Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 271 (21.10.1919)
- Date
- 1919-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die bürgerlichen Parteien ohne Unterschied ihrer sonstigen Richtung sind — so verbreitet wenigstens die Friedrichsche Stimmungsmache — für die Wahl eines Königs. Die Sozialdemokraten leisten Widerstand und drohen mit dem Bürgerkrieg. Aber ihre Zahl.ist seit dem Ende der Komrnunistenwütfchaft in stetem Rückgang begriffen. Daß die Sache ernste ist, erkennt man aus der Haltung seriöser Politiker, wie SZterenyi uyd Vazsonyi, die die Ausrichtung der Monarchie als Ausweg aus der schrecklichen Verwirrung anpreisen, in die Ungarn durch die Verbrechen der Kun-Garde gestürzt worden ist. Wer den Thron Stephans besteigen soll, darüber herrscht noch Dunkel. Der Name des Kaisers Karl, seines Sohnes Otto, des Erzherzogs Josef, des Herzogs von Teck, des Herzogs von Convauaht wird genannt; andere sprechen von einer Personalunion mit Rumänien und auch der Plan eines polnisch-ungarischen Duslismus ' wird erörtert. Das politische Leben Ungarns befindet sich in stärkster Bewegung und die Frage des Friedens ynd der zukünftigen Grenzen sowie der materiellen Verpflichtungen tritt in der öffentlichen Diskussion hinter der der zukünftigen SLaatssorm zurück. , Es ist klar, daß es sich hier um keine interne Angelegenheit Ungarns handeln kann. Dir ungeheuere Anziehungskraft,. die ein katholisches Königtum auf bt« gegen den tschechischen Zentralismus aufgebrachten Slowaken ausüben müßte, Hütte sehr starke Einwirkungen auf die ganze staatliche Struktur Mitteleuropas. Die ersten. Detrpffenen. wären die Tschechen, deren. ohnehin sehr schwierig gewordene' innerpolilische Situation sich außerordentlich verschlimmern würde. Tin polnisch-yraghärisches/Mn-ttÄ^ wurde zunächst eine neue Verstärkung der tschechischen Armee und damit eine neuerliche Verschlechterung des f Budgets im Gefolge haben, darüber hinaus aber dis Entente vor Probleme stellen, an bic fie bis freute ' nicht gedacht hat. Denn das Äufwersen der Königsftage in Budapest geschieht zur gleichen Zeit mit dem Vordringen der zaristischen Strömung in Rußland, deren bewaffnete Posten sich rm-chicken, Petersburg zu besetzen, die Moskauer Gowieiregicrung abzuschnüren und zur Kapitulation zu zwingen. Der im Februar 1917 zur Herrschaft gelangten Revolution droht em’ Ende mit Schrecken. Achnlich wie in Ungarn ist auch ' in Rußland 'eine Vereinigung der reaktionären Zaristen mit den er-' büterten bürgerlich-sreiheitlichen und rechtssozialistischen Gruppen im Werden. .Es ist die Liga zur Wiederherstellung Rußlands, das nationale Zentrum und der Verband der im öffentlichen Leben wirkenden Persönlichkeiten, die sich auf, das Programm der Vertreibung der Bolschewiken geeinigt und der Omsker Regierung angefchloffen Haben, an deren Spitze Admiral Koltfchalr steht. Seine Regierung setzt sich aus sechs Kadetten und sechs Sozialisten zusammen. Die Vertretung in Paris besteht aus Sasanow, dem gewesenen Ministerpräsidenten Lwow, dem Kadetlenführer Maklakow, dem Sozialrevolutionären Sawinkow und dem Revolutionären Tschaikowsk^ Das Programm dieser buntscheckigen Regierung besagt: 1. Nur die Vertreter des ganzen Volkes in der Nationalversammlung dürfen die zu-. künftige Staatssorm bestimmen. 2. Der Boden gehört dem, der ihn bearbeitet. 3. Sanierung und Entwicklung der Industrie) Verstaatlichung der Unternehmungen, die der Allgemeinheit dienen. < Versammlungs-, Preß- und Wortfreiheit. 6. Gleichberechtigung aller Nationcmtäten und Konfessionen, ausgedehnteste Lokal-, Nationalitätenusw. Autonomie. Es ist selbstverständlich, daß ein solches Programm, das schlauerweise den monarchistischen PseÄefuß versteckt und die Bestimmung der Gtaatssvrm der Nationalversammlung überlaffen will, in den jetzigen Zeiten eine starke werbende Kraft besitzen muß. Der Bolschewismus hat eine solche Verheerung des geistigen und wirtschaftlichen Leben« in Rußland angrrichtet, daß man w versteht, wenn alle Unzufriedenen nach einem Kr^stallifationspunkt suchen und, von dem politischen Schwindel des Bolschewismus m^eekelt, in dm Schwindel der monarchistisch anHkstriche,»«x Konzentration hinein.. kmrneln. Mehr noch als in München oder in Duda-1 pest erweist es sich in Rußland, daß der auf BullÄ«. * Der Kampf gegerr die Bolschewiken. Kronstadt rmd Petersburg noch in bolscherVikischer Hand. M-skom, 20. Oktober, 5 Uhr morgens. (Funkspruch des Korr.-Bur.) Ausländische Funksprüche kündigen an, daß St. Petersburg und Kronstadt angeblich eingenommen worden seien. In Wirklichkeit sind Kronstadt und 65t PeterSburg^fest in den Händen ihrer sowietistischim Verteidiger j und die Noten Truppen, weit entfernt davon, an des Aufgeben ihrer Stellungen auch nur zu denken, haben einen fchon^von Erfolg gekrönten Gegenvorstoß unternommen. , Pessimistische Bsurkeilmi^ der Lage Iudemtsch'. Berlin, 20. Oktober. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet aus Helsingfors: Die Bolschewiken behaupten, Petersburg verteidigen zu wollen. Bor der rechten Flanke der Armee Judenisch stehen beträchtliche Truppenmasscn der Roten. Trotz aller Fortschritte werde die Lage Jlck«xi!sch' in militärischen Kreisen all» ungünstig beurteilt, weil feine Truppen zu schwach feien, um den Bolschewiken eine entscheidende Niederlage zuzufügeu. Vde I»ds«WH KVM GtehM gedrscht. Berlin, 80. Oktober. Dar „Berliner Tageblatt" meldet an§ Stockholm, er sei auffallend, daß die Siegesmeldungen von der Petersburger Front seit zwei Tagen aus geblieben sind: Selbst die angebliche Kapitulation von Kronstadt sei noch nicht bestätigt. Jn sozialistischen Kreisen Stockholms eing-e troffen« Ariv-LtineKmngen aus Finnland dementieren ausdrücklich den Fall von Kronstadt. Nach derselben Quelle soll .die Offensive .des-• MNeralS^ Iude nits ch zum Stötzen' gebracht'tv-orde'n' sein.' PeterSl-urD ös^etzt? . Paris, 20. Oktober. (Korr.-Vur.) Der „LibertS" zufolge hat -Gaso now--von derrussischem Botschaft ein Telegramm erhalten, das amtlich die D e fetz un§ St. Petersb'urgS durch, Judenitfch meldet. besitzt, werden dazu verwendet werden, um aus PeterA, bürg ein ungeheures Labyrinth zu schaffen) dessen Bewältigung dem Gegner unmöglich werden soll: Die englische Anterstützung Äe« Gegenrevslutionsrs. 80. Oktober. (Funkspruch.) Nach Churchills Erklärungen im englischen Parlament sollen dk britisü)Sn Streitkräste im Finnischen Golf die nichts russischen Häsen dieser Gebiete vor bolschewikischenUebevfällen schützen. Die Kriegsschiffe der Sowietrepublii! haben zu diesem Schutze niemals Anlaß gegeben, Di« britische Flotte, die jetzt im Firinischen Meerbusen der« samurelt ist, hat jedoch ganz andere Zwecke. Sie besteht aus 4 Großkarnpfschisfen, 5 Schlachtkreuzern, 5 Pa nzer-. kreuzern, 7 großen Kreuzern, 20 kleinen Kreuzern/ 4 Karwnenbooten, 20 gwßen Zerstörern, 20 Torpedo« kosten, 13 Unterseebooten und vielen Schleppern unk HilsSschiffen. Ihre Basis ist Bjorkö. Die britische Flott« hat ungeheure Mengen von Kriegsmaterial zur Bekämpfuug der Sowietrepuölik in den Finnischen Gol gebracht. Nach der finnischen Zeitung „Karjalaw wurden in den letzten Wochen für Judenitfch ausgs! schifft: 30 schwere Geschütze, 82.000 Gewehre, 15 Ml« lionen Patronen, 40.000 Mäntel, ri-esige Mengen vop Wäsche, Schuhen und Kopfbedeckungen, 20.000 nister, Hunderte von Tonnen Zucker und Mehl, Tabak und andere Bedarfsartikel. Neues Kriegsmateriah darunter auch Gasgranaten, wird ununterbrochen auSgeschifft. General Judenitsch hat kein Hinterland für seine Angrifse; sein Vorstoß gegen Petersburg war nur vurch die Hilfe der britischen Flotte mögs lich. Ohne diese würde er in wenigen Tagen vernichtet sein. Am 18. August hat die britische Flotte den erstes Vorstoß.gegen Petersburg unternonimen, wobei im Hafoy von Kronstadt das Schlachtschiff „Andrej Perwosw-anny^ und der alte Kreuzer „Pamjat Merkurija" vernichtet wurden. Am bi, 13. und 14. Oktober haben die brü> tischen Kriegsschiffe die Bucht von Kaporije beschossen^ britische Matrosen gelandet und so die Landung de« Frartzöstsche Berichts Aber IAdeniLsch. j Streitkrüfte Judenitfch' ermöglicht. Am 16. Oktober .Paris, 20. Oktober, ' abends. (Funkspruch.) End- ' wurden abermals Kaporija und die umliegenden Siel« gegen den Nachriten über die Einnahme von Petersburg i langen beschossen; gleichzeitig begann Judenitfch seinen besagen die letzten, von General Juden i ts ch. einge-! Borstoß gegen Petersburg. langten Meldungen, daß dieser in einem kühnen Vorstoß bis KraSnoje-Selo, Oranienüaum und Peterhof. etwa 86 Werst vor Petersburg gelangt ist. Judenitfch hat die Herrschaft an der Küste. Die Einnahme von Pskow wird nicht bestätigt, Psksw scheint u-och in der Hand der Rottruppen zu sein. Trotzlris VsrterdigungSPlam Moskau, 20. Oktober. (Funlspruch des Korr.-Bur.) Die ernste Lage der Republik hat al le Parteien geeinigt. Nach den Menschewiken und den internationalen Sozialdemokraten haben nun auch die SozialrevolutionärederN echten alle ihre Parteigänger aufgefordert, sogleich in die Rote Armee einzutreten, um mit den Kommunisten auf allen Posten der Front au der Verteidigung des Landes mitzurvirken. Die Vereinigung der eheumligen Arbeiterunionen hat in Moskau in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, mit dem Derteidigungskomitee einvernehmlich zu arbeiten. Das Hauptkomitee des Ingendb undes hat seine besten Agitatoren nach Petersburg entsendet. Der Sowie! von PeterSburg hat sich zur Front begeben. Der Plan Trotz kis geht nicht nur auf sofortige und ausgiebige ^rstärkung der Front, sondern auch auf Verteidigung van Petersburg, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus. In der Waffenhandhabung geübte Arbeiter werden die Fenster und Dächer besetz««. Alle technischen Mittel, die Petersburg in reicher Menge auf Nieberhaltung und Ausschaltung der produktiven Bürgertum» gerichtete Hyperra'oikalismus sozialistischer Tendenz letzten Ende» doch nur Schrittmacher der Monarchie ist, war wir in der Zeit der vergangenen kommunistischen Schwarmgeisterei in Wien de» östem behauptet haben. Der sozial« Fortschritt, die Beteiligung der Arbeiter an der Verwaltung der durch ihr« Arbeit gestützten Betrieb« und die BMrnpftmg der Prtvu»gim de» arbeitslosen Besitze» dieses Grundprogramm der durch den Kries aelckrkteusn Zeit l«kt Mi nur in Ei» Arrfstand gegen Dsniki». MivSka», 20. Oktober. (Funkspruch.) Arls dem Kaukasus wird gemeldet, daß sich der Ausstand der Bergbewohner gegen Denikizr immer mehr ausbreitet. Ends September wurden, bei Grozny vier Freiwilligenregi^ menter Denikins, die zur Bekämpfung des Aufstandes von der Front gegen die Nottruppen abgezogen worden waren, von den Tscherkessen und Bewohnern von Dagestan vollkommen verrichtet. Ein Sieg Denikins» London, 80. Oktober. (Meldung des Neuterschen Bureaus.) Denikin hat die Bolschewiken am 1.3. Ol-, tober bei Zarizyn geschlagen. Die Kosaken überschritten den Don und machten 1200 Gefangene. Weiter westlich nahmen sie Kalasch und Pawlowsk ein, wobei sie 21J5Q Gefangene machten. . *: Dev deutsche MetallardetterverLand gegen die Blockade Rußlands. Bersstr, 80. Oktober. Die „Bofsifche Zeitung" mebbet aus Stuttgart: Der deutsch» Metallarbeitervepi. band hat in seiner Tagung eine Entschließung angs-' «ommen, in der di« Arbeiter aller Länder zu Ma^ nahmen für die Aufhebung der Blockade gegen Svwi^ rußland aufgefordert werden und von Deutschland div jdftrtige Aufnahme der diplomatischen und wirtsehaftb lichen Beziehungen verlangt wird. steter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Möglich. Kelten und unter Schonung erworbener Rechte voV ziehen. Jede Aebertteibnng führt zum blutigen Gegesti. schlag und zur reaktionären, nationalistischen, Kriege lüsternen Monarchie. E» war deshalb nur vernünftig, daß sich die Wiener Sozialdemokratie rechtzeiüg von dem Blutbündnis mit den von Run und Lenin zahlten Demcrgog-n der Wimse Straß« zurückhsltck lieg. Sie hflt dgdmch unnennbares Unglück v«r- ML