Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 236 (15.9.1919)
- Date
- 1919-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ewte 2 Wien, Montag i ,r .... «jj.-iiai Die Trümmer der armenischen Nation.! Unter diesem Titel schildert E. G. in der,Sasler WMmalzeitung" die Schicksale und die Eigenart des armenischen Volkes, das Lekcmntlich rm Krieg Unsägliches von der türkischen Barbarei gelitten hat, ßolKeridermaßeur Allgemein bekannt ist die -Tatsache, daß' gegen e rüe Million armenischer Bauern während des Krieges durch die türkische Regierung von ihren Wohnstätten vertrieben und 'in die Steppen- Syriens und Palästinas geführt wurden, wo sie meist dem Hunger und den Seuchen erlagen, wenn sie nicht schon vorher erschlagen worden waren.. Nährend meines Aufenthaltes in London hatte ich 'Gelegenheit, mit einem Arzt zu sprechen, der kürzlich ' aus Syrien zurückgekehrt ist und mir über die Ueberlebenden, man schätzt ihre Zahl auf 100.000 folgende Angaben machte, Angaben, welche deshalb wertvoll sind, weil sie die hohe Leistungsfähigkeit der .Armenier zeigen: Als diese nach ihrer Vertreibung die syrischen Städte und Dörfer erreichten, gab man ihnen deutlich zu verstehen, daß sie hier nicht lange bleiben dürften. Es handelte sich also darum, Zeit zu gewinnen mrd sich unentbehrlich zu machen. In einer Stadt kauften sich einige reiche Kaufleute — reich insofern, als sie auf europäischen Banken ein unerreichbares Konto stehen hatten — mit ihrem letzten Barvermögen einen Wagen samt Klepper und begannen die Straßen zu reinigen, was nötiger war als je. Drei Jahre laug besorgten sie diese Arbeit für zwei Laib Brat im Dag und Pferdefutter, nebst der Erlaubnis, in der Stadt bleiben zu dürfen. Nie waren die Straßen so sauber gewesen, und als der Ausweisungsbefehl von Konstantinopel anlangte, ließ ihn der Polizeipräfekt, der den Zusammenhang von Schmutz und. Typhus erfaßt hatte, unbeachtet. Einige tausend von verwitweten Bäuerinnen aus der Gegend von Sivas und Erzerum wußten sich bei der Ernte nützlich zu machen und setzten die syrischen Bauern durch den Gebrauch der Sichel und ihre praktischere Art, Garben zu binden, in Erstaunen. Ein Grundbesitzer erzählte, daß eine solche Armenierin ihm fünf Arbeitskräfte ersetze, und ein türkischer Oberst, der davon hörte, siedelte dreißig armenische Familien auf einer seiner verlassenen Farmen in der Nähe Antiochiens an. Er hatte es nicht zu. bereuen. Sie pflanzten Baumwolle, züchteten Pferde und bepflügten Landstriche, die ehedem unfruchtbar gewesen waren. Als die Regierung von dieser Ansiedlung in der Nähe der Küste vernahm, wollte sie die Armenier wegschicken; aber der türkische Oberst wußte seinen Willen durchzusetzen und rettete sie in seinem eigenen Interesse.. Ein reicher. Araber hatte vietzig Familien auf einer - unfruchtbaren Liegenschaft östlich Aleppo angesiedelt. Die armenischen Bauern zimmerten Wasserräder, gruben Bewässerungskanäle und verwandelten die Einöde in einen ’ Garten. Der Besitzer war verblüfft. „Seit Jahren hätte ich umsonst versucht, aus diesem Land etwas herauszuholen. Wo nehmen nur diese Leute , ihren Verftcuch her?" Viele Armenier und Armenierinnen sicherten sich dank ihrer Kenntnis europäischer Sprachen und ihrer guten Schulbildung Stellen als Schul- und Haus-, teher, beziehungsweise Lehrerinnen. Andere wiederum als Köche. Der Armenier ist der geschickteste Handwerker in der Türkei und die Vertriebenen, die nur ihr nötigstes Hab und Gut hatten fortschleppen dürfen und oft genug desselben beraubt wurden, "trugen zu nichts mehr Sarge als zu ihrem Werkzeug. Wer nur einen- )cagel einschlagen oder ein Schloß reparieren konnte, fand, genügend Arbeit. Als die . Zahl der Deportierten wuchs, mußten neue Mittel ersonnen werden, die Leute zu halten. Lines Tages meldete sich ein Armenier Lei der Regierung und ftagte, ob man Bitten Kleiderstoff' brauche, »r habe einen Freund, der eine Weberei einzurichten oerstehe. Die Anfrage kam rechtzeitig; denn die Bekleidung der türkischen Armee war — selbst für türkische Verhältnisse — nachgerade unhaltbar geworden. So wurden denn in erstaunlich kurzer Zeit 6000 Männer und Frauen mit Spinnen, Weben und Färben ieschästigt, * ' Seit Jahrhunderten hatte die Stadt Aleppo unter -ein Mangel an Trinkwasftr gelitten Und seit dreißig Zähren hat jeder türkische Vali bei seinem Amtsantritt .versprochen, er sei der Mann, der für Trinkvasscr sorgen * werde. Indessen geschah nichts, bis Lschemal Pascha, der Gouverneur van Syrien, einen u'meniscl.n 'Zivilingenieur unter, "den Deportierten -indeckte und ihn mit der Anlage einer Wasserleitung ,etraute. Mit Htlfe anderer Deportierte wurde das lOetf vollbracht. An der Bagdadbahn machten sich unzählige Arncnicr als Schreiber, Kondukteure, Lokomotivführer *itt& als Holzkäufer und Holzfäller so unentbehrlich, >aß die Gesellschaft erklärte, sie könne den Betrieb »hne die Armenier Nicht aufrechterhalten. Leider war er nur eine Minderzahl, dir ihr Leben >is zum Waffenstillstand ftisten konnte. Biele durften 'rst in Mesopotamien, unfern von Bagdad, Haltmachen. >lm Unten Ufer deö Euphrat, gegenüber der Stadt der-el.Zor. wurde ihnen ein Stück Wüste als Wohnitz angewiesen. In Abteilungen von 50, 100 500 angten sw mit dem Rest ihrer Siebensachen dort an, roh, nicht weiter getrieben zu werdenobschon die Wiener Morgerrzeitrmg_ Kundgebungen -er - Bor dem Rathause fand gestern vormittags eine Massenkundgebung der Staatspensionisten aller Kategorien und deren Witwen und Waisen statt, um deren verzweifelte Situation der gesamten BevöÜeruna darzulegen und der Regierung durch eine Abordnung die dringende Forderung nach sofortiger.,Linderung der furchtbaren Notlage zu unterbretteu. An der von zirka 10.000 Personen besuchten Versammlung nahmen Abordnungen des ZentralverbanbeS der österreichischen Staatsbeamtenvereine, des Wirtschaftsverbandes der Berufsmililärgagisten, Vertreter der. freien Organisation der österreichischen Gendarmerie und der Wiener Sicherheilswache, Nationalrat Z elenkä für die sozialdemokratische Bereinigung der Nationalversammlung, LAbg. Leime r (Oberöslerrnch) in Vertretung der Salinen- und Forftarbeiterorganisationen des Salzkammergutes, GR. Doppler in Vertretung der Staatsangestelltenvereine und der christlichsozialen Partei u. a. teil. Der Präsident des Allgemeinen Slaatspensiomsten- Dereines Mleoch führte in längerer Rede'aus, Zweck der Massenversammlung sei, der Bevölkerung zu zeigen, wie trostlos, wie verzweifelt die Lage der Staatspensionisten sei. Dir Regierung wurden schon vor mehreren Wochen in einer Bittschrift die Forderungen der Staatspensionisten Überreicht, aber ohne Erfolg. (Stürmische Pfuirufe.) Man sagte uns, der Staat habe kein Geld, aber wenn er Geld für Arbeitslose habe, müsse er auch für hungernde Staatspensionisten Geld haben, um deren furchtbare Notlage zu lindem. (Stürmische Zustimmung.) ES sind nicht lauter Arbeitslose, die unterstützt weroen, es sind auch viele Arbeitsscheue unter ihnen. Durch dieie Summen könnte so manche Not der Pensionisten gelindert werden. Hierauf schilderte Landtagsabgeorbneter L e i m e r (Oberösterreich) die Notlage im Salzkammergut, die durch daS Verschleppen der Lebensmittel seitens der Schleichhändler hervorgerufen wurde. Er erklärte, die Sali n e n a r bei te r und Forst arbeite r des Salzkammergutes haben ihn beauftragt zu erklären, daß sie bereit seien, sofort in den Streik zu treten, falls den Staatspensionisten keine Hilfe zuteil werbe. Unter großer Unruhe sprach hierauf Abgeordneter Zelenka, den die Versammelten nicht weiter sprechen lassen wollten, als er aus. die leeren Staatskassen hinwies. Erst über eindringliche Zusprache de§ Präsidenten 15. September 1910 Nr. 236 Slaatspe«fionisten. Mleoch kowte Redner seine Ausführungen zu Ende bringen. Hierauf begab sich eine Abordnung unter Führung des Vizepräsidenten der Nationalversammlung Dr. D in ghofer nnd der Abg. Zelenka ins Parlamentsgebäude, wo sie vom Staatssekretär Dr. Schumpeter empfangen wurde. Dr. S ch u m p e t e v ersuchte zunächst den Staatskanzler Dr. Renner zu entschuldigen, der wegen vormittags stattfindender Empfänge von Gesandten auswärtiger Staate» am Erscheinen verhindert sei. Die Staatsregierung sei bestrebt, Notlage, soweit dies nur irgendwie möglich sei, zu lindern. Angesichts der tristen Lage der Staatssinauzen müßte es jedoch geradezu ein Verrat am den Interessen des Volkes genannt werden, wenn die Regierung Zusagen machen würde, die sie nicht erfüllen könnte. Üeber die Frage der Pensionen werde zunächst in der Reparationskommission verhandelt werden müssen. Auch stehe die Angelegenheit in einem engen Zusammenhänge mit der Besoldungsreform. Es sei zu hoffen, daß' diese Angelegenheit in einigen Wochen in der Reparationskommission und mit öfn Vertretern der Nationalstaaten zur Erörterung gelangen werde.- Sei diese Frage dort gelöst, dann werde hoffentlich jeder Pensionist soviel bekommen, daß er vor dem Hunger geschützt sei. Was die Wünsche der Staatspensionisten im Detail betrifft, so finb die Wohnungsfrage, die Beschaffung billiger Lebensmittel, Bedarfsgegenstände, Bekleidung u. dergl. Angelegenheiten, die nur im Einvernehmen mit den beteiligten Staatsämtern gelöst werden können. Die Finanzverwaltung sei bereit, im Rahmen des Möglichen für diese Zwecke weitere Kredite zur Verfügung zu stellen. Auch werde sie angesichts der drückenden Notlage der Staatspensionisten einen Kredit flüssig machen, um den Staatspensionisten in Form einer momentanen Geldaushilfe eine Notstands,mterstütznng zuzuwenden. Die zur Verfügung stehende Summe kann mit Rücksicht auf die Lage der Staatsfinanzen nur eine geringe sein, es ist aber alles, was der Staat bieten kann. Die Deputation begab sich hierauf vor das « Parlamentsgebäude, wo die Führer derselben den Versammelten das -Resultat ihrer Besprechung mit Staats-, sekretär Dr. Schumpeter mitteilten. Gleichzeitig mit dieser Versammlung fanden in 45 Städten der Republik Oesterreich Demonstrativs Versammlungen der Staats Pensionisten statt. Aussichten nicht glänzend waren. Bon brr. Regierung hatten sie keine Hilfe zu erwarten, und rings um lau erben diebische Nomaden. Aber die Armenier verzweifelten noch nicht. Sie richteten Schmiedewerkstätten ein, sie tauschten dies und jenes gegen Nahrungsmittel um, bauten sich Hütten auS selbstverfertigteu, ungebrannten Ziegeln, bis eine Stadt von 40.000Einwohners baftanö, mit einem Markt für die Beduinen der Umgebung. Der türkische Gouverneur legte dieser Gründung nichts in, den Weg, und es schien, als würde auch hier der Armenier sich behaupten. Da reiste ein großes Tier aus Konstantinopel hier durch. „WaS ist dieS für eine Stadt dort.drüben?" ftagte er, auf die Häusergrupps deutend, die aus seiner Karte nicht verzeichnet war. — „Das sind Armenier, Effendim," lautete die Antwort. — „Schickt sie weiter," befahl ungeduldig der Große, nach Süden deutend, „die sollten längst nicht mehr leben." Ali Fuad, der 'Gouverneur von Der, weigerte sich, den Befehl auszusühren und bentiff’onieete. Sein Nachfolger zeigte sich um so gehorsamer und die Gebeine der 40.000 Armenier von Der-el-Zor bleichen in der mesopotarnischen Wüste. Kein Eintritt der Grotzdentschen in die 'Regierung. Wien, 14. September, Die Parlaments- Korrespondenz Meldet: Samstag nachmittags fand in Wien eine längere Konferenz des Obmannes der Großdeutschen Vereinigung Präsidenten Dr. Din gh o f et mit dem Staatskanzler Dr. Renner statt. LÜas die Meldungen über eine angebliche Beteiligung der Großdeutschen Derelnlgulrg an der Regierung betrisst, so ist die genannte Korrespondenz ermächtigt, festzustellen: Es kann nur neuerdings wiederholt werden, daß alle Gerüchte, welche von einem Eintritte der Großdeutschen Vereinigung in die Regierungskoalition zu melden wissen, den Tatsachen nicht entsprechen. Von einem Eintritt der Großdeutschen in die Regierung ist keine Rede. Die Amnestie für Milititrpersonen in der Tschecho-Slowakei. Drap, September. Der Präsident der tschecho» slowakischen Republik bat den Termin der straffreien Rückkehr von Militärpersonen in die Heimat vom 15. September bis zum 1. November verlängert. Erdstöße ^in Spanien und Süditalien. Paris, 14. September. (Funkspruch 6es Tel.- Kon.-Dur.) In der spanischen Provinz Alftante und in* der italienischen Provinz Siena haben gestern abendheftige Erdstöße siattgefunden. In Siena sind Häuser eingestttrzt, wobei mehrere Einwohner getötet oder verww'det wurden. Gründende Versammlung d-es Virbandeö ' jüdischer Heimkehrer und Hnsülidsr. Im Saale deS Hoiel Postfaud äw Sonntag den 14. d. SD?.., ' die gründende Versammlung des BerbaudiS jüdischer'Heimkehrer und Invalider statt, welche einen sehr zahlreichen Besuch auswftk,;• Nach einem kurzen Berichte des provisorischen Ausschusses wuchs daS Statut de- Verbandes zur Kenntnis genommen, .worauf Heft Weis! das Tätigkeitsprogramm deö Verbandes für tue nächste ZÄ entwickelte. Nach längere^ stellenweise stürmischer Debatte, bei der sich die kleine Opposition besonders lärmend hervongr, wurde - ein neuer Ausschuß gewühlt. Hierauf machte Dr. Nagler von einer Resolution des ' Bezirksüi.brNen'ültS Mitteilung, welche gegen die Ausweisung dir jüdischen Arbeiter in etwaS langatmiger und weitsplniger Weise ' protestieren soll. An diese Mitteilung knlipsre Redner eine AgitationSrede für seinen Partäständpunkt. Stil» misch degrilyt , nahm -der in der Versammlung erschienene Abg.-ordnete Ing. , Robert Stricker' das Wort, welcher nach einigen Ausklärungen über die mt Laufe der vorher gegangenen Debatte heftig angegrrffme Tätigkeit, des amerikanischen Jomt Distribution Committee den Ausweisung^; beseht eingehend besprach und stch gegen den engherzigen Klassen- ... standpunkt Dr. Naglers wendete, welcher im Tugenblrcke gemein^ samer Not alle anderen Volksschichten preiSglbt» um nur seine' Parteigenossen zu retten. Dre Ausführungen 'des Abgeordneten ' Stricker fanden brgersttrie Zustimmung. Nach Annahme einer,'- scharfen Protestresolution gcgcu die Ausweisung, von der auch invalide Heimkehrer in unbarmherziger Weift getrosten, werden., wurde die Versammlung nach vierstündiger Dauer geschloffen. ,, - , - Der Versammlung prästdierte Hede B r a w e r und «S wurde »m Ausschuß gewählt, der.aus folgenden Herren besteht:. Dr. W a s ch i tz, Dt. G e l b e r» B r a w < r. M a'r m t ly Briese,, MargnlieS» Volkes, Singer-, E r d t r a ch t, W e i ß l, F e l d s ch v e k-iß e r,« H a r d u ' S k u t e tz k y, S 1 r a U ß. Die türkischen Kronjuwelen als Pfandobjekr für eine Anleihe. Lvttbvn, 14. September. (Tel.-Komp.) Hiesigen Blättern zvfolge verhandelt die Türkei mit einer britischen Bankengruppe über eine Anleihe von 1ö Millionen Pfund Sterling, bei der die Krvndiamanten als Psandobjekt dienen sollen. Zug»zufammenftaß in Brün«. Drerg, 14. September. Meldung des Tschechoslowikischen PressbureauS.) Gestern nochmitta,^- fliffr im Brttkn il» Hauptbahnhof eine leer- '-.v - - - - -- einen Peflvneuzug so heftig au. du. „ leicht verletzt wurden.