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Wiener Morgenzeitung · 1919-11-26 · Heft 305 (26.11.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 305 (26.11.1919)
Date
1919-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wären wir nicht mit allen Sinnen, mit allem Besitz und mit allen Hoffnungen an dem Unglück beteiligt, das Europa betroffen hat, so würden wir es vielleicht amüsant finden, die verschiedenen Meldungen zu lesen, die wie der Herbstregen auf uns herniedergehen und die Stimmungen schildern, die die grotze Not in deß. glücksicheren Staaten auslöst. Alles versichert seine Sympathie, überall werden Aktionen vorbereitet, Augenzeugen erzählen in den heimatlichen Zeitungen Hluchzenö einem bekümmerten Publikum von dem Kinderelend, Botschafter sind gerührt und Kuriere, die in Hren Aktentaschen Devisen hereinbringen, g'eben gerne Interviews über ihre Erfahrungen. So viel allgemeine Teilnahme, so viele Komitees, Ausschüsse, Kommissionen, Referate, Berichte, Resolutionen, Expertisen, so viele Versprechungen und Versicherungen. Und bei alledem geschieht nichts. Kinder erfrieren, die Züge stehen, die Maschinen feiern, die Arbeiter beschäftigen sich teils, mit Schleichhandel, teils mit dem Abholzen der Parks und Wälder, teils Mit Warten auf bessere Zeiten. Es ist eine Lust, zu leben. ■ Man wendet ein, daß die österreichische Npt doch nur ein Teil des großen europäischen Elends sei. Daß eben der Krieg an keinem Staat spurlos Vorbeigehen und-sich in den besiegten ^Ländern nur rascher und schwerer fühlbar mache als in den Siegerstaaten, deren bessere Organisation und. technische Durchbildung, unterstützt durch das moralische Hochgefühl des Erfolges, es> ihnen gestatte, vorbeugend aw die Lösung des Kriegsproblems'heranzutreten undseinen- Schätzen zu beg^gpeM Das mag als richtig.GngenoMmsm^verdcn.-'-'ES gibt zwar eine ganze' Menge von Momenten, die den Beobachter bei der Beurteilung, der Vorgänge in diesen Staaten i zur Vorsicht mahnen. Aber sie haben es doch sicherlich leichter, und ihre Bevölkerung befindet sich in der Hoffnung auf eine, ansehnliche Kriegsentschädigung der Unterlegenen, die ihnen die Sorge für die Invaliden und für die Kriegswaisen erleichtern soll. . -Aber-selbst wenn man ein wenig leichtsinnig wäre uvd die Bedenken ob der Stichhältigkeit dieser Argumentation beiseite schieben würde, mutz doch die Frage entstehen, ob die Siegerstaaten in der Lage sind, Mittel- und Südosteuropaßü Hilfe gu kommen. Dev ^äußere Anlaß von der Menschlichkeit, die in -dom Europa von ^heute keinen Kurswert besitzt, sei schamhaft geschwiegen —wäre die Angst vor der sozialen Revolution und als solche an und'für sich ein sehr kräftiger Antrieb. Aber die Ententestaäteu sehen die. russische Sowietrepublik in zwar siegreiche, aber blutige und verlustreiche Kämpfe mit den Landsknechten der Entente verwickelt,'in einen Krieg, der alle Kräfte . aüfzehrt und den Moskauer Herren die Zeit und Mög- ' -lichkeit einschränkt, . mit ihren reichen Geldmitteln außerhalb ihrer Grenzen zu arbeiten. In Ungarn wirst der Thron der Habsburger seinen Schatten voraus, in Deutschland kämpft die 'Republik schwer gegen das Andenken an das Dutzend verjagter Dynastien. Durch das Pariser Prisma gesehen löst sich also all die Angst vor der roten Hlut in ein wunderschönes, in allen Farben wes Regenbogens schillerndes Bild auf. Die Revolution —. Wähnen sie — ist besorgt und aufgehoben. Iw übrigen aber kreist auch über ihren Loinden der Pleitegeier mit seinen schweren Schwingen. Der Feldanbau und damit die Ernte ist zurückgegangen, Deutschland wird, Oester-' reich kann nichts zahlen. Und um den verröchelnden Besiegten zu helfen, fehlt es vielleicht nicht am Willen, aber doch an Waggons, an Kohlen, an Rohstoffen. Und der FelilerkrerS schließt sich. Krone und Mark sinken und ziehen die Währungen der anderen Staaten, die weder ethnisch noch verkehrsgeographisch einheitlich konstruiert sind, mit in den Strudel. ' Denn alle Schuld, rächt sich auf Erden. Die Friedens- . konferenz hat einen Zustand. geschaffen, der sich vom .Krieg nur dadurch unterscheidet, daß offiziell nicht geschossen wird. Inoffiziell wird weitergeryüft: In Rußland, in Thrazien, in Ungarn , und an einigen anderen Olten, über die nur hie. und da etwas bekannt wird. Die Friedenskonferenz hat ein Spiel getriebenMdas sic. nicht beherrschen kann, und bei dem Siegesmal findet sich nun Banquos Geist ein und heischt sein Recht. Tie Friedenskonferenz hat all die aus.den Massenfriedhöfen ans Tageslicht dringenden. Fragen ineinander ge- - schachtelt, kann sie nicht entwirren und selbst der Schwert- Hieb Alexanders, der einstmals den Gordischen Knoten öffnete, kann nicht mehr geführt werden. Den, AM, ^gr dieL verUMe, MMydk aMrm MnM, Ein Komplott gegen Venizelos. A t h e tt, 24. November. (Reuter.) Hier ist ein Komplott entdeckt worden, das von Offizieren, die Anhänger des Königs Konstantin sind, angezettelt worden ist und die. Ermordung Venizelos^ und den Sturz des gegenwärtigen Regimes znm Ziele hatte. Es wurde eine Anzahl von Verhaftungen vorgenomrne«. Kein- Abbruch der Verhandlungen zwischen Deutschland und der Entente. Berlin, 25. November. Das Wolffsche Bureau meldet: Ministerialdirektor von Simson, der heute früh aus Paris zurückgekehrt ist, erstattete dem Kabinett über die Pariser. Verhandlungen Bericht. Die Rückreise erfolgte, weil in der Angelegenheit der Versenkung der Floste bei Se-apaflow neue Instruktionen nötig t wurden. Alle Kombinationen, als hinge die Abreise Simsons mit der - Haltung des amerikanischen .Senats zusammen, sind also gegenstandslos. Deutschland hat ein Interesse nicht an der Verzögerung, sondern onr Abschluß des Friedens'. Damit werden auch die Andeutungen hinfällig, als bedeute die Abreise Simsons einen Abbruch., der neuerlichen Verhandlungen. Paris, 25. November. Der Oberste Rat hat beschlossen, an die deutsche Delegation in Beantwortungder Note, mit der sie der Friedenskonferenz die Abreise ihrer Bevollmächtigten mitgeteilt hat, eine Note zu richten. Sie wird ohne Zweifel morgen veröffentlicht werden. Die deutsche Regierung und die Lage; : itn Baltikum. - ' — - Berlin, 25. November. Das Kabinett wird sich wie dre „Deutsche Allgemeine Zeitung" berichtet, in seiner heutigen Sitzung mit den außerordentlich schwierigen und ernsten Verhältnissen im Baltikum befassen. Das. Blatt erfährt, daß die Verbandskommission zur Prüfung, der baltischen Angelegenheiten die Beförderung größerer Trnppenmassen, die den deutschen Truppen im Baltikum zu Hilst kommen sollen, abgelehnß habe. PaS Blatt macht auf den Schaden aufmerksam, den die Haltung der Truppen im Baltikuin dem ganzen deutschen Volke bereits zugesützt hat. Die Ostsee-Blockade ist sicher auf das Konti) dieser Vorgänge zu setzen. Die Behandlung der-'Gefangenenfrage wurde durch diese Vorgänge im Baltikum nachteilig beeinflußt und enhlich - antwortete die Ententekommission auf das Verlangen deutscher- Käufleute, rhnen'Kredit einzuräumen, in. einer Note-, daß von einer^Kreditgewährung keine Rede sein könne, so länge: deutsche Truppenverbände es ablehnten, sich hinter die Grenzen des Deutschen Reiches zurückzuziehen. ’ Ei« newes Koalitionsregime in Rntz- - land? Paris, 26. November. (Kyrr.-Bur.) Der Korrespondent der „Times" erfährt Uns Warschau, das alle aus Rußland eintreffenden Nachrichten auf einen Sinnes- Umschwung der Bolschewiken schließen lassen. Diese machen sich mit dem Äedanken vertraut, allgemeine Wahlen für die Konstituante auszuschreiben und suchen eine Koalition mit anderen-, gemäßigteren revolutionären" Parteien. . Düs ist nämlich der dritte und der tragischeste Grund, weshalb die Siegerstaatön zur Untätigkeit gezwungen sind. Das Elend ist auf den Markt getragen und zu einem Streitgegenstand geworden, um den sich Käufer schlagen. Will Italien helfen, so sagt Frankreich nein. Will England eingreifen, so regt sich die gallische Eifersucht.. Wie überhaupt die Entente von heute in seinem Punkt das Bildeiner einigen Familie bietet. Der Kieg ist aus und die Freundschaft hat ein Ende. Es gibt Streitigkeiten um die Bdute in Afrika, in Ostasien. in Syrien. Ward je in solcher Stimmung noch ein Weib gefreit? Die Lebensinteressen der großen .Staaten' stoßen außerhalb Europas fast unentwirrbar aufeinander. Man hört wieder die alten vertranten Phrasen von der wirtschaftlichen Durchdringung, von den Interessensphären., von' den ökonomischen Bedingungen, die unbedingt und unter allen Umständen erfüllt werden müssen. „Den Streit /der Könige bezahlen die Achiver." Die Staatsmänner hadern. Und m den Wiegen weinen Kinder vox Hunger. StaatskanzLer Dr. Renner über ittttercj und äußere Politik. AuS Klosterneuburg wirb uirs berichtet: Hpr einer Massenversirmmlnng sprach Staatskanzler Dr. Renner über politische und wirtschaftliche Fragen der Gegenwart und - Zukunft. „Es fällt einem schwer," begann er, „in dieser Zeit, in der wirum jeden Tag unseres Daseins . schweren Kampf führen müssen, uns loszurkißen von. den > Sorgen des Augenblicks, um den Blick der Zullrnft zuzuwenden. Ich warte täglich bis in die späte Nachtstunde, auf die Telegramme aus dem Westen, die uns die Zusendung von Lebensmittel«, die Gewährung von Kredit, ankündigen. Ich wart«- Tag für Tag unruhig, sorgenvolle die letzten Depeschen ab. Es'muß gesagt werden, daß, während' das alte Oesterreich in der ganzen Welt verhaßt,, veyachtet ' war, gegen das junge, arme kleine Oesterreichs keine unfreundlichen Gesinnungen gehegt werden. Das Regierungssystem, das wir gewählt haben, wurde den - Ungarn zur Nachahmung empfohlen. Ich sehe überall den guten Willen. Doch wenn es sich darum handelt, uns ein, paar Millionen Kredit zu gewähren, müssen erst pie Großmächte der ganzem Welt zusammengeholt werden, um langwierige Beratungen zu pflegen. Ich fürchte, ehr der Arzt kömmt, wird pe&. Patient zugrunde, gegangen sein. Ich habe alsofür den' Augenblick die' größten Sorgen und richte - an bas .ganze' Volk, am Lande it* in den Städten, die'Bitte, sich bessMi bewußt zu sein, daß - wir von einer ungeheuren Uefahxj bedroht sind, daß wir opferbereit zusammenstehen müssen,: damit wir nicht zu fürchten brauchen, daß - die»Mensche»; in dieser Gefahr die Besinnung verlieren. Die StaalK». ämier bieten alles aus, um diese Gefahr zu bannen. Astmr! wir die schrecken dieses Winters überstehen, wenn. es . gelmgt, die notwendigsten Vorsorgen zu treffeu, um übör diese Krise hintvegzukommen, dann bin ich für die. wtzitepe Zukunft nicht besorgt. * ' . , Die Vermögensabgabe soll bereits unser Geldwesen i» Ordnung bringen. Wir müssen aus dem LürSlande Kredit bekommen zur Beschaffung von Lebensmitteln. Es braucht nns niemand was zu schenken.' Man hat uns nicht erlaubt^ Kunstschätze zu veräußern, aber man wird uns diese Er-, laubnis geben müssen. Wir müssen Rohstoffe beschulen für; unsere Produktion. Dadurch, daß unsere Valuta Knsammeugebrochen ist, reißt sich die Welt um unsere Produkte^ Die Welt hat einen Warenhunger, der beispiellos ist. Die. Lebensmittelknappheit, die in der Welt besteht, ^wird irr! zwei bis drei Jahren zurückgehen, der Hunger nach indüsty^ ellen ^Erzepgnisstn wird ein Jahrzehnt dauern. \ Wi^ sind' tnt Hauptausschnsse, im Ausschüsse für aus-, wärtige Politik Kar darüber geworden, daß nach Unterzeichnung^ des Friedens die bestehenden Feindschaften zurückgestellt werden. Wir werden mit allen Nachbarstaaten die besten-Beziehungen unterhalten, werden mit ihnen! Verträge abschließen und wenn wieder der Verkehr sreigegeben wird^ wird auch regeswirtschaftliches Leben wiederkehren. Wir brauchen aus dem Gebiete der inneren Politik die Finanzreform, die Steuerreform, auf dem der äußeren freundnachbarliche Beziehungen, auch eine internationale Gemeinschaft der Staaten. Wir wollen es versuchen, uns allein national zu organisieren, wir Mollen unser Staatswese« ausbauen und nns dann fragen, wohin wir uns wenden werden. Es schiner z't mich tief, daß die Ziele der Sozialdemokratie in-der Republük so weit zurücktreten müssen. Wir müssen uns mit dom Ge°. danken vertraut.machen, daß wir nur das durchführen, was in unserem Lande möglich ist. .Dieser positive Wirklichkeitssinn ist eine. Bürgschaft für die währe Demokrat^. ~ Wir werden heraus finden aus dem Elend, wenn wir uttä li^ks, nicht zu kommunistischen Experimenten hinreißen lassen, und rechts die Rettn-ngsversuche der Monarchisten zurück^isen. Wir müssen eintreten in eine Gemeinschaft mit den- W e st -, 'machten, in eine Wirtsch-aftsgemeinschäs-t mit' 'teifc Nationalstaaten. Die Anschlußsrage wird .später spruchreifwerden. Wir müssen, unseren freien Staat zu sichern trachten ruck aus . der furchtbaren Bedrängnis des, Winters einer besseren Zukunft'zusühren. Die neue ungarische Regierung. Bndavest, 25. November. (Ung. Tel.-Kvrr.-Bur.) Dä ungach'che NatioMrcgierung versammelte, sich heute vormittagl um ‘/a 1X Uhr unter dem Borsiv des Ministerpräsidenten Karj H u s z a r zu ihrem ersten Minisrerrate. Die Minister leistetet den Eid in die Hände des Mmisterprästdenten. Die Eldesform« verlas Dr, Stephan Barczy. Nack, der Eidesleistung wurde,da Ntinisterrt.t unterbiochen, damit Mmisterpiästdenl Hns'wr de» Vertreter deS Obersten Rates der Entente. Sir George E l a r \ d,e tatsächliche Konstituierung des neuen Kabinetts amtlich bv kanntgeben tönne. Btinistkrvräsident Hus;ar begab sich un 11 Uhr vormittags zu Sir George Clark, wo er ihm ni aller Form die Konsltlnierung - der ungarischen Negierung nvtisizierte

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