Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 258 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Mittwoch 8 Oktober 1919 Nr. 288 Die Flüchtttngsfürsorge -es Jüdischen Nationalrates für den tfchecho-slowakischen Staat. Der Jüdische Nationalrat für den tschecho-slowak- *fcf; jit Staat in Prag veröffentlicht ein Communiquö über seine Tätigkeit in der Flüchtlingsfürsorge, dem wir nachstehendes entnehmen: Mit dem 28. Oktober 1918 setzte die Flüchtlingsfürsvrge des Jüdischen NationalvateS ein. ^ie erste Tätigkeit war darauf gerichtet, den gewaltsamen Abtransport der Flüchtlinge zu verhindern, die Staat- Halterei nnd die Bezirks hau ptmann schäften für den Schutz der Bedrohten zu interessieren und die vornehmlich den Prager Flüchtlingen abgenommenen Hab selig ketten wieder auszubringen. Fast sämtliche Mitglieder des Nationalrates waren wochenlang in der Flüchtlingsfrage tätig und dank vielfachen Bemühungen beschloß der Ministerrat am 12. Dezember 1918, die weiteren Flüchtlingstransporte bis zur Herstellung geeigneter Reifem öglichkeiten Änzustellen. Mer schon Mitte Jänner begann die nur kurze 'Zeit unerbrochene Pveßhetze in tschechischen und deutschen Zeitungen und schon im Februar mußte der Flüchtlingsreferent des Prager Jüdischen Nationalrates, Professor Tr. Alfred Engel, mehrmals im Ministerium des Innern rmd in der Statthalterei intervenieren, um Nils Weisungen zu verhirckern. In diese Zeit fallen die Massenverhaftungen von Flüchtlingen in Prag, die erst durch das energische Eingreifen des Nationalrates mit) durch eine Audienz bei. hem Präsidenten der Republik ihr Ende und zum Teil auch ihre Sühne fanden. Auch die Delegierten des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien besprachen gemeinsam mit den Herren Doktor Singer, Präsidenten des Prager Jüdischen Naional« rates, Professor Dr. Enge l und den Delegierten des Joint Distribution Committee, Mr. Alsb erg, in den verschiedenen Ressortministerien die Modalitäten der Heimreisealtion. Die Verhandlungen, die den Zweck hatten, f leien Transport, Ausfuhrbewilligung für Habseligkeiten, Gew, Wertpapiere. Schmuckgeg-nstände zu erwirken, wurden vom Flüchtlingsreferenten monatelang mündlich und schriftlich geführt und hatten vollen Erfolg. Der Erlaß des Ministeriums des Innern vom 29. März 1919, Z. 6975, wonach nur armen Flüchtlingen fteie Reise, doch nicht in geschlossenen Transporten, gewährt werden sollte, wuiLe dahin abgeändert, daß den Flüchtlingen freie Heimreise in Transporten oder aus Grund von Freifahrtempfehlungen bewilligt wurde, das Finanzministerium gab ausnahmsweise den Gesamtbetrag, der bei der Banknotenabstempelung zurückbehalten wurde, frei, gestattete die Ausfuhr sämtlicher Wertgegenstände aus Silber und Gold, auch dir Mitnahme eines bescheidenst Quantums von Lebensmitteln folgte durch die Bezirkshauptmannschaft bewilligt werden. Während die Hilfsstelle des Jüdischen Nationalrates aus Grund dieser Vereinbarungen den Abtransport der seit Monaten angemeldeten Flüchtlinge aus den Bezirken Braunau, Eger, Pilgram usw. vorbereitete, erschien über Betreiben des Finanzministeriums der Erlaß des Ministeriums des Innern, demzufolge die Flüchtlinge die Grenzorte in einer Zone bis zu 30 Kilometer in kaum vier bis sechS Tagen verlassen sollten. Der Referent deseJüdischen Nationalrates setzte, r—!!»>_ ‘ - - . '■ ■' > ■»'■ "■■■". ■ >- Die neue Gesellschaft. Von Henry Barbusse. Ans dem Kongreß von Lyon hielt Henry Bar b w f fc eine Ansprache, deren reine Menschlichkeit ihre Wirkung nicht verfehlen kann. Wir geben sie in ihren wesentlichen Teilen wieder: Ihr, die ich kannte, ohne euch zu kennen, ich grüße euch von ganzem Herzen. Wir haben eine gemeinsame Seele, und tief ergriffen empfinde ich freudig bit Gedanken, bk uns einigen. Warum sind wir noch nicht mehr an Zahl, die wir. die gleichen und so einfachen Wahrheiten emp finden? Es kommt mir vor, als ob heutzutage, wer zur Vernunft kommen will, der Kühnheit, der Empörung bedarf, als ob inmitten aller Unordnung heute der wahre Weise sich wie ein Wahnsinniger ausnimmt. Erstaunt und angstvoll fragt man sich, wie ekommt, daß nicht alle Leute, die doch aus gleichem Fleisch und Blut sind, denselben Kopf, dasselbe Gehirn haben, in diesen einfachen Fragen nicht so einig gehen, wie es sonst der Fall ist angesichts der Grundfragen des gesunden Menschenverstandes und des Gewissens. Hie und da haben irgendein Evangelist, ein Ethiker, em Dichter, ein Soziologe dieselben strahlenden Gipfel der Wahrheit sichtbar - werden lassen, aber dies , alles fiel immer wieder in Schatten und Trümmer wie dieFeuer der Kriegsnächte. Und doch wird ja die Gesellschaft nicht durch kabbalistische Formeln beherrscht. Man braucht nicht in ich weiß nicht welche schwierige Wissenschaft eingeweiht zu sein, es braucht keine besondere' Technik, man braucht nicht Fachmann zu sein, um die Gesetze der Gerechtigkeit, der Gleichheit, der Arbeitspflicht, des Verdienstes eines jeden nach seinen Leistungen und der innigen Verwandtschaft aller Menschen untereinander zu erkennen und zu verstehen. Es ist kein Kunststück, dis sittliche und soziale Wahrheit zu erfassen — nein, das ist cs nicht, was schwierig ist. Es, ist auch nicht schwer, sich, bewußt zu Volksgenossen! Nicht auf Grund kapitalistischer Berechnungen, sondern nur im Vertrauen auf Eure Unterstützung haben rvir vor acht Monaten die „Wiener Morgenzeitrrng" ins Leben gerufen. Unser Dextranen Hai uns nicht getäuscht. Trotz aller Schwierigkeiten, die oft genug unüberwindlich schienen, ist die Deituyg zu einem Sprachrohr geworden, das alle Eure Leiden und Wünsche vor das Ohr der ganzen Welt, vor die Regierungen der Völker trägt und diesen Wünschen Anerkennung erringt. Wertvolles ist auf diesem Wege bisher, erreicht worden, Größeres steht uns noch bevor. Aber die „Wiener Morgenzeitung* soll nicht nur Euer Organ, sie soll auch 'Euer Eigentum sein. Jeder von Euch soll wissen, daß es fein Blatt ist und daß er daran Anteil hat. Vielen von Euch ist sie in dieser Zeit, wo Ihr oft in Eurer Not keinen anderen Schutz besaßet als diese Zeitung, ans Herz gewachsen. Aber Ihr mußtet ihr bisher fremd und unbeteiligt gegenübersiehen. Der Gesellschaftsoertraa mußte den Betrag sür den stimmberechtigten Anteil auf K 6000.— festsetzen. Dadurch wurde den meisten von Euch eine Beteiligung unmöglich gemacht. Das Blatt, das im moralischen Sinne nie etwas anderes war als das Eigentum des jüdischen Volkes, dem allein es dienen will, gehört im juristischen Sinne einer beschränkten Anzahl von Aktionären, Aber es gibt eine Möglichkeit, Euch den gebührenden Anteil zu sichern: Tretet dem „Verein jüdische Presse" bei! Dieser Verein gibt Bausteine in Höhe von K 100.— aus, deren Erlös restlos in Anteilen der »Wiener Morgenzeitung* angelegt wird. So wird jedes Mitglied für seinen eingezahlten Beitrag Miteigentümer der Zeitung. Und wenn Ihr Euch an der Aktionarversammlung beteiligen wollt, so werden die von Euch gewählten Vertrauensmänner dort Eure Wünsche vertreten. Volksgenossen! Das jüdische Lagblatt dem jüdischen Volk! Jeder trete dem Verein bei! Unsere Presse ist unser einzige« Schutz! Für den Verein jüdische Presse Abg. Robert Stricker. (Anmeldungen mit Angabe, wie viele Bausteine übernommen werden, sind an du Adresie des Vereines, Men, U., Taborstratze 1/3, zu richten.) nachdem eine Aufhebung des Erlasses unmöglich war. zweierlei durch: 1. daß die Frist um vier bis neurr Wochen verlängert und 2. daß vertrauenswürdigen Personen der weitere Aufenthalt im Grenzgebietermöglicht wurde. Da auch das Lager Nikolsburg geräumt und di« Insassen nach dem Lager von Chotzen gebracht werden sollten, begab sich der Referent nach Brünn undNikolsburg und erwirkte unter der Bedingung, daß die Orte des Bezirkes von Flüchtlingen geräumt und aus dem Lager alle des Geldschmuggels verdächtigen und überwiesenen Elements entfernt werden, ein weiteres Verbleiben. machen, sobald man die Gesamtlage der ungeheuren Masse der Lebenden übersieht, daß deren Kraft, das heißt eben die Menge selber, in Sklaverei herabgedrückt ist, und daß hierin der fundamentale Widersinn besteht. So ist's ja immer gewesen bis heute. Wenn wir zurückblicken, so weit dir von Menschen geschriebenen Annalen reichen, sechzig Jahrhundert zurück, so erblicken wir stets das Schauspiel von Massen, die wenigen Einzelnen unterworfen sind. Unterdrückte, Erdrückte, die man gegeneinander wirft, damit sie den Plänen der großen Führer dienen, die mit ihrer ganzen Lebensarbeit oder mit ihrem Tod ‘ zugunsten dieser wenigen Leute oder ihrer destruktiven Klasse und nicht zum Nutzen ihrer selbst Wohlergehen, Gedeihen, Glück und Ruhm schaffen. Ich lvetß wohl, daß es zu gewissen Zeitn halbe Befreiungen gab, aber diese haben jeweils bloß den Kreis der Unterdrücker erweitert. Ich weiß auch, daß die Sklaverei heute einfach einen anderen Namen angenommen hat. Unter neuem Namen bleibt die alte Sache bestehen. Nehmt mitten aus der großen Menge einen einzelnen Menschen: er zählt heute nicht mehr als in der Antike oder im Mittelalter. Er hat nicht' den geringsten Anteil im Beginn oder an der Leitung oder an den Vorteilen der großen Unternehmungen des Friedens oder des Krieges, den er zudem mit seinen eigenen Händen machen läßt. Beweis- Gibt es einen entsetzlicheren und unbestreitbareren Beweis als die Ereignisse unsrer Tage? Gestern noch war es, baß dreißig Millionen von Männern, auf düsteren Wegen der hohen Diplomatie und der Geheimgewalt in eine Datsachenwelt hineingestoßen, gegen den Willen ihres Herzens die Hälfte ihrer lebendigen Leiber massakriert haben. Ich sage: Gestern. Aber wir wissen ja, daß heute der Krieg fast überall fortdauert und morgen überall wieder aufflammen wird. Was sind die Massen anders als eine ungeheure Anhäufung sozialer Nullen? Die Menschen sind nichts anderes als Nullen, die man rechts neben eins Ziffer reiht. Auf dieser unabsehbaren Ungeheuerlichkeit, auf Nicht in allen Grenzstädten wurde der Erlaß zu gleicher Zeit veröffentlicht und bprrchge führt, an», spätesten in Mährisch-Ostrau, wo gleichfalls eine kaum dreitägige Mreisefrist gewäM wurde. Der Referent des Jüdischen NationaäateS erwirkte eine allgemein» Frist von mehr als drei Wochen und setzte eS durch, daß eine größere' Anzahl von Gesuchen üm Aufenthaltsbewilligung günstig bewilligt wurde. Die Flüchtlinge haben es zu ihrem eigenen Schaden oft unterlassen, sich an die berufene Vertretung, die Hilfsstelle des Jüdischen Nationalrates in Prag, zu wenden, welche in allen Fällen, selbst uttjet den schwierigsten Verhältnissen, das Verbleiben der Flüchtlinge am jeweiligen Unterkunftsorte Ais zur. Ordnung ihrer Angelegenheiten ermöglichte und überall einzelne» Familien Aufenthaltsbewilligung beschaffte. - Auch in der Slowakei waren der Flüchtlingsreferent des Jüdischen Nationalrates Professor Daktör- Engel und der Sekretär des Nationalrates Herr Wald stein für die Flüchtlingssach« wiederholt tätig. Der Referent erwirkte zweimal durch persönlich geführt» Verhandlung.'» in Preßbnrg einen Aufschub der drohenden Ausweisung und setzte vor wenigen Wochen durch, daß die Flüchtlinge erst dann abzureisen brauchen, wenn die Prager Hilfsstelle ihre gesamten Angelegenheiten geregelt habe und daß Flüchtling« und Ausländer, hidie Zusicherung der Aufnahme in den Heimatverband erhalten haben, bis zur Erwerbung der Staatsbürgerschaft im Staatsgebiete verbleiben dürfen. Ferner sei noch darauf hingewiesen, daß hast Hilfskomitee für die Inden im tfchecho-slowakifchen Staat, das aus Angehörigen aller Parteien zusammengesetzt rst, fast fünf Sechstel des gesamten zur Verfügung stehenden Fonds von einer Mrllion Kronen derFIüchtlingsfürsorge zugeführt yat. Die eigenmächtige Politik des Dr. Kvamarsch. »P r a v o U t b tt“ besieht darauf, daß Dr. Kramarsch zv dem Zwecke nach Paris gereift sei, um auf eigene Faust tschccho» slowakische Politik tm Ausland zu betreiben. Er wird sich in PanS der französischen Mäsivn anschließe», die nach Odtffa fährt, tun mit der Acmre DenckinS gegen die Bolschewiken z» arbeiten. Dr. Kramatsch hm sich vorgenommen, der Erlöser Rußlands zu werden, und führt diese Politik aus eigene Faust gegen die Grundsätze MassartzkS und Benesch'. Das Blast betont, baß Dr. Ktamackch tm alten Oesterreich seine Auslands« rufen stets mit Wissen der Regierung unternommen hat, führt zum Beweis die Aussagen des sernerzeitige« Ministerpräsidenten Stürgkh im Kramarschprozeß an und stellt fest, haß Kramarsch im alten Oesterreich eine sehr loyale Opposition gemacht habe, wahrend seine jetzige Opposition höchst illoyal sei. Der neue tschechische Firranzminister. Prag» 7. Oktober. (Prwat.) Die Krise im Finanz« Ministerium ist gelöst. Die tschechlschrn Agrarier beschlossen, mit Rücksicht darauf, daß in der nächsten 8->t die Vermögskonskriptiorr, die Vermögenssteuer «nd eine 200"/o'ge Erhöhung der Grundsteuer dmchgcführt werde« soll, auf kern Ressort und kein Porte« feuille zu verzrchten und bestehen daraus, daß gerade im Fmanzmlnistermm ein Agraner die Interesse» dieser Partei vertrete. Der Kandidat der Agrarier ist der mährische Abgeordnete tm^ ijandeSauSfchußbelsitzer Konrad Sontag. Wege« seiner mangelhaften Fackkenntnisie wird ihm ein Staatssekretär beigegeb e«. der zugleich mit chm ernannt werde« wird. diesem Widersinn, auf diesem Wahnsinn, beruht di« ganze Gesellschaft. Die Gründe dafür,»daß ein solcher Zustand sich' behaupten konnte, daß me menschliche Gesellschaft fett ihren Anfängen absurde und blutbefleckte Formen annehmen konnte, daß sie gewissermaßen eins Menschenfeind ttche Maschine war, wir kennen sie. Sie bestehen materiell in der positiven Kraft, die die Macht ihren Inhabern gibt, sie bestehen in der aktiven Macht des Reichtums, den sich herrschend« Minderheiten ausschließlich angeeignet haben. Sie bestehen moralisch in dem sozusagen Überirdischen Ansehen, dessen sich die Bevorrechteten je und je zu erfreuen hatten; ln den Ideen und Vorurteilen^ die sie stets zu verbreiten' wußten; in einer pavrdox genug «»gesunder Menschenverstand" genannten Art von Bertiexung, die den Menschen immer werter glauben läßt, waß er geglaubt hat, die ihn sich fort und fort auf einen allgemeinen Glauben verlassen ließ, wie auf einen beschränkten Instinkt, wie auf ein Laster. Mit einem Wort: Diese Gründe bestehen in der Ignoranz der Milliarden von Ausgebeuteten, die sich mit aller Gewalt dagegen sträuben, von dieser Kurzsichtigkeit geheilt zu werden, diedas geistige Grundübel des Menschengeschlechtes ist, die. überlieferte Legenden aus Furcht annimmt, weil sie geschrieben stehen oder in alle Welt Posaunt werden; in der Unwissenheit der Menschen, die gewohnheitshalber mit gesenktem Kopf» * so oft man will, willig den Borwand für den wahren Grund hinnehmen, ihren schlechten Eigenschaften schamlos schmeicheln» sich vom Flitter und von viel Lärm und groß Geschrei fanatisieren, und schließlich s i cy für diese gigantischen Atelierfragen, genannt Nationalismen, wie zu heiligen KreuzziUren anwerben lassen! Diese Gründe bestehen bartn, oafl jedes der Milliarden von menschlichen Atomen, deren Ganzes das denkende Leben dieser Erde bildet, isoliert ist. Ihr erinnert euch, meine Kameraden, des Krieges, als wir in den Schützengräben lagen, wie wenig unsere