Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 228 (6.9.1919)
- Date
- 1919-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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8. September 19L- Men. Samstag Inland. Der Friedessvertrag und die Rattoualversammlrmg. Gestern mittags ist der S taatskanzler Dr. R e n n er tn Begleitung der gesamten FrisdensdeLegation «Wien eingötvoffen. Vizekanzler Frnk war ihm bis Innsbruck entgegengefahren. Am Nachmittag fand ein Kabinetts rat statt und abends trat der Hauptausschuß . zu einer mehrstündigen Beratung zusammen. Die Nationalversammlung wird heute den Bericht Dr. Rennerentgegennehmen. Man will die Debatte heute bis zur Abstimmung führen, die sich sehr interessant gestatten wird, angesichts der Scheu der großen Parteien, die Verantwortung für die Unter- Fertigung des Gewaltfriedens auf sich zu nehmen. Die Tiroler Christlichsozialen wollen sich überhaupt absentitzren, die Großdeutschen wollen die Ermächtigung verweigern. Die Mehrheit bestünde dann aus einigen Christlichsvzialen und dem geschlossenen sozialdemokratischen Block. Doch wollen die Sozialdemokraten ihre Stimmenanzahl von jener der Christlichsozialen abhängig machen. Spät abends fand eine Besprechung Dr. Renners mit den der FriedenSdelegation angehörenden Vertretern jener Gebiete statt, welche endgültig aus dem StaatSverband ausscheiden. Die Vertreter WestungarnS berichteten über die Vorgänge in diesem Gebiet. Die ungarische Regierung hat durch den Regiemngskommissär von Oebienburg, Grafen S i g r a h, die Ortsvorstästde dahin instruiert, daß sie die Abtretung des Gebietes an Deutschöstervetch nicht zur Kenntnis nehmen könne, da sie selbst mit der Entente noch nicht,Der den Frieden vDhandett habe. ES sei deshalb, die Besetzung durch deutschü'strrreichisches Militär mit Waffengewalt zu yechpchern. Da rmn Demschösterreich sich in keinen Krieg emlasse» ,Mn«, wird sich die Entente selbst bemühen müssen^ dem vo« ihr diktierten Friede« Respekt zu verschaffe». / DaS ,Linzer DoKÄblatt" nreldet, daß LandesprüDent Hauser wegen Ueberbürdung zur gegebenen Zelt von seither Obma^mstelle in der Christlichsozialen Bereinigung zürücktreten wird,. Diese Meldung wird auch in hiesigen christlichsozialen Kreisen bestätigt und als ’ibemtä6afik mifgcfö|t, dech sich nach der Ratifikation ' des Frichensvertrages anläßlich der Verhandlungen über die neue Regierungsmehrheit Äendsrunge« im Präsidium der Christlichsozialen Vereinigung vorberriten. Der Frontwechsel ist also in voller Vorbereitung. Nach einem Lyoner Telegramm hat der Obe.sie Rat in Paris der deutschösterreichischrn Delegation die Frist zur Annahme oder Verwerfung des FrisbensvertrageS um zwei Tage, das ist bis Dienstag, verlängert. Doch wird dies auf di« Stellung der Nationalversammlung ohne Einfluß bleibtn. Sonntag wird Dr. Renner nach Saint-Germain zurückfahren, um ieme schwere Aufgabe zu vollenden. Das weitere Schicksal Deutschösterreichs liegt dann in den Händrn ddr Reparationskommission, die mit weitgehenden Befugnissen ausgestättet ist, so daß für unsere Negierung nur formale Aufgaben übrig bleiben. Die gestern aufgetauchten Gerüchte, daß Doktor Bauer wieder in das Aeußere Amt zurückkehren wettre, sind haltlos. Die Reparationskommiiston. . An hiesiger maßgebender Stelle ist bis zur Stunde Noch kein« Nachricht über die Ernennung des Sir FrauicS Oppenheimer, des gewesenen englischen Konsuls in Frankfurt am Main, zum Vorsitzenden der Wiedergutmachungskommission eingelausen, doch gilt eS nicht für ausgeschlossen, daß dieser Dipbsmat und Finanzsachverständige Englands künftig in erster Linie die Geschicks Deutschösterreichs leiten wird. Man wäre hier mit der Persönlichkeit Oppenheimers aus dem Grunde sehr einverstanden, weis er als Engländer für Deutschösterreich viel, unparteiischer und unbeeinflußter eintreten kann, als dies einem französischen oder englischen Leiter der Kommission möglich gewesen wäre. Außerdem ist Sir Francis Oppenheimer immer entschieden für die Milderungen des Friedensvertrages eingetreten. Man erwartet daher, daß unter seiner Leitung die Reparattonskömmisston einen Kurs «tusch lagen werde, der eine wirkliche Milderung der Bedingungen des FrisdensverrrageS barstetten und gleichzeitig die Ueberleitung zu einem guten DerhälMis zwischen Oesterreich und den Ententestaaten sein wird. . Außer Sir FrcnrciS Oppenheinwr werden noch je ein Vertreter Frankreich-/ Ä m e r i k a S und Jkäliens der Kommission angehören, die bereits in den nächsten Tagen gebildet werden wird. Die Nationalstaaten ivevd«i in der WepavationskoMlnissioU keine Vsrtrebuug hüben. . , , , . MiLitLrifche Mrrfterunge« l« S^cstungarn. Wiener-Neustadt, 6. September. (Tel. der,Wr. Moraen- «iüma".) Ueber telegraphische Weisung des ReaiemnüZkomm.stms der Budapester Remerung, Grasen S i g r a y, wurden gestern die Notöre in WeMiUaam zu Sitzungen einbenlsen, die noch sur die Nachtstunden anvemumt waren und deren Brraiuttüsgearnstand die Ein d e r u s« » g der I a!h r g L n ft c lt b tft 86 zum Militärdienst warm. In dm Sitzungen dtt Notare wurde über die ihnen von der Regierung znaekommeur Weisung beschlossen, du Jahrgänge 19 vrS 95 nach Bedarf rum Dienste eimuverusen. Wiener MorgenzeUrmg Der HaupLansschutz für die Unterzeichnung des FrieLensvertrages. 2V L e tr, 5. September. Der Hauplansschntz devNationalversammlnng shielt heute ndendn» unter dem Vorsitz des PrSfideuten S e i tz eine Sitzung ab. In Beginn brachte PrLfideut Seitz einen Protest der Landesregierungen dou D e nt s ch b ö h me n, Kärnten, Mied eröfterreich, Oberösterreich, Steiermark, SrrdetenlänLer, Tirol nnd Südmähren gegen die Abtretung vo« Gebieten, mir sie der FrisdensVinktrag vorfieht, zur Kenntnis, ebenso einen selbftSndrgen Protest der G-si meinde Feldberg an den Hauptansschutz. Staatskanzler Dr. Nenner als Führer der deutsch österreichischen Friedensdelegatio^ non Saintr-Germai« berichtete eingehend über seine Tätigkeit und kam z« dem Schluffe» daff es nottvendig f ei, den vo tgelegten Vertrag zu nntsrzeichne». Vizepräsident Hans er dankte «nter allgemeiner Zustimmung dem S taatskanzler und den ihm beig-egsbeneu Vertretern der Parteien sowie alle« seinen Mitarbeiter« für die ungeheuere Arbeitsleistung der Letzten Monate. Wenn der Erfolg auch nicht der gewünschtst sei,, so könne doch nicht bestritten werden, daß dank dieser Arbeit gegenüber dem nrsprüngn lilDrr Vertrag-enttVnrf gewisse Erleichterungen erwirkt worden feien. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, in der heutige« Sitz»«« der National- Versammlung d e n Antrag z« unterbreite«, die Leitung der Friedens« delegation zu beauftragen, de« vorliegenden Vertrag zn Unterzeichnen. MorgenthKNs Reden und Empfänge. Lemberg, 4. September. (Bericht der ,Miener Morgen^situng".) Zu dem Bericht« über die Tätigkeit der Mörgenthau-Kommission in Lemberg (siehe „Wiener Ddorgenzeitung" Nr. 386) sind folgende Einzelheiten nachzutragen: Nach einem zweistündigen- Aufenthalte in StaniSlau während des SonukagW wo die Kommission die jüdisch-polnischen ’ Verhältnisse in der bekannten Weise, daWheitzt, durch Konferenzen mit jüdischen und polnischen Repräsentanten „untersuchte", kehrte diese noch am selben Tage nach Lemberg zurück, um dem von Dr. Parnes v eranstaltetenv Bankett beizuwvhnen.! . Montag - vormittags fand im „Fad Eharuzim"- Saale eine von cher zionistischen Partei, Einberufene jüdische Volksversammlung statt, die von Tausenden besucht war. Nach einer Begrüßungsansprache Dr. Zippers hielt Morgenthau eins Rede, i« der er ungefähr folgendes ausführter Mir sind hrrgrkommen, um die Wahrheit zu ergründen und sie der ganzen Welt mitzuteilen. Wir haben beinr Angst, da wir das große Amerika vertreten^ und wir glauben auch die Kraft zu besitzen, viele -Fehler der gegenwärtigen Weltordnung auszubessern oder zu beseitigen. Ich kenne Palästina und kenne nunmehr auch Polen., Bezüglich Palästina glaube ich, daß die ganze Welt zustimmen wird, daraus eine Zufluchtstätte für unseren Geist und unsere Kultur, ein jüdische- Land zu machen, da die ganze Welt daran glaubt, daß dies die richtige Lösung der Judenfrage ist. Wir, amerikanische Juden, wünschen euch(!) in eurem Streben viel Glück und wir werden euch nach Kräften unterstützen. Aber der Zionismus bedeutet nicht die restlose Lösung der Judenfrage. Mllionen Juden müssen noch hier bleiben und für diese muß ein« Lösung gefunden werden, und dies sofort. Und da wollen tvir mit unseren Neichtümern, mit unserem Verstand und mit unseren Arbeitskräften es versuchen, dsn acht Millionen Juden in Rußland und in Polen zu helfen und ihre Zukunst zu sichern und wir glauben, daß unS dies gelingen wird. Trotzdem wir unter den christlichen Völkern nur einen geringen Bruchteil bilden, sind wir dennoch stark genug, daß wir zur Verzweiflung keinen Grund haben. In Amerika wieder eingelangt, werde ich daß ganze Land bereisen und den Leuten sagen: Würdet ihr sehen, in welcheu Verhältnissen acht Millionen Mnschert in Polen, Rußland und in der Türkei leben, ihr würdet begreifen, daß ihr helfen müßt. Und sie werden helfen. Wir haben bis heute bereits große Summen gesammelt Md die. Sache soweit örgMtsiert, daß, wenn das richtige Projekt zur Lösung der Judenfrage gefunden werden wird, eS auch an Mitteln nicht mangeln wird. Als Bor^ sitzender eines kapitalistischen Trustes kann ich erklären, daß wir eine große Summe aufbringen können. Ich glaube daß wir die ganze Welt bereit . finden werden, an der Lösung dieser Frage mid« zuhelfe«. Keine Lösung ist aber denkbar, wenn man den Juden nicht erlaube« sollte, sich tn Palästina eine Heimstätte zu famqe." Mit einer kurzen Ansprache des Generals Jadw in, worin er betonte, baß auch die amerikanischen Christen an diesem Werke mithelfen würden, da die Judenfrage einen Teil der Menschheitsfrage bilde, sprachen noch Dr. Zipper und der Rübbiner Brande, woraus die amerikanischen Gäste unter rauschenden Ovationen sich mrtsernten. Zu bemerken ist, baß auch in Lemberg wie in gmrz Polen die jitdischen sozialistischen Parteien sich von der amerikanische» Kommission und ihren Arbeite^ fernhielten, was sie damit begründe», daß diese Kvm-s Mission nur den amerrkanischen KapitaliSmu S präsentiere. Wie bereits berichtet, empfing die Kommissionauchj eme Deputation der polnischen Pressevertreter. Diese überreichte der Kommisjiou ei» ausführliches Memorandum tn englischer Sprache. Die durch die Polnische Telegraphenagentur in btt galizischen Presse lancierte gekürzte Inhaltsangabe weist eine ganze Reihe von gemeinen Lügen und Berdächtigunge« der Juden in Pole»» auf, so zum Beispiel, daß während' der österreichisch-ungarische» Okkupation i» Pole« die Juden die Polen verfolgt und angegeben hätten, baß die Juden in den Nvveinbertagen mit den Ukrainern sich alliiert hätten usw. Tharakteristisch ist darin folgende Beleuchtung des Lemberger Pogrom-: „ES soll dabei auch auf die Demovalifati-on hin-» gewiesen werden, die die Jude» mit ihrer Preistreiberei in unserer Gesellschaft gezüchtet haben und auf dt« Erregung, die die Juden. durch die Verheimlichung! von großen LebenSmittelvörräten in der Zeit der größten LebenSmittelnot hervorgerufen habe». Nur dem Umstarche, daß es den Polen an Haß- und Rachegcfühlen mangelt und nur ihrer großen Toleranz ist es zu danken, daß die Bevölkerung «ach den 88 Tage« schrecklicher Leiden durch die Ukrainer die Juden nicht überfallen habe. Die verbrannten Häuschen i» de» engen GäßcheN des jüdischen Viertels und fenq vierzig (!) jüdischen Todesopfer bedeutest keinen Pogrvm der Polen gegen die Juden, keine Erscheinigung deS Antisemitismus.^ Zum Schluß wird auch gegen die Zionisten zu Felde gezogen und an die westeuropäische Oeffenttichkeit die Aufforderung gerichtet, die Nationaljuden auszuschalten und nur best Assimilanten Gehör zu schenken. Der Sprecher der Deputation, D'r. Grek, wies! auch auf den Minoritätenschutz hin und sprach sich dabei gegen die jiddische Spr ache, die er als Element der germanischen Kultur bezeichnet, aus.! Während des Besuches Morgenthauim Lemberger Sta-ttempel am Freitag abends ereignete sich auch',, wie das Lemberger „Tagblat^ berichtet, ein Zwischenfall: Beim Eingang hielten polnische Legionäre die Ordnung aufrecht und ginge» dabei gegen die sich! vordrängenden Juden in brutaler Weise mit Hiebe st und Stößen vor. Auch Morgenthau wurde bdm Eintreten von einem Legionär gestoßen, was erj spontan mit einer schallenden Ohrfeige beantwortete. > Herr Morgenthau besuchte auch auf seiner Durchs reise die Stadt RzeSzow. Anstatt sich aber in büi jüdische KuktuSgemeinde zu begeben, wo ihm das ganze Pvgrommäterial' zur Verfügung gestanden wäre und' wo er Über die jüdisch-polnischen Beziehungen die authentischesten Aufklärungen erhallen hätte, begab er sich in die Pvivattvvhnung des Assimilantenhäuptlings' Dr. Reich, mit dem er hinter verschlossenen Türenkonferierte. Sogar der inzwischen erschienenes Vlbvrdnung der Kultusgemeinbe wurde im Hinblick darauf daß diese durch den zionistischen KultuSpräfidentttl, Dr. Schnee, angeführt wurde, der Einlaß verwehrt^ Eine ungeheure Erregung bemächtigte sich nun der vor dem Hause Dr. Reichs versammelten DolkSmasse, die von Dr. Schnee verlangte, Morgenthau nicht mehr zu begrüssen. Erst späterhin erschien Morgenthau in der Mbscheu Kultusgemeinde, wo er durch Dr. Schuss begrüßt wurde. Er hielt hierauf die stereotype Ansprache, in der er den Juden Geduld predigte.,. Der Aufenthalt MorMthauS in RzeSzow dauerte kaum eine Stunde. c