Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 296 (17.11.1919)
- Date
- 1919-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 SBim. Montag Wien in Agonie. Parts, 15. November. Das Blatt. „La Presse de-Paris" bringt auf der ersten Seite eine ausführliche Schilderung der schrecklichen Lage, in der sich Wien befinde/ Wien stirbt, heißt es in diesem Artikel, aber .seine Agonie kann von furchtbaren Zuckungen begleitet sein, wenn di« Entente nicht in letztervStunde begreift, daß es auch für ein leichtlebiges Volk, dem^orientalische Resignation nahe ist. Grenzen des Leidens gibt, Über die eben niemand hinaus kann. Der Artikel schildert weiter alles.-was Wien erduldet, und Nennt Wien eine verlassene Stadt, verlassen von allen, die ihm verbündet oder ergeben waren. Wohin immer sich das arme, verstümmelre Oesterreich wendet, finde es nur verschlossene und harte Mienen. Meherer hunderttausend Menschen leben in Wien auf der allertrefsten Stufe des Elends, und wen der Hunger so gegen di« Wand gedrückt hat, der werde zum Empörer, welcher Herkunst immer er sei. welche politische Meinung er immer habe. Ernste Unruhen seien zu befürchten; die Not treibe zur Verzweiflung. , „La Presse de Paris" ist bekanntlich die gemeinsame Zeitung der gesamten bürgerlichen Presse während der Dauer des Pariser Zeitüngsstreiks. Paris, 16. November. (Fundpiuch.) Der inter. nationale WirtschastSrat wird am 21. November in Rom zusammentreten, um über die Verpflegung Oesterreichs zu beraten. Rom, 16. November. (Funkstruck deS Tel.-Korr.- Bureäu.) General Z u p p e 11 i, der Vertreter Italiens in der Neparaüonskommisston, wird nächster Tage nach Wien abrelsen. Amsterdam^ 15. November. Ein Komitee von Haager Damen und Herren beschlvß in einer in der österreichischen Gesandtschaft im Haag ab-ebaltenen Versammlung die Veranstaltung einer WohltatigkeitSlotterie. Heren ganzer Reinertrag für die Wiener Kinder verwendet werden soll. Derlen, 16. November, (Meldung deS Walfischen Bürcaits.) Schon seit einigen Wochen verhandeln die Vertreter der Reichsdeutschen in Oesterreich mid den zuständigen Stellen in Berlin wegen Versorgung mit Lebensmitteln durch das Reich. Sie haben die Not und das Elend, vor dem in diesem Winter nicht nur Wien, sondern ganz Oesterreich steht, eingehend qeschildert und auf die besonders schwierige Stellung der Reichsdeutschen hingewiesen. Die Ernährung der Bevölkerung fn Oesterreich sei mit den staatlich zuzewtcfeneu Rationen nicht ausrechtzuerhalten und müsse allgemein durch Schleichhandelkaufe ergänzt werden. Die Quellen hierfür seien aber den Reichsdeutschen verschlossen. Obwohl die erbetene Belieferung nur ganz gering ist und nur das Notwendigste stckerstellen sollte, hat das ReichswirtschastSministerium diese Wünsche abgclehnt. Demgegenüber baben sich die Reichsdeutschen in Oesterreich in einer Emgabe an das Kabinett gewendet und gebeten, eine andere Entscheidung über die e Lebensfrage der Reichsdeutschen in Oesterreich herbeizujühren. 3»r* »»« d'A««»i,zi» besetzt? Spalsto, 18. November. (Meldung de- Laibacher Korrespondenzbureau-.) Heute früh verbreitete sich hier die Nachricht, daß die Truppe» d'A » nu »zi 0 S Zar« okkupiert hatten und daß Vizeadmiral Mills erklart habe, dagegen mschtlss zu sein. Offiziell ist diese Meldung noch nicht bestätigt. Es ist ferner niemandem unbekannt, welch« Verluste das ^u' entnm durch zwangsweisen und sremilligerr Abfall im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat. Die Nachkommenschaft solcher Täuflinge — wenigstens für die letzten 200 bis 300 Jahre — zu ermitteln und in Evidenz zu führen, ist trotz vielfacher Schwierigketten möglich und eine dankenswerte Aufgabe der Familienforschung. Den» der damit erreichte praktische Erfolg ist ein doppelter. Vor allem können wir bann mit wissenschaftlicher Genauigkeit frststellen, ob und welchen Verlust das Judentum durch den Abfall erlitten hat, wenn man sich die Leistungen der Konvertiten und ihre Nachvommen'chaft vor Augen hält. Ä-an war nämlich in dieser wichtigen Frage mangels j^ber exakten Untersuchungsmethode bisher auf Vermutungen angewiesen, die kein irgendwie genaues Resultat ergeben können. Und weiter versprechen wir tm& von dieser Evidenzhaltung der Täuflinge auch einen heilsamen Einfluß auf diejenigen, die heute auf dem Sprunge zum Abfall stehen. Denn gar mancher wird erkennen, daß seine Absicht, für sich und seine Nachkommen dem Judentum zu entrinnen, vergeblich ist, da die genealogische Forschung diese Absicht vereiteln kann, wie sie es bat den Marannen früherer Zeiten getan hat. Zum Schlüsse wollen wir nicht unterlafien. auf den wichtigsten prattischen Nutzen der Familienjorschung^ auf die Stärkung des. jüdischen Selbstzefühls, hinzuweisen. Wi. die mannhaft« Kenntnis der jüdischen Vergang.'nheit i*.i ollgemp'.rien obne Z>s>ei'et r'^e.^nuvtschuld an dem JndifferentiSmuS trägt, den weite Kreise der Judcnheit gegen da; Ju^en.um bekunden, je wird die durch geneaÄgi.chr Forschung vermittelte Bekanntschaft mit der Bedeutung seiner Borfah.en manchen einzelnen Jude« enger an seine Ahrurlrelhe ketten. Wiener MorgenzektiMK 17 November 1919 $tr..?96 Einmarsch der Weißen Flaggen, Blumen, Elfenrufe. Budapest, 16. November. (Ungar. Tel.-Korr.- Bur.) Aus Anlaß des für den heutigen Tag angesetzten feierlichen Einzuges der nationalen Armee batte ganz Budapest F l a g g e rr s ch m u ck angelegt. Trotz deS unfreundlichen, regnerischen. Wetters strömte schon in den frühen Morgenstunden eine ungeheure Menschenmenge nach dem Gellert- und PatlnmentSplatz, wo die feierliche Begrüßung des ungarischen Heeres durch die Behörden statlfinden sollte, sowie nach den Straßenzügen, durch welche die Truppen ihren Einzug halte». Auf dem Gekleriplatz hatten sich Bürgermeister Dr. Body, der Magistrat und die Stadtoertretunq'eingefunden.' Um *i49 Uhr verkündeten Trompetensignale da? Heranrücken der Truppen. An der Spitze ritt Oberi rommandant Vizeadmiral Horthy, gesollt dom General-) stabschef General S o o s. Die den Platz füllende Menge ' brach in begeisterte Eljenrufe aus, durchbrach an mehreren Stellen den Kordon und überschüttete den Ober-; komman darrten mit Blumen. ' * , Bürgermeister Dr. Body' hielt eine Ansprache, wvrin er der begeisterten Freude der hauptstädtischen Bevokkeriing" über den 8'nyug der nationalen Armee Ausdruck gab und den Overwmmandanren sowie die Armee begrüßte. Er schloß seine Ansprache mit den : Warten: Möge Eure Anwesenheit das Aufhöreu deS j alten ungarischen FluchedeS BruderrwisieS bedeuten s und den inneren Frieden, die brüderlire Verständigung und das tolerante Zusammenwirken aller Patrioten zum! Aufblühen des Vaterlandes herbeisühren.! Auf die wiederholt durch stürmische Eljenrufe unter-! brochene Rede des Bürgermeisters antwortete Ober-! tommandaat Horthy folgendermaßen :! Horthtz an den BÄvKermeWer dar „irre-! geleiteten Stadt".! »Herr Bürgermeister! Ich danSe v»m Herzen für ' Ihre freuudlichen DegrüßungSworke. Ich bin wahrlich nicht in der seelischen Stimmung, um in diesem Augenj blick mich der üblich n Phrasen zu beidirn^u. Mein Geech igkeit'gr ühl gebiete: »ir ohne Usch e fe M sa en, wa, ch .» bie.em %*6**tn ühtt. Als M möch f ttt von h er waren und nur der Hoffnungsstrahl' in unserer Seele lebte, daß wir mit den Waffen in der Hand diese Stadt wik4erseh:n werden, damals — ich sage es frei — haßten und d-r'i'ünschien wir Bu^a^est, denn hier sahen wir in ihm nicht jene.welche gelitten haben, welcheMartyrer geroorden sind, sondern den h^ zufammeUFeflofseMtt Schmutz des Landes. Wir hat-en diese Strtzt zärtlich g>rliebt, und sie x war im verflossette'n Jahre die Derderberin der Patton geworden.^ Hier Sk Ufer der Donau rufe ich die ungarische Hauptstadt vor!den/Richterstuhl. Diese Stadt hat ihre Vergangenheit verleugnet, ihre Krone Und Ht nationalen Farben itt den Staub getreten nab sich in rote Fetzen gekleidet.' Diese Stadt warf ihre Besten in den Kerker oder jagte sie aus dem Lmde und verpraßte in einem Iah: alle unsere" Güter. Aber je näher wir kamen, um. so mehr schmolz das Ms . v«n unseren Herzen. und wir sind bereit, zu verzeihen. Wir verzech», wenn diese irregeleitete Stadt wisder zu ihrem Va«rlande zurückrehrr, wenn ftc wieder vcn ganjem Herren and garrzer S^ele die Scholle liebt, in welcher di? Gebeine unserer Vorfahren moie n Mieder liebt diese Scholle, welch» unsere Brüter auf den Dö.fern im Schweiße ihres Angesichtebebauen, wieder liebt dl« Krone und das Doppelkreuz (Langauhaltende Eljenruse und Rufe: Es ,leb« das christliche Ungarn!), wieder liebt die drei Hügel und die vier Flüsse, mit einem Wort, das ungarische Vaterland und die ungarische Rasse. (Stürmische Eljenru.^e.) Seine Soldaten staden von den Felder« den Se ^en Gottes heimgebraHt. Meine Soldaten hab^n, nachdem sie von den Feldern den Segen Gottes heimgebracht, die Waffen in dir Hand genommen, um Ordnung zu schaffen. Diese Hände sind bereit zum brüderlichen Händedruck, aber sie können auch strafen, wenn es not tut. Gebe Gott, daß es nicht dazu kommt, sondern daß auch diejenigen, welche gefehlt haben, sich bekehre» und mit verdovpclter Kraft das in den uncrartsch^n Nationaltugenden prangende Budapest aufbauen helfen/' (Langanhaltende Eljenrufe.) Hierauf setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Zu be den Seilen der Strohe/ welche dü' einz'edende» Truppen passierten, bildete eine unabsehbare Menschenmenge, die nicht mü^e wurde, den Soldaten znzujubeln, Spalier. Bor der Stephan- Basilika begrüßte eine Deputation der ungarischen Royalisten Partei den Oberkommandanten, der hierfür seinen Dank aussprach. „$Ufe Nation ist bereits erwacht." Um ’/<ll Uhr trastn bit Truppen aus dem Parlamentsplatz ein und nahmen d'er Anfstelluna. Oberkommandant H o r t h y. Genial S o o S. Oderst Lehar und der Generalstab der nationalen Armee begaben sich vor den auf der Haupnrevpe errichteten Alter. Hier hatten sich inzwischen Ministerpräsizeut Friedrich, die M>tglieder der Re-ierung, Bürgermeister ^Dr. Body. Polizeiodcr!omm«ndant B e n , c)! y. G af Albert Ap p o ny i. Graf Julius A nd r a j sY, Absrdnunqeu Truppen in Budapest. der christlicbnatronalen Bereinigung und der nationalen Feldarbeiter- und Landwirtepartei sowie die Spitzen der kirchlichen und weltlichen Behörden eingefunden. Ministerpräsident Friedrich hielt nnU folgende Ayfprache an den Oberkommandanten: »Hier auf diesew Platze, wo vor einem Jahre unselige Lippen den Satz spräche«: Ich will keinen Soldaten mehr sehen, anj diesem Platze begrüße ich Sie an der Spitze de» nationalen Armee mit Begeisterung und Liebe im Namen der ungarischen Regierung und der ungarischen Natiow Diese Nation wird sich wieder aufraffen, wenn sie nu^ eitle Tläume und aus weiter Fremde kommende Hilst verzichtet und. bloß auf ihre eigene Kraft vertrauen^ unerschütterlich an der christlichnationalen Richtung fest hält. Heute gehen wir bereiteiner glücklicheren Zukunft entgegen. Diese Nation ist bereits erwacht. Unser» moralische Kraft wächst von Stunde zu Stunde und jetz besitzen wir berenS die physi'che Kraft in Gestalt der . nationalen Armee. Uebernimm Du. unser Führer, dich nationalen Fahnen, untek' denen Deine teuren Soldat» diesem tausendjährigen Ungarn dienen werden. Auf dieser Fahnen, auf Dir, auf jedem einzelnen Deiner Offizier» ' und Soldaten wird der Segen der christlichen Kirche ünl der ungarischen Nation ruhen. Erfüllt von dem Selbst vertrauen der ungarischen Nation und dem unerschütter» lichen Vertrauen auf die schönere Zukunft dieses tausend, jährigen Ungarn, begrüße ich Dich, Führer. Horthy, mS Deinen Offizieren und Soldaten.^ Die Ansprache des Ministerpräsidenten wurde faf noch jedem Satz durch begeisterte Eljenrufe unterbrochen Zwei GrmrdpfeUerr „Der nationale Gedankt nnv die christliche Moral< Oberkommandant H o r t h v erwiderte: „Her» Mimsttrpräsident! Ich danke von Herzen im Namen de» nnzarifchen nationalen Armee für die warmen Worte de» Begrüßung Lange und schwer war der Weg, den wp zurückgelegt haben, ehe wir zu diesem Platze gelangten wo gerade vor einem Jahre das Schicksal des Land^ einem Manne anvertraut wurde, der nufer Vaterland a> den Rand deS Grabes gebrächt hat. Welche Beweggrünst ihn dabei geleitet haben, untersuche ich nicht. Daß aber die Wellgeschichte keine zweite Gestalt kennt,, welche übp ihr Vaterland so viel schmerzliche Demüiigung, solch« materielle Zerstörung, io viel Bitterkeit und solche Schand» gebracht hatte, das erleidet keinen Zweifel. Revolution hat d^m Volke nicht nur lein# Freiheit, keine Rechte und^ kein Brot gebracht, sondE auch nicht den Über alles ersehnten Frieden. Sie hast bloß den einen Vorteil, daß wir den ganzen Hexenkessel der destruktiven Kräfte kennen lernten und sahen» wie du Demagogie ein lebensstarkes, blühendes Land zersetze» und in den Sumpf treten kann. Diese Lehre haben wst empfangen. Wir haben den Becher bis zur Neige geleert' , Nach dem lange dauernden Zersetzung-Prozeß wirb auch der Aufbau lange dauern. Wenn wir seine Dauer verkürzen wollen, dann müsseu wir jenes Gift aupe» Seele der Nalion auSrolten und alle unaarischer Patrioten müssen sich zusammenichließen im Interest ernrS hcilizen Ziele-, dessen zwei Pfeiler sind: Der nationale Gedanke und die christlich» Mora l. Vor allem muß der Zwist aufhören, damif diese durch tausend Seslagworte und Agitationen ztz Tode -eveinigte Bevölkerung an einen Ruhepunkt ge» lanße. Wenn jemals, so darf es jctzt "picht geschehen^, daß politische Parteien die Nation in feindliche Lage» spalten. Die nationale Armee steht wie ein Körper und ein» Seele fest und selbstlos im Dienste des Vaterlandes uni sie wird der christlichen Weltanschauung, der Ehre und der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen. Unter dem Schutz» ihrer Waffen kann jede Schichte der Nation wieder die io notwendige prodnklive Arbeit beginnen, mit welche» wir ein schönere-, glücklicheres und blühendes Ungarn auibauen wollen. Indem wir jetzt vor dem Altar der Gott der Magyaren bitten» er möge uns auf diesem schweren Weg Helsen, vereinigt uns ein heiliger Gedanke: Elebe da- Vaterland!" Messe, Komitatsaborduungen, Truppen- : defitterurrg. Nun ertönte dar Signal zum Gebet, worauf FürstpnmaS Kardinal C s e v n o ch die Messe zelebrierte Sodann Üb rreichte eine Deputation dem Oberfommam danten die von den ungarischen Frauen der' Armee ge« widmete Fahne. Der Fürstprimas segnete die Fahne worauf auch der reformierte Bischof Alexius Petri- und der evangelische Bischof Alexander R a f f a y Segensworte sprachen. Hierauf wurden die Fahnen sämtlicher Truppen eingesegnet. Der Opernchor stimmte den ungarischen Hymnusan, der von der ungeheuren Menschenmenge hegeisterl mitgesungen wurde. Abordnungen der einzelnen Komitat» überreichten dann dem Oberkommandanten Blumensträuße/ Die Sträuße der beichttn Komiiate waren mit Trauer« . stör Umhüllt. Schließlich überreizte dnS Töchterchen des Ministerpräsidenten im Namen der Jugend Horthy ein Blumenbnkett. .Mtt der Destlierung der Truppen, unter denen alle Woffengaitungm vertreten waren, vor dem Oberkommaudanten und den Übrigen Würdenträgern fand die Feier ihr Ende. «Ml».—»