Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 233 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Warnung vor den Bürger» räten. 7- | —7 2B i c tt, 12. September. i -Das Rätejystem, wie es sich in Sowietrußland Herausgebildet hat, ist die Ausschaltung des Parlamentarismus und Mne Ersetzung durch Räte, die den verschiedenen Getrieben entnommen sind. Es will die politische Macht dem Bürgertum entziehen Md sie vollständig in Hie Hände her „werktätigen produktiven Arbeiter" legest, es betrachtet das Bürgertum als eine völlig unnütze, jeden politischen Fortschritt verhindernde Klasse. Diese Anschauung, zu der sich die Angehörigen der dritten Internationale bekennen, ist, wie das Beispiel Rußlands und dann Ungarns gezeigt hat, für. datz wirtschaftliche Leben von mörderischer Wirkung, weil der schaffenden und bauenden Fähigkeit des Bürgertums denn doch eine viel größere Bedeutung zuWnmt, als die kommunistischen Theoretiker zugestehen wollen. Insbesondere in den besiegten Staaten, die unter die Herrschaft des imperialistischen Kapitalismus dex Sieger geraten sind und ihre Wirtschaft unterFlottmachung aller Kräfte heben müssen, ist das Rätesyst'em unannehmbar. Dies ist von den linksstehenden Sozialdemokraten oft genug ausgesprochen worden und es ist auch nicht zur Ausschaltung des Parlamentarismus gekommen. Die in Wien und in den anderen Industriezentren Deutschösterreichs gebildeten Arbeiterräte üben die Funktion eines Korrektivs unserer Bmeäukratie aus, die den Umsturz überdauert hat und das Regime der Protektion und .des Nepotismus so sortsetzt, als-wäre noch' der habsburgische Staat am Leben. Diese Bureaukratie steM in einem -alles Leben tötenden Formalismus fest und mißachtet selbst ihre eigenen Vorschriften. Sie' ist der wahre Herrscher und neben ihr-sinkt die Regierung zM ÄedeutungslpsigKm chetab. DM WurearMM' sabotiert den Staat und steht dem täglich und stünd- . sich' weitergreifenden Elend in bewußter Passivität gegenübergestützt aus das Wohlwollen des- Bürger- > tums, das sich - vielleicht ^mit' der republikanischen Staatsform, sicherlich aber nicht mit dem geistigen Inhalt der republikanischen Idee befreundet Hat. Mder die Bureaukratie noch das BürgertMU zeigen Verständnis für die Wohnungsnot, für die Bekämpfung des Schleichhandels, für das Spiellaster, Kürz für alle die schrecklichen Folgen der Kriegszeit. Da ist nun die Institution.der Arbeiterräte trotz aller ihrer Uebergriffe und Härten, die ' bei der Verwilderung der öffentlichen Moral unvermeidlich sind, eine-heilsame Kontrolle, aus sozialer Notwehr geboren, die sich gegen die überwuchemde Korruption an den höchsten an den niedrigsten Verwaltungsstellen auMümt. 5 Das Rechtsgesühl der Massen, die durch den fünfjährigen Krieg hindurch von ihrer eigenen Regichung als Schützengrabenfutter gepeinigt, als -Reservoir und Material für Massenfriedhöfe behandelt wprden. und die über die Kriegszeit hinaus von - Wucherern städtischen und ländlichen Charakters ausgebeutet werden, ist erschüttert und verhehlt keinen Augenblick das stärkste Mißtrauen gegen hie einer depravierten Beamtenschaft , entsetzlieserte Regierung. Daß die. Beamtenschaftso geworden ist, ist auch auf das Konto des Krieges zu fen, dessen BereicherungsmöAchkeiten die schlecht bezahlten und kinderreichen StäÄsangestellten ebensowenig widerstehen konnten, wie so viele andere Klassen. Per-Mittelstand, den der Krieg entwurzelt Hat, will sich nun in gleicher Weise wie, die Arbeiter-- schuft schützen und befreundet sich 'mit dem Gedanken, die Einrichtung , der Arbeitenäte durch sogenannte - Bürgerräte - nachzmhmen und die Unausbleibliche Abkehr vom -- Großkapitalismus in ' möglichst schmerzloser und ruhiger Form zu vollziehen. Aber wenn man sich die Elemente betrachtet, die sich dieser Bewegung bemächtigt haben, dann könnte man süst an der Richtigkeit der Idee irre werden. Es sind abgehauste PolMer der schlimmsten Sorte, die aus Hie. Vergeßlichkeit des Publikums spekulieren / und ihre kriegshetzerische, wucherische Vergangenheit vertuschen und die furchtbare Not des Mittelstandes zu einem schmutzigen politischen Geschäft' benützen wollen. Da hat vorgestern in Wien eine sogenannte „Massenversammlung" des Bürgertums^ stattgesunden, die einen Bürgerrat gründm sollte. Die Wiener Presse bejubelt diese Veranstaltung und verschweigt die Tatsache, daß die dort gehaltenen Reden - ich Ideengehalt abgrundtief unter dem Niüeau einer ArbeWversammlung standen,' daß iwdM WdMgr BersaÄks, 11. September. Ste-atskanzler Dr. Renner erklärte einem Vertreter der Rcckio-Depeschenagentur, der hetltige Tag bedeute eine vollständige/ Aercherung in dem Schicksal des - österreichischen - Volkes, -Bis jAt.eirrcTeil. eines großen StaäW-prW Oesterreich durch/ . Nationen ein kleiner Staat werden,/der kaummehr' als zweimal so viel Bevölkerung wie die Schweiz haben wird. — - : Wenn, wir in diesem ' schmerzlichen Zustande ausreichende und forttrauernde Unterstützung des Völkerbundes, das heißt der Großmächte sinken, können wir uns in diesem Zustand der Isolierung behaupten. Die' schweren Kriegslasten drücken uns nieder. Nach unserer' Ansicht sind uns-diese Lasten gegen jedes 'Recht üufgezwmrgen worden, denn der der ordinärste und wildeste Antisemitismus gepredigt wurde, begleitet von einem fast trunkenen Beifallsgejohle. Der vornehmste Redner war der Wiener Abgeordnete Friedmann,. der unter deutlicher Betonung von den Elementen aus dem Dsten sfträch, die den Rätegedanken eingeschleppt hätten. Und solche Leute, die Mord und Raub als politisches Mittel anempfehlen,, wägen es, über die Unduldsamkeit der Ärbeiterräte zu zetern! Sie beschweren sich über Gewalt und Ungesetzlichkeit und bekennen sich zur Propaganda der Tat nach dem uralten Muster des Friedrichschen Betyarrntums. > Der Mittelstand, an dem hier wieder ein Betrug verübt werden soll, hat noch immer Kraft genug, mit solchen Gesellen abzurechnen. Der jüdische Mittelstand aber, sollte sich.' hüten,, der bürgerlichen Presse, die unter liberaler Maske noch stets das Judentum verleugnet, vMmtt und verraten Lat. artt dm ZM ält flslm die mit Oesterreichs Massen Und finanziellen Mitteln ihre imperialistische Politik verfolgten. - Jetzt sagt rnän uns, "dast 7 wir die einzigen Urheber des' Krisges^ gowesin. ^sind'. Wlp. - Äeröen wirtschusilichs von^ allen ünsereÄ / NachMrd äöWigW ' sein, hon den Polen' und Tschechen für die Kohlen, vonden Polen und den Rumänen für das Petroleum, von. den Ungarn für das Getreide, von den Südslawen für das Vieh und von.den? Italienern für -den Zugang zum Meere. Man hat > in : der Welt den Gedanken ' der Annäherung . Deutschlands an Oesterreich verkannt und ihn als den Ausfluß des^Alldentschtums' und »als eine Art nationalistischer Uebertreibung hingestellt. In Wirklichkeit aber war es der: Ausdruck unserer Verzweiflung und das Gefühl des .Verlassenseins.! - - f : v und in dem neugegründeten Bürgerrat etwas andetes zu erblicken als,eine der vielen Instttutionen altösterreichischer Herkunft, die von jüdischer Arbeit, jüdischem; Fleiß und jüdischer Tatkraft leben wollen. Die Arbeiterräte, die gewiß von phüosemittschen Anwandlungen frei sind, sind von dem verhetzten Volk gebildet worden. Der neue Bürgerrat aber ist das Zentrum der Hetzer selbst, die überall abgewirtschaftet haben und es nun von neuem versuchen wollen. Der jüdische Mittelstand kann sich nur aus seiner eigenen Kraft helfen: Durch Ausbau seiner eigenen nationalen Organisation, die von dem Gedanken der brüderlichen Solidarität und Hilfsbereitschaft gestützt wird. Die- Keimzelle dieser Organisation ist der Jüdische Nationalrat. Ihnzu kräftigen, im Bewußtsein ■ der jüdischen Massen' zu verankern, muß das-nächste Ziel unserer 'politischen ÄckÄNn.'-.. 7' v- Kreis @6 geller >tte»r Mt Austülung w» - -au»r. Wimatlich. . . . L 7.— MrrlelsLkvig . . „ 20.— AMtSUrr« .. . 40.— . . u^O.— Mit Vostversand» M«,attrch. . . .K 7.50 Wifsitil Stofe, . „ 28.— * AaUHühns . 0.» „ 44.— v1* * 88,— gtatrinite». «-» 44088. A-d«kti-ir 48819, «M> 6 Uh* atonvs U». 18801 $ttte Krtzrr ptwifw awtUrit ...K/«.50 Mor^rlfLtzxrg, .' . „;25.—■ TttUt-Slsirs..»'•* 50.— m 08,— n. AdwkUßrs- ’ wik. ML»«, zz. Sahor-i'sS« Mr. 1-8 ' 3t*. 15JWB98 ^SSS Nr. 233 Wien, Freitag, den 12. September ISIS 1. Jahrgang Teschen für die Tschechen verloren. MiListerrat irr Prag. — Große Erregung. Prag, 11. September. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Heute um 3 Ahr nachmittags ist hier" eine Depesche von Kramarsch und Benesch ans Paris eingetroffen» die besagt: „Die definitive Entscheidung über das Schicksal Ostschleftens wird heute fallen. Man mutz sich darauf vor* bereiten, daß sie gegen das tschechische Volk ausfallt". 2luf diese Nachricht hin wurde um halb 4 Ahr eine KLuboLmannerkonferenz einbernfen, der auch Tusar beiwohnte. Diese Konferenz erklärte sich für permanent. Mitglieder der Konferenz» welche Prag verlassen,: müssen Ersatzmänner nominieren. Für morgen 10 Ahr vormittags ist die nächste Sitzung dieser ObmLnnerkonferenz festgesetzt, Pa man erwartet, daß -bis dahin konkrete Meldungen vorliegen. Um 5 Ahr.fand ein Minifterrat stattz dem auch der Generalstadschef Generol Pelle »eiwohnte. Morgen findet ein Ministerrat unter Masaryks Vorsitz statt, bei welchem auch Vertreter sämtlicher Parteien anwesend sein werden. Die Erregnng ist hier in allen Kreisen ungeheuer. Ans Teichen sind Nachrichten eingelaugt, daß die Lage dort auf s äutz erste gespannt fei. Mau könne sich auf alles gefaßt machen. Eine.bewaffnete Aktion der Tschechen. M L h ri fch - O st ra n, 11. September. »Gazeta Poranna" schreibt: Von gut informierter Stelle erfahren wir, daß die Tschechen eine bewaffnete Aktion eingeleitet haben, um die jetzige Lage Polens anszunützen. Sie haben auch Beziehungen mit Petljura und Deuikiu angeLnüPft. ' StaatsKanzlsr Dv. Nenner über die Lage Deutschösterreichs^ Magyaren, der Polen und' der Südslawen geführt werden,. Krieg ist vom alten Oesterreich für -die Interessen dev Kiew von den Bolschewiken. zMückerobert. M äh r. - Ost r ätz, .11...September. (Tschecho-slow. Preßbur.) „Gazeta Poranna" meldet: Die BolschewUen haben den Kampf zwischen Denikin und Petljura ansgenützt und Kiew zurück er o b ert. ^' ' 7 Die rumänische Negierung plant eine Maffenausweisung. 100.0ÄY Zuden soffen vertrieben werden. Landoit,. 11. September. (Tel.-Komp.) „Daily Mail" erfährt aus Paris, daß zufolge dort eingetroffener Nachrichten Aber 100.000 Personen, hauptsächlich Juden, von den Rumänen ans den Gebieten, über deren Staatszngehörigkeit zwischen Angarn nnd Rumänien ein Streit bestehe, vertrieben werden. Die Rumänen find der Ansicht, daß die Juden im Falle einer Volksabstimmung jede anders Regierung einer rumänischen Herrschaft vorziehen würden und glauben, auf diese Weife'die mißliebige Bevölkerung loswerden zu Könne«.