen soll, mutet uns heute bereits aus einer fremden Welt an. i Am fcritte« Mobilmachungstage mutzte er sich stellen. Jps Lille, Henry Sigier, Sergeant im 21. fianzösischen Infam, terieregiment. Tags zuvor wanderte « hinaus, nach Tea^ pleude. Mit einem Laubenkorb. Der Braut wollte er die Lauben bringen. Alle habe» dort Tauben. Aber seine waren die Prächtigsten. Schöne Brieftauben, mit glänzend schillerndem Gefieder. Von seinen Eltern waren sie. Aus der Bretagne. Die Lauben sollten sed< Andenken sein. Sie würde an ihn denken, wenn sie die Law br« sah. — Am nächsten Morgen küßte, her Sergeant Ptz Tauben. Und seine Braut. Die Deutschen waren längst in Templeuve. Der tobte über Europa. Landstriche würden Wüsten. Und Tau! durften nicht fliegen. Rach Kriegsrecht. Wer eine Taube den Weg trug, hatte fein Leben verwirkt, von Krieg»! wegen... Und Fahre dauerte der Krieg. Man wußte nicht» von ixnen, die auf der anderen Seite kämpften. Einmal hatte fie Nachricht. 1915. Durch einen Kriegskrüppel. Der kam au» deutscher Gefangenschaft. Gr hatte mit dem Sergeanten ge» kämpft. Schulter an Schulter. Der Bräutigam war jetzt Sergeant-Major. Bon den Tauben hatte er gesprochen. Unh von der Braut. Das war vor drei Jahre«. Menschen töteten i «och immer Menschen. Blut floß wie Wasser in der Schelde am Dogen von St. Amand. Immer noch. Und die Braut Pflegte die Tauben. Und küßte sie ost Dann kam ihr der Gedanke: wenn die Tauben ihm Grüße brächten? — Die flogen sicher nach der Bretagne. Zu fein« Eltern. Nach der allen Heimat? Die Eltern sandten ihm dann die Grüße. Änd der Bräuttgam wußte, daß sie an ihn denktz \ und noch hofft und harrt.,— Wer eine Taube über de« Weg trägt, wird mit dem Tode bestraft. Nach Kriegsrecht. Lew langende Sehnsucht quält sie in schwülen Sommernächte«. Lauben tragen Grüße, wenn sie fliegen. Sie muh ihm Grüße senden. — Und Sonntag» in der Früh, im August, vier Iah« nach dem Abschied, trug sie den Korb hinaus, seinen Kork mit den Tauben. Hinter dem Dorfe, an der Lichtung j» Walde, fliegen die Taüben... Soldaten schossen sie ab. Beide. Die Lauben waren toi Tauben sind das Werkzeug der Spione im Kriege. Spionagej wird mit dem Tode bestraftauch versuchte. Nach Krieg-recht^ Hüben wie drüben. — Sie. wollte nur Grüße senden, an Bräuttgam, versicherte sie vor den Richtern. Die Braut zum Tode verurteilt. Von KriegSrechtS wegen... Auf dem Käfernenhof. Eine Gruppe Soldaten. Ein Offiziers Ein Geisllicher, der ein Mädchen führt. Gewehre werden geladen^ Ein scharfes Kommando. Schüsse gellen durch die Luft. Ein kurzer Schrei. Ein Ruf. Die Augen sehe» da» Bild de» Bräutigams. Zum "letzten Male. 1 Der Sergeant-Major Henry Sigier vom 21. ftanzösssch«l Infanterieregiment fiel im August 1918 in de» Kämpfe« bqr Lafalette. Am Tage als die Tauben flöge«. N n deck war« H*! XI 0 * N

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