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Wiener Morgenzeitung · 1919-09-26 · Heft 247 (26.9.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 247 (26.9.1919)
Date
1919-09-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mr. Halsten erklärte, er würde es bedauern, wenn f0 lche Ereigniffe eintrLLen, weil sie die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten gegen Deutschöperreichfehr schlimm beeinflussen mutzten. Staatskanzler Dr. Renner gab Mr. Halsten alle beruhigenden Auf» Klärungen und versicherte, es seien alle Vorkehrungengetrofse», um Gewalttätigkeiten hintanznh alten. Die Vorgänge in Fiume. Die Stadt im Verteidigungszustand. Älevifiorr der Friedensverträge. —7 W i e n, 26. September. Die Hoffnung, daß die Unterfertigung des Friedens« Vertrages einen für die Wiederaufnahme der produktiven Arbeit günstigen psychologischen Zustand schaffen werde, geht nicht in Erfüllung. Fast ganz Europa ist von einer Krise ergriffen, der Konfliktstoff mehrt sich von Tag zu Tag und zeitigt Erscheinungen, die die Hilflosigkeit des Pariser Fünfer-Rates zeigen. Der Krieg hat nicht aufgehört und der Kampf zwischen Polen und Ukrainern, Zwischen Ukrainern und Bolschewiken, zwischen Ukrainern und Rumänen, zwischen Griechen und Türken fordert immer aufs neue blutige Opfer. Der Putsch d'Mnunzios in Fiume vergrößert noch den politischen Wirrwarr. Das eben ist die Schuld der Friedenskonferenz, daß sie nicht imstande war, eine gerechte Prüfung der Dinge Europas vorzunehmen und daß sie den Friedensvertrag nicht geschaffen hat, um der Welt dauernde Ruhe zu gewähren, sondern um sich ein Stück Arbeit vom Hals zu schaffen. So kommt es, daß die Autorität der Pariser Weltrichter ins Schwanken geraten ist und daß die kleinen Völker es versuchen, ihre Staats- Probleme nach ihrem eigenen Gutdünken Zu lösen. Und so gerat Europa langsam, aber unausweichlich in Auflösung und die sozialen Unruhen, die den Gesellschaftsbau Englands und Frankreichs umspülen, sind nicht darnach angetan, dem Machtwort der Weltenrichter Respekt zu schaffen. Der Sieg der Imperialisten auf der Pariser Friedenskonferenz, der die vernünftige Erwägung der tatsächlichen Verhältnisse niedergeschlagen hat, ist zur Quelle eines schleichenden Uebels geworden, das den durch den Krieg geschwächten Organismus Europas-verheert. . 'Die für den Krieg geschaffeneEimgkeitdei'West-' machte ist durch diese Schwäche angenagt. Ueberall zeigen sich Eifersüchteleien und der durch den Krieg wach gerufene Appetit nach Territorium und Geldentschädigung ist in einem konstanten Wachstum begriffen. Die großen Probleme des nahen und des fernen Ostens, die mit dem MitNmeer zusammenhängenden Fragen Nordafrikas und Vorderüsiens, das arabische und das afrikanische Kolonialprvblem ringen nach einer Klärung, die aber durch die Rivalität der großen Mächte verhindert wird. Es sind eben durch den Krieg und seine ungeheure territoriale 'Ausdehnung geographisch-politische Fragen ins Rollen gekommen und die Schwierigketten wachsen lawmengleich. Weder auf dem Balkan, wo die Jntereffenkreise der Serben, Bulgaren, Griechen und Albanesen durch die handelspolitischen Ansprüche der Ententestaaten kompliziert werden, ist eine halbwegs vernünftige Ordnung erzielt worden und der bulgarische Friedensvertrag, der kürzlich veröffentlicht wurde, zeigt, daß auch dort wie bei dem Falle Deutschösterreich, die Aimexionsaspirationen der Siegerstaaten kodifiziert wurden und so ewige Reizungen dieser empfindlichen Stelle Europas verbürgen. Durch die Abschneidung der Lebensquellen Deutfchösierreichs und durch den polnisch-tschechischen Konflikt sind diese Balkanverhältnisse, die so lange Jahre den Schrecken aller Politiker geblldet haben, in das Herz Europas übertragen worden. Die politische Entwicklung. Europas nimmt einen Weg, der zur Anarchie führt. Änd in der Tat fft die Stimmung des Krieges nicht gewichen, die Gesetzlosigkeit und die Komttatschi-Psychöse droht die letzten Reste gesellschaftlicher Ordnung zu verschlingen. Ganze Hesellschaftsschichten sinken in Verarmung, die Verwilderung der Jugend nimmt einen ungeahnten Aufschwung und die Sterblichkeit m der entnervten und vom Hunger geplagten Bevölkerung hat die Höhe des Dreißigjährigen Krieges erreicht. Das Unglück, das durch seichte Dilettantenarbeit über die Welt gebracht worden ist, ist so groß, daß nur eine Revision des Friedensvertrages imstande wäre, die große Gefahr zu bannen, in die die Zivilisation und die Kultur der ganzen Menschhett geraten ist. Völkerbundkonferenz in Brüssel. Amsterdam, 25. September. (Korr.-Bur.) „Teleg t a a f" meldet ans Brüs s e l, daß ander Völker« buudkonferenz derAlliierten und Neutralen, die im n 8 rh st e n M 0 n a t in Brüssel staltsmdet, von den Neutralen Holland und die Schweiz teilnehmen. Jedes Land entsendet zehn Äbneordnelo. Filmte, 24. September. Das Fiunraner Freiwilligen-Bataillon „Sursum Corda" hat Stellungen an der istrianischen Grenze bezogen, um die Stadt vor einem Angriff der Truppen Nittis zu schützen. Fiume, 24. September. D'Annunzw hat den italienischen General Casanova euthaftet. Dieser ist nach Italien abgrreist. " "V y* \ Fiume, 24. September. In Abbazia sind starke Truppenmassen zusammengezogen. Es herrscht ein lebhaftes Treiben. Ein Teil der.Mannschaft ist gegen d'Annunzio aufgebracht, die anderen aber tragen die Abzeichen der Fmmaner Rebellen. ' FtuM, 28 Septencher. Heute sM in Fiume bis' italienischen Post marken in Verkehr gebracht worden. Fiume, 24. September, -o-n zwei Seiten umzingelt, erhalten jetzt die Truppen d'Aununzios ans dem Luftwege die Lebensmittel aus Italien. Seit zwei Tagen sind die Grenzen gegen Jugoslawien gesperrt. Die Lebensmtttelpreise haben sich verdoppelt. D'Annunzio erließ an die italienischen Soldaten abermals einen Aufruf, worin er mit Rücksicht auf die Möglichkeit einer vollständigen Einkreisung der Stadt durch Truppen eines feindlichen Staates seine Mannschaften sowie jene m Abvazia, Volosca, Lovrana und auf SWmtte Maggiore auffordert, auf ihren Posten zu verharren und den italienischen Boden zu schützen. Italienischer Kronrat. Nom, 25. September. Der Kronrat ist heute unter dem Vorsitze des Königs zusammengetreten. Sonnino fehlte, da er leidend ist. Auch Turati, der Vertreter der offiziellen Sozialisten, war nicht erschienen. Berlin, 25. September. Der „Lokalanzeiger* meldet aus Genf: Der in Paris emtreffende italiemsche General Garibaldi bringt dem Ententeral neue Vorschläge Tlltoms zur Beseitigung der zwischen Italien und Südslawre» noch bestehende« Schwierigleiten mit. Der „Avanti" gegen einen Krieg mit de« Südslawen. Mailand, 25. September. „Avanti" bringt verschiedene Anstuft, die sich sehr scharf gegen emen eventuellen neuen Krieg mit den Südslawen wenden. Em solcher würde das Signal zum Ausbruch einer italienischen Revolution werden. Nach. dem „Corriere della Sera"^ geht das Gerücht, daß sich Abteilungen italienischer Truppen unter Befehl d'Ammuzios Sebenicos bemächtigten und auf Spalato marschieren. Süd»; slawische Truppenverbände sollen ihnen längs der Waffenstill« standslinie auslauern. Das Blatt. versichert, daß es sich in Wirklichkeit um eine unbedeutende Aktion von Freiwilligen handle. . . Die Vorfälle in Trau. Ber», 25. September. lKorr^Bur^ Die Nachrichten.Mrdie Besetzung werterer dalmatinischer Städte durch die Frelwilligenscharen d'Aununzios scheinen der Wahrheit nicht zu entsprechen. Es soll sich lediglich um den Versuch einiger Truppenteile gehandelt haben. Trau zu besetzen« Daß über die Absichten d'Ännunzros auf. die Besetzung der ganzen dalmatinischen Küste hinzirlen, geht aus dem Aufruf hervor, den er an die dalmatinischen Brüder gerichtet hat und worin er Zara. Spalato, Sebenico und die anderen Schwesterstädte feiner Hilfe versichert. 1 Wie er dem Korrespondenten des „Secolo" mitteilte, habe er Flugzeuge nach Rom und Mailand mit Manifesten an die Bevölkerung geschickt, um diese über den Stand der Dinge in Fiume und seine wahren Absichten anfzuklären. Im letzten Augenblick hat sich Admiral Cagni nun doch berett erklärt, nach Fiume zu gehen, aber nicht als Oberbefehlshaber der Adria-Streltkrüste, sondern als Privatmann, um in Uebereinstimmung mit der Regierung eine friedliche Lösung des KonstikteS mit d'annunzio zu versuchen. Trau von den Ingoslawen genommen. Rückzug der Italiener. Spalato» 25. September. (Südllaw. Preßbur.) Gestern um 2 Uhr nachmittags begann eine jugoslawische Truvpmädteilung in der Richtung auf dre von den Italienern besetzte Stadt Trau vorzüdringen. Die Amerikaner übergaben die Stadt den jugoslawischen Truppen und schifften sich dann wieder ein. Die jugoslawischen Truppen verfolgte« dieJtaliene r.über Trau hinaus und setzten ihre Aktion fort. Demission des tschechischenFinanzministers Horaeek Schwierigkeiten in der Wahl seines Nachfolgers. Prag, 24. September. Finauzminister Horaeek hat an Ministerpräsidenten Tusar er« Schreiben gerichtet, in dem er um Entlassung aus seinem Amte bittet. Er motiviert dies mit feinem Gefundheitsznftande und mit Aeberbürdung im Amte. Morgen findet ein Ministerrat statt, der über dieses Entlaffnngsgesuch entscheiden wird. Es machen sich Einflüsse geltend, Horaeek zum Verbleiben zu veranlassen, wenigstens bis die jetzige Staatsanleihe gezeichnet ist. Beharrt er aber bei seinem Entschuß, dann ist die Negierung wegen der Wahl seines Nachfolgers in größter Verlegenheit. Cs kursierten heute in der Nationalv^sammlnng Gerüchte, daß der erste Sektionschef im Finanzministerium Dlassar zum provisorischen Leiter des Ministeriums bestellt werden soll. Das ist aber nach der Verfassung ganz ausgeschlossen, die nur Minister, aber keine Leiter kennt. Kottschak tritt zurück. Amsterdam, 24. September. Den englischen Blättern vom 23. d. M. zufolge hat Admiral K 0 l t s ch a k die Vertreter der Alliierten von seinem Entschluß, auf den Rang eines Oberbefehlshabers Rußlands zugunsten Denikins zu verzichten, in Kenntnis gesetzt. Weiters melden die Blätter, daß auf das Leben Koltfchaks ein Anschlag Versucht wurde. ,

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