Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-10-27 · Heft 277 (27.10.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 277 (27.10.1919)
Date
1919-10-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979354--02480-2987998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 2 , , Wien, Montag Wiener Morgenzeitimg .. t 27. Oktober 1919 Nr. 277 Kongreß der christlich sozialen Gemeinde- Vertreter. Linz, 26. Ottober. Zn der gestrigen Vormittags, sitzung der Tagung der christlichsozialen Gemeindevertreter Deutschöfterreichs erstattete Gemeinderat Schmitz (Wien) ein ausführliches Referat über das christlichsoztale Gemeindeptogramm. Der Referent beantragte eine Resolution, iu der dieses Programm fest formuliert erscheint. Es wird unter anderem gefordert: FreieGemeinden im freien Staat, gleiches, allgemeines, geheimes/ unmittelbares Gemeindewahlrecht, Wahlpflicht, entsprechend lange Seßhaftigkeit vor Ausübung des Wahlrechtes zum Schutze der Gemeindeverwaltungen vor Plötzlichen Störungen infolge überraschend großer Zuwanderung, Leitung der Gemeinden durch die freigewählten Vertreter, definitive Anstellung der Gemeinde-eamten zum Schutz vor Veränderungen durch politische Wechselfälle, Anstellung gemeinschaftlicher Gemeindestkretäre durch mehrere Zwerggemeinden. Das Eindringen unverantwortlicher Elemente, wie zum B eispiel der Arb eiter- und So ld atenräte in dieGemeinbeverwaltungund xede Art von Diktatur wird sckärfsiens abgelehnt. Die freiwillige Vollspflege und dasW'.rken der christlichen Charitas sollen durch die Tätigkeit der Gemeinden nicht verdrängt, sondern ergänzt werden. Gemeinderat Fischer (Graz) referierte über die zu schaffenden Organisationen der christlichsozialen Vertreter Dentschösterreichs. ■< Nach kurzer Debatte wurden die Anträge der beiden Referenten einstimmig angenommen und die Wahl eines sechsgliedrigen Ausschusses zur Durchführung der Beschlüsse her Tagung beschlossen. Der Kampf der Derrtschsüdtiroler um die Autonomie. Innsbruck, 24. Oktober. Die autonome Provinz — das von Italien annektierte Deutsch-SLdtirol einschließlich Ladinien — hat den von der Deutsch-Südtiroler Abordnung in Rom erhobenen Forderungen zufolge den Namen »Tirol" zu führen. Ihr Umfang deckt sich mit jenem des KreisgerichtssprengelS Bozen, zu dem noch die Gemeinden Tr u d en, Altrei, St. Felix, Unsere Liebe Frau im Walde, Laurein und Pro Vers zu schlagen sinh. Ueber die Anerkennung dieser Grenzen ist nach dem »Tiroler" eine klare Aeußerung der italienischen Negierung noch nicht erfolgt. Pogromversuche der Christlichsozialen und Deutschuationalen. Nach einer gestern vormittags im Nathause abgehaltenen Versammlung zogen lose Gruppen meist jugendlicher Teilnehmer durch die verschiedenen Straßen auf den Franz Josefskai, um Jiet zwiscken Stefanie- und Augartenbrücke zu demonstrieren. Die Demonstranten gingen auf der Asphaltpromenade längs des Tonaukrnales auf und ab und zwangen Juden, die in Kaftanen ihnen entgegenlamen, auf die Stadtseite des Kais auszuweichen. Auch sonst wurden Juden im'Kaftan behelligt. Die Kundgebung begann um etwa 7,11 Uhr. Ein großes Aufgebot von Sicherheitswache und Stadtschutzwache bemühte sich energisch, alle Ausschreitungen zu verhindern. Als die Demonstranten Miene machten, über die Brücken in die Leopoldstadl nt ziehen, sperrten Wacheriegel die Brücken ab. Auf dem Kai war auch Eicherheitswache zu Pferde postiert und unterstützte die Wache zu Fuße, wenn die Auürmmlungen größer wurden. Das Cafä Residenz ließ der Eigentümer am Vormittag freiwillig sperren. An manchen Stellen sah es bedrohlich aus, doch ist es nirgends zu ärgeren Szenen gekommen. Der Bummel auf dem Kai dauerte bis etwa halb 1 Uhr. Daun zerstreuten sich die letzten Gruppen. Während der Vorkommnisse wurden einige Personen, die sich den Anordnungen der Wacbe widersetzten, arretiert. Bemerkenswert ist. daß zu Beginn der Kundgebungen durch Zufall der Leichenzug eines galizischen Rabbiners mit dem Gefolge mehrerer Trauerwagen über die Stefaniebrücke kam. Mehrere hundert Glaubensgenossen gaben ihm zu Fuße das Geleite. Sie stiegen zumeist bei der Marienbrücke in die Straßenbahn ein. Die Vorbereitungen zur Wiener Messe. Im großen Festsaale des Bezirksamtes Neubau fand eine zahlreich besuchte Versammlung der Interessenten der Wiener Messe unter dem Präsidium der Herren Gemeinderat Julius Müller und Theodor & d) ott statt. Nach dem kurzen Referate des Sekretärs Fried wurde eine Wechselrede abgesührt, in der ausnahmslos dafür ewgetreten wurde, daß endlich einmal die Meffenongelegenheit energisch betrieben werde und in die Leitung entsprechende Fachleute berufen werdey. Regierungsrat Dr. Lö w vom StaalSamte für Handel und Gewerbe usw. griff wiederholt in die Diskussion ein. Seine Mitteilung, daß schon in nächster Zeit die Errichtung des Wiener Messeamtes bevorstehe und bei der Durchführung dieser Aki.m im weitgehenden Ansmaße die Heranziehung hervorragender Fachleute ins Auge gesoßt wurde, fand Beifall. Am Schluß der Sitzung erfolgte die Wahl eine- Meßkomitees, in dem die verschiedenen Branchen vertreten Die Köhlenlage Wiens andauernd ernst Wien, 27.' Oktober» Die Wiener Kohlensituation ist andauernd trostlos. Auf den Bahnhöfen stürmen förmlich die Kohlenhändler jeden eingelangten Waggon Kohle. Der auf sieben Kilogramm Kohle pro Woche herabgesetzte Küchenbrand kann bereits ebenfalls nicht mehr eingehalten werden, der gedrosselte Eisenbahnverkehr steht, vor nep n wesentlichen und empsindlichen Einschränkungen, der Gn.<r verkehr ist bereits — mit Ausnahme der- Approvisionierungszttge — eingestellt, die Holzversorgung vetfagt vollständig. Beschlagnahme obevschlesischer Kohle in Lnndenburg. Gellem wurde in Lundenbukg, wie 'die „Korr. Herzogs meldet, ein kompletter Zug für uns bestimmter oberschlesischer Kohle beschlagnahmt. Einstellung des Nachtschnellzuqes Wien-Westbahnhof—Bregenz wegen Kohlenmangel. Wegen des derzeit gänzlich unzureichenden Kohlenvorrates .kann der Nachtschnellzug Wien-Wcstbalmhof—, Bregenz (Wien-W.stbähnhof ab 6 Uhr 40 Minuten abends) heute den 27. Oktober nicht in Verkehr gesetzt werden. Morgen Dienstag den 28. Oktober trifft der Nachtschnellzug aus Bregenz noch in Wien-Westbahnhof ein (Wien-Westbahnhos an 9 Uhr 40 Minuten vormittags). Die für Montag abends gelösten Fahrkarten werden von den Ausgabestellen zurückgenommen. Ueber allfällige weitere Einschränkungen im Schnellzugsverkehr folgt Verlautbarung. Berichterstattung des französischen Intendanzchefs Mauelsre. t Der französische Jntendanzchef General M a u c lö re, der in Wien Informationen eingezogen hat, ist gestern nach Paris zur Berichterstattung an den Obersten Rat heimgekehrt. Man kann erwarten, daß er auch die Kohlenversorgung Dentschöllerreichs in seinen Bericht einbeziehen und ent'prechende Maßnahmen in Vorschlag bringen wird, die unverzüglich durchgeführt werden müssen, wenn nicht der wirtschaftliche Zusammenbruch innerhalb der kürzesten Zeit erfolgen soll. Die Sparmaßnahmen vertragen in Deui'chösterreich keine Steigerung mehr, nicht auf diesem und lnicht auf jenem Gebiete, wir sind auf einem Tiefstände angelangt, von dem es nur entweder einen langsamen Aufstieg oder den Zusammenbruch gibt. Ein „Kälte-Moratorium" für Gerichtsprozesse. Die Kohlennot und die Verkehrsschwierigkeitön, die der Winter befürchten läßt, haben von üdvokato rischer Sette .den Vorschlag veranlaßt, ein „Kä! te-Moratorium" zu schaffen, das die gerichtlichen Fristen verlängert. Dr. Wilhelm Siegel präzisiert in den »Jur. Bl/ die diesbezüglichen Wünsche dahin, vaß^ es infolge der Verkehrs- und sonstigen Schwierigkeiten kaum möglich s e i n werde, die gesetzlichen Fri sten ein« z u h a l t e n. Die Fristen werden vielleicht im Finanzrecht, nicht aber im Straf- und Zivilrecht einzuhalten sein. Auf gesetzlichem-Wege müßte daher jede weniger, als sechs Monate betragende und noch nicht abgelaufene Frist verdoppelt werden. Jede Prozessual-rechtliche Frist solle wegen Kälte verlängert werden können. Dies hätte auch einen Wied er einsetzungsgrund zu bilden.. Auch im A d pl i n i-- ftrativ verfahren wäre ähnlich vorzugehen und schließlich wären auch die „Amtsstnnden für den Parteien- ' verkehr" git erweitern. >, Arbeitsaufnahme im Karwiner Revier. MLHrisch-Ostrau, 25. Oktober. (Meldung des Tschecho-Slowakischen Preßbuteaus.) Dem „Ostravsky Dennik" zufolge haben die Verhandlungen im -Konflikt auf den Karwiner Schachten „Gabriela*, „Barbara* und „Hohenegger" etn^ friedliche Lösung gezeitigt. Die Verhandlungen leitete die europäische Kohlenlommissiow ra Mährisch-Ostrau. Es wurde die Einberufung des Ing. Filip zur Direktion vereinbart, worauf sich die Grubenarbeiter bereit erklärten, die Arbeit am Montag in vollem Uyifange wieder aufzunehmen. Amerika liefert nach Europa sechs Millionen Tonnen Kohle. Haaa, 27. Oktober. (Tel.-Komp.) Hollandsch Nieuwsbureau meldet aus New-2)ork: Die Vereinigten Staaten werden sechs Millionen Tonnen Gas- und Vunkerkohle an Europa liefern. Eine große Anzahl Schiffe, hauptsächlich griechische und japanische, werden für diesen Zweck gechartert, doch werden auch britische Dampseif am Transport beteiligt sein. , sind, daß sich sofort konstituierte und die Herren Gemeinderat Müller, Stein fcbauer und Schorr und Verbandssekretär Fried mit der provisorischen Leitung betraute. » Wie dringend die Notwendigkeit der Errichtung einer Wiener Messe ist, ergibt sich aus einer Meldung der „Narodni Lisch", wonach bei der tschecko-slowakischen Gesandtschaft in Wien am Lobkowitzplatz eine ständige industrielle Musterausstellung - errichtet werden soll. Die tschecho-slowakische Nachbarregierung scheint demnach bereits dre Bedeutung Wiens für dm Handelsverkehr mit Ungarn, Südslawien, Polen und Italien erkannt zu haben. Werden die österreichische Republik und Wien rechtzeitig ihre Interessen wahren? Tagesbericht. Falsche amerikanische Banknoten. Geplante Banknotensätschungen. Am 24. d. M. hat Hcrr'Frarn C s ö n g e i, Mitinhaber der F>rma Paul Hanke <S Komp., VII., Stiltgaksr Nr. 27, dem PolizcikoMnuffauatc Neubau die Anzeige erstattet, daß er nach seiner Rückkehr von einer Geschüslsreise in seinem Betriebe Klischees von.Z ehn-Dvllarnoten, die sein Kompagnon Paul Hanke hatte ankert >grn lasten, vorgefunden habe. Herr Cwngei leckte ferner, mst. daß ihm sein Kom-ngnon au! Betragen die Auskunft gegeben habe, daß die Klischees mt Aufträge eines ge misten August Barsczaga, eines Photvchemigraphcn, X.V1L, Fraucngaste Nr. 5 wohnhaft, hergeflrllt woiden seien. Die Anzeige ging ün das Sick'erheitSbureäu weiter und dieses leitete Erhebungen Über die sonderbare Geschichte em. Zunächst wurde der angebliche Auftraggeber Augvsi Barsczaga m Hast genommen. Dieser teilte bei seiner Einvernahme mit, daß er die Bestellung von dem Tylogiavhm und Klische-Erzeuger Karl Nowotny, 1.» Wtvplingrrstwße 20 etabliert, übernommen habe. Nun rrsolgleauchdrrDerhastungNowornhs.JnseincrWohnung wurde auch ^ne Hausdurchsuchung vorgenommen und bei dieser fand man e'ne größere Anzahl falscher tschecho-slowakiicher Banknotenslempel- Klischees. Nowotny gab bei ferneren Verhören an, daß er den Auftrag zur Herstellung der Klischees von ernrm Manne erhalten habe, der sich als dxr ukrainische Oberleutnant Groß vorgesiellt hat und die Klischees am 35. d. M. abholen sollte. Tatsächlich;am der vermeintliche ukrainische Oberleutnant am 2V. d. M., um die bestellten Klischees in Empfang zu nehmen. Er wurde bei seinem Erscheinen verhaltet. Er ist der 19jährige Private Max Groß. II., EnnSgaste Nr. 18 wohnhaft. Als weiterer Komplic^ wuide der ebenfalls im Hause II., .EnnSgaste Nr. 18 wohnhaft^ Reisende Ludwig S ch > m k o w i y,. dann der Ilffährige Private Guido Skala. HI., Landstraße Hauptstraße Nr. 61 wohnhaft, der Filmhandlrr Adolf Lang. II., Prairr. AuSsteklungsstraßc Nr. 71 wohnhaft, der angebliche BankgrschäftSlnhabrr David Pauker. HI., Hintzergasie Nr. 11 wohnhaft, und der Handlungsgehilfe Franz Stemauec auSgeforscht und verhaftet. Auch der Tylograph Guido Skala scn., der Vater des Privaten Guido Skala jun., VI., Gumpcndorferstraße 9! wohnhaft, wurde in Haft genommen. Durch die weiteren Erhebungen wurde festgestellt, daß Groß bei dem Buchdrucker Paul Gei in, H., Zirkusgaste 13 wohnhaft, fünftausend am erikanischeBanlnotenzu je 10 Dollar hatte Herstellen taffen.' Diele falschen amerikanischen Banknoten hat er auch entgegengenommeM Groß Hatte sich demBMdrucker Gcrin gegenüber als Vertreter der ukrainischen M r s s i o n in Wien ausgegcben und ihm eme gefälschte Bestätigung der Wiener Potizerdrrcklron überbracht, derzufolge die ukrainische Mission , im Einverständnis mit der amerikantschen Mission bercchtigt sein sollte, solche Nachdrucke von Dollarnote» Herstellen u lasten. Die Beglaubigungen sahen derart echt aus, daß Herr G'erin getäuscht werden lonnte. Hinter dem ganzen wirklich schlau angelegten Schwindel mit den falschen Dollarnoten stand Adolf Laug. der Filmhändler. Dre Herstellung der falschen Stempel für die tschecho-slowaküchen Banknoten ist ank David Pauker zurückzuführen. Die Erhebungen werden fortgesetzt. Nach ihrem Abschluffe werden die Schuldigen dem Landcsgettchte eingeliefert werden. Ebenso wre Herr Germ sind auch Herr Esöngei und Herr Hanke vollkommen unbeteiligt an der Sache, da auch sie vov der i Fäljcherbande wregeführt worden sind. Wiener Ziegelexport nach Frankreich. Wie verlautet, wird mit der Wienerberger Ziegelfabrik wegen Lieferung von Ziegeln für'den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete Frankreichs unterhandelt. Die Ziegeln sollen in der besonderen, in Frankreich üblichen Größe hergestellt werden. Die Lieferung kann in bedeutendem Umfange jedoch nur dann erfolgen, wenn von französischer Seite für Kohlen, die die erhöhte Produktion ersordert, sowie für den Transport vorgesorgt wird. __ Dix Aeb erwach im g der deutschen Briefpost. Berlin, 26. Oktober. Unter' dem Titel „DaS schwarze Kabinett in Dresden, die Ueberwachung der privaten Auslandspost" berichtet das „Berliner Tageblatt" aus Dresden, daß dort eine PostüberwachungSstelle eingerichtet sei, wohin aus ganz Deutschland alle nach Oesterreich gerichteten Briefe geleitet werden. Alle an Banken und Großunternehmer gerichteten Briefe werden geöffnet, von den Privatbriefcn dürften nur Stichproben entnommen werden. Ueberwachungsstellen für andere Länder gäbe es noch iu. Breslau, Hamburg. Köln usw.^ , Wenn in einem Briefe ' Mitteilungen gefunden werden, die den Verdacht einer Steuerhinterziehung rech', erngen lö men, wird die Sle erbehörde seneZ'OrteL. in dem der Betreffende wohnt, in Kenntnis gesetzt. Das' gan,',e bedeutet eine Organisation desNeichsfinanzmimsteriumS gegen die Kapttalsflucht und die Steuerhinterziehung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.