Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 303 (24.11.1919)
- Date
- 1919-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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<Skiyere«ewptar: Ureis WT- HMr VvätamuvAtioitwreifri Biet»: Mit Lilsttvnng i»s -aus: MsuEch..... L V.- MsrtrljLhrixi '. . „ 37.— LtUbjiilsris ..... SS.— <S»»ziühvig . . . „WO.— Mit ii'fföafaitb: Ui»te«rtiirtz. - K 9.— Ur»rt«1iShrks . < « 37.— KatdfShrig « * 68.— «ftttilBfjrig . « . .190,— Wiener Nr. 303 Wien, Montag, den 24. November 1910 (Zfnteitttmplfnft' Ureis WO Heller Pträuumernti0tt+~ »nir» fitv Sv» A«Äm»Sch W»«»1Nch . .,.K L0^> Uierielffilifig .|*„ 80.— , rtlb|äl}lrtö . . . „ tiO.—< Ba^Ahvks ..wm- «ie&abtfott «. A»L«i»irrva» Mirn. XI. alre;'$raft» Uv» i—5i Telr»>;»««: »#wtnmttv. lio» 44088, R-daKtior»! 4801», ab U vtzr <*«**«[ 8». 10801 Ist. 150*8!)ä 1. Jahrgang Wohin steuern mir? —fc. Wien, 24. November. Es war eine große Illusion der europäischen Kulturwelt und besonders der Ententemächte, zu glauben, daß der Abschluß des Friedens mit Deutschland und mit Oesterreich identisch sei mit der Herstellung des Weltfriedens und mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau : Europas. Man hat sich eben die Lösung der europäischen Streitfragen nach der Niederringung Preußen-Deutschlands' und speziell der Beseitigung der Hohenzollern in Paris, aber auch in London ebenso leicht vorgestellt, als man in Nom, Belgrad und Bukarest glaubte, irach Beseitigung der Habsburger und nach Auflösung des alten DonaureicheS alle Probleme gelöst zu haben. Nun beginnen sich diese Jrrtümer empfindlich fühlbar zu machen, nirgends allerdings fühlbarer als in Wien. Die nationale Eitelkeit, die Partei rechthaberei und nicht in letzter Linie die mangelnde Erkenntnis, daß jede ökonomische Verbesserung der Lage rn Mittel- und Osteuropa ohne wirtschaftlichen Zusammenschluß der neuen Nationalstaaten unmöglich ist, führen von Tag zu Tag unhaltbarere Zustände herbei und hindern auch die Entente au"selbst gutgemeinten Aktionen. Immer und immer von neuem erzählt man den Deutschösterreichern, daß, obwohl die Entente den Anschluß Oesterreichs an Deutschland untersagt, dies der einzige Weg wäre, um die wirtschaftliche Katastrophe Oesterreichs zu verhindern, obwohl die Meinungen darüber auch sehr auseinändergehen, ob selbst nach einem Anschluß Oesterreichs an Deutschland ohne engere Beziehung mit den anderen - Donau- und Balkanstaaten Deutschland, geschweige denn Oesterreich, wirtschaftlich lebensfähig wäre. .Aber nichtMür diese Frage allein bMäftigt ernstlich M' Eritente, sondernrmmcrmHrM für ’ sie, daß bei einer Weiterentwicklung der stets trostloser werdenden wirtschaftlichen Verhältnisse in Oesterreich diese sich auch in den anderen neuen Nationalstaaten fühlbar wachen werden. / Nichts ist symptomatischer in dieser Richtung, als daß eine der hervorragendstem tschechischen-'.Tageszeitungen vor kurzem auf die ökonomische Abhängigkeit. Tschecho-Slowakiens vom Ententekapital und' auf die Notwendigkeit einer nationalen und Wirtschaftlichen Ver- ' ständigung Oesterreichs mit Tschechö-SlowakieN gegen die anwachsende magyarische Reaktion hinwies. Leider scheint 'der größte Teil der deutschen und tschechischenPolitiker trotz allem, was bisher vorgefallen ist, noch nicht von dieser - Notwendigkeit genügend durchdrungen zu sein, wiewohl Wilsons Veto gegen Senator Lodge. A m ft e v b a m, 23. November. (Kon.-Bm.)' Die Exchange Tehrgraph Co. meSdet, dsm „TeSs- . gversf" Zufolge, aus Washington, Satz nach ErkSärungen regierungsfreundlicher Senatoren DrWderrt' WiS.so. rr geo.err den Antrag Lodge sein Veto ein legen Wsrde.. WiLforr hatte sich dazu berechtigt, während die Repttblikamsr« entgegengesetzter Ansicht feien. Dis Folge davon werde fein, daß der Krieg, wenn Lodge die notWenÄrge Zw-'idMteL- Mehrheit zur AirßerkrafLfetzrmg dss Vetos nicht aushringen könne, offiziell nicht beendet sein würde. D'Annnnztos SSbelwirtschaft. "S Y a l u t o, 22. November. (Korr.-Bur.) Zur Zufammenhang mit dev für Morgen kevorstehenden Ankunft L'Annnnzios in' Sebenieo haben, die Bsfetzungsbehörden gestern die Verhaftung von zwölf der einstußreichstsn nnd aingesel-snsten Jugoslawe« in 6e ft'etiies als Geiseln angeordnet. Die an Sebenieo vorbeifahrendsu Pasingiers werden sehr streng durchsucht? gegen Ingoslewsu sind besonders scharfe Anordnungen erlsffsn worden. Die. noch in Zara weilenden jugoslawische« Familie« werden gezwungen, die Stadt z« vrrlaffen. „ f das Massenelend tn Oesterreich und Tschecho-Slowakien, "aöer auch die MgeklÄrte'Wifische-LägknMMchtitt letzter' Linie der Nationalitätenhader, der Antisemitismus und der Klassenkampf zur deutsch-tschechischen Verständigung in Prag wie in Men drängen. Sieht man denn nicht hier wie dort, daß der Besitz Deutsch-Westungarns und Slowakiens gefährdet ist, wenn Deutsche und Tschechen sich nicht verständigen, sobald man in -Pest wieder den alten - zentralistischen magyarischen Nationalstaat mit magyarisch-oligarchischer Spitze gegen alle nichtmagyarischen Völker, und diesmal auch gegen die Juden, aufrichten will? Bei einer solchen Politik hofft man in Pest nur auf einen einzigen - dauernden Verbündeten, auf die Polen; allerdings sucht man noch einen anderen Bundesgenossen, man sucht die Nationalkroaten zu ködern, die ihre Unabhängigkeit vom serbischen Nationalstaat erstreben.. Wenn auch gewisse Nachrichten aus Kroatien und vom ganzen Balkan übertrieben sind, so soll man, umgekehrt nicht in den entgegengesetzten Fehler ver-j fallen, die Verhältnisse in Jugostawien und speziell inj > Kroatien in rosigem Licht zu betrachten, sonst könnte, man noch unerwartete und unangenehme Ueberraschungeni erleben. Die kroatischen Juden sollten sich Hüter, durchj eine assimilatorische Politik in eine ähnliche Situatroni in Jugoslawien zu gelangen, in welche die ungarischen'' Juden geraten sind. Die weitere Entwicklung der Zustände in Ungarn wird auf die politische Zukunft Jugoslawiens und besonders in dem Kampfe zwischen Zentralisten und Föderalisten nicht ohne Einfluß bleiben. So sehr auch die?' Jugoflawen eine Abschüttelung der magyarisch - öligarchischen Herrschaft, die Einigung und Autonomie der: verschiedenen südslawischen Volkssiämme erstrebtes, so wächst täglich die Enttäuschung und Erbitterung über den serbischen und italienischen Imperialismus, die gerade in Kroatien immer weitere Kreise ergreift, je mehr die strenge Handhabung des Versammlung^ und Vereinsrechtes, das Verbot ausländischer Blätter und: nun sogar die Ausweisung der „Ausländer" aus Jugoslawien, darunter auch vieler Juden, Platz greift. Bisher war diese Animosität in Agram und Laibach nur einseitig gegen den serbischen Zentralismus fühlbar, der sich nun auch in einer wachsenden oppositionellen Färbungdes Slowenenführers Dr. Korosec und des bosnischen Kroatenführers Dr. Sunaric äußert, jetzt wird man. aber bereits in großserbischen Kreisen, die dem früheren Ministerpräsidenten Pasic nahestehen, über geringe' föderalistische Strömungen verstimmt. In dieser Gruppe wünschte man wohl eine staatliche Zusammenfassung.allere Serben — cmd? der von Südungarn, Bosnien und her' ^Herzegowina — lehnt jedoch . jede. Majorisierung her : Serben durch Kroaten und Slowenen, geschweige denn durch Hinzukommen magyarischer, deutscher und rumänischer Minoritäten ab. Unter solchen.Umständen hat die M.inisterkrise im jugoslawischen Staate und die zunehmende sozialistische Bewegung eine Bedeutung, die übÄ: den Rahmen einer jugoslawischen Krise hinausreicht. Wenn man alle diese Tatsachen und Erscheinungen zusammngefaßt, sei es nun, was die ungelösten nationalere "und ökonomischen Fragen, sei es nun, was den Anti-! semitismus betrifft, so muß man vielleicht schon vor Frühlingsanbruch mit der ernsten Möglichkeit von — Ueberraschungen rechnen. Der Kaddisch. ' Aas ku-m Helii ci'scben des I. L. Perc,». , Nach dem Naariwgebet trat ein Greis an $>en „Almud" tthi) rezitierte mit zitternder Strmrne den „Kaddisch". Die Versammelten, die den vorhergehenden „Kaddeschirn" keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten, wandten sich plötzlich gegen die- Ostseite. Im Dethause herrschte völlige Stille, die nur durch das „Jeher schmei raboh" unterbrochen wurde. Ich staunte und stand verwundert da, auch nachdem der Greis das Kaddischgebet . verrichtet hatte und sich vorm „Amud" entfernte. > j f. „Junger Mann", sagte er zu rnir, als er .an mir vorüberging, „du wunderst-dich; . . es ist der Kaddisch nach illabbi Jizchok!" . " * „Entschuldigen Sic, Herr, -wenn ich Sie nach denr ■ Manne frage, öessew Namen alle so ehrfurchtsvoll erwähnen." „Ich-will es dir'sagen, junger Mann." Der Greis Uetz sich an meiner rechten Seite nider und erzählte: „Vor dreißig . Jahren lebte in unserer Mitte ein Wohltäter, namens Rabbi Jizchok, der Sohn des Rabbi Josef seligem Andenkens. Er war sehr reich, besaß zwei Steinhäuser und sein' Weintzandel vergrößerte sich mit jedem Tage. Sämtliche polnischen Edelleute des Ortes — als' die Stadt unter die Herrschaft Oesterreichs gelangte, auch 'die Offiziere — pflegten in feinem Geschaftsladen zu verkehren, alle lobten den Wein und priesen des Händlers kluger Weib Ester, welche das Geschäft leitete und alles besorgte. Reb Jizchok kannte nicht einmal den Geschmack der Weine, mit Ausnahme desjenigen, den er zum „Kiddusch" und zur „Hawdalah" gebrauchte. Den ganzen Tag hindurch saß er im Beth-ha-Midrasch, wo er dem Thora-Studium oblag. . Und als man Ester fragte, warum ihr Mann nur ihrer Früchte Arbeit genieße, antwortete sie stolz: „Wir sind doch Mitinhaber, die Früchte devon mir betriebenen Geschäftes kommen un» in dieser Welt zugute, die Früchte des Ge- NäfteS meines ManneS gehören in die zukünftige Welt... l&t ißt an meinem Tisch in dieser Welt, in der zukünftigen Melt werde ich der Schemel, seiner F^ße sein!" Ester war eine fromme und wohltätige Frau. Bor jedem Rosch-Chodesch und Jom-tow pflegte sie bedeutende Almosen an Arme zu verteilen, vor jedem Pessachfeste verschenkte sie ihre Kleider und die ihres Mannes an Notdürftige. Den Erlös der Mandeln, Flüsse und Weinhefe bestimmte sie für Palästina. Ester war aber kinderlos — sie lebte einsam mit ihrem Manne. Zu jenen Zeiten gab es noch keine „Chassidim" und Männer „der Tat" (ein ironisches.Lächeln spielte um die Lippen des Greises), dis „Kamea" und das Salböl war noch nicht genügend verbreitet und Neb Jizchok verbot feiner Frau, den'Rat der in der Nähe der Stadt umherirrenden Zigeuner- und Hirtenhorden einzuholen. Auch den reichlich honorierten Aerzten gelang es nicht, Ester zu heilen . . . Die ganze Woche hindurch verbarg Ester sorgfältig ihren Kummer und war bestrebt, dem Neb Jizchok froh entgegenzukommen. Nur Freitag abends, wenn Neb Jizchok, wie eS Brauch war, hie ganze Nacht im Beth-ha-Mid rasch zubrachte, schloß sie kein Auge, betete inbrünstig, weinte und klagte-. doch Neb Jizchok erfuhr nichts davon. Jahrelang pflegte Ester an jedem Montag und Donnerstag zu fasten, jahrelang enthielt sie sich des Fleischessens, ja sogar jeder gekochten Speise. Sie fürchtete üümlich, Neb ^Jizchok werde sich von ihr scheiden und eine andere als Weib heimführen, um Kinder zu zeugen. Reb Jizchsk. war aber ganz anderen Sinnes. Tr mußte sogar oft aus diesenr Grunde so manchen harten Strauß mit dem Dajan auskämpfen. Dies kam Ester nicht zu Ohren. Die verschiedenen Medikamente, das . allzu häufige Sich'- Kasteien warfen sie bald auf das Krankenlager, das auch zu ihrem Sterbebette werden sollte. Das Geschäft wurde geschlossen, Rev Jizchok ging nicht mehr ins Beth-ha-Midrasch, sondern saß Tag und Nacht am Bette seiner geliebten Kranken und nur wenn sie scülief, oblag er seinem Studium. Bor ihrem Tode geftand Ester ihrem Manntz, was st« ihrv Unfruchtbarkeit wegen gelitten hatte, l -Du Mst in eiziem g^waltig^ SsfUSM," sagte Reb Jizchok, „du bist mir lieberals alle Söhne und Töchter, nie dachte rch daran, eine andere Frau zu heiraten " Bei diesen Worten fühlte sich die Kranke erleichtert und vergoß heiße Tränen... Sie starb noch in derselben Nacht. Acht Tage nach ihrem Tode wurde ich zu Reb Jizchok geladen. „Secharjahu," sagte er -mir, „du hast ein geräumige» Geschäftslokal und keine Ware darin. Kaufe mir mefo Geschäft ab." „Ja, aber „Ich," unterbrach er mich. ~ „kann kein Geschäft fte*f treiben ' - „Warum behauptest du es, ReV Jizchok, du bist ja^ noch . . ." i Neb Jizchok erhob sich plötzlich und herrschte mich mili rauher Stimme an: „Schweig!" Er ging dann im Zimmer auf und ab, um sich' zu beruhigen. Nach.einigen Minuten ließ er sich nieder. „Ich bitte dich, meinem Willen nicht zuwiderzu»! handeln . . / ich kann nicht mehr arbeiten. Mein Lebens»; ende ist - nahe." , Ich sah ihn an und nahm erst jetzt an ihm eine ge-! wattige Veränderung wahr. Im Laufe der wenigen Tage^ war sein Gesicht erblaßt, sein Haar ergraut, seine Augenhatten ihren eigentümlichen Glanz verloren. Er war ein ge«; brochener Mann. „Ich besitze keine Mittel, dein Geschäft zu kaufen." erwiderte ich. Das ist nicht von Bedeutung, Secharjahu," antwortet«^ er. „Du übernimmst mein Geschäft, morgen bringst du diä Waren nach deinem Hause und mir gibst du. . . Reb Jizchok atmete laut auf. „Die Mandeln. Nüsse und Weinhefe sind, wie zu Lebzeiten meiner Frau seligen Andenkens, für Erez Israel be- 'stimmt, den Erlös schickst du jährlich nach Jerusalem. Bor jedem Samstag und Feiertag schickst du Wein für KidduW in alle Bethäuser . . . Mir gibst du hundert Gulden, dieft- Summe bringst du noch auf. Dieser Betrag wird zu meine«! Lebensunterhalte bi» zp meinem Flode hilireichen.' Für den