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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-28 · Heft 249 (28.9.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 249 (28.9.1919)
Date
1919-09-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Sonntag 28. September 1919 A Seite 2 .—i Rr. 249 Der Ausgleich in Kleinasien. Der französisch-englische Gegensatz im Orient hatte bereits Forme» angenommen, bei welchem es nur mehr die Wahl zwischen einem raschen Ausgleich und einem ernstlichen Konflikt zu geben schien. Es ist zu einem Ausgleich gekommen. Lloyd George uhb Cfemenceau haben sich unter Mitwirküng des Generals Allenby, des Siegers von Palästina, friedlich verständigt. Das. Nib kommen trägt zwar, wie es heißt, einen Lediglich prftirärischen und provisorischen Charakter und soll den Entscheidungen der Friedensiwnseren'. üler Mandate und Grenzen nicht vorgreifen: doch die militärische Besetzung bedeutet den faktischen Machtzustand, und dieser wirb für die endgültige Regelung wohl von nicht geringer Bedeutung sein. Wie viel haben nun die Franzosen von dem erreicht, was ihre Presse immer allgemeiner und drängender begehrt hatte? Von französischer Seite hatte man die Engländer beschuldigt, daß sie durch die fortdauernde militärische Besetzung von ganz Syrien, durch Installierung des von ihnen souteuierLen und abhängigen Emir Faisul in Damaskus und durch seine Verwendung als eines Instrumentes franzosen feindlicher -Propaganda unter den Arabern, die im Sykes-Picotschen Vortrag vom Jahre 1916 bebnngene französische Herrschaft über Syrien unmöglich zu machen suchen. Auf diesen Vortrag pochend und die Berufung auf die dem Emir Faisul gemachten, Frankleity angeblich verschwiegenen Zusagen zurückweisend, hatte man verlangt, daß ganz Syrien, — wobei vielfach auch Palästina einbezogen wurde tnsbesorwere auch Damaskus und die übrigen innersyrischen Städte sofort unter französische Gewalt gestellt werden. Das jetzt getroffene Uebereinkommen zeigt nun, baß die Engländer in ebenso staatslluger als loyaler Weise dir Zugeständnisse gemacht haben, die begründettrweise gefordert werden und den Argwohn gegen sie beseitigen konnten und alles ab geahnt haben,' waL ihren anderweitigenDerpflichtungenznwid>ergelanfcn wäre. England verbleicht in Palästina, das in keinem Vertrag der französischen Einflußsphake zugewiesen war und sichert damit liebst Wahrung eigener Interessen die Einhaltung der Zusage, daß dort eine jüdische Heimstätte geschaffen werde. England räumt das 'ganze Gebiet der „blauen Zone", die nach dem Brrtrag vom Jahre 1916 „französisch" werden sollte, also Cilicien, einen Teil von Kurdistan und den Küstenstrich von Syrien und überläßt es Frankreich, dort durch militärische Besetzung die tatsächliche Macht auszuüben. England räumt auch — von Mossul abgesehen — die ganze nach diesem Vertrag als französische Einflußsphäre erklärte Zone A, also das Gebiet der Städte Damaskus, Aleppo, Homs rmd Homo. Für dieses Gebiet in: tz aber die dem Emir Faisul als Lohn für den Abfall von der Türkei versprochene Unabhängigkeit dadurch gewahrt, daß dort überhaupt deine europäischen, ändern nur die frisch geworbenen einheimischen Truppen garuijonieren sollen, wobei gleichzeitig publizierte Dokumente erweisen, baß die Zusagen an Haisul der französischen Regierung weder unbekannt, noch mit dem französisch-englischen Vertrag unvereinbar waren und so dem Presse lärm über die Täuschung des Bundesgenossen die Grundlage entzogen wich. Aus diese Weise hat England weder ein wesentliches eigenes Interesse, noch von ihm übernommene moralische und politische Verpflichtungen preisgegeben und sich gleichzeitig einer finanziellen Last entledigt: denn nicht nur Bcsatzungsrechte, auch das ,Ifecht" an den Emir Fauui Subsidien zu zahlen, scheint, dem „Demps" zusolge, an Frankreich übergegangen zu sein, damit auch die^- Hindernis feiner Einflußnahme in der ihm gebührenden Einflnßzone beseitigt werde. Die ehrgeizige« Träume eines französischen Groß- Syriens mit Damaskus und Jerusalem sind allerdings ihrer Verwirklichung ferner als je, und die imperialistischen französischen Blätter, besonders die,A6bats" und die „ActionFrancaise", halten mtt denAuSbrüchen rhrcs Unwillens nicht zurück.«, Die gemäßigte Presse aber, voran der „Temps", sind durch das Abkommen befriedigt, durch welches für Frankreich wenigstens die Sorge, Syrien zur Gänze zu verlieren, gebannt und der Weg frei gemacht wird, in friedlicher Weise jenen Einfluß in Syrien tatsächlich zu gewinnen, welcher ihm vertragSmüßig zuerkannt wurde. Wie Frankreich diese Möglichkeiten benützen wird, davon wird alles Weitere abhängen. Bisher hat es in seiner kteinasiatischen Politik feilte glückliche Hand gehabt: aus Unkenntnis und Nichtachtung hat eS die Empfindungen der nichtchristlichen Bevölkerung vielfach verletzt und dadurch zu dem Schwinden der alten Sympathien, über das man dann Überrascht ist, viel bergeiragen. Was soll man zu einer Polittk sagen, welche durch den Befehl des französischen Gouverneurs von Beirut, in das Frettagg-ebet nicht den Sulteu Hussein iben Bcner des Emir Faisul), sondern den türkischen Sultan anfeunehmen, in her Stadt einen „Moschestreik" und in den Bergen sogar eine kleine Revolte provoziert hat! Und was die Juden anlaugt: wie offenkundig ums; die französische Abfeyr von Pichons zvonistischeu Zusagen schön geworben sein, wenn ein so franzoseufreundlicheS Matt wie die „Times" der f-^nzöfischen Regierung Vorhalten muß, daß sie die Bedeutung der zionistischen Bewegung nicht genügend erkannt hat! Da ist es wohl auch ohne „englische Agenten" ,zu begreifen, wenn man in Damaskus keine französischen Truppen eiuzieheu scheu und in Jerusalem mit Erleichterung hören wirb, daß int. EuLlÄrdpr in Malä- Lttna bleiben. Der Friedensvertrag mutz ratifiziert werden. Erklärungen Lanstngs. N e w - B o v Vt* 27. September. (Tel.-Komp.) Nach einem Washingtoner Bericht erklärte Lanfiug, daß der Vertrag von Versailles ohne Verzug und ohne Abänderung t a t i f is ziert werden müsse. Dieser Vertrag enthalte nichtswas die Souveränität der Vereinigten Staaten beeinträchtigen könne. Die ganze Welt verlange den Friede«, ebenso der amerikanische Patriotismus und , der gesunde Menschenverstand. Die Amerikaner hatten nur zu lange gewartet. * P ft r i ß, 27. September. (Kon.°Vm.) „Chicago Tribüne" meldet aus Washington: Sieben republikanische Senatoren erklärten, daß sie nicht für Zohusons Antrag betreffend die Gleichstellung Amerikas mit Eng» lano im Völkerbund stimmen werden. In der kommenden Woche werde dev Kaurpf im Senat den Höhepunkt erreiche». Gin Kabinett Wenefch ln Sicht? Prag, 27. September. (Privat.) Die „E e s k a S v o b o d a", das Organ der jungtschechischen Dissidenten, veröffentlicht eine Mini st erliste eines zu erwartenden Ministeriums Benes ch. Danach solle« erhalten: Vorsitz: B e n e s ch, Auswärtiges: K r a m a r f ch. Unterricht: der ehemalige Abgeordnete D r t L n a, Landesverteidigung: Machar, Handel: der ehemalige Abgeordnete Esch, Finanzen: der Oberoirektor der Zivnoftenska, Preis, Justiz: der Professor an der juridischen Fakultät der Prager Universität, H o e e l. Inneres: der jetzige Prager Polizeipräsident B i e n e r t h, Arbeiterschutz: T u s a r. Alle übrigen Ressorts sollen Fachmann anvertraut werden. Das Abkommen zwischen den Nationalstaaten. Zürich, 27. September. (Tel.-Komp.) Wie die Schweizerische Telegraph eninformation ans Paris^ erfährt, hat die Konferenz den vom Fünferrat genehmigten Vertragsentwurf bezüglich der zwischen den Staaten des ehemaligen Oesterreich-Ungarn zu schließenden Abkommen dem Ausschuß für die Adriasrage zur definitiven Ausarbeitung überwiese«. Der englische Eisenbühnerstreik. London, '27. September. (Korr.-Bm.) Nachdem die Führer der Eisenbahner über den Stand der Dinge beraten hatten» begaben sie sich gegen Mittag zu Lloyd George. Nach Beendigung der Konferenz erklärte Thomas, der Streik der Eisenbahner werde F r t i t a g um Mitternacht ausbrechen. Die Sicherung der Lebensmittelkredite. Am Freitag hat der Kabinettsrat, wie bereits gemeldet, sich mit den Ornahrungsvorsorgen und den damit in Zusammenhang stehenden finanziellen Maßnahmen beschäftigt. Wie verlautet, hat in dieserSitzung der Staatssekretär für Volksernährung Dr.Loewenfeld-Rn ß ein eingehendes Exposä erstattet, in welchem er aussührts, daß der Geldbedarf für die Ernährungszwecke ein außerordentlich bedeutender ist. Rach dem Programm, welches der Staatssekretär entwarf, soll für die nächsten drei Monate, wenn man nur die allerwichtigsten Lebensmittel beschafft, ein Betrag erforderlich sein, welcher, nach dem gegenwärtigen Valutakurs umgerechnet, mehr als zwei Milliarden Kronen ausmachen würde. Das wäre der Bedarf eines knappen Vierteljahres in den ällertvichtigsten Lebensmitteln. Das Augenmerk müsse darauf gerichtet sein, die notwendigen Kredite zu erlangen und eine Stundung bis zur Wiederherstellung besserer Valutapreise zu erzielen? Sollten solche Kreditierungen md)1 zu erlangen sein, so müßten Wege der Geldbeschaffung beschritten werden, über welche noch die Verhandlungen zwischen , den einzelnen Ressorts schweben. Die unbedingte Vecaussetzung für das Getingen der Aktion ist aber, wie wir betonen möchten, die Einstellung aller gegen die Fremden und die jüdischen Flüchtlinge gerichteten Hetzen. DaS Ausland eschäftigt sich in höherem Maße, als man dies in der Herrengasse ahnt, mit dlesen Dingen und der Stand unserer Valuta ist mit eine Folge des erschütterten Vertrauens in die Autorität der Regierung uito ihre Käbiakeit, die Ordnung aufr-echtzuerhaltew Politische Rundschau.. Die Lösung -er Jndenfrage in Ungar«. Die ungarische» MegierungSmänner, mögen sie nun für die auswärtige oder für die innere Politik verantwortlich sein, geben sich alle Mühe, um die gegen sie erhobenen Vorwürfe der Mitschuld an den Judenpogromen in Transdanubien vor der öffentlichen Meinung Europas zu entkräften. Der ungarische Minister des Aeußern beklagt sich in einem Interviews daß er dem der Regierung Friedrich in keiner Weise fernstehenden Vudapester Vertreter-d-s Holland sch Nieuwsbureau „gewährte", über " i . die Euterrtepresfe, die an den Jndemnorden in Ungarn ein größeres Jyfe« esse bekundet als es Friedrich und seinen. Komplicen recht sein mag. Der ungarische Minister des Aeüßew heuchÄt sogar eine von der Negierung angeblich arlgestrebte Losung der Judenfrage vor und betont mit absonderlicher Großmut und einem geradezu naiven Ernst die Einleitung jener Verhandlungen. die mit den offiziellen Kultusjuden, den von. der jüdischen Bevölkerung in Ungarn gehaßten Judenmagharen, geführt werden. Der ungarische Außenminister sollte jedoch wissen, daß die Bndapester Kultusgreise von den Juden Ungarns am allerwenigsten nach ihrem Verjagen tat Kampfe gegen bk Pogromhetze als die Repräsentanten ihrer nationalen Minorität anerkanstts. werden. WaS sollen also die mit dem Hofrat Szekely-'geführten Besprechungen für einen Sinn und Zweck -Hafen?' Diese Redereien können zur Lösung der Judenfrage wohl ebensowenig beitragen, wie.die Versicherungen des ungarische« Ministers des Innern, der nach seiner Rückkehr aus Tran?- ' danubien der Verwahrung deS ungarischen Armeeoberkömntandanten Horthy dagegen Ausdruck gibt, daß die ungarische- Juden schast bei einem Eirizug der weißen Terrvrarmee in- Budapest wettere Masseupogrom« befürchte. Der Minister des Innern weiß eS ebensogut wie' wir, daß die terroristischen Offiziere für Budapest ganz bestimmte Pläne entworfen haben,, deren Verwirklichung von' den erwachenden Magyaren eifrigft vorbereitet wird. Wenn es der Regierung Friedrich einst darum zu tun. ist, den Juden in Ungarn und vor allem in Budapest die verdiente Ruh« zu sichern, dann genügt eS ja einfach,-dis' Korporation der erwachenden Magyaren aufzu lö sen, 'die ja nichts anderes unternimmt, als daß sie in Wort u«d Schrift gegen die Juden hetzt und diese wo immer sie kann, auch tätlich verfolgt. Das wäre der erste Schritt zur Lösung der Judenfrage m Ungarn. Dann muß aber mich den Juden unverzüglich das Recht eingeräumt werden, sichohne fett Verfolgungen der antisemitischen Polizei ausgesetzt zu sein, versammeln zu dürfen und ihren Wünschen zur Losung der Judensrage selbst Ausdruck zu geben. Dann wird die ungarische Regierung die Bestätigung der Tatsache erfahren, daß,die Juden Ungarns ihre Sache nicht weiterhin durch den Hofrat Szekely verraten wissen wollen, sondern auf der Basis der Berstärchigung vou Bott zu Bott die Lösung des Judniproblems an strebe. .Die Juden Ungarns wissen sich in diesem Bestreben einig mit ihren Brüdern in' den anderen Staaten, Sie wissen aber auch, daß eine solche Lösung des zu einer Sch icksalsfrag« Un garns sich jerhebenden jüdischen Problems im Sinne der In tention$.« der Par iser Friedenskonferenz erfolgen würde. Politisches aus Pole«. Aus Krakau wird den „Polnischen Stimmen"-, berichtet: In wo hlm formierten Kreisen verlautet, daß/ die Regierung dem Landtag in einer der ersten Sitzungen der Herbstsessüon einen V <erfassuugse «twut f dorfegen wird. Dieser Errtwurf wird dem VerfassungSansschuß des Landtages zugewiesen werden. Nach dem Entwurf sollen Ostschlesien, Oberschlesien und wahrscheinlich auch das Dombwwaer Kohlenrevier besondere. Wojwodschafte» bildein '« Wie uns aus Warschau gemeldet wird, ist eine Reorganisierung deS Amtes für den Wiederaufbau Polens geplant. Es werden sieben Wiederaufbau!« Direktionen errichtet werden, und zwar in Warschau, Krakau, Lemberg, Lublin, Kielce, Lodz und Bialystvk. Diese Direktionen werden der Wiederaufbauaktion des Ministeriums für Sfsenlliche Arbeiten unterstehen. - *. Ans Warschau wird de» „Polnischen Stimmen^ telegraphiert: Die die „Gazeta Ponfedzialfewa" meldet, stehen im Kabinett weitere w i ch t i g e A e n d e r u n g e n bevor. Wenn der Landtag feine festgefügte Majoritäk anfweiseu wird, die imstande wäre, eine Regierung zu bilden, so werden die tüchttgsten Fachleudr des Landes ohne Rücksicht auf ihre polittsche Dergangenhüt ins §kabinett berufen werden. Bon vielen Seiten wird der ehemalige österreichische Minister für Galizien, Dr. Michael Bo^rzynski, als Minister des Innern kandidiert. Diese Zkandidalur begegnet gewissen Schwierigkeiten auf sozialdemokratischer Seife, aber man glaubt, daß die Sozialdemokraten eventuell zu einem Ko m promiß berett sein werden. Wilson fordert die Räumung Fiumes. B e r l i«, 27. September. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus dem Haag: Eine Nachrichtenagentur erfährt aus Nom, daß in der letzten Note Wilsons au die italienische Regierung die Näumu«g von Fiume verlangt wird. Au unsere Leser! Wir bitten alle unsere Leser und Freunde, Zuschriften für die ^Wiener Morgenzeitungnicht an die einzelnen Mitglieder der Reduktiv», sonder« nur an die Redaktion ielbtt zu adrc^even.

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