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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-26 · Heft 247 (26.9.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 247 (26.9.1919)
Date
1919-09-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag _ 26. September 1919 . 9tt. 247 V» ..——I 1 Wl'>»Swil<iW»P "ll' lTn..hi>.—'»■■*»)■» i*tmt**m*mI " "***'".n n in ' " ~*~T i rv ' r-r-r; -jt- ■ ' ' "" ' l «'«—"< «■"1,1'1 «* ' 1,1 Kohlennot «r Der fünfte verkehrsbrse Dag, der uns gestern beschert war, brachte eine neue Schveckenskunber die Kürzung der Mehlquote und die Ankündigung einer tlartoffelmisere für den Winter. Außerdem wollen hartnäckig austretende Gerüchte auch schon von einer Kürzung der Brotration wissen. Die Blockade lebt wieder auf dank der Weisheit einer Negierung, die den nächsten Tag nicht berechnen kann, deren Untätigkeit schon an das absolute Nichts erinnert. Uns« Geld wird im Ausland bereits als Zunmerschmuck verwendet, von der Kriegsanleihe hört man ebensowenig wie von der Vermögensabgabe, unsere statische Verwaltung büßt die Sünden des alten Regimes und vermehrt sie durch eigene, mtb die Kriegsgewinnler und Schieber führen ein behördlich konzessioniertes herrliches Dasein. Schon preisen die zugereisten Einwohner der Wesistaattrr Wien als die billigste Stadt der Welt... Unsere Nationalversammlung hält Ferien. Die Abgeordneten haben sich das bequeme Mittel der Regierung, die Nase in den Sand zu stecken und nichts zu sehen, gerne an geeignet. Sie haben kein Verständnis für den furchtbaren Ernst der Lage. Die Länder setzen „in deutscher Treue" die Politik der Separation, fort. Niemand tut etwas, niemand will Verantwortung tragen. Weshalb bleibt aber die Regierung weiter im Amt? Es wäre ehrlicher, loyal« gegen die Bevölkerung, wenn die vielen Staatssekretär«, Unterstaatssekretäre usw. einfach die Entente ersuchen würden, die Regierung selbst zu üernehmen. Die Entente hat den Staat geschaffen und so wäre es nur logisch, wenn sie die Sorge für die Ausführmrg des Friedens Vertrages ganz ans sich nehmen wollte. Die Köhlens ttuatio« des gestrige» Tages. Heute, am sechsten Tage der furchtbaren Kvhkenkatastrophe, können wir immer noch keine Aussicht aus eine baldige Besserung Lonstatieren. DaS ist bk einzige Gewißheit m dieser entsetzlichen Situation, In die Belieferung der Elektrizitätswerke ist keine /nennenswerte Aenderung eingetrete«. Nur i» den Zuschüben aus Oberschlesien ist eine kleine Besserung zu verzeichnen, die aber nur Hausbrandzwe zugute kommt. Die BertzMdÄwge» i« Prag. nehmen einen schleppende« Verlauf. Die Diskussionen werden mit Verteidigungsrede» der tschechischen Kohlenfunkiionäre ausgefüllt, die alle Momente ins Tressen führen, welche eine Einhaltung des Ertrages behindern. Die Schwierigkeit bezieht sich i« der Hauptsache auf das vaßut«rLsche Moment, da bk tschechische Regierung die Bezahl»!^ der Kohle in ihrer Währung verlangt. An den Verhandlungen in Prag nehme« außer dem Staatssekretär Zerbtk und dem Gektionsch:f .Schüller auch Ministerialrat Kloß, LegatisnSrat Dr. Marek und namens der Stabt Wie» Lizebürgermeister Emmerling teil, lieber das vorläufige Ergebnis der Konferenz kan« noch «ichbS v«rlautbart Zerben. Skttelzifst». Wie furchtbar unsere Situation ist, geht auS folgenden Ziffern — wahre Bettel Ziffer« — hervor. Vorgestern liefen 16? Wagg-mS polnischer Kohle ei«, 87 Waggons Oftrauer Kohle, von denen ei«r an die Staatsbahnen, 63 an die Gemeinde Wie«, einer an die Verbraucher in Dien, 83 au sonstige?>erLraucher außerhalb WienS abgegeben wurde«, daL find in erster Linie kleinstÄ) tische Gaswerke. Schlesien lieferte zusammen 198 Waggon-, von bene« 29 die Staatsbahnen, 83 die Güdbah«, 3 die Gemeinde Die«, 20 die Elektrizitätswerke, 68 sonstige Verbraucher i« Wien und 6 sonstige Verbraucher außerhalb WiwS evhielten. Endlich wurden über Gmünd ISO Waggongebracht, von denen die Staatsbahnen 47, bi Süvbahn 13, die Gemeinde Wien 40, die Elektrizitätswerke 13 laib die Verbraucher außerhalb WmA 17 Wnq^on'' erhielten. Die Rot der Bahn« tritt bereits bedenklich in de» Vordergrund, da der Vorrat von Woche zu Woche um 1000 bis 1806 Tonne» finkt. Im Staatsamt für Verkehrswesen fi«ben gegen-, wärtig Beratungen statt, welche die Eirrfttlltwg des Fernverkehrs «a SvEtatzm nach Schweizer Muster zum Gegenstände habe». Eine Entscheidung hierüber dÜrPe aber erst ln einigen Tage« zu erwarten sein. Die heutige Lage. 'Jlüdq einer Mitteilung aus dem Staatsamt für Handel und Arbeit ist die gegenwärtige Situation in folgenden Worten zusammenzufassen.' Die Situation ist unverändert schlecht. Es besteht sehr wenig Aussicht auf Besserung. Außer de« Versprechungen des Miristerpräsiderm» Tusar liegt nicht- Ppsitives vor. Das Ansuchen in Polen wegen Erhöhung der Kohlenzuschübe wurde abgelehnt, weil bas Land selbst an den Nachwirkungen eines Zehntägigen Streiks «och zu leide» hat. - kein Ende. An eine AufhrbrMg der Sparmaßnahme» kann erst dann gedacht werden, wenn starke Verladungen in den Kohlen revieven einsetzen. und die Wöettgen in Wien ein getroffen sein werden. Selbstverständlich müßten die großen Kohlenzuschübe von Dauer sein. ' : . Da die Kohlen in den Grenzstationen auf gehalten werden, müßte die Entente eine Kohlend, spotie eiuführen, denn solange die Lieferung vom Produzenten abhängt, liefert er üach seinem Gutdünken. Die Kohlenkommissbon müßte nach einem einheitlichen Plan arbeiten und exekutive Macht haben. DaS StratzrmbM» des gestrigen Tages war ein noch trostloseres und leereres wie an den vorangegangenen Tage«. Die Geschäftssperre war insolge der hohen jüdischen Feiertage eine fast allgemeine und straßenlang konnte man an herab gelassenen Rolladen Vorbeigehen. Dieser Umstand, der die Rolle des jüdischen Elementes im Wirtschaftsleben Wiens sinnfällig aufweist, mußte jeden nachdenklich stimmen, der die allerorten austauchenden Meldungen über Pogromvorbereitungen vernahm. Me» würde zum Schicksal Brügges verurteilt werden. Ein Verkehr war auch gestern noch nrcht organisiert. Ein paar Autobusse und drei oder vier Omnibusse standen dem Bedürfnis der Riesenstadt zur Verfügung. Die LohnfuhrwerL« treiben werter passive Resistenz und fordern Trinkgelder und Fahrtaren von schwindelnder Höhe. DaS unter den Augen der Behörde». Der Vorschlag, wenigstens einen Früh- und AberÄverkehr der Straßenbahn einzurichten und die Stadtbahn für einige Stunden täglich in Betrieb zu fetzen, wurde von der Straßenbahndirektio», die den Kopf ganz verlöre« hat — Herr Gpängler ist auf Urlaub — als undurchführbar abgelehnt. Und so wirb es wahrscheinlich bis zum Ende der nächste« Woche weitergrhen. Debatte üb« die Koihlenfrage im Stadtvrtt. Der Stadtrat setzte gestern die Debatte über die Kohlenftage fort. An der Beratung beteiligten sich zahlreiche Stadträte, welche auf die Notwendigkett eines Ersatzverkehres hinwiesen. Bürgermeister^ Reumann betonte, baß alle brs- . her borgeschlagenen Ersatzmittel unprakttibeL^uich durch-. ä»S nicht geeignet seien, eine Witterung der Kalamität herLeizuführe». Er werde in der nächsten Woche einen eingehenden Bericht über die Holzbeschaffung und über die Kohlenlage erstatten. Die Prager Kshle»ko«ferenze«. Günstiger Cftosb der Berha»dl«nge«. Prag, 85. September. (Korr.-Bur.) Staatssekretär Zer di k, BizebÜrgermeister E m m e r l i n g, Sektionschef Dr. Schüller, Ministerialrat Dr. Kloß und Legationsrat Dr. Marek haben gestern beim Ministerpräsidenten Tusar vorgespwchen. Der Ministerpräsident versicherte der Delegation, daß er über die Notlage in Oesterreich informiert sei, wieS aber darauf hin, daß auch die Kohlenverhältnisse im tschecho-skowakischen Staat sehr schwierig feie«. Dessenungeachtet werbe er die maßgebenden Stellen Veranissen, die Lieferung der im Vertrage vom 18. August vereinbarte« Menge» so bald als möglich durchzuführen. , Die Aborhpung hatte bann eine Konferenz mit dem Arbeitsminister Hampl. Der Minister erörterte auf Grund statistischer Daten de« ungünstige« Stand der Kvhlenversorgmig im tscheckw-slowakische« Staate. OefierveichischersettS wurde darauf hingewieseu, daß die Verhältnisse in Oesterreich ganz ungleich schlechter liegen und daß es sich in der Kohlenfrage um die Existenz Oesterreichs handle. Die österreichische Delegation sprach die Erwartung aus, daß der rattfizierte Vertrag vollinhaltlich zur Durchführung gelangen werbe. Minister Hampl erklärte, daß et die Frage der Kvhlenliefernrzgen in de» nächsten Tagen nochmals gründlich prüfen urw in einer neuerliche», für die nächste Woche anberaumten Konfe reuz mit den Vertreter» der österreichische« Regierung und der Gemeinde Wien endgültig bereini ge« werbe. Die österreichische Delegation ersuchte, bis dahin di« Sendungen noch Wie» sofort möglichst zu erhöhen, damit die schweren Bedrückungen der Bevölkerung durch die zuletzt verfügten Sparmaßnahmen wenigstens teilweise gemildert und insbesondere der Straßendahnverkehr in den nächsten Tagen wieder aüfgenommen werden könne. Minister Hampl sagte eine solche Erhöhung der Anlieferungen zu. Staatssekretär Zerdik hat daher im Einvernehmen mit BizebÜrgermeister Emmerling das Staatsamt für Handel und Arbeite» telephonisch angewiesen, zu verfügen, daß Montag früh der StvaßenbahnverLhr wieder ausgenommen werde. Die österreichische Delegation fährt heute abends von Krag nach Berlin weiter. PolitLsche^undschau. Die Diktatur Koltschaks. Der Ukrainische Pressedienst meldst: „Odeskhj Listok" zufolge errichte Deniki« in best von den Bolschewiken gesäuberten Gebieten eine Dik tatur., MS Diktator ging Admiral Kvltschal, als sein Vertreter für Südrußlairo Generäl Den-rkin hervor. In Odessa, Kiew Und anderen Städten werden aus großrussischen Politikern Regierungsbehörden gebildet, die jedoch der Diktatur unterstehen und nur beratende 'Stimme haben. General von Bredow, der Kommandant in Kiew, erklärt in den großrussischen Zeitungen, die Armee Denikins wolle da» alte Ruß land wieder ausrichten, zwar in seinen früheren Grenzen und ohne jede Veränderung. Sobald die Bolschewiken in der Ukraine geschlagen sein werben, beabsichtige die Armee Denikins eine Offensive gegen die Rumänen,, um sie aus Beßarabieu zu vertreiben und gegen di« Polen, um sie hinter die früheren Grenzen Rußlands zurückzudrängen. Ostgalizien wird von Deuikin als Bestandteil Rußlands betrachtet, Ostgalizien muß zu Rußland gehören und wird daher gleich falls von der Armee Denikins zurückevobett, werden. - .•> Dem .^kijewlanin" zufolge steht an der Spitze Lev Sroßrussischen Lokalverwaltung in Kiew der zaristische General iragomirow. * . Haag, 85. Septeinbe,. (Tel.-Komp.) Hollanbsch Rienw?- bureau meldet aus Omsk: Admiral Koltscha! veröffentlicht ein« Proklamation, worin er die Semstwos für Ende Oktober zusanlmenberuft. . Zur Frage deS MinorttStenfchutzes. „Polttka" schreibt in Angelegenheit der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Oesterreich unter anderem: Da die Frage der nationalen Minderheiten den Weltkrieg verursachte, forderten Frankreich und Amerika, daß in den Friedensvertrag' mit Deutsch öfterreich Bestimmungen über den Schutz der Minder heiten ausgenommen werden. Präsident Wilson verlangte die Geltendmachung dieser Bestimmungen, sowie die Zusage, daß in diesem Belange keine Ausnah me gemacht werde. Was den Artikel 51 anlangt, so sind wir jetzt in eine akute Phase eingetreten, weil uns zur Unterzeichnung des Friedensvertrages eine Frist gesetzt wurde und wir die Annahme dieses Artikels, der einen Anschlag auf unsere Souveränität darsteltt, abgelehnt habe«. Rumänien beschloß, vfus Grundlage von Konzessionen in keine Verhandlungen einzutreteu. Da für Griechenland ähnliche Bestimmungen getroffen worden waren, entschloß sich dieser Staat, ebenfalls diese Bestimmungen nicht anzuer^nnen, er . klärte sich jedoch bereit, in Verhandlungen einzutreteu Jugoslawien wird den Fri^ensvertrag so lange nicht, unterzeichnen, bis es sieht, was Rumänien und Griechen land tun werden. Für uns bestehen nur ztvei Möglichkeiten: Entweder schließen wir uns der Unnachgiebig-, fett Rumäniens an oder wir nehmen in der Fragen der. Konzessionen einen gleichen Standpunkt wie Griechenland ein. Der Hauptgrund, der für die Unter« zeichnuvg spricht, ist die Notwendigkeit, daß bi« Grenzen des neuen Königreiches so bald alS möglich bestimmt werden, waS auf die innere Lage des Staategewiß günstig eiuwirken würde andererseits, baß die pölittsche« Beziehungen »ich abgebrochen werden, und daß unsere Stellungnahm» : nicht als unfreundliche Haltung gegenüber dem Völkerbunde ausgelegt werde,-der unsere territoriale Inte, grität verbürgen soll. (Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Amerika und England ihren Standpunkt in der Frag» des MinoritäwnschutzeS durchsetzen werde«, auch wen« Rumänien und andere Balkanvölkec sich dageger sträuben. Der Keim zu neuen, blutigen Kriegen muß beseitigt und drückeiche Ungerechtigkeiten aus der Wee geschasst werde». Die Red.) Eine Schweizer Stimme über die Lage irr DeutfchbZhmeu. bt Lausanne* vom 81. d. M. bringt eine» Leid aussatz des bekannten Publizifdn Maurice M u r e t, in welchen er mü Bekriediaung die sich anbahnende Versöhnung zwiscke» Deutsche« und Tschechen in der Tschecho-Slowakei begrüßt. De.- joüaldemotratische Parteitag in Trplitz und du angekündigt! Rückkehr des bisherigen Landeshauptmannes Dr. 8 o d g m a» erscheine» ihm als Anzeichen dafür, daß bie Deutschen den Aus gleich auf der Basis des Rechtes und der Seldstr bestimmung «mstreben. Die Person deS Ministerprastderirei T n f a r biete die Gewähr. daß tiefen Moni fkstaüone» gegenüber seitens der Tschechm kein ablehnende, Standpunkt eingenommen «erde. Tusar werde asieS tun. um die Atmosphäre des Bürgerkrieges aus Tschechien z, banne«. Tschecho-Slowakirn sei kein Ginijettsstaat; die Tscheche» müßten sich die Deutsche», Magyaren, Polen und Slowaken dru ck eine weise Verwaltung und durch Gerechtigkeit gewinne», da fr sonst alle diese Völker zu chren inneren Frmden machen. Gerad« die Zusammenarbeit der Tschechen mit der foltgeschrrtrensten Natioii im Lande, dm Deutschen, ist für die Tschrcho-Slowakkl üw Wohltat, welche die ExiftenDhigkeit des tschechischen Staateverbürgen würde. Neben den politischen Rechten gebührt de» Deutschen aber auch die Unantastbarkeit ihrer Kultur. Maurice Muret greift bann die fran-iöftsche Politik bekti§ an, die gegen die Bersöynuna der Deutschen und Tschechen aenchtet sei Die Entente habe das größte Antensie an emer startet Tfchecho-Slowalei, b«e jedock nicht stark sein könne, wenn all« mchttschrchischeu Völker eine I r r e b e n t a treiben müßten. Di, En enle müßie daher die Versöhnung unterstützen; diese sei durck Konzessionen *« erreichen und könne urchl durch Demütigunz^ und Unterdrückungen, sondern durch die Ideale von Freiheit und Recht hcrbügeMtrt, werden. Mnn die Fmnzosrv, wie. cs chre Absicht zu sein scheine, daS Mrnistcrium Tusar stürzen, bau» würben sich die Gegenfötze nur vertiefen und die Gefahr schwere» innerer Kümpfe heraufbeschworen. Eine AufsShnung^n Böhmere gebe Aussichten für ein ruhiges Mitteleuropa, mnerhalb besser' auch die besten Beziehungen zwilchen der Tschecho'Slowaker nr.d Deutschonerrcich herzustellen wirrcu.

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