Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 234 (13.9.1919)
- Date
- 1919-09-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 234 Wien, Samstag Wiensr MsrgLAZeLLUÄtz- 13. September 1919 Seite 3 . Dr. Sobgenwn beabsichtigt nach Erledigung der formellen Angelegenheiten, welche sichauf die Auflösung der beutschböhm'.schen Lündcsrtgicrung bezlchcn, ohne Verzug nach Böhmenzu rellen, um dort Besprechungen mit den maßgebenden Vertretern der neugcbildetcn Partei abgibalten. Von dresm De-, sprechungen wird rS abhänaen, ob Dt- Lodgeman in der Läge ikw wird, auch in der Zukunft aktiv an der Politik leilzunehmen. Antifemitismtrs überall. Unter dieser Ueberschwt schreibt die ^Münchener Post": Wie man uns mitteiU, nntb innerhalb her Reichswehr — von wem wissen wir nicht — eine rege ö n 't 'i s jr.m i t r s ch «. Hetze betrieben. So werden m den Wseräen kleine Flugzettel in der Größe des bekannten — Wisches verbreitet, die von einem sogenannten „Deutschen Schutze und Tmhbund"' stammen. Wir denken, daß nach der Lektüre die Soldaten von ven handlichen Pahierchen den einzig logischen Geb:auch machen, rickten, aber das Ersuchen an dir zuständigen Stellen, den ankisciinlsichen Schmierfinken zu zeigen, wo der Zinrwermaun das Loch gelassen ^at, wenn sie auf Reinlichkeit in jeder Beziehung Wert legen. Aus dem bolschetvikischen Rußland. Wir brachten vor kurzem die Meldung über die von her. bolschewikischen Sowietregierung verfügte Auflösung der jüdische» Gemeinöeoertval Lengen unv Drosselung des öffentlichen jüdischen und besonders des zionistischen Lebens in Großrußland. Das Warschauer »/Jüdische 3361!" berichtet hierüber, nach den Schilderungen einer aus Moskau zurückgekehrten Person, folgendes: Der Initiator des Dekretes bettefss Sistierung der jüdischen Gemeindeverwaltungen ist der Kommissär für jüdische Angelegenheiten.bei der Sowietregierung, D i ck e n t* stei n. Gleichzeitig mit diesem Dekret sollte auch die Verfügung betreffs des Der botes des Hebräischen publiziert werden. Diese Nachricht rief in den Moskauer jüdischen Kreisen einen sehr peinlichen Eindruck hervor. Ungeachtet der ungünstigen politischen Lage organisierte die Kulturgesellschaft „Tarbut" ein großes Protestmeeting. Aus dieser Versammlung, der die berühmtesten Bolschewikensührer inkognito beiwohnten, hielt der Rabbiner M a s e ein glänzendes Referat. Tags darauf "besuchte ihn der Bolschewikenführer Fürst Dolgorukotv und teilte ihm .mit, daß seine Rede großen Eindruck - gemacht habe - und daß der Dolkskommissär Lun aczarski ihn einlade, die Frage des Hebräischen mit ihm zu besprechen. Nach einer Konferenz zwischen dem Letztgenannten und Rabbiner Mase wurde auch das zweite Dekret. inhibieret. Infolge des durchaus feindlichen Verhaltens und der Unausgesetzten Verfolgungen seitens der jüdischen Kommunisten war man in Rußland wie in der Ukraine nahe daran, auch den Zionismus zu verbieten und nur bank der vielfachen Bemühungen ist es gelungen, dieses Verbot, zu verhindern. DaS zionistische Organ kann weiter erscheinen- Auch die - Agitation für den „Geula-Schekel" zeitigte trotz der Unterbrückungsversuche einen großen Erfolg. TelegramMe. Staatssekretär Dr. Deutsch über deutschosterreichische Zukunftspläne. Salzburg, 12. September. (Korr.-Bm.l Fn der Aula nescksmiea sprach heute abends Staatssekretär^Dr. D ruts ch irr einer auch von Angehörigen bürgerlicher Parteien besuchten sozialdemokraltschm Versammlung, in der Nätionälrat Mltrrnigy den Vorsitz führte, in nahezu zweistündiger Rede über ddn Friedensvertrag und die Zukunft Oesterreichs. Von den Zukunftsproblemen stehe in erster Linie die Verfassungsfrage. Es müste ein Ausgleich zwischen Zentralismus und Föderalismus gefunden' werden, so daß Reich und Länder leben können. Wenn einmal anerkannt werde, daß auf beide«' Seiten der gute -Wille , da ist, mcht einseitig zu regieren, sondern gemeinsam zu arbeiten, dann werde ein Weg gefunden werden, der mit Erfolg beschütten werden kann. Die wirtschaftlichen Bedingungen des Vertrages, erklärte Redner, können zwar angenommen werden, sind aber Nicht erfüllbar. Unser Streben muH darauf gerichtet werden, daß' Oesterreich ein Industriestaat werden damit wir Warm für das Ausland liefern können. Urber die Gefahr eines Staatsboukerotts äußerte-sich der Staatsstkretiir dahin: Was wir heute erleben, ist ein Bankerott, der sich kn Form einer schleichenden Krise äußert. Aber wir gewinnen Zelt und damit ist für uns tuet gewonnen. AuS all dem Elend der Gegenwart kommen wir nur heraus durch Arbert. Ww lassen nnS hierbei nicht von links und nicht von rechts drängen, sondern wollen das Staatsschrff steuern ans der Basis der Ewigkeit, des Vertrauens, der Geduld und des Strrvens nach gegenseitiger Verständigung. Wir brauchen keine Gewalt, sondern Energie und ernstes, zielbewusteS Handeln. Nicht die Methode der Diktatur, sondern die Methode der Demokratie ist es, die wir erkürt haben. Auf dieser Grundlage wollen wir Weiterarbeiten. Der Redner forderte unter großem Beifall zur Arbeit und zur Verteidigung der Republik gegen Reaktion und monarchistische Aestrebungenauf, gab der Hoffnung Ausdruck, daß .auch die Arbeitermasicn der Entente gegen, den Imperialismus bald eine geschlossene Front bilden unv schloß: Ein kleines Volk wollen wir rem, aber ein Volt der Arbeit. Don der Friedenskonferenz Paris, 12. September. (Korr.-Bur.) Der Oberste Rai wird ferne nächste Sitzung erst am Dienstag abhalten. Dementsprechend wird die Ueberrelchung des FriedenSvertrageS au Bulgarien verschöben. »JNtransigeani* meldet, daß eine Verlängerung der den Rumänen und Jugoslawen zu Unterzeichnung des Friedens von Saini'GerMain gewährten Frist, die Samstag den 18. d. M. ablänft. nicht beabsichtigt sei. Die Numänen und Serbe» seren angeblich entschloffen, nicht zu unterzeichnen. Der Frieden mit Bulgarien. Zürich» IS. September. (Tel-Äomp.) Die Telegraphen- Information meldet aus PanS: Wegen schlechter Verbmdungen wird der bulgarische Friedensvertrag erst in zw et M o » a t e n unterzeichnet werden. Die Uneinigkeit der AMerten. Belmar, 12. September. (Funkspr. des Tel.- Rott&m) Der »United Preß" wird aus Paris gemeldet: Die auf künstlicher Grundlage ausgebaut- Eintracht zwischen den Frieden sdelegierten könnte gerade so lange standhaltem als der deutsche Vertrag noch nicht unterzeichnet war. Nun aber zeigen sich R t s s e tl n d Spalten in dem ganzen Gebäude der einstmaligen Freundschaften Rn ihre Stelle ist nationales Mißtrauen und 'Daö Strckßenpla^üt, welches die Msweisusitz der Fremden enthälthat wieder die ganz« Judenfrage aufgerollt. Es scheint uns'geschmacklos und angesichts der, haß wütigen Freude riiitzs M uns unwürdig^ im jetzigen Augenblick ünseren schWrKicheN Gefühlen LMdtuckgeben. Wern es nicht so Nahe geht, wie den Massen >er Betroffenen, die nicht, wissen, wohin, ober die sehr gut wissen, dciß man sie 'in,/eine Hölle jagt, wer nicht mit ihnen gelebt hat vym ersten grausamen Dag ihrer Ankunft'und nicht datjichr tbeiß..oder Nicht HaruNt'wissen' will, daß gerade die Schlichten, mühsam Und darbend sich Fortbringenden das Opfer sein würddn, wenn es wirklich dazu kommt, nicht aber die leichtfertigen rücksichtslosen Gewinnjäger, Spieler und Schacherer—- der steht ja drüben im anderen Lager und brüllt entrüstet und die Brust von Hochgefühlen geschwellt mit unseren Feinden gegen die Ostjuden. Wir wollen vor den Demagogen, den Geschäftsantisemiten, den AugenausWischern, und wir wollen ganz besonders vor ihrer jühlsch-assimilatorischsn Gefolgschaft aus dem sozialdemokratischen Lager Nicht unsere Not ausbreiten. , Aber benützt muß dieser Augenblick werden, um zu - zeigen, daß es eine Judenfrage gibt, brennender denn je und vielseitiger denn je, daß sie alle angeht, auch die. Nichtjuden, und daß sie nur im bewußt jüdischen, zionistischen Sinne gelöst werden kann. Da hat man vor allem ein Volk, vor sich, dessen große Masse im furchtbarsten Sinne de.s Wortes, heimatlos ist. Welche KriegSflüchtlittge anderer Völker, die in großer Menge depossedwrt wurden, brennen nicht har-auf, in ihr Land zurückzukehren? Diese Flüchtlinge aber können nicht daraufbrennen, die Erde wiederzusehen, auf der ihre Blutsangehörigen bestialisch hingemordet würden, in der Man. Dag für Tag und systematisch die jüdische Menge durch Bartab schneiden, Prügelstrafen, barbarische Erpressungen gefoltert hat und in die sie jetzt ohne jede Grundlage für den Wiederaufbau ihrer Existenzen zurück sollen, in der sie nichts dörflichen, werden als den aufgestachelten, organisierten Haß ihrer Landsleute, die sie dort, wo ihre Groß- und Urgroßväter losen Juden ihr Land und ihre Ehre! ruft das Ausweisungsplakat allen Gewissenhaften. zu. Und der zweite, nicht minder brenttende Deil der Frage, die Demoralisierung des Judentums durch diese Unsicherheit des Lebens, die mit sich bringt, daß die Kleinmütigen, Schwachen, auf ihren Vorteil Bedachten, alles Inn, was geeignet erscheint, sie von dieser gehaßten jüdischen Masse wegzurücken. Man denke: in der heutigen „Arbeiter-Zeitung", von der jeder weiß, daß sie von Juden geschrieben wird, ist der Begriff „Ostjudentum" mit den Begriffen „Schieber und Schleichhändler" ausdrücklich gleichg «.stellt. Und Aehnliches hat ja wiederholt die sogenannte erbgesessene, wohlhabende Judenschaft Wiens, die wohlhabende Kaufmannschaft vom $£ai und Sulzgries, von sich gegeben. Kein Mittel ist ihnen eben zu schlecht, wenn es nur bewirken kann,'daß sie mit der ostjüdifchen Masse nicht ürentifiziert werden. Alles aus zittriger Sorge um sich selbst. Wahrlich, diese Sucht der roten Juden und der Kaijicden, das eigene Nest zu beschmutzen. alle aus dem Osten preiszugeben, trotzdem sie es wisse« und täglich sehen müssen, wie niederträchtig die Methode ist, jeden östlichen Juden alKVvlkScmSsauger einzustellendieses feige und Perverse Gaunerstück des! . S iH -Fo'r t-S Leih lens ist Nicht minder gefährlich und verderblich für uns und für unser Zusammenleben mit den anderen als Schiebertums und.Plusmacherei. Felonie hat Noch niemals.der menschlichen Gesellschaft'. Mgen' gebracht Md insbesondere. beim Organ der deutschösterreichischen' Sozialdemokratie zeigt es sich! , täglich Erschrecklicherwie das Jndustrieproletariat der neuen Republik von den jüdischen Führern und Zeitungsschreibern in die Neaktton gedrängt wird. V Nur wenn wir Juden als jüdisches Volk unter den Völkern leben, wenn die Renegaten nicht die Möglichkeit - haben, skrupellos' ihre eigene Natim zum Freiwild zu machen, wird diese entsetzliche moralische Judennot aus der Welt geschaffen. Wir selbst aber wissen seit der Stünde, da der Uusweisungserlaß erging und alle Instinkte gegen uns 'aufgestachelt sind, daß wir zusammenstehen müssen, die bewußten Inden aus Ost und West. Heute, just heute soll es gesagt sein, daß wir die hingebungsvolle, voraussetzungslose.Treue der Ostjuden bewundern, daß, wir den Mut, mit welchem sie unter den widrigsten Verhältnissen ihr verlachtes, immer wieder geschändetes'Kleid trugen, hochachten, daß wir .Einsameren, durch die Entwicklung Entfremdeten, ihnen, den Bewahrern jüdischer Eigenart, Dank schulden. Schließen wir uns fest aneinander, ein Volk! Und unsere Zahl ist so groß, unsere Argumente sind so rein und überzeugend, daß es uns gelingen muß, auch diese Krise zu überwinden. A. Die Regierung hat sich bemüßigt gesehen, tn einem Kommentar zu' ihrem Ausweisungsertaß ausdrücklich Verfügungen hervorzuheben, die die Ausnahmen betreffen. Dadurch gewinnt der Erlaß ein ganz anderes Gesicht. Wenn die Regierung die Personen entfernt, die der Oeffentlichkett tatsächlich zur Last fallen, und und sich hierbei nur von sachlichen, nicht aber konfessionellen Momenten leiten läßt, so tut sie damit nichts! anderes, als was sie seinerzeit mit dem Abgeordneten Stricker vereinbart hat. Wir werden aber darüber wachen, daß sie sich an das Wort hält, das sie gegeben hat. . Aktion -es Jüdischen Nationalrares für Dsntsch öfter reich in Angelegenheit der FreMdenausweisnng. Seit Bekanntwerden der NegierungskundB machung SeSreffend die Ausweisung der Fremde» wird der Jüdische Natronalrat von vielen Seiten unaufhörlich mit Ansragen bestürmt« Das Präsidium de» Jüdischen Nalionalrate» kann zur . B ernhlgnng mitteilen, daß *4 permanent tätig ist Und interveniert. Es wird i«'den nächsten Lagen eine VeratnngssteÜe in den Lokalitäten des Jüdische« Nationalrates «nd auch in einigen Bezirksfektionen eröffnen, wo den Flüchtlingen -ei Abfasinng ihrer Gesuche wegen Änfenthaltsbewiüigung mit Rat und Tat an die Hand gegangen werde» wird. Wilsons Kampf trat Len Friedensvertrag. Hst 6 g, 12. September. (Korr.-Bur.) Der „Nierrwe Rotterdamsche Courant" meldet r PrW-ent Wilson erklärLe in.einer in NorLdakota gehaltenen Rede, die Erörterung über den Friedensvertrag sei eine Frage Mer Krieg oder Frieden. Das Mitzglücken des Friedens- Vertrages würde Bürzweiflung und Chaos zur Folge haben. Wenn Amerika die Menschen zur Verzweiflung treibe, so würden sie ihre Negierungen selbst stürzen. Die Haltung Amerikas fei eine Schande. i«»aa« legierten wird Gegenstand mikroskopischer Untersuchung nach Spuren von eigennützigen Beweggründen bei allen andren Delegierten. Schuld datütt trägt einerseits die Saumseligkeit der einzelnen Staaten bei der Ratifizierung des Verttages, andererseits aber nicht weniger die Einverleibung des Bölkerbundverträges in den Friedensverttag, wodurch die Angst gezüchtet wird, daß, wenn die Bestimmungen des Dölkexbundverttages schließlich doch verworfen würden, jene Staaten, welche sich nicht rechtzeitig durch Geheimverträge untereinander verbunden haben, vereinzelt dastehen und das Nachsehen haben werden. Daher ist in den letzten Tagen eine Überstürzte Bewegung unter vielen Delegationen wahrnehmbar, das in dieser Richtung Versäumte so rasch als möglich nachzuholen und dadurch den Folgen des NichtzustattdeLommens des Völkerbundes zu entgehen. Die Etttertte fordert die deutsche Verfassungsänderung. Amsterdam, 11. August. (Reuter.) Der Oberste Rat hat Über die Antwort auf die deutsche Note betteffend die Forderung der. Beseitigung des Artikel s 61 derd e u tschen V,e r f a ssung beraten und ist zu der Ansicht gekommen, daß die deutschen Bürgschaften unzulänglich seien und die deutsche Regierung bevollmächtigte Vertreter nach Paris entsenden L?* die etz P.r oJtoktutietjct,ch^en sollen» in demdie Artikel der deutschen Verfassung, die mit dem Vertrag von Versailles unvereinbar find, für n u l l u n d tt i ch t i g e r k l ä r t werden. Dieses Protokoll müßte ebenso wie der Verttag von der Natwtlalüetsammlung ratifiziert werden. Die Streiks in Frankreich. Paris, 18. September. Der AuSstand der Gemeindeangestellten der Vororte von Paris nimmt immer schärfere Fowien an. Zahlreiche Biirgernceister und Gemeinderäte drohen mit dem Rücktritt, wenn der Regierung nicht eine befriedigende Regelung der Frage gelingt. Durck) den Ausstand der Angestellten und der Arbeiter der Wasserwerke der Vororte ist die Wasserversorgung von 1.6.2 Gemeinden des Seine-Departe^ mentS gefährdet.! Aus Metz witb gemeldet, baß das Personal der lothringischen Eisenbahnen die Arbeit eingestellt hat und baß daher der gesamte Bahnverkehr in Lothringen lahmliegt. Die AuSstände in Mar fei lle, die mit dem Streik der Dockarbeitrr begonnen haben, nehmen stündlich Mt Ausdehnung zu. Die GaS-, ElekttizitätS-, Transport-, Metall- und Äauarbeiter sowie die Matros« deb Handelsflotte haben sich ihnen angeschlossen. Di« Arbeitöntederlegung deö StraßrnbahnpersonalS, ber Bäcker und der Drucker wird" für heute ebenfalls erwartet, so baß die Attsstandsöewegnng bereits den Charglter eiMs Gen^ralstreM hat.