Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-12-17 · Heft 325 (17.12.1919) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 325 (17.12.1919)
Date
1919-12-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979402--02860-2988426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seit- 6 Me». Mittwoch Wiener Morgenzettung 17, Dezember 1919 9Tr. 825 politische Entwicklung so völlig unterblieb, daß dieser Zeitabschnitt (von 516 bis 333) zu den geschichtslosesten unserer Vergangenheit zählt. ' . Während dieser ganzen Epoche lag Palästina, der bisherige Hanptkriegsschauplah, abseits von den weltpolitischen Ereignissen. Es war die Epoche des persisch-griechischen Kampfes. Die Stoßlinie ging von Babylonien nördlich an Palästina vorbei über den Bosporus nach dem Balkan. Palästina lag abseits und seine — zahlenmäßig recht geringe — Bevölkerung benutzte diese Situation, sich ganz von der Materiellen Welt abzukehren und in klösterlicher Abgeschiedenheit völlig der Treibhanszüchtung jenes Geistes zu leben, dessen Grundlagen sie in der Bibel und den Schriften der letzten Propheten auf ihrer Exilwanderung mit sich geführt hatte. Da den' Juden die materielle Existenz gexaubt wurde, wurden sie zum Volk des Geistes. Und unberührt von internationalen Geschehnissen, von Handel, Wirtschaft und Verkehr blieb es ihnen leicht, diese geistige Eigenart in ganz »»vergleichlicher Härte und Schroffheit emporzuzüchten. Diese Epoche endete mit dem Zusammenbruch der persi-. schen Großmacht. Mer die Idee des Weltimveriums, der Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsgebietes vom Persischen Golf bis zum Nil und zürn Aegäischen Meer wurde von den Hellenen ausgenommen. Nun gingen sie, nach zwei Jahrhunderten rein defensiver Haltung, zum Angriff über, 333 vor Christi öffnete sich Alexander mit den Schlachten Mi Granikos und bei Jssos gleichermaßen die Wege nach Babylonien, wie (quer durch Palästina)' nach Aegypten. Um sich zunächst den Besitz der gesamten Meeresküsten zu sichern, ließ er gegen die am Euphrat-Tigris stehende, zwar geschlagene, aber noch nicht vernichtete persische Hausitarmee ein Bewachungskorps stehen und wandte sich gegen Aegypten. Erst als dieses unterworfen war, überrannte er auch die persische Hauptgruppe und verlegte seine Residenz, die Residenz eines Weltreiches, das alle bereits zu Leben erwachten Territorien der damaligen Zeit umfaßte, nach Susa-Bagdad. Für Palästina bedeutete dies nur einen Herrenwechsel, Während die strategisch-außenpolitische^ Situation sich wenig önderte: es bliebnach wie vor, zusammen mit Aegypten und bem Nordreich, Provinz eines und desselben Staatswesens. Wer dieser Herrenwechsel bedeutete dennoch eine Schicksalsstunde für das jüdische Volk. Hatte es bisher in seiner Abgeschiedenheit vermocht, sich eine unzulänglich schroffe nationale Eigenkultur zu züchten, so war es den Griechen, wenn auch aus anderen Gründen, gleichfalls gelungen, ein geistiges Etwas zu schaffen, das einzig in seiner Art war. Zum Persertum stand es in diametralen Gegensatz, und dieser Gegensatz wurde während der ganzen griechisch-persischen Kriege deutlich genug empfunden. Von der jüdischen Einsiedelei wußte, man wenig — selbst Herodot hat auf seinen vielen Streifzügen das unwirtliche Jerusalem gemieden. Jetzt ober, wo Palästina in' das hellenische Reich einbezogen wurde, offenbarte sich, daß der jüdisch-griechische Gegensatz nicht nur schwächer, sondern daß er ungleich schroffer war als der persisch-griechische: denn die jüdische Kultur besaß im Gegensatz zur persischen eine urgewaltig ausstrahlende und revolutionäre Kraft. Die »sittliche Idee",-wie sie von den'Juden verstanden wurde, war damals ihr ureigenster Besitz — und mit ihr setzten sie die Welt in Brand, mit ihr untergruben und zersetzten sie die hellenische, ebenso wie später die römische und die germanische Denkweise. Der«griechisch-jüdische Zufammenprall war von unerhörter Grandiosität. Es war zunächst nur ein Zusammenprall des Geistes. Aber als nach Alexanders Tode bas Weltreich wieder in drei Hauptmächte, in das ägyptische Lagideureich, das seleukidische Syrien und Mazedonien zerfiel,. Franenbildnis. " Ein Krownrr Bild von Otto Abeles. Euch, ihr jüdischen Frauen, stelle ich dieses Bildnis einer Llhnin in die Stube. Blickt aus zu ihm in kummervollen Tagen, daß es euch erfrische unddurch bittere Stunden geleite, holt euch Rat und Trost, wenn euch die Verzweiflung bedrängt und haltet Zwiesprache mit dem Bilde, wenn euch Pas Schicksal eine Freude gönnt. A ■ Denn ein Lächeln grüßt aus diesem Antlitz, daZMuer Leid beschwichtigt, eure Hoffnung stärkt und euren Frohmut jegnet. * Oft und oft hat man mir in Krakau von Bube Machele erzählt. Der steinalte Reb Isaak, der sie noch als Knabe kannte, pries mir ihre Frömmigkeit, der Althändler aus dem Jofefsgähchen, bei dem ich zwischen großmütterlichem Geschmeide, erblindeten Kupferlampen und Sabbatleuchtern, die adelig wie verbannte Fürzen in dunklen Nischen standen, manche kostbare Stunde verbrächte, wußte nicht genug, von ihrem klugen Sinn zu erzählen und die Fischhändlerin aus der langen Gassi sprach mit Kopftviegen und Zungenschnalzen pon ihrer unendlichen Güte. Doch immer bekam ich nur ein Zipfelchen ihres Wesens zu sehen. Am achten Chanukah-Abend aber weilte ich bei Bube Macheles Urenkelkind, von dem ich vielleicht ein andermal erzählen will. Als ich nach der Urgroßmutter fragte, führte mich das Mädchen zu einer hölzernen, bunt geschnitzten Spieluhr, die von der «Bube" ererbt war, zog ein Fädchen an und eine glockenhelle Melodie klang zu mir herüber. Da hörte ich Bube Macheles Herz schlagen, und als ich am Heimweg wie vvn ungefähr durch die «hohe Gast'" ging, — die acht Lichtlein, die in jedem Fenster blinkten, hatten die Welt ganz enge zusammengerückt und die alten Zeiten zurückgebracht — blickten mich plötzlich ihre lichten Augen an und ich sah ihr ganzes getreues Bildnis. So, wie ich es damals sah, will ich es nun nachzeichnen und alle Krakauer Freunde, die sie ander» leben. wie ick. möaen nickt mit mir reckten. MOAUS ZUR. fc„ ,.—n i--Ji m Mo aus zur j'» schu -o - ssi 1'. H cho no*eli l’-schab-be-ach tik-kaunbes i fi - lovssi w’-schom tau*doh n’ - sab« ach, T - ess to chin mat -be - Ich ttiiz-zorham*nab-be - ach, os eg-maur d'- schir maur nukham-tnis-be ‘ mischankas ach. Ww geben obenstehend e ne zweistimmige Notierung des berühmten Chanukkahliedes, das in diesen festlichen Tagen des Gedenkens in allen jüdischen Häusern erklinat. Dem feierlichen und srlbsthewußren Charakter der Melodie entspricht der bekannte Text, der von R. Mordechai wahischrinlich >m 13. Jahihundect ver-aßt wurde. Die Singweise ist unter anderem in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1815 evthalten, die für Lord Byrons „On Jordan -banks" aus de» »Hebräischen Melodien" bestimmt war. Sie findet sich auch in emem Luther schensChoral verarbeitet. und als zwischen ben ersteren beiden wieder der uralte Gegensatz mit erneuter Gewalt entbrannte, so daß Palästina sich wiederum als Spielball zwischen zwei wechselvoll kämpfenden Großmächten sah, ofsenbarte sich, daß der Geist, stark genug war, sich auch politische Kampfesformen zu schaffen: und es begann die Makkabäererhebung. Geistig gegen, den Hellenismus, politisch vor allem gegen die syrische Gejvaltherrschaft gerichtet, gelang es ihr, das Land aus dem zermürbenden Chaos zur erneuten Selbständigkeit zu retten, das Volk, das lange genug nur Amboß war, endlich selbst wieder zum .Kammer" (Makkabi) zu schmieden. Der jüdische nationale Wille, durch die vorangegangene BergeistigungSepochc zur Siedehitze entfacht) gab der jüdischen Armee eine elementare Widerstandskraft, welche der syrischen, zahlenmäßig weit überlegenen Heeresmacht fehlte. Allerdings trat eine Reihe von glücklichen Uinständen hinzu, welche das Borhaben der Makkabäer wesentlich erleichterten. Es war allgemein eine Zeit des Abbröckelns. Die großen Staaten waren innerlich bereits morsch, es begann ein rasch zunehmender Zersetzungsprozeß. In . solcher Zeit waren die Aussichten für die Bildung neuer kleinerer Staatswesen recht günstig und davon profitierte auch Palästina.' Es war die Zeit zwischen zwei Weltreichen und jenes zweite, das. bereits seine Schatten . warf, das römische, war in der damaligen Situation geradezu als Förderer jüdischer Unabhangigkeitsbestrebungen zu 'be«. trachten: Es war vorläufig noch mit der Eroberung beS europäischen Kontinents beschäftigt und fand noch 3eit; sich auch den Weg nach dem Orient zu sichern. Immerhin aber traf es bereits Vorbereitungen dazu mrd zu diesen Vorbereituugen gehörten alle Maßnahmen, welche die syrisch«. Macht zu schwächen geeignet waren: lediglich aus diesem Grunde schloß Rom mit den Makkabäern ein Bündnis, , das die jüdische Unabhängigkeit garantierte. Der Makkabäerstaat war indessen auf vorsichtiges Lavien-Z zwischei' Noro ur*r Silo angewiesen, ein Zustand,' den ein starker Staat vielleicht eLtragen kann; der schwache aber muß daran zugrundegehen. Und wenn nach hundert- . jähriger Dauer dieser zermürbte und zerwühlte Staat von der neuen tstanbenen Weltmacht Rom aufgesogon und in daS Weltreich einbezogen ward, so war das eine zweifellos brutale, aber in jedem- Fall folgerichtige und unabweisliche.Lösung des Problems, die den gleichen Gesetzen unterlag, wie in früheren Zeiten. ' Die Frage, welche Vorteile das jüdische Palästina aus der Einbeziehung in das römische Weltreich hätte ziehen können^ wurde nicht beantwortet. Der Rassenstolz, der geistige Hochmut und die sittliche Ueberlegenheit, die das Judentum dem Abendland gegenüber zur Schau trug, hinderten es, mit" diesem seinen Frieden zu machen. Und so hämmerte Schlag auf Schlag die römische Faust auf das immer wieder sich auf- ‘ bäumende Land, bis es in majestätischer Glorie unterging. Das vierte Licht. Bon M. Aiwesmann. lAnS d^m Nuksi'cken von R. Sondowrsi'b.i Man sagt, daß die Alten mürrisch sind und gerne aus die Jugend schimpfen. Ihr müßt wissen, daß ich schon meine 60 Jahre' hinter mir habe, und doch liebe ich die Jugend und die Kinder vom Herzen. Als man meine Channele, meine Enkelin, verschickt hatte» sagten alle Bekannten: So ist's recht! Ein jüdisches- Mädchen muß nicht überall dabei sein. Wissen Sie, wäS ich darauf erwidert habe? Ich sagte: Wascht , euch die Hände» bevor ihr von meiner Channele redet! Ich habe ihr Geld dohingeschickt, und an ihren lieben, süßen Briefe« konnte ich mich garnicht satt lesen. Warum? Weil nur ich wußte, daß es solche Mädchen wie sie nicht alle Tage gibt. Gewiß, Gott wollte mich nicht auf meine alten Tage trösten ... Sie war ein schwaches zartes Mädchen und dort war es sehr kalt . . . Und Sehn». . sucht hatte, sie . . . Alles nach Seinem Willen! Gott gab» Gott nahm, gesegnet sei Gottes Pame. : Ja, worüber sprachen wir doch? .Ich glaube darüber» daß die Alten mürrisch sind? Ich bin auch, manchmal mürrisch ... Es tut mir leid, daß die Jugend so schwach im Glauben ist ... Gewiß, all die Gymnasiasten, Studenten, Doktoren, . Juristen, sind gelehrte Leute; aber war denn ein Rambam, gesegnet sei das Andenken des Gerechten, weniger gelehrt? Und doch schämte er sich nicht, zu sagen: „Ich bin vollkommen . überzeugt von der Ankunft des Messias, und ungeachtet., seines langen Ausbleibens harre ich dennoch täglich seiner Ankunft." Und die jetzigen jungen Keute? Ich könnte schwören daß mancher Student mehr an di? Elektrizität glaubt, als'. Ein freies gesundes Antlitz, dem niemand die sechzig Jahre ansieht. Der braune Seidenscheitel fitzt höher als bei anderen Frauen und läßt die resolute Stirn bis an die Schläfe frei. An Festtagen aber senkt sich über diese Sttrn ein köstliches, mattschimmerndes Perlenband und der ovale Smaragd stößt beinahe an die starken männlichen Brauen. In den braunen, gütigen Augen fitzt ein richtiger Krakauer Schalk und den geschürzten Lippen merkt man's an, daß sie kurze, würzige Reden finden. Gleichwohl neigt sich dieses Haupt schlicht, ja demütig bescheiden zur Brust, über die das wunderschöne, altjüdische Schultertuch aus türkischem Stoff zusammengefaltet ist. So ging Bube Machele, die Witfrau, durch Gaffen und Gäßchen, lauschte aus den Pulsschlag des Lebens und Treibens und half in ihrer frischen, frohsinnigen Art nach, wenn er ihr mcht richtig erschien. Vor allem dürsten die Frommen, welche sie wie eine Heilige verehren, nicht erfahren, daß diese Frau eine Krühstückstube eingerichtet hatte, die eigentlich recht sündhaft war. Traf sie nämlich des Morgens Jungen, die fröstelnd Hum Beten gingen, dann fragte die Bube Machele: »Habt ihr schon gefrühstückt?" »Nein", lautete die entsetzte Antwort. »Bor dem Früh» gebete darf man nicht essen!" Da lächelte die -Bube verschmitzt, führte die Knaben — so daß es kein Zaddik sah — in ihr HauS, gab ihnen warme Milch und aus dem schön eingelegten, vielladigen Schrank eine Schnitte Butterkuchen und entließ sie mit den Worten: »So, jetzt werdet ihr beim Beten Nicht ans Esten denken." Unter den zahlreichen Sorten von Leuten, die auf dieser Erde keine Sonne, sa nicht einmal das tägliche Brot haben, hatte sich Bube Machele eine ganz besondere Spezies zur Fürsorge ausgewählt: Die kleinen Gauner. »Mutter der Diebe" hat man sie genannt. Ihr kluger Sinn hatte es nämlich bald weg, daß'man kleinere Dinge dem Nebenmenschen nur dann stiehlt, wenn i der Magen knurrt, und daß nur der Hunger die Spitzbuben 1 in dieser frommen Stadt vermehrte. „Gebt ihnen zu essen, j Balbatim", sagte sie zu den Goldschmieden und Pelzhändlern, »und sie werden euch nichts fortuehmen." Sie kannte jeden Marktgauner und jeden Ladendieb und bald wandte man sich nur mehr an Bube Machele, wenn irgendwo eine Gans oder ein Federkiffen, Küchengeräte oder gar silberne Leuchter verschwunden waren. „Gib was her", sagte sie kurz und ' bündig, »geh in einer Stunde nach Hause und du. findest schon wieder deine Sachen an ihrem Platze." Dann suchte sie den Langfinger mit ausgezeichneter Fertigkeit heraus, als wäre sie selbst in die Spitzbubenschule' gegangen, wies ihn gar strenge an, das gestohlene Gut schleunigst zurückzutragen, — da sie ihn sonst dem Büttel übergebe -7- und ließ es an tüchtigen und kräftigen Schmäh« -' Worten nicht fehlen. Bald war alles in Ordnung uttb di« Kinder des Missetäters hatten überdies am Freitagabend ein Stück Fisch am Teller. So ward Bube Machele Richterin in der Judenstadt ~~ wie einst Deborah, die Weise, unter dem Feigenbäume — und führte strenges und doch gütiges Regiment Dabei hat die Bube eine Kunst nicht verlernt, die st« "* feit frühester Kindheit mit heiterem Anstand übte: Sie tanzt» wie einst, als sie alle die Greise unb Mütter, die Kinde» und die gleichaltrigen Mädchen mit anmutigem Drehe« zu, Geige des KleSmerS mit bezauberndem Lächeln, mit har, manischem Wiegen deS Körpers und Schixrngen der. Arm« . zu Hellem, taktfestem Händeklatschen und Köpfenicken ent,-, zückte. So tanzte sie auch jetzt noch, wohl mit geruhsamere» Bewegungen, aber jungen, glanzenden Augen, und sie tanzt« just dort, wo sie gar nicht geladen war: Auf den Hochzeiten der Armen. Waren zwei blutarme Leute unter dem Trauhimmel verbunden worden und saßen sie bei dem einsamen karge» Hochzeitsmahl, dann holte die Bube Machele heimlich ei> paar Spielleute und eh man's versah, stand sie in de, niedrigen Stube des jungen Paares, raffte, ein Liedchen . summend, die Röcke und tanzte, daß es eine Lust war Brummbaß und Flöte klangen durch die Gasse, es träte» Neugierige ein, die Bube holte sich einen Tänzer aus de,. Schar der neuen Gäste» reichte ihm zierlich ihr Tüchlcin. daß er es am anderen Zipfel erfassen mußte und sich z».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.