Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 233 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 BSBrST Men, Freitag «tz > — —...„... Wiener Morgenzettmrg 12. September 1910 - Nr. 233f Die VerbeugANg vor der Gaffe. , Die Ausweisung sämtlicher Fremden aus einer ^Ladt, die bis vor kurzem die Hauptstadt eines großen Reiches war und nun verwelken müßte, wenn sie nicht ieüre Zukunft als Kulturstätte^ als internationaler Handelsplatz und als Zentrum des Fremdenverkehrs .findet, ist eine Handlung von solchem Widersinn und von so weittragender Bedeutung, daß man annehmen müßte, daß diese Maßregel von den verantwortlichen Personen sehr genau erwogen und überlegt worden ist, bevor man sie beschlossen habe. Die Kundmachung, die vor. zwei Tagen in den Wiener Straßen affichiert wurde, hat naturgemäß die größte Aufregung hervorgerufen und bildet heute den Mittelpunkt des, Interesses in -Wien. Am Tage der Unterzeichnung des FriedensverLrages, der eine neue Aera des Zusammenarbeitens und des versöhnlichen Verkehrs mit den umwohnenden Völkerschaften einleiten soll,' ist der erste schritt der "österreichischen Regierung eine beispiellose Brüsksirung der Nachbarstaaten. Jedem Kind, das das > Ausw.nsnngsdekret'liest und das die herrschenden^Verbältnisse kennt, muß es klar fein, daß die Durchführung iitnorbafb einer Woche gänzlich ausgeschlossen ist. Wozu ‘itiio diese Blamage, wozu diese Dummheit, wozu diese Diskreditierung des österreichischen Namens vor der ganzer: Welt? Die Lösung dieses Rätsels ist leicht gefunden. Unsere Regierung hat das Bedürfnis, sich populär zu machen und kann dies nicht wirkungsvoller tun als durch eine Verbeugung vor den aufgehetzten und aufgestachelten Instinkten der Gasse, Jeder Wiener Pülcher, der das Plakat liest, weiß sofort, um was es sich haildelt: die I u de rd nr ü s s e n ^raus! Daß die.Kundmachung alle FrMrden nennt, ist eine nicht einmal geschickte Heuchelei; es ist von vornherein sicher, daß man nur gewisse Kategorien von Fremden treffen will. Die Reichsdeutschen wird man nicht ausweisen, die Tschechen, Jugoslawen wtb Angehörigen der anderen Nationalstaaten wird man sich hüten, auszuweisen, weil man Repressalien fürchten muß und allen Grund hat, keine sinnlosen Konflikte mit diesen Staaten heraufzu--- beschwören. Es bleiben also vor allem die unglücklichen jüdischen Kriegsflüchtlinge, deyen es bisher nicht möglich war, abzureisen. Welche Demagogie in dieser „Abreisendmachung" liegt, geht daraus hervor, daß viele Hunderte Flüchtlinge seit Monaten zur Abteise an ge meldet sind und daß man bisher nicht einmal für diese freiwillig sich MeLenden. die Trans-, portmittel bereitstellen konnte; man braucht nur die Fronten anzuschauen, die täglich vor der polnischen Gesandtschaft stehen. Normalerweise muß man bis drei. Monate und darüber auf die Abinstradierung warten. Die Regierung hat auch trotz der Aufforderung des i Abgeordnetem Stricker und trotz ihrer Zusage bisher nicht verlaufbart, um welche Zahl von Flüchtlingen es sich eigentlich handelt- Da sie vor einem Monat versprochen hat, mit einer Ausweisung der Flüchtlinge zu warten, so macht sie jetzt sämtliche Fremde „abreisend". Man kann sich vorstellen, wie dieser Befehl praktiziert werden wird. Jeder Fremde wird vogelfrei und der Willkür. der schikanierenden Organepreisgegeben. Ms besonders 'kurioses Detail erscheint es, daß nach einer MeLüng der „Neuen Freien Presse" auch die Arbeiterräte der Angelegenheit „ihr Interesse zuwenden" wollen. Es ist übzuwarten, inwieweit diese ungeheuerliche Nachricht der „Neuen Freix» Presse", die damit scheinbar zum Organ der Arbeiterrate avanciert ist, die sie sonst bei jeder Gelegenheit bekämpft, auf Wahrheit beruht. Es muß aber jetzt schon dagegen protestiert werden, daß uttbontrollierbare Elemente unter irgendeinem Deckmantel sich aumaßen, die Fremden zu behelligen. Der Ausweisungsbefehl richtet sich gegen die Juden; er ist eine verkappte antisemitische Mache Und geeignet, das antisemitische Fieber in der Bevölkerung zu schüren. Man nimmt an, daß die Juden schutzlos sind. Man konstruiert wieder einen Rechtsgrund, der als Vorwand für Quälerei, Bexatisn, Vergewaltigung und Bedrohung des Schwachen nach -Belveben mißbraucht' werden kann. Ehrlich kann die Ausweisung garnicht durchgeführt Werden, denn dazu fehlt tz? allem. Man wird also wilMrlich aussuchen mtb wird die Anständigen, Schlvachen, , Armen und Elenden, die sich nicht wehren können, peinigen und auStveibe»; die großen Schieber, hie Frequentanten der Rennplätze und der Spielhölle«, -werden/sich wahrscheinlich zu halfen wissen. Es ist aber ein Irrtum, wenn man meint, daß die Juden schutzlos sind. DaS organisierte jüdische Volk wird die Macht haben, seine Söhne vor Brutalität und Roheit zu schützen. Die österreichische Regierung soll nicht meinen, baß man den Juden alles bieten darf. . ' * Die Polnische Preßagentur meldet: Im Namen der Wiener polnischen Gesandtschaft erschien heute der Legationsrat Dr. Marian H enzel im beutschösterreichischen Staatsamte für Aeußeres und legte einen energischen Protest gegen die Ausweisungsverfügung der niederösterreichischen Landesregierung «in. Der Protest richtet sich gegen den Jühalt her Verordnung, welche die polnischen Staatsangehörigen und besonders die arme jüdische Bebölker üng trifft, ir.m gegen den Termin, welcher sich mit Rücksicht aus den . kurzen.Zeitraum. und. den. Mangel. Die Verwirrung in Ungarn. Verhandlungen mit den Arbeitern. — ErnLhrungsschwierigLeiLen. -^Resistenz der Bauern. — Friedrich leugnet die Judenverfolgungen. -7- Das Staubrecht in Trausdanubien aufgehoben. Eine Stellungnahme der Entente in^der ungarischen Frage ist noch immer nicht erfolgt. Das Kabinett Friedrich führt daher die Geschäfte weiter und ist entschlossen, im Amte zu blerben. Man spricht davon, daß außer dem HandelSminister Heinrich auch dsr Ackerbaum inister Rubine k aus dem Kabinett auöscheiden wird. Die Frage der'Neubesetzung dieser Portefeuilles ist bisher noch nicht entschieden- Die Regierung macht alle Anstrengungen, um im Lande Wurzel zu fassen. Unter anderem ist sie auch bemüht, di« sozialistisch« Arbeiterschaft zu gewinnen/ nachdem ihre Versuche, die Führer der Gewerkschaften zum Eintritt in die'Regierung zu bewegen, mißlungen sind. Der Arbeiterminister Gabriel Olah besucht verschiedene Fabriken, um die Arbeiterschaft für die christlich soziale Idee zu gewinnen, bisher jqdvch ohne Erfolgl . Große Sorge bereitet der Regierung die ' ErnUrimgsfrage. Die Ernährungsverhaltnisse haben sich wieder verschlechtert, so daß, was während des Krieges bis heute niemals der Fall gewesen ist, die Einlösung der Karten für w eißes Mehl eingestellt wurde. Diesistum so überraschender, als bereits ein Teil der neuen' Ernte eingebracht werden konnte. Heute kündigt die Regierung auch Schwierigkeiten in der Brotversorgung an, deren Hauptursache die unzulängliche^Belieferung der Hauptstadt mit Mehl ist, da die Bauernschaft, die am Beginn der Regierung Friedrich versprach, der Hauptstadt ihre Ueberfchüsse abzuliefern, seit einiger Zeit von ihren GetveHevorrätLn für Budapest, nichts mehr ab gibt. . Die Hoffnung der Regierung,, daß die Bauernschaft ihre Vorratskammern öffne» werde, .hat sich demnach nicht erfüllt. Da die Regierung nicht über die nötigen Machtmittel verfügt, um die Bauern zur Ablieferung ihrer Ueberschüsse, zu zwingen, erscheint die Situation ziemlich trostlos. Außerdem ist auch in den Kettpreis en eir« neuerliche Saigerung zu verzeichnen. Roch vor' kurzem glaubte man, baß die Aufhebung der Blockad e eine stärkere Belieferung der Hauptstadt mit Lebensmitteln zur Folge haben werde, worauf die Fettpreise sich senkten. Seit einiger Zeit hat sich jedoch wieder das Gerücht verbreitet, daß die. Entente aus politischen Gründe» die Blockade nicht tatsächlich aufgehoben hätte, und dies veranlatzie die Spekulation zu einer steran Hinaufsetzung der Preise. Die Situation erscheint im allgemeine» ziemlich Verworren, eine Entwirrung kann nur die Stellungnahme der Entente schaffen, die von he» hiesige» liberalen Parteien sehnlichst erwartet wird. Die Verhandlungen der Parteien zur Schaffung eines. einheitlichen liberalen Blocks sollen heute beendet werden. Heute dürfte auch die erste Plenarversammlung der neuen-Partei stattfinde«. v Ministerpräsident Friedrich erklärte in einer Versammlung der Vereinigung her christlichen Parteien, daß sich in Hinkunft die P r y v i» z nicht dem Willen Budapests unterordnen werde, sondern baß sich Budapest von hem Wille« der Provinz werbe leite« lassen. Von seiner transdanubischen Reife dring« er die Botschaft mit, daß die Provinz geneigt sei, Budapest mit Lebensmitteln zu versorge«, ober «nr f* lange. als die Regierung eine ch r i st li che und ungarische sein wert«. Pon einem weißen Terror und ZudenperfolgungM könne kekuc Rede sein, da doch Bela Kun und Josef Bokanh kein Leid geschehen sei (!). In Budapest könnten tausende und' abertausende Juden ruhig' ihren Geschäften Aachgehen. Eine Kommunisten Verfolgung gäbe es allerdings,. Die V*azsoriyi und G a r a m i, erklärte der Ministerpräsident, reisen ins Ausland und wollen Ungar« im Ausland vertreten, während er selbst Ungarn in Budapest vertreten wolle. Di,e Macht, die ihm v v» der Revolution in die Hand gegeben sei, werde er niemandem übergeben, höch-.' stenS der Entente. Er werde auf dem Platz, auf den ihn das Vertrauen der Nation gestellt habe,, ausharren und nicht mit Leuten verhandeln, die gestern noch Bolschewiken waren, und. die, wenn der Wind sich drehen sollte, morgen wieder Kommunisten sein würden. Allen Intrigen znm Trotz werdü er auf feinem Posten verbleiben und das Steuer nur einer solchen Regierung überlassen, die von der Nation in freier Wahl mit der Leitung der Geschicke des Landes betraut werden wird. Das Amtsblatt, i« welchem gestern früh ein Brief des Finanzministers Dr. Grünn,an Ernst Garami (mft der Aufforderung, die 700 Pfund Sterling zurückzustellen) zuerst veröffentlicht worden ist, teilt mit, es sei amtlich festgestellt worden, daß der Finanzminister diesen oder einen ähnlichen Brief an Garami nicht geschrieben habe und auch garnicht die Absicht habe, einen solchen abzusenden. Der angebliche Brief sei infolge eines bedauernswerten Mißverständnisses in die Zeitungen gelangt. - ' Die rumänische Negierung hat das Standrecht in Transdanubien aufgehoben. Gl» neuer Pogrom in LransdrmnLien. Aus Steina Manger wird der Korrespondenz Expreß telegraphiert: Nach einer in Sümegh staLLgefimdenen Volksversammlung des dortigen Kreises kam es in dem benachbarten Städtchen Tapolezr zu Ausschreitung«« gegen die Juden, an welchen sich auch' . mehrere Leute, der Assistenztruppe der dortigen Heimwehr beteiligten.. Den Ausschreitungen fielen zwei Juden zum Opfer. Eine vom Militärstationskommando rasch 'herbeigeholte, Halbkorrrpanie regulärer Truppen stellte sofort hie Ordnung her. Die Schuldftag enden wurden verhaftet und hem Garnisonsgericht in Steinamanger «jngeliefert. Vevorsteherrder Rücktritt des Kabinetts Friedrich. Yndapest, 11. September. (Del. der „Wiener Morgenzeitung".) Friedrich, der Tag für Tag die Mstigkeit der Regierung verkünden läßt, wird, wohl noch ün Laufe dieser Woche daran glauben müssen, daß sein Spiel zu Ende und der ihn unterstützende schwarze Block nicht tragfähig ist. Lovaszys Entwirrungsarbeit scheint gute .Früchte zu tragen und wird er zusammen mit den Sozialisten und Bauern ein der Entente genehmes Kabinett bilden. Pogromflugzettel irrBudapest, Budapest, 11. September. (Del. der ,Wiener Morgwzeftung^.) In der Stadt' werden maschiugeschriehene Fkugzettel verbreitet, welche den persönlichen und geschäftlichen Verkehr mit den Juden verbiete». '"' .! ' '•; entsprechender Transportmittel nicht aufrechterhalten lassen wird. Dr. Henzel verlangte ferner mit Nachdruck die sofortige Freigabe des beschlagnahm- Un Vermögens her polnische» Staatsangehörigen und wies 'darauf hin, daß Me Lks schlagnahme das HaupthüKeMis her Abreise der polnischen Staatsangehörigen au- Gien bildet. Sektionschef Jppeü versprach den Protest der polnischen Gesandtschaft der deutschösterreiHischen Regierung vvrzulege». (Hat die. österreichische Regierung dürfe ^Zurechtweisung" notwendig gehabt? ~- Die Red ) Dr.B auer über den Frisdyv und die Anschluß stage. . Staatssekretär Dr. Bauer hielt gestern etven Dortvag über unser« Lage, in dem er auSführte, Sah der Friede von Saint-Germain kein Friede sei, wie str «inst geschlossen wurden; er legt uns keine KriegSentschLbiguns auf, die wir früher oder später zahlen können, ohne daß unser WirdfchaftSkSr-er nachhaltig sttte, sondern versetzt unS eine» Schlag, der uns lähmt. Redner kritisiert den Frieden Von Brest-Lltowsk als imperialistisch; aber auch der von Saint-Eermain sei ungerecht, Die schlimmste Bestimmung ist die über den Anschluß. Als ich im Mörz in Weimar war und dort mit der Regierung verhandelte, da wurden wir über eine Reihe wirtschaftlicher Fragen einig. In finanzieller' Hinsicht hatten wir vereinbart, daß DeutschSsterreich so ausgenommen werde, als ob es s e i t d e I a h r e 19 14 Deutschland an- .^aeb. &zJfc. JMUl**. Die Krieasnv-leiÜe wäre von Deutbbland «tkbezahkt worden. Was bas für mefür ein Vorteil Öen wäre, darüber mözen jene Kri-egsanlsihsbesitzer nachr. die gegen den Anschluß waren. Auch sollte das «'iorteichiichs St'e^bghnwssen in baS rekchsdentsche Eisenem «ingegliedert und der TarifauSgl-eich emaeführt werden. Das hätte bedeutet, daß wir auf unseren kastMeltgen Pebtrgrbahnen M denselben Tarifen gefahren wären, wie auf Len deutschen Bahne» der Eben«. Das Defizit wäre WSgeglkche« worden- DttS hätte Mch für unsere Eisenbahner M-otzv Vorteile.gebracht deren Forderungen ganz anders' hätten befriedigt werden Simen.' Wir waren auch darüber einig, das «ns er e Industrie in DeutschSsterreich einer besondere« Pflege uno eines besonderen Schutzes bedürfe. Da hat «ns? Deutschland nun zugestaudo», daß es unserer Industrie seine» Markt ohne jeden Zoll öffne» will und wir frei exportieren lÄnnen, wir aber trotzdem das Recht habe» solle», für eine Rech« von deutsche» Jndustrieprodukten auf einig« Jahre hinaus Zölle sinbebo« zu können, damit nicht unsere, Industrie durch die deutsche zugrunde. gerichtet wird. Wir habe» auch stber die Währungsfrage verhandelt. Damals wurde 'behauptet) daß bei der uebernahme für die Mark zwet Kronen gerechnet worben 7olle». In Wirklichkeit aber .war der Kurs »och nicht ftstgelegt. doch wurde vereinbart, daß dis Krone bei der Uebernahme mit mehr «rls einer halben Mark gerechnet werde» soll. Mit diesem Kurse wäre heute so'mancher.zufrieden. Ueber alt dies konnte damals nichts veröffentlicht werden, damit die Entente Deutschland nicht quch noch unsere striegSkosten aushalse. Wäre per Anschluß erfolgt, so wäre eS uns leichter gewesen, die Bestimmungen de- Friedensvertrages auf uns zu nehmen. Aber diese« Friede ist. eine Episode in der Geschichte, die vorübergehen wird. Redner bittet seine Parteigenossen, nicht zu verzweifeln, well die Welt, wie sie aus dem Kriege hervorging, mit .de« Ausbeutung der Völker ebensowenig Bestand baben wird, wtv die «ickamnvnqckrochena. -!