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Wiener Morgenzeitung · 1919-11-24 · Heft 303 (24.11.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 303 (24.11.1919)
Date
1919-11-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Telegramme. Stürmische Hei nkestrerversammlung in Irmsbrvck. Dank!» Hötzendorf uuv P. Willrant beschimpft. Innsbruck, 28. November. (Privat.) Gestern fand hier eine von etwa 6000 Heimkehrern aus Nordüro! besuchte Versammlung statt, zu der auch der;€f)tmalige Chef des Generalstabes Conrad Hötzendorf, Generaloberst Dank!, beide in Zivil, erschienen waren. Dre imposante Feier, die am Berge Ise! staitfand. .jnmtbe durch Ansprachen, welche der Landesbefehlschaber sowie Landeshauptmann Schraffl hielten, würdig eingeleitet. Beide betonten die übergroßen Opfer, welche das Land Tirol im Weltkriege brachten, den Verlust Südtirols und die Pflichten 'der Allgemeinheit gegen die Hinterbliebenen Der Opfer und die Heimkehrer. Als der Dichter P. William sich als Monarchist bekannte, gab es Zuerst höhnische Zurufe, dann Schmähruse und schließlich mußte der Redner den Versammlungsraum infolge der drohenden Haltung der Heimkehrer verlassen. die sich auch 'mit lauten Borwürfen und Beschimpfungen argen Dank! und Hötzendors wandten. Den Bemühungen des Landesbefehlshabers gelang es jedoch, die Ruhe wieder herzustellen, so daß die Hersammlung ruhig zu Ende geführt werden konnte. Nach der Versammlung rangierten sich die Teilnehmer in einem Zug, der durch die Leopold-und Maria Therestenstraße zog und sich hier auslöste. Die Heimkehrer waren in den verschiedenen Gastwirtschaften Gäste der Stadt. Nachmittags fand eine Festvorstellung statt. Anzengrubers , Meineidbauer" fand begeisterten Beifall. —> Die Ursache der Demonstrationen bildete ein Artikel der „Tiroler Dolkszeitung", in dem die Ankündigung einer Rede P. Willrams als Provokation bezeichnet wurde, weil dieser während des Krieges in seinen Gedichten den „Massenmord" «ercherrlicht habe. * Äie steirische Arbeiterschaft für Dr. Nenner. Graz» 23. November. In den Julieniälen fand heute vormittags eine massenhaft besuchte Versammlung der sozialdemokratischen Partei statt, in welcher Landesrat Machvld über wirtschaftliche und Unterftaatssekretär für Justiz Tr. Eisler Über politische Fragen sprayen. ES wurde eine Resolution beschlossen, in der die steirische Arbeiterchast unter Hinweis auf die furchtbare Notlage ihren Willen kundgibt, dem Staate durch Anspannung aller ihrer Kräfte zu nützen und die Nepublik durch ihre Arbeit zu stützen. Peilung zu bringen sett jedoch nur die Entente imstande. Die steirische Arbeiterschast wendet sich daher an den Stsatrkanzler Dr. Renner, dem sie für seine üufvpferungsvollen Bemühungen vollste Anerkennung und Vertrauen bekundet, mit der Bitte, diesen Appell unverzüglich der Reparationskomnnssion zn übermitteln und sie neuerlich und eindringlichst auf den furchtbaren Ernst der Situation aufmerksam zu Machen. Unterftaatssekretär für Justiz Dr. Eisler wandte sich gegen die Behauptung gewisser Blätter, baß die Sozialdemokraten in der Regierung amismüde seien, und legte eingehend die Gründe dar, welche füt die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung zwingend seien, weiter auf ihren Posten zu verharren. restlichen Betrag von 50Ö Gulden mit 10 Prozent Zinsen gibst du mir einen Schuldschern, den du nach Möglichkeit einlosen wirst. Mein ganzes Hausgesinde besorgst du ewig mit Wein Ich erschrak, als ich diese Worte vernahm, ich war sicher, er sei nicht ganz bei Sinnen. Wem soll-ich den restlichen Betrag samt Zinsen auszahlen? Den soll ich mik Wein besorgen? Neb Jizchok aber fuhr fort: «Mein Haus bestimme ich' als Zufluchtsstätte für die Armen der Stadt... die armen Kranken — das ist mein Hausgesinde . . . ihnen zahlst du den Betrag auS .... ihnen lieferst du den Wein Nach Bedarf . . . daS Übrige verordne ich in meinem Testamente." Noch bei seinem Leben wurde sein HaUS in ein Hospital umgewandelt. Er selbst lag auf einem der zahlreichen Lager, obwohl Ihn der Rabbiner und die einflußreichen Bürger der Stadt davon abzubringen suchten. „Ich wohne bei meinem Volke, bei meinen Kindern," pflegte Neb Jizchok zu sagen. An seinem Sterbetage fehlte von den hundert Gulden, -die ich ihm seinerzeit eingehcindigt hatte, die Hälfte, Unter dem Nachlasse fand mirn das Totengewand, verschiedene Legate für Vereine und Almosen für Arme. AlS das Testament den Versammelten borgelesen wurde, wunderte sich der Dajan, daß Neb Jizchok keinen Kaddischrezitator bestellt hatte. »Du Narr," sagte der ^Rabbiner, »diesen Kaddifch werden alle .Kranken verrichten, diesen Kaddisch wird dieses ganze Haus rezitieren." »Auch ich," sagte ich damals, indem ich in Tranen ausbrach, und so rezitiere ich den Kaddisch nach Neb Ji-chst schon dreißig Jahre." Gerührt bunttc ich bcrtt Greis fit seine Erzählung. »Und das Hospital," fragte ich, »existiert noch bis heute?" »Lat Hospital entgegnete er betrübt, »ward vor drei iAohre» ein -taub der Flammen, niemand denkt an seinen Mederaushau. Mir hat Gott kein Glück beschert und dre '^eichen ifub »Chafsidirn", aber feilte Männer der Tat." -fc T.N--I I'ITI Die Not Wiens. ' Der Betrieb der Wiener GrekLrizitäts- «nd Gaswerke für ein, e Tage gesichert. Die „Korrespondenz Herzog" meldet: Die Kohleneinläufe hielten sich heute erfreulicherweise auf dem gestrigen Niveau, so daß für die nächsten Tage der Betrieb deS städtischen Elektrizitätswerkes und des Gaswerkewieder sichergestellt ist. Die abgeschalteten Industrien wurden heute wieder mit Strom beliefert. Bei den derzeitigen Verhältnissen ist es jedoch vollkommen unmöglich, auch nur die kleinste Reserve anzulegen, so daß jede Stockung der Einläufe die schwersten Erschütterungen nnseres aufs äußerste gedrosselten wirtschaftlichen Lebens Hervorrufen muß. Eine Aenderung unserer Kohlenlage konnten die aus Dderberg eingetrosfenen Kohlenzüge nur in dem Sinne Hervorrufen, daß für dm Moment daS Aergste vermieden werden kann. Die LsSenSrnittelverhättttlffe habm wohl durü die deutsche Mehlanleihe, durch die bevorzugte Behandlung unserer LebenSmittelzüge auf den deutschen Dahnen, durch die Ankumt deS argentinischen Getreides, durch die jugoslawischen Transporte und die bevorstehende Genehmigung de- Ankaufes von 80.000 Tonnen italienischen Getreides eine Entspannung ihremehr alS kritischen Charakters erfahren, doch ist bet Tiefstand unserer wirtschaftlichen Lage andauernd trostlos, zumal die Kartoffclzuschübe äußerst spärlich sind. Lediglich die Krautznschübe sind befriedigend, die allerdings keinen Ersatz sür die fehlenden anderen Gemüse darstellen. Milch fehlt derzeit in Wien fast vollkommen. Die ausländische Presse über die Wiener Hrmgerkrise. Berlin, 23. November. Die „Vos fische Zeitung" veröffentlicht einen 11fetruf" deS Bürgermeisters Reumann, worin dieser eine Schilderung des gegenwärtigen Wiener Elends gibt. Der Bürgermeister verweist an der Hand von Ziffern auf die geringfügigen Rationen, die der Bevölkerung an Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen, die sich glücklich schätzen würde, wenn sie jene Lebensmittelrationen erhielte, die in Deutsch land aurgegeben werden. Er schildert sodann die Not an Brennmaterialien, die bereits die industrielle Produktion lahmgelegt habe und die Menschen zwinge, in die Wälder zu ziehen und sie atzzuholzen; so biete der W i e n e r w a l d. ein Reservoir sür die Gesundung der Großstadtbevölkerung, bereitein Bild jämmerlicher Zerstörung. Wegen der unerschwinglichen Preise außerstande, sich die wichtigsten und zum Leben unbedingt erforderlichen Bedarfsartikel zu verschossen, siechen die Menschen dahin, ohne Luft und Freude am Leben, und es fehle ihnen an der notwendigen Schaffensfreude. Infolge der Unterernährung halte der Tod in Wien immer reichere Beute und mau könne ohne Zweifel sagen» daß die Wiener Kinder zum größten Teil schon längst dem Tode verfallen wären, wenn sich ihrer nicht neutrale Länder in menschenfreundlicher Weise mit großzügigen Aktionen angenommen hätten. > Dtt Bürgermeister verweist auf die zahlreichen» bisher vergeblich unternommenen Versuche, Hilfe in der Lebensmittel- und Kohlennot zu schaffen, und schließt seine Ausführungen damit, daß Oesterreich, wie alle während der letzten Monate zutageaetretenen Erscheinungen klar und deutlich bezeugen, nicht allein bestehen könne, wenn seine Bevölkerung nicht mit Sicherheit in- Verderben geführt werden soll. Er gibt seiner Ueberzeugung Ansdruck, .daß es für daS Land nur eines gebe: den Anschluß an Deutschland. Berlin, 23. November. Der Verlag des . s eltner Tageblatt" veröffentlicht im Anschluß an den in der gestrigen Nummer des Blatteerschienenen Appell >iieS KenuerS der Wiener Verhältnisse einen Aufruf, worin eS u. a. heißt: „Wir sehen in dieser Hilfe, die ungesäumt gebracht werden muß, eine Ehrenpflicht. Wir erwarten von unseren Lesern, daß sie unsere Ansicht teilen und sich wie schon io oft zn gemeinsamem LiebeSwerk mit unS zusammeusinden. An alle richten wir die herzliche und dringende Bitte -.Gebt eine Spende für die hungernden Kinder vonWien! Besinnt euch nicht, sondern handelt, ehe es zu spät ist! Die Katastrophe ist nahe und wir hier sind die letzten, an die die Hoffnung unserer unglücklichen österreichischen Brüder sich noch klammern kann." Der .Vorwärts" veröffentlicht folgender ih« von einem in Wien lebenden deutschen Genossen zugekommenes Telegramm: Die Kinder des ' Wiener Proletariats verhungern «nd erfrieren. Ihre Eltern sind zu entkräftet, um in ihrer Verzweiflung. den richtigen Ton für len Hilferuf zu finden. Als reichsdeutscher Genosse danke ich Ihnen für da- Eintreten und bitte, i alles ausznbieten, damit daS deutsche Proletariergewisse» geschärft werde. Worte sind zu schwach, das hiesige Elend zu schildern! Zeigt, daß in der deutschen Sozialdemokratie warmherzige Menschen und keine Rechner sitzen! Bergarbeiter! Eisenbahner! Heraus und leistet eine Nüttat für die deutschen Brüder in Wien und tut damit den ersten Schritt für die Weltgemeinjchast de- ProletariatS l Die schwedische Hilfsaktion für die Wiener Kinder. * Stockholm, 23. November. Die durch Generalkonsul Däu m ich eu angeregte Aktion für dre Wiener Kinder nimmt in ganz Schweden große Dimensionen an. Bisher sind weit über 100.000 schwedische Kronen gesammelt worden, wofür Lebertrpn, kondensiene Milch und Lebensmittel gekauft werden, die mit dem ersten Trau-port abgchen. EM Miirwt Die Türkei verlangt von der Sntente rasche Lösung der türkischen Frage. Konftantlnopel, 23.November. (Funkspr.) Die Pforte hat ßei der Friedenskonferenz eine« direkte« Schritt unternommen, um die LSsnng der türkisch«« Fratz« zu beMsurüßrn. Entgegen venGerkchten, daß die türkische Kammer sich in Brulsa vereinigen werde, erklärte der jetzige Krtegsminister, daß die Kammer irr Konftarrtwoper zufammentreten werde. Denikin meldet Erfolge gegen die Bolschewiken. Kopenhagen, 23. November. (Funkspruch.) General De ilrin meldet, daß seine Armee die bolschewlkische Front zwischen Drei und Tambow durchbrochen habe. Der hiesige lettische Gesandte meldet, datz die lettischen Truppen Mitau genommen haben. \ Die ungarische AUnisterliste Clark überreicht. Budapest, 23. November. DaS Ungarische Tel.- Korr.-Bur. meldet: Der designierte Ministerpräsident Karl H u s z a r teilte im Laufe deS heutigen Vormittags dem Vertreter der Entente Sir George Clark die gestrigen Beschlüsse der intcrparteilichen Konferenz und die Liste der KalünettSmitglieder mit. Die Note über die Beratungen der interparteilichen Konferenz wird morgen vormittag- Sir George Clark überreicht werden. Politische Kundgebungen ln Berlin. Berlin, 23. November. (Meldung des Wölfischen Bureaus.) Am heutigen Totensonntag wurden von der unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands 60 Versammlungen in Groß-Berlin abgehalten, die unter der Parole: «Gegen die Reaktion, für die soziale Revolution 1" einberufen worden waren. Die Redner wandten sich durchweg« in heftigen Aurfällen gegen den Untersuchungsausschuß und geaen die Alldeuttchen. In der Diskussion sprachen sich die Kommun:sie« und die Mehrheitssozialiste» für dieSinigung auS und betonten, daß dieselbe nahe bevorstände. Nach Sch'uß der Versammlungen zerstreuten sich die Teilnehmer in Ordnung. Zu Zusammenstößen ist es nirgends gekommen. Um dieselbe Zeit hielt der R e i ch § b u n d der Kriegsbeschädigten im Zirkus ,Busch eine Zusammenkunft ab, au der etwa 8000 Personen teilnahmen. Rach einer Ansprache des DundeSvorsitzende» erhob sich zur Ueberras'chung aller Anwesenden Reichspräsident Ebert, der in seiner Rede betonte, daß die Regierung und er alles tun würden,, war in ihren Kräften stehe, um die Not der Kriegsbeschädigten und der Witwen und Waisen nach gefallenen Kriegern zu lindern. Er appellierte an das Weltgewissen und sprach die Hoffnung aus, daß es doch noch zu einer VblkerversShnung kommen werde, in der kein Raum mehr für einen so furchtbaren Krieg vorhanden sei, wie ihn die Welt jetzt erlebt habe^ Einige hundert Teilnehmer formierten sich zu einem Zuge und legten aus dem Garnisovssriedhof an den Gräbern der gefallenen deutschen Soldaten und auch an den Gräbern derjenigen feindlichen Soldaten, die in der Gefangenschaft gestorben sind, Kränze nieder. Praktische internationale Solidarität. Eia 60-Mtlltoncn°Kred1t dev skandinavischen an die deutschen Gewerkschaften. Berlin, 23. November. Der „Vorwärts" meldet: Zwischen den Bevollmächtigten der skandinavischen: (schwedischen und dänischen) Gewerkschaften und dem Allgemeinen Deutschen GewerkschaftSbund ist gestern nachmittags in Berlin das seinerzeit von I a n s s e u angeregte großzügige Kreditabkommen abgeschlossen worden. Die dänischen und schwedischen Gewerkschaften haben dem Allgemeinen Gewerkschaftsbund einen Kredit von 5 Millionen dänischen Kronen (gegenwärtig etwa 45 bis 50 Millionen Mark) eröffnet, die in schwedischen und dänischen Banken zur Verfügung bereit liegen. Die Gelder werden dafür ver-' wendet werden, Rohstoffe für di« brachliegenden Industrien zu beschaffen, namentlich für die Textilindustrie, wodurch sowohl Zehntausend« von arb-Zits-. lose« T«xtt<arb«itern Arbeitsmöglichke'.t alS auch nP-tlere H unter l lau sende von Mensch:--: Kleidung erhalte» werden. i WIMW'>53IMW»if»i.. •» 1 j3»>« jgg**» -.rasss.-..

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