Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 271 (21.10.1919)
- Date
- 1919-10-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien. Dienstag 21 Oktober ISIS Nr. 271 r@»B» 2 Die Ententehilfe für Oesterreich. Die Pariser LebensmiLLelkommission nach Wien abgereist. Paris, 20. Oktober. Der Oberste Rat hat bekanntlich beschlossen, eine A rrt e r» Kommission des OrgamfaticmsLomitees der Neparationskommifsiorr zur Be' arrdlurrg der Fragen betreffend die Lebensmittelversorgung Oesterreichs in Wien einzu« setzen. Herr Maueiere, Kontrollor der französischen Armee, wurde mit der Schaffung dieser Anterkommission betraut. D'eje Kommission reist gemeinsam mit der Expertenkommission für Verkehrswesen, die von Sir Franeis D e n t geführt wird, heute abends nach W i e n ab. Die Richtlinien für die auswärtige und innere Politik Deutschösterreich s. Was geht in Fiume vor? Originalbericht unseres Korrespondenten. ft i n m t, 14. Oltober. Ihrem Korrespondenten gelang es, in die blockierte i S Ladt am Quarnevo z u gelangen. Ihre Leser sotten, Inun ein Bild des Gesehenen erhalten.!' Bier Wochen sind es, seit der Dichtersoldat mit s^nen freiwilligen Legionären seinen Einzug in das von den interalliierten Truppen besetzte Fiume hielt. Die Engländer zogen sich nach BoloSka und die Franzosen nach Buccari zurück, wohin ihnen auch die Serben aus der kro '»ti'ch>.'n Vorstadt Susak folgten.. Der italienische Stadtkommandant, General Grazioli, mußte weichen ' und Oberstleutnant d'Annunzio übernahm das militLri'che Kommando. Der Nationalrat, mit Advokat Dr. Grossich an der Spitze, legte sein Mandat in die Häi^e d'Annunzios zurück, nm eS bann wieder von ihm zu empfangen. Die römr'che Rr^i.rung versuch'« wiederholt, ofsiziell und offiziös, dAnnunzio und seine Freiwilligen zur Rückkehr zu ihren Regimentern zu bewegen. Alte Versuche scheiterten; im Gegenteil, d'Annunzios Gefolge wuchs sowohl an Marine zu Wasser und zu Luft wie »ach an Infanterie und Kavallerie. Viele bekannte Venerale und Offiziere aller Grabe kamen nach Fiume «nb stellten sich in seine Dienste. Vorige Poche büßten Lwei Fliegeroffizierr, die in einem Aeroplaue — trotz »eZ Verbots des Kricgsmi.nsters — nach Fiume kamen, ihre Tat mit dem Tode infolge eines unglückliche« Absturzes. Man schätzt die Truppenmacht d'Annunzios auf Uber 15.000 Mann, darunter über 2000 Offiziere, bis in Kasernen und Schulen (die sämtlich gesperrt wurden — auch in Susak) un ergebracht sind. Uebcr die Stadt wurde seitens der römischen Negierung die Düockade verhängt und jeder Verkehr zu Land und zu Wasser eingestellt. Nichtsdestoweniger werden die nö.igen Lebensmittel zu Wasser und Land heroeigeschafft, so daß genügend Lebensmittel vorhanden sind. Üeber die jStadt wurde wegen ver chiedener Vorfälle das Standp:echt verhängt, Restaurants müssen um 9 Uhr, CafsS' Imt 11 Uhr nachts sperren. Im Verkehr kursiert daS österreichische Papiergeld mit jugoslawischem Stempel. Für Zahlungen an die Kommune Fiume jtffic Wasser, Gas, Elektrizität, Steuern, Post) werden an österreichischen Kronen mit Stempel „Citta di Fiume" gefordert, aber auch jugo lawifche Kronen mit (20 Prozent Agio angerronunen. Es kur.iert auch Lire- Währung (1 Lire ----- 6 jugoslawische Kronen). Der Nkationalrat hat die Fiumaner Banken beauftragt, mit 113. Oktober sämtliche Konti abzufchließen und das Verzeichnis der Saldi vorzulegen. Es wurde ferner «mgeordnet, in Hinkunft sämtliche Einlagen in jugoslawischen Kronen als fremde Valuta auf Separat ko nt? Hu behandeln und nicht als Kontokorrent-Konto zu «betrachten. Der Nationalrat hat ferner beschlossen eine eigene Bank, nach Muster der Oesterreichisch-ungarischen Dank mit erzener Notenemission zu gründen. Das geschäftliche Leben stockt vollständig. Weder Import noch Export sind möglich. Der Straßenverkehr ist im Vergleich zu früher, wo über Fiume alle Lebens mit.elzu'u")ren nach Jugo l wien,Deu schöstcrreich, Tschechien und Polen gclci.et'-wurden, minimal. Den Kaufleuten, die gar feine Geschäfte machen, droht Ruin. Aber die Stadt ist ständig beflaggt und der sKorfo ist mit Emblemen ita ienischer Städte geschmückt. Täglich finden Demonstrationen für d'Annunzio statt, der dabei oft feurige Ansprachen hält. Außer der d'Annunzio-Pariei gibt er aber eine 'ansehnliche Gruppe, die sich um den Politiker Zanella schart, der keine Annexion an Italien, sondern Autonomie ver'angt und der angesehene Fiumaner Bürger angehören. Zanella, der wiederholt «ach Rom gereist ist, um mit Nitti zu verhandeln, wurde kürzlich vor d'Annun'io zitiert, verwarnt imd unter Polizeiaufsicht gestellt. Er ist aber letztens wieder geflüchtet. Die Sozialisten gehen mit den Autonomisten, und daß die zahlreichen Kroaten nicht mit bÄnnunzio gehen, sondern Anschluß an Jugoslawien verlangen, versteht sich von selbst, obwohl sie .sich jetzt ganz passiv verhalten. Ihr Führer ist Advokat Dr. Bake eie, der sich mit dem kroatischen Nativnalrat kach Buccari zurückzog. EL fei bemerkt, baß nach Einzug d'Annunfior zirka 10.000 Kroaten sich hinter die DrfsenstitLstandsgrenze zurückgezogen haben. Das Verhältnis zwischen Fiume und Kroatien ist gespannt. Die Bahnlinie nach Jugoslawien ist hermetisch «bgesperrt und der Schienenstrang nach Buccari von italienischer Seite gesprengt. Trotzdem versucht b'Annunzro, die Kroaten zu ködern und hat am ü.ö.M. folgenden Aufruf an die Kroaten, der durch Automobile in Kroatien verbreitet wurde, erlassen, in dem er alle Schuld den jüdischen Bankiers in die Schuhe schiebt: „An da» V»lk von Kroatien und de» Hinterlandes *»x Fiume! Run ist die Stunde gekommen, die gap-e Wahrheit zu sagen, über die Köpfe aller Regierutt-rn hinweg, die sie ihre» Völkern «ui Interesse oder Furcht verbergen. * DaS italienische und kroatisch« Volk sind da» Opfer einer teuflischen Fiuanztn t rU«, die daraus binzielt, die Feindschaft unter ihnen aufrecht zu erhalten, indem sie Mißverständnisse und Lügen verbreitet, um denn b-ide Teile auSzubeuten. Die Adria ist »in t ein i fch e» Meer, a», welchem sie Slawen da» voll« Recht auf »ine» wirtschaftlichen Zugang für ihre« Handel habe». Italien will gerne die Freiheit dieses Zugänge» allen Völkern de» Hinterlandes «währe« und mittel» seiner militärische» und bürgerlichen Lewalt sichern und schützen. Deshalb haben kl tolle ner und Slawen da» dringerrde ga- Wien, 20. Oktober. Wie von amtlicher Seite mitgeteilt wird, erscheinen in den Koalitwnsoereinbarungen zwischen den Chrlsllichsozialen und Sozialdemokraten auch die Richtlinien für die künftige Außenpolitik fest gelegt. Die neue Regierung ist gebildet worden aus den Vertretern der beiden Parteien, die den Frieden von Saint-Germain angenommen haben, und damit ist gegeben, daß die Regierung sich in der auswärtigen Politik auf die Grundlage des Friedensvertrages von Saint-Germain stellt und trachten wird, diesen von der Nationalversammlung gutgeheißenen Kurs sowohl dem Buchstaben wie dem Geiste nach ein uhalten. Die Negierung akzeptiert somit die durch den Vertrag geschaffenen Tatsachen, also auch jenen Punkt, der eine Abänderung des Vertrages nur im Wege des Völkerbundes Vorsicht. Deshalb wird es der vornehmste Wunsch, das Destrebcn der Regierung sein, dazu beiZutragen, daß der Völkerbund, dessen Gründung sich zunächst als eine Resultante der Kräfteverhältnisse darstellt. in einegeistige Schöpfung verwandelt, werde, die das internationale Völkerleben auf die Grundlagen der Gerechtigkeit stellt. In dieses neue Weltsystem ordnet sich auch unser Staat vertauensvoll ein. Die Ikeen. die die Regierung hierbei verfolgt, stellen Gedanken dar, die auch bisher dem Volke in unserer Republik nicht fremd geblieben sind. Der Pazifismus und die Idee der nationalen Selbstbestimmung sowie die Idee der Gerechtigkeit gegenüber den Minderheiten sind auch schon ehemals in den beiden großen Parteien, die jetzt die Koalitionsvereinbarung getroffen haben, lebendig gewesen. Wenn man die Zusammensetzung der neuen Regierung betrachtet, so darf man wohl darauf Hinweisen, daß der Staatskanzler, nunmehr definitiver Leiter der auswärtigen Politik Oesterreichs, in einer seiner früheren Schriften »Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen* schon vor dem Kriege die Idee einer überstaatlichen Rechtsordnung begeistert vertreten hat. Das Programm weist ausdrücklich auf die Entschlossenheit der Regierung hin, die Bestinunungen des metnfame Interesse, z« verhindern, daß andere, nichtadr'.ati'ch.'Nationen, an einem ihnen fremden Meer festen Fuß fassen, indem sie dessen Gedeihen und Harmonie stören. Nun, eben diese Gefahr naht heut« unter dem Vorwand eines künstlichen Völkerbundes, der feine Ha,^d nach dem Fiumaner Hafen gerne ausstreckeri möchte; eine» Völkerbundes ohne Völker, der nie ein kleines Volk zu schützen verstand und es auch nie tun wird, weil er von internatisnale» jüdischen Bankiers erfunden wurde, al» Deckmantel für ihre gegen alle Völker der Welt gerichteten Spekulationen. Diese skrupellosen Bankiers, sie sind eS, die die »wischen Italienern und Slawen schwebenden Fragen vergiften uwd 8uch ein nach Euren Ländern und Neichtümern lcchrenveS Italien vorgemalt haben, daS Fiume nur zu dem Zweck wünscht, um Euren Seehandcl zu unterdrücken. In Wirklichkeit verlangt Italien nur dcn Triumph seines geographischen und sprachlichen Rechte», indem eS feine noch unerlöston Kinder in Fiume und an der Adria sammelt, innerhalb natürlicher Grenzen, die jeden Angriff ver Slawe» gegen Italien, aber auch umgekehrt, auSschließen . , . Dicken kosmopolitischen Bankier» ist e» schon gelungen, Eure ökonomische Unabhängigkeit zu verletzen, indem sie auch Eure politische Unabhängigkeit heimtückisch überfallen. Sie sind fast Herren Eurer Industrien. Eures Bodens, haben alles an sich gezogen: Die Zeitungen, Finanzen und Eure Zutunf.t . . . Also, jetzt wissen w« »S. Nicht die Entente« regicrungen. nicht Wilson und nicht England sind es, die die Lösung der Fiumaner Frage in Händen haben, son'e n — die jü i.chen kosmo,o.i.ischcn Bankiers! Immer das alte Spiel! Der Hauptstern der d'Animnzio.Parbei, der söge« nannten FaSeisten, die in Italien einen heftigen Kamps ßecttt Nitli und tie t a'imi.ch^ Regierung flfiren, ist der Herr M u f f o l i n i, der Herausgeber und Chef« rebalteiit des „Popoto d'Jlalia" in Mailand, der auch eine anfidyn äffische Politik betreibt und für eine Republik agitiert. Den wahren Grund dieser Quertreibereien findet man in den bevorstehenden Parlaments« mahlen. Auch in Flume hat b'An«unzi» Parlamentswahlen für den 16. November — wie in ganz Italien — ausgeschrieben» und auch n'ue Gemeindewählen sotten vor dem 3V. Oktober, dem Jahrestag der Fiumaner Revolution, stattfinden. Herrn -'Annunzio fließen Gelder aus der ganzen Welt zu und der „Papalo d'Jtalia" h.rt bis heute über 1.2 Millionen Lire antzßewi-esen, darunter zirka dreivieciel Mckliowe» aus A.nerika. Dchio. Frledensoertrages über den Schutz der Mi n d er« heiten Ln loyaler Weise zu erfüllen, ohne selbst, um dieses Werk zu beginnen, die Ratisikation ab« zuwarien, wie denn auch sonst die Offenheit und Geradlinigkeit unserer Politik es ausschlteßen werden, dast der Umstand, daß zwischen dem Inkrafttreten der Frie« densbedingungen und der parlamentarischen Erledigung gewisser ihrem Inhalte entsprechenden staatsrechtlichem Bestimmungen eine Zeitspanne unvermeidlich ist, den Verdacht irendwrlcher Zweideutigkeit und Hinter« hältigkeit erwecke. Die Reziermig wird bestrebt sein, freundliche Verhältnisse zu allen unseren Nachbar st aalen herzustellen. Sie weist jeden Ge« danken einer Einmengung in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten zurück. Sie strebt aber auch eine staatsrechtliche Verbindung mit diesen Nachbarstaaten nicht an. Unsere auswärtige Politik wird vor allem darauf bedacht sein müssen, das Recht zum Leben, das uns eingerauint wurde, in die Möglichkeit des Lebens umzusetzen. Sie wird also in erster Reihe Wirtschaftspolitik fein und das Ziel haben, den freien Handel mit dem Auslande möglichst bald wieder herzustellen. Dazu bedarf es nicht unreiner gewaltigen Arbeit auf dem Gebiet der internationalen Wirtschaftspolitik und Wirtschastsorganifation, sondern namentlich auch der Gewinnung des Vertrauens des Auslandes zu unserem Arbeitswillen, unserer Arbeitskraft und unserer Zuoerlässigkelt. Aus den neuesten Meldungen über die Durchführung des Friedensvertrages und aus dem sichtlichen Eifer, mit dem di« vertragschließenden Mächte durch die Konstituierung und Aktivierung der mit dem Aufbau unseres Wirtschaftslebens beauftragten internationalen Kommissionen uns in unserer schweren Lage beizustellen sich bestrebt zeigen, darf man die Hoffnung schöpfen, daß der Zwiespalt, der bisher zwischen den wohlwollenden Zusagen der Begleitnottz zu den endgültigen Friedensbedingungen von Saint- Germain und den für uns so harten Bestimmungen dieses Vertrages selbst klafft, nunmehr überwunden werden wird. Polilische^unds chau. Die militSrische Lage Rußlands. Auf Grund der amtlichen Berichte, die in de« letzten Tagen hier eingelaufen find, läßt sich folgendes genauer Bild über die militärische und politische Lage der Bolschewiken geben: An der No rb wc stfro nt bringen die'Generale Iu d e n i t s ch tun .Glasenapp auf einer Ausdehnung von etwa 150 5kilometer gegen Petersburg vor. Die Front ist an dieser Stelle tatsächlich durchstoßen. ReservesteUnngen zum Auffangen des StoßeS waren keine angelegt, so daß tatsächlich Petersburg unmittelbar bedroht ist» und mit einer Einnahme der Stadt noch in dieser Woche gerechnet werden fru». Es ist allerdings möglich, daß die Bolschewiken sich noch einmal vor Petersburg stellen, ist auch möglich. daß ein Frosteintritt die Unterstützung der vordringendcn Armee von der See her Verhinderer, allein die Bolschewiken selbst rechnen heute schon mit der Ei "nah me Petersburgs und bernerken hierzu nur, daß dies für ihre Sache absolut keine Rolle spielen werde. Petersburg sei für sie eher eine Last, denn eine Stütze, da sie die große Bevölkerung mit Lebensnlltteln versorgen müssen, ohne daß diese Bevölkerung wirklich begeistert auf ihrer Seite stünde. Zwischen Pskow und Dünaburg steht die bolschervikische F.ortt uncrschüttert den Letten gegenüber. Südlich D ü n a b u r g, wo die Front gegen die Polen beginn:, finden wohl an der röeresina zeitweilige Plänkeleien und Scharmützel statt, allein sie bringen keUtecPartei irgendwelche. Bor« oder NachieUe. An der anfchließenben Ukraine-Front fiatb die Bolschewiken im energischen Vordringen gegen Süden. Es kann keinem Zweifel unterliegen., daß Kiew von der Raten Armee eingenommen worden ist. ebenso, daß der Vormarsch an dieser Front fortgesetzt wird. Den anschticßenden Frontabschnitt jedoch haben die Bolschewiken nicht halten können. Don den Truppen DenikinS bedrängt, müssen sie sich gegen T»tla zurückziehcn. Tula selbst wird in Ells befestigt, um den Weg nach Moskau, der von dort nur etwa 160 Ki.'Stneler be.rägt» zu verlegen. An dieser Stelle der Front droht den Bolfchetolle* bi*. WfUe Sekabr, Wenn Moskau