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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-03 · Heft 254 (3.10.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 254 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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I Sk. 254 Wien.Freitag 3. Oktober 1919 Seile. 3 PüLLLische^undfchlM. Das Eudr des Oberste« Friedensrates. Das „Journal dr GeuedL" widmetdem Obersten Frled^lSraifolgenden Nachruf: um1'wistü>l, veLschwichd'en .uarheiuander im Raume. - Die- Ftt-MrsEonferemz .'.wiich - -t» der Geschichte durch die Unsmnme vütt Arbeit, . welchc sie leistet« Und von der M täglichen Cvnmmiriguös rmr eine schwache Darstellung gäben, charalLerisiert fein. Wenn mau dom Wiener Kou- .ivsar-. hirtt »V »in httir totrf« ttt/Ul bctö ein Ur-bcl? Diese Frage säzeiut sonderbar zu fein und doch t-etbumt fic aufgeworfen zu werden. Während sechs auseinander folgenden Monaten, vom Jänner bis zum Mat und darüber, hinaus, Hab« Mlson, Cieureuceau, Lloyd George und Orlando jeden Tag zweimal, morgens um 10 und nachmittags um S Uhr, sich zur Beratung niedcrgesetzt. Wenn sie die ermüdende» Sitzungen, welche jedesmal.. mehrere Stunden dauerten, verließen, mußte» sie noch dir Lttgelegenheiben des eigenen Staates erledigen, wÄche in gckvöWirhen Zeiten genüge», um die Tätigkeit eines Mannes zu .aÜsorbieMr, iund' wann hätten sie Zeit finden.. solle», UP die großen Prohlem«, welche ihrer schrrdung unterworfen waren, zü studieren? Wann.^ hätten sie die umfangreichen Berichte lesen sollen, welche eifrige Mnktiottäve ihnen präsentierte,,? DaS war physisch Unmöglich. Der Kaiser Alexander und Metternich dachten »ach, indem sie tanKtenr indenr sie an den. Fensterbrüstungen plauderten, fiubierten sie dio sächsische.urch^ die polnische Frage. Die fünf Großen von heute, oagesten, hätten an ihrem .Schreibtisch Mud, nur Zeit,/Lnterschriften - zu geben. . Wie soll man, sich . dann wundern, wenn Anekdoten im 'Umlauf sind, welche, wenn vielleicht nicht -wahr, so doch durchaus wahrscheinlich sind? Man versichert, daß Orlando, her nicht englisch verstand, große Mühe hatte, den Debatten folgen und am -vechten und Unrechten Glatze her»««- gestikulierte: daß Cbrmencecm durch die in seinein Körper gebliebene Kugel geschwächt, manchmal eiuschüef; daß Lloyd lÄeorgr die Tescheuer Frage entschieden hat, ohne zu wissen, \vr6 dieser Ort, sich auf der Karte befindet; und daß Wilson Südtirol den Italienern in Unkenntnis der Tatsache, daß eS von Deutschen bewohnt ist, gegeben, hat. Alles ist schließlich möglich. Diese Anekdoten mögen wahr oder falsch sein, , sie dürfen uns ü(»er die wirkliche Bedeutung deS Werkes nicht hmwcg täuschen. Auch wer große Jrrtümer im Friederrsvertrag sieht, muß zugeben, daß der Oberste Rat Europa zstxü ungeheure Dienste erwiesen hat. Zunächst hat er den Wieden wieberhergestellt und die Einigkeit unter den Alliierter, aufrechterhalwn. Dann aber hat er. im Völkerhund- Grirag ein Revisionsorgan für seine eigene Arbeit geschaffen. Welche von den Abmachungen -von. Versailles und Saint- Mermaitt dauem, welche verschwinden wird, bevor unsere Weneratwu in Staub verfällt,' kann niemand Vorhersagen- Aber das kann nran sagen, daß, wenn das Europa des '16. Jahrhunderts nichts über-.bas 17. hinausdauerte, - das Europa des 20. Jahrhunderts, das mit seinem chaotischen Orient und dem zerstückelten Deutschland j-enem wie eine Schwester gleicht, nichtlanger dauern wird. Der, einzige, 'aber wesentliche. -Unterschieb, ist, baß während es zur Umgestaltung des 16.' Jahrhunderts des. Dreißigjährigen Krieges und aller Kriege unter < Lrrdwig „XIV. bedurfte, für die Evolution des neuen Europa der Völkerbund bas Organ bilden wirb. Der Völkerbund gleicht der Demokratie: auch diese ist kein ideales Regime: aber bas einzig bisher gefundene, das der inneren Staatsentwirklurig tlegale und friedliche Wege zu weise;: vermag. Eben das 'ist auf das khölkerleben übertragen der Fall mit dem DölSerbunIdi Und sp wird das Werk des Obersten Friedensrates, von allen Jrrtümeru und Unvollkommenheiten gereinigt. i.n Dedächinis &fc’ Völker sorrlcben. __, Die Ilede des Miniftevs Venefch. Die Prager Blätter befassen sich mit der Rede des Ministers des Aeußern Dr. Benasch, die er vorgestern in den Nationalversammlung hielt. Das.Expos«!hps Ministers wird als ein h i sto r i s ch e s D o kumvn L M alle Zeiten und außerdem für ein großes Programm erklärt, welches stets eine unerschöpfliche -Quelle für die tschecho-süzwakifche Republik sein werde. - . Das „Prager Tagblatt" erkennt an, daß Minister Benesch den Mut hatte, sich über das Verhältnis der tschecho-slowakischen Republik zu Oesterreich und Deutschland auszusprechen >md macht ihm nur den Vorwurf, daß er sich nicht präzis über das Verhältnis zu den Nationalitäten iimerhalb der Grenzen der tschecho-slowakischeu Republik ausgesprochen hat. Auf die Erklärung, welche vorgestern der Minister für auswärtige Angelegenheiten Dr. Benefch in seinem Exposö abgab, daß diejenigen sich sehr irren, welche Mauben, daß der Krieg mit einer soz ia.len. Um°- walz ung und einer Revolution enden,werde, mri>- tpsrtei der Delegierte der Mtiwalversarumlung-. Doktor Gtiviu im „Prado Lidn", daß in der-Partei der tschechischen Sozialdemokratie niemals falsche Voraussetzungen über die Möglichkeiten einer sozialen Revolutton geherrscht haben. Er betont,- daß alle Sozialdemokraten an der Erfüllung des sozialen Programmes auf dem Wege ruhiger Entwicklung und auf dem Wege der Demokratie arbeiten wollen, Pole« vor dem Generalstreik? Die Nachrichten, welche aus Polen kommen, deuten darauf hm, daß trotz aller Anstrengungen die inneren© ege \v sötze mehr und mehr zum gewaltsamen Ausbruch drängen. Die smaldmwkratische Partei verliert in täglich steigendem Maße an Anhang, während die radikalen lkommnnistischrn) Gruppen, welche die Kompromißpolrtik der Sozialdemokratie. scharf bekämpfen, an Ernfluß gewinnen. Wenn auch die Führer der Sozialdemokratie selbst die Kräfte der Kommunisten zu bagatellistsrm versuchen, beginnt doch in den maßgebenden politischen Kreisen allmählich die Einsicht zu dämmern. So äußerte sich unlängst T h u g u t t, der Führer der nach ihm benannteu Gruppe .der Dolispartei, daß nach seiner Beurteilung der Kommun ismuS General Zadwin and sei« Adjutant von dem BolscheWike« erschossen? Mährrsch-Oftrarr, 2. Oktober. (Tschecho-slow. Pceßbur.) Der „Gosrree meldet, daß der englische Gesandte i« Warschau die Nachricht erhielt, daß General I a d w i «>. der mit dem Senator Morgentha« «ach Polen kam und hierauf mittels Automobils «ach Kiew abreiste, bei Fastow von de« Bolschewiken gefangen genotittiten «nd mit seinem Adjutanten, Leutnant Roye, erschossen worden ift. Diese Nachricht ist bisher noch «icht bestätigt. Ein Ausruf der ungarischen Monarchisten. Forderung rmch einer Königswahr. Budapests 2. Oktober. (Meldung des Ungarischen DÄ.-Dore.-BÜr ) Die Partei des ungarischen König« tmns erläßt heute an das Volk Ungarns anläßlich der Bvrbevrrttnrgen für die Wahlen zur Nationalversammlung einen Aufruf und fordert das Bürgertum zum Eintritt in die rohalistische Partei auf. Es heißt darin: Die wichtigste Aufgabe der Nationalversammlung wird die Feststellung der Staatsfvrm sein. Wünschen wir, daß nach der Prasiderrt, chaft. Michael Kavolyis und nach der Räterepublik auch weiterhin die republikanische Staatsform aufrecht bleibe oder daß wir den Traditionen der hundertjährigen ungarischen Nation entsprechend eine« würdige« Nachfolger mit der Krone des heilige« Stephan auf den Thron setzen? Wir sind fest überzeugt, daß das Schicksal unseres Vaterlandes erst dann' auf dem Ruhepunkt anlangen und feine Fortentwicklung nur dann gesichert sein wird, wenn wir nach Jahr-, hmcderten von unserem Königswahlrecht Gebrauch machen und einem gekrönten Haupt die Tore der Ofener : Burg öffnen. Dir Wahl des Königs wollen wir der. weisen Einsicht der Nationalversammluua über-, lasse«. , Die deutschen Valutaschrvierigkeiten. Dreieinhalb Milliarden Mark znr Verbilligung der Lebensmittel. Berlin, 2. Oktober. (Nationalversammlung.) Da.s Haus setzt die Besprechung der Interpellation Heintze über die Äeutslhe Valuta fort. Wgeordneter Dr. Hein (Zentrum) erklärt, daß auch in den siegreichen Ländern die Valuta gesunken^ sei. Helfen können nur Sparsamkeit und Arbeit, denn Arbeit sei heute mehr wert, als Kapital. Gegerr die Arbeitsunlust geschehe nichts. Einen künstlichen Abbau der Preise könne Redner nicht befürworten. Vielleicht helfe eine Doppelwährung. Zu erwägen sei auch, ob Deutschlmld nicht eine großzügige Auswianderungspolitik treiben soll. Abgeordneter €u rm (Unabhängiger Sozialdemokrat) wünscht eine Konferenz von Sachverständigen, und zwar nicht bloß von Interessenten, sondern vor allem von Volkswirtschaftlern, über die Valutafrage. Nötig fei besonders die Beschaffung langfristiger Kredite aus Amerika. Außerdem aber müßten wir uns mit der russischen Regierung gutstelkn, um von einem politisch und wirtschaftlich gesundeten russischen Reich R-ohstoffe und Nahrungsmittel zu erhalten. Reichssinanzminister Erzberger führt aus, eine Konfereriz, wie sie Abgeordneter Wurm wünsche, sei bereits an der Arbeit. Arbeitsmöglichöeit und Arbeitslust könnten gewiß nur gehoben werden, wenn die Ernährung verbessert werde. Für das Winterhalbjahr wolle die Regierung dreieinhalb Milliarden Mark zur Senkung der Lebensmittelpreise zur Verfügung stellen. Was die Mark anlange, so sei dieselbe im Inlands viel mehr wert, als im Auslands. Hier müsse ein Ausgleich geschaffen werden. Es müßte also eine höhere Bewertung der Mark im Auslande bewirkt werden.' In der heutigen Konferenz im Reichsfinanzministerium seien die anwesenden BanLirektoren darin einig gewesen, baß die Zwangswirtschaft zurzeit nicht weiter geackert werden dürfe. Es sei die stärkste Förderrmg der eigerren Wirtschaft nötig, besonders auf dem Gebiete des Gatreidebaues- Schließlich bemerkt der Minister, daß eine Valutaanleihe allein es natürlich auch' nicht machen, werde, daß Deutschland aber augenblicklich eine solche brauche. Eine Auswandererpolitik könne die Regierung nicht betreiben, denn das Deutsche Reichsei groß genug, um 60 Millionen Bewohner zu ernähren, wenn jeder seine Pflicht tue. (Beifall.) Abgeordneter Dr. Riesser (Deutsche Volkspartei) sagt, die Möglichkeit der Erholung der Valuta hänge besonders auch von dem Vertrauen ab, das man in neutralen Landern der Erholungsmöglichkei.t in Deutschland entgegeuörrnge, und dazu gehöre, daß das Ja der Finanzverwaltung ja und das Nein nein bleibe. Deutschland brauche Sparsamkeit, Arbeit und Vertrauen lowie eine Verständigung zwischen Arbeitgebern und A-.beitn'khwLrn, wozu auch BstrieLsräbegesetze beitragen werden. - Das Hans geht, fodarm zum. nächsten Punkt der- Tagr^vldnung über. i auch im Landarbeiterv erband bereits j über sehr große Kräfte verfüge. Im Gegensatz zur Sozialdemoj ralie rechnet Thngutt doch mit dem Ans brechen de s j G e n e r a l st r e i k Z. Er ist sich bewußt, daß mit Hinweise» auf die Sicherheit des Staates im gegenwärtigen Stadium mchts mchr erreicht werden kann. Seine Gruppe verhält sich der Sozialdemokratie gegenüber recht diplomatisch, sie anerkennt in ihr die alten Kampfgenossen, betont aber die großen Unterschiede der beiden Parteien: ,Es trennen uns nicht mrr Zicke und politische Ueberzrugungen, es trennt uns auch der ewige Gegensatz vonStadtundLand, der nun ganz schroffe Formen annimmt. Welche Stellung wir zum Streik emnehmcn werden, wird von der Regierung abhängen. Wir glauben, daß die unentschlossene Stellungnahme der Regierung ebenso Schuld an dem Streik tragen wird wie die Agitation der Kommunisten. Die Politik des LandwirtschaftSamtes, welche dahmgeht, die Majoratsgüter den Pächter» ans den Kreisen der reichen Bauer« z« überlassen, statt die zMnftigen Parzellenbrsttzer damit Sn beteilen und welche die Landarbeiter, statt sie zumindest in den herrschaftlichen Gebäuden mit dem Rechte einstweiliger Bewirtschaftung auf einem Grundstücke zu belassen, vorläufig gänzlich mtSschridet, fordert selbstverständlich die Bewegung. Auch von der Tätigkeit der Administration sind wir gar nicht erbaut. Wir waren vom ersten Augenblicke an überzeugt, daß man eine solche Bewegung nicht mit polizeilichen Maßnahmen aus der Welt schassen kann." Bezeichnend ist auch, daß sich Thugutt gegen das Wirtschaftsamt wendet, obzwar an der Spitze desselben ein Mitglied der Bolkspartei selbst, zu welcher die Thuguttgruppe gehört, sicht. Es ist dies das erste sichtbare Zeichm, daß auch innerhalb der Volkspartei eine tiefe Spaltung zwlschm Kleinbauern und besitzlosen Bauern vor sich geht. Z)er Wiederaufbau Ostgaliziens. Aus Lemberg wird den „Polnischen Stimmen" telegraphiert : Fmanzmimster Dr. B i l i n s k i. hat für den Wiederaufbau Ostgaliziens eine Reihe von sehr bedeutende» Krediten bewilligt. E§ handelt sich nicht bloß um Kredite für den Wrederau bau der Landwirtschaft (vorläufig etwa 50 Millionen Kronen), sondern auch um Unterflützungsbeitröge für Witwen uarf) Staatsfunktionären, um Beiträge für den Antonr der unentbebrlichsten Einrichtungsgegetlstände usw. . Znland. Hepp-hepp-SozialiSMUS. Die Koalition der dmtschnationaleu und christlichsozraleü Hetzpolitiker erlebt gegenwärtig böse Zeiten. Die Weltlage und speziell die Situation DeutschösterreichS ist eine derartige, daß in Anbetracht der heutigen Machtverteikmg eine Hetze gegen das Ausland und dos Raffeln mit dem Säbel außer dem Bereichder Möglichkeit liegt. Auch im Inland selbst, so trostlos die deutschösterreichischen Derhältniffe sein mögen, bietet sich dem edlen Betätigungsdrang jener, Kreise, denen die Entfaltung chauvinistischer Radaus, der Appell an die Instinkte seit je Lrbenselement war, nur geringe Möglichkeiten, und das Hetzen gegen die Sozialdemokratie gewährt auf die Dauer nicht genügende Besriedigung. So zieht man denn mit Behagen das bewährte antisemitische Programm hervor und' versucht es wieder einmal mit dem Hepp-hepp-Geschrei, die Maffm an sich zu feffeln, deren Anhang den alten Kämpen für Rückschritt und Finsternis allmählich zu schwinden droht. Die „Erfolge" von neulich lasten die edlen Helden nicht schlafen und die Angst will nicht verstummen, die Regierung konnte Ernst machen Md mit Rücksicht ans die Notwendigkeit der Erhaltung der heute mehr denn je nötigen Ruhe und Ordnung die für den 5. d. M. geplante Kundgebung des vereinigten Wiener Autisemitentums verbieten, da auch die hiesigen ElNeMcvertretungen von dem Treiben der immer dreister werdenden dunklen Elemente keineswegs angenehm berührt sind. Der verblaßte Glanz des deutschnatronalen Banners lcdarf dringend einer Auffrischung und das praktische ..Chriftenium". durch den blutrünstigen Antisemitismus einer neuen Sonder^ gruppe verstärkt, drängt nach Betätigung. Man möchte wahrlich an der Möglichkeit verzweffeln, daß die Menschheit jmials zu höheren Stufen der politischen Arbeit gelangen, wird, wmu mau dem- Trechrn jener Parteien zuschaut, die den Zerfall dieses Reiches mitvcrilrsacht haben, an der Weltkatastrophe ihr vollgerütteltes Maß an Schuld tragen und nun als.reine IliischuldSengel den Mut anfbringen, für all das Elend, das sie herausveschworcn, die Juden verantwortlich zu machen und die Vcr- .biitcrnng der Masse« gegen die Flüchthnge ahzulenten, welche die

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