Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 305 (26.11.1919)
- Date
- 1919-11-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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l Seite 2 Wien, Mittwoch ... - •r,-^T»IVT.- ' . Politische^undscha«. Der Kampf um den Friedensvertrag inAmerika f Aus Washington wird telegraphiert: Lvdge jcrKÜrte gestern, daß die Vorbehalte des Senats konütees!sür auswärtige Angelegenheiten in ^enyr Fassung, in be^ sie dem Senat unterbreitet wurden, bestehen« bleiben müßten, da es zwischen dem Uramerikanismuls und der Ueberregierung, wie sie der Völkerbund barstelle, keinen weiteren Raum für Zugeständnisse dar stelle. Lodge wünsche bloß, seine Vorbehalte dem amerikanischen Volk vorlegen zu können; an dieses! M ihn höchste Tribunal wolle er beruhigt appellieren. i Dazu erklärte Hitcheock, daß auch seine Partei es begrüßen würde, wenn die Vorbehalte in die politische Kampagne einbezogen würden. Er halte es jedoch!für patriotischer, wenn ein Kompromiß zustande käme. Nie demokratische Partei halte ei für ihre Pflicht, den Friedensvertrag durchzusetzen und rechne darauf, daß die Öffentlichkeit «inen Ausgleich zwischen den strittigen Parteien erzwingen werde. „New York Times" erklärt, es bestünden Präzedenzfälle, die darauf Hinweisen, daß LodgeS Antrag, bei Krieg mit Deutschland als beendet zu erklirren, vom Präsidenten gutgeheißen werden müsse. Die Entente und Rußland. Nach Meldungen aus Helsingfors ist der Bund be^ Randstaaten Estland, Lettland und Litauen so gut wie abgeschlossen. Die Bundesbestimmungen, sollen nebenden ^ilitätifdjen auch wirtschaftliche und politische Fragen umfassen. Die Hauptfrage des Bundes soll der Friedensschluß mit Sowietrußiand-biDen. Di« Verhandlungen wurden mit dem Volkskommissär Aitwinow. geführt und ein Abkommen über den Austausch der Gefangenen wurde geschlossen. Es ist vorläufig nicht bekannt, wie sich, die Entente und namentlich England zu dieser Frage" verhält und ob die ehemals russischen Randstaaten, im Einvernehmen mit den Großmächten beä Westens vorgeganzen sind. Nach wie vor bleibt die Haltung der Enteüte Rußland' gegenüber unbestimmt. Lloyd George hat in seiner letzten, b«c Politik der Entente Rußland gegenüber gewidmeten Rede darauf hingewiesen. dast nach den Mißerfolgen der gegenrevolutiojgären Negierungen eine starke militärische Unterstützung derselben schwer möglich sein werde, aber im übrigen hat er sich in seine» Ausführungen so unbestimmt ausgedrückt, daß über die Absichten Englands und der, Entente gegenüber Rußland wenig Klarheit zu gewinnen i st. . .. Inzwischen ist der Abgeordnete O'Grod y von der Latour-Partei nach Kopenhagen abgereist, um mit den Bolschewiken über die Frage des Gefangenenaustausches zu verharrbelu. Der Abgeordnete, den die englische Regierung schickt, war im Jahre 1917 zusammen mit Hendsrfon als Mitglied der englischen Mission in Rußland und hat nun mit Litwinow verhandelt. Die englische Negierung hat in einem CommuniquS erklärt, daß lediglich über die Gefangcncnfrage beraten werden soll, aber nach Londoner Berichten stößt diese Erklärung auf einigen Skeptizismus und die Mehrheit der Presse äußert sich hierüber recht befriedigt. Man nimmt die ossiziLlle Mitteilung, daß weder Frankreich nöch England.für die anttbolschewikischen Regierungen in Rußland neue Opfer bringen werden, erleichtert auf. Obgleich datz CommuniquS hinzufügt, baß sich die beiden Negierungen von allem enthalten werden, was die Sache der Bolschewiken stärken könnte, glaubt man, daß, falls ein ernster Schritt von seiten der Bolschewiken erfolgte, dieser doch in Erwägung gezogen würde. Vielleicht kommt es doch noch zu Verhandlungen 'zwischen der Entente und den Bolschewiken, nachdem Jie eingesehen hat, daß die Hoffnungen, die man auf Aoltschak und Judenitsch. und Denikin setzte, vergeblich waren, zumal, da die türkische Frage allem Anscheine . nach ohne eine Entscheidung über.Rußland in Schwebe bleiben muß. _ Die a«Sl8ndischerr Anden. Das Londoner Jüdische Korrespondenzbureau meldet: Die Londoner „Gazette" teilt mit, daß im Monat Oktober 276 Naturalisierungen vorgenornmen wucken. Etwa 90 Prozent der Naturalisierten sink) russisch, polnische und galirische Juden. Auch in Preußen wurde unlängst ein Erlaß veröffentlicht, welcher die Naturalisierung ausländischer Juden erleichtert. Ueberhaupt hat die preußische Regierung in dieser Frag« neuerdings eine Haltung'eingenommen, welche der österreichischen, die. doch nicht minder sozialistisch sein will, zum Vorbild bienen könnte. Preußen lehnt es ab, die jüdischen Flüchtlinge, die sich :'auf seinem Gebiet ein Asyl gesucht haben, den östlichen 'Horden auszuliefern. Die Ausweisungen sind auf das penkbarste Minimum reduziert worden. Die diesbezüglichen Kundmachungen und' Erlässe wie auch die Reden!ber Negierungsvertreter im Parlament atmen den Geist!ber Menschlichkeit. Dabei ist Wolfgang Heine, der Minister des Innern, aus dem antisemitischen „Verem Deutscher Studenten hervorgegangen, so daß er viele Vorurteile an sich selbst zü überwinden hat. Auch der ivon anderer Seite gegenwärtig so intensiv betriebenen ^Pogromhetze tritt die Regierung mit größter Schärfe 'en festen. Ein eigens hierfür errichtetes Bureau dient -der rücksichtslosen Bekämpfung dieser Hetze» Wiener MorgenzeitunA 28 November 1919 Nr. S05 Volksgenossen! \ \ * . Nicht auf Grund kapitalistischer Berechnungen, sondern nur im Vertrauen auf Eure Unterstützung haben wir vor acht Monaten die „Wiener Morgenzettung" ins Leben gerufen. Unser Vertrauen hat uns nicht getäuscht Trotz aller Schwierigkeiten, die oft genug unüberwindlich schienen» ist die Zeitung zu einem Sprachrohr geworden, das alle Eure Leiden und Wünsche vor das Ohr der ganzen Welt, vor die Negierungen der Völker trägt und diesen Wünschen Anerkennung erringt. Wertvolles ist auf diesem Wege bisher erreicht worden, Größeres steht uns noch bevor Aber die „Wiener Morgenzeitung* soll nicht nur Euer Organ, sie soll auch . > Euer Eigentum sein. Jeder von Euch soll wissen, daß es sein Blatt ist und daß er daran Anteil hat. Vielen von Euch ist sie in dieser Zeit, wo Ihr oft in Eurer Not keinen anderen Schutz besaßet als diese Zeitung, ans Herz gewachsen. Aber Ihr mußtet ihr bisher fremd und unbeteiligt gegenüberstehen. Der' Gesellschaftsvertrag mußte den Betrag für den stimmberechtigten Anteil auf K 5000.— festsetzen. Dadurch wurde den meisten von Euch eine Beteiligung unmöglich gemacht. Das Blatt, das itn moralischen Sinne nie etwas anderes war als das Eigentum des jüdischen Volkes, dem allein es dienen will, gehört im juristischen Sinne einer beschränkten Anzahl von Aktionären. Aber es gibt eine Möglichkeit, Euch den gebührenden Anteil zu sichern: Tretet dem „Verein jüdische Presse" bei!, Dieser Verein gibt Bausteine in Höhe von K 100.— aus, deren Erlös restlos in Anteilen der „Wiener Morgenzeitung* angelegt wird. So wird jedes Mitglied für.seinen Ungezählten Beitrag . Miteigentümer der Zeitung. Und wenn Ihr Euch an der Aktionärversammlung beteiligen wollt, so werden die von Euch gewählten Vertrauensmänner dort Eure Wünsche vertreten. ^Volksgenossen! Da? jüdische Tagblatt dem jüdischen Volk! Jeder trete dem Verein bei! Unsere Presse ist unser einziger Schutz! Für den Verein jüdische Presse Abg. Robert StriÄer. lAumtldttNsiM mit Angabe. wie viele Bausteine übernommen werden, sind an du Adresse deS VrrünrS, Wien, II., Taborstmße 1/3. zn richten.) '■ So beginnt endlich auch in Preußen/dem Hort >. des „geistigen" Antisemitismus, ein neuer Geist Einzug zu halten. Nur Wien bleibt von allen Wandlungen der Zeit / unberührt. Rings um Wien herum hat sich Europa verjüngt und von Grund auf verwandelt. Wien allein blieb, was es war, unerschüttert, unangreifbar, wie ein Fels im Meer. Darum flüchtet sich al^r Geist, der am Alten haftet, hierher — unb der Judenhaß, die Verfolgung und Preisgabe der „ausländischen" Juden werden heute hier rücksichtsloser gehandhabt, als es je in Preußen der Fall war. . Zeitvertreib. Die Deutschen vertreiben sich die Zeit mit allerlei Dingen, deren Sinn oft recht schleierhaft ist'. Kautsky hat seiner-eit Material über die Schuldfrag« gesammelt, um es zu veröffentlichen — aber er wurde daran gehindert und stätt dessen* trat ein. „Untersuchungsausschuß" zusammen, dessen Verhandlungen sich zu den. vergnüglichsten Unterhaltungen deS vergnügungssüchtigen Berlin entwickelte. In den Vordergrund der Aufmerksamkeit drängte sich, wie schon,, früher, Helfsexich. Wenn er die Absicht Hütte, bas Parlament, in dem die Verhandlungen tagten, in ein KoinödienhauS - zu verwandeln, 'so ist ihm bieS vollauf gelungen. Zweimal mutzte sich brr Ausschuß zu mehrstündiger Beratung zurückziehen, itm darüber schlüssig zu werben, wir er Helf'erichs provozierendes Verhalten quittieren sollte — zweimal beschloß er, eine Geldstrafe vor? je 300 Mark über den Millionär zu verhängen, dessen Prunkschloß im Tiergarten bisher noch von SozialisierungSversuchen verschont blieb. Doch die Komödie hat noch einen dritten Akt: Bremer Dentschnationale haben telegraphisch Herrn Helfferich SO- Mark angewiesen, damit er auch für die zu gewärtigende dritte Ordnungsstrafe gedeckt sei. Alldeutscher Zeitvertreib! Statt zur produktiven Arbeit zurückzulehren, vergnügt man sich mit schlechten Witzen. Und. selbst der „Vorwärts" nimmt breitspurig vor einem Schreien des Angestelltenausschusses der Firma A. Wertheim Kenntnis, ,Has entschiedene Verwährung gegen die Aenßerung e'nes-Redners auf einer unserer. Sonntagsversammlungen einlegt, der von He^ferich gesagt hatte, er mache den Eindruck eine- Rayonchefs von Wertheim, der schlechte Manieren habe. Die Rat-onchefs der Firma Wertheim protestieren gegen jeder! Vergleich mit Herrn Helfferich und erklären, daß jeder einzelne von ihnen entschieden ein besseres Benehmen an den Tag gelegt hätte, als Herr Helffsrich". Wenn schon die Rayoncheftz von Wertheim Zeit haben, gegen Vergleiche mit Helfferich' zu protestieren, mvü es schlimm bestellt fein mit der Konjunktur. KahiaetLskrise in Pole». Aus Warschau wird telegraphiert: Blätter all« Parteirichtungen beschäftigen sich, lehr eingehend mit den immer bestimmter auflauchenden Gerüchten über die Möglichkeit eine» Kabinettskrise. In parlamentarischen Kreisen wird sogar davon gesprochen, M'iiisterpräsrdrnt PnderewSki werde eventnckl «och vor der Landtagsdebatte Über sein Exposä zurlickuetcn. Dü Kabinettskrise steht übrigens auch in einem inneren Zusammen» hang mit der Frage der MthrheilSbilduvg im Landtag. In. dm Couloirs des Landtages werden bereits einzelne Kandidaten genannt. Am häufigsten Hort man die Namen Dr. B i l i n S k ib Dr. B s b r - y n s k i und W o j e i e ch o w S k i. Gegen die Pogrome der Freiwilligen . Denikins in Kiew. Die jüdische Einwohnerschaft von Kiew, die in der letzte» Zeit von seiten der D e n i k i « - T r u p p e n Schreckliches z« erdulden hatte, entsandte eint Deputation zum Metropoliten A n t o n,t u 8 mit der Bitte, er als Oberhaupt -er Kirche möge sich an sein orthodoxes Volk rmd Militär mit dem Appell wenden, die «uschuldige jüdische Bevölkerung in Hinkunst nicht durch Pogrome zu verfolgen. . Elemeneeau gegen die Heimseridmig der deutschen Kriegsgefangenen. Dem Vorsitzenden der deutschen Friedensdelegation te Versailles ist an! fein Schreiben wegen der Heimbetördcrung der deutschen Kriegsgefangenen m Frankreich eine Rote ClemenceauS Übergeben wo,dm, rn der es Hecht: Nach Ihrer Behauptung sollen wiederholt Versprechung« gemacht worden sein/ welche die Annahme re.öiter tige«. daß die Heimschaffnng sofort «ach der Ranstkanon deS FrledmSoertragrS durch die franzonsche Regierung stattstnden würde. Die fiamSfische Regierung bat niemals etwas anderes versprochen, als die Bestimmungen deS FriedrnsvertrageS zu erliillru. Angesichts der p l a «- mäßtgenBerwüstung aller von den Deutschen besetzt« Gebiete Nordsrankreichs darf sie einer Abweichung vom Vertrag zugunsten der deutschen Gcfangmen m Frankreich nicht z «- stimmen. Die Gefangenen werden augenblicklich dazu verwendet. mit d'r W i e d e r g u t m a ch u n g dieser abscheuliche» Taten den Aniang zu machen. Wrr schulden Deuischland nichts als die genaue Erfüllung deS Vertrages, den es am Ende eines e r b a r m « n o Sl o je« Krieges anaenounnen hat. eines Krieges, den Deutschland den rivilisiertcu Völkern autgezwungm hat. Inland. Parlamentarisches. Heute nachmittags stndet eine Sitzung der Nation a V Versammlung statt, in der eine große Anzahl von Büv lagrn zur Erledigung g'langt. Um lv Uhr vormittags tritt der H a u h t a u S s ch u 8 rusammen. Außerdem wird der U n t e r r r ch t S a u S s ch U 8 das Gesetz betreffend daS DienstoerhällniS der Hochschulassisteme» beraten. Sowohl die Sozialdemokraten als auch die Gr y ß d eut f ch e n hallen heute Vollversammlungen ab. Anerkennung der Republik Oesterreich durch Argentinien. - Die argentinische Republik bat laut Dekret vom 18. d. M. die Republik Oester, eich ofsichll anei lannt. AuS diesem Anlass« wurde gestern der Gesandte Dr. P e r e z vom Präsidenten der Nationalversammlung empfangen. Die Amerikaner für unsere sibirischen Kriegsgefangenen. Nach einer^ Mitteilung, der schwedischen Mission in Washington besteht die Aussicht, daß das ameLikantsche „Rote Kreuz" die Tätigkeit der dänischen Funktionär« 1ir> Sibirien übernimmt. Das amerikanische Rote Kreuz ist bereit, die Ausgaben für di« Organisation de-- Hilfsdienstes zu tragen, hat aber keine Mittel zur sonstigen Unterstützung der ZkriegSgefangeneu; doch würde es die amerikanische Regierung mit Besriedigung fthen, wenn die notwendigen Beträge durch die in Amerika ansässigen Oesterreicher und Ungarn aufgebracht werden könnten. dies möglich Ist, wird die" schwedische Mission jetzt zu'erheben versuchen. Sowietrnßland für Bela Kun. DaS Tet.-Korr.-Bur. meldet: Der gestern der*, öfkentlichte Funkspruch deS russischen Volkskomm-i.'sar'.ates für Aeußeres findet in personeller Beziehung eine Aufklärung dahin, baß das österreichische Kriegsgefangenen- und Zivilinterniertenamt über daS Schicksal des nach Rußland entsendeten Delegierten Heinrich Alter Erkunhiguntzen ein^og. Das Funkentelegramm der Sowietregierung bezieht sich daher offenkundig auf die nach Rußland entsendeten Delegier t e n deS. Kriegsgefangenen- und Zivillnterniertenp. amtes. 1 i i * ' i Diese Meldung bezieht sich' auf den gestern ausgefangenen verstümmelten Funkspruch, aus Moskau, auS dem hervorzugehen scheint, dgß die russische Sowiebregr-'rung in Rußland befindliche Oesterreicher allst' Geiseln sestgerommen hat, um die Auslieferung Bela KunS an Ungarn zu verhindern. % -- Ein fremdenfeindlichek Beschluß des Tiroler Landtages» Innsbruck, 25. November. (Korr.-Bur.) Der Tiroler, Landtag trat heute zu seiner vierten ordentlichen Tagung Zusammen. Die Abgeordneten Dr. Maneschg und <8* nassen brachten einen DringlichkeitSantrag ein, worin eK heißt: Der gegenwärtige Valutasiand der Kroye wird von Angehörigen fremder Staaten und. ^MttiroWen,